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J^r. 140. Donnerstag den 21 Juni
1883.
Meßmer Anzeiger
Amts- unb Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
~ , rf. . _ - .. . aP Preis vierteiMrlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlstz«.
Vureaur Schulstraße 7. Erscheint IL-ttch rmt Ausnahme des MOWtagO. ^urch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Politische Uebersicht.
Gießen, 19. Juni.
Die Reichstags-Ersatzmahl im «ersten Hamburger Wahlkreise für den verstorbenen Abg. Sandtmann weist ein überraschendes Resultat auf. .Es erhielten der socialdemokratische Candidat, Bebel, 9077, der fortschrittliche Candid at, Rabe, 6469 und der secessionistische Candidat, Roscher, 4555 Stimmen und hat demnach eine engere Wahl zwischen Bebel und Rabe stattzufinden. Wenn man dieses Resultat mit der vorigen Wahl vergleicht, so ergiebt sich ein überraschendes Anwachsen der socialdemokratischen Stimmen, da das vorige Mal der Candidat der Socialdemokraten, Rittinghausen, nur 7306 Stimmen erhielt. Damals fielen auf den Candidaten der Fortschrittspartei, Sandtmann, 10,635 Stimmen, dieselbe hat demnach jetzt ein Manco von über 4000 Stimmen zu verzeichnen, welches dem von den übrigen Liberalen und den Conjervativen aufgestellten Herrn Roscher zu Gute gekommen ist. Die Aussichten für Herrn Bebel, dem bekannten Führer der Socialdemokraten, welcher bei den 81er Wahlen in sämmtlichen neun Wahlkreisen, in denen er candidirte, durchfiel, bei'der bevorstehenden Stichwahl den Sieg zu errmgen, sind nicht ungünstige.
In dem Reichstags-Wahlkreise Landau-Neustadt a. d. H. steht demnächst eine Nachwahl bevor. Der Wahlkreis hat, wie überhaupt die bayerische Pfalz, nationalliberale Vertreter in den Reichstag entsendet und auch diesmal stehen die Chancen für den nationalliberalen Candidaten nicht ungünstig; trotzdem macht jetzt die Fortschrittspartei den Versuch, den Wahlkreis zu erobern. Unterstützt wird sie in diesem Bemühen vorn Centrum, da die klerikalen Wähler von Landau-Neustadt Ordre haben, für den fortschrittlichen Candidaten zu stimmen, da dieser in kirchenpolitischer Beziehung durchaus den Wünschen und Forderungen des Centrums beistimmt. Trotz dieser klerikal- fortschrittlichen Allianz ist aber der Sieg des nationalliberalen Candidaten wahrscheinlich.
In Krain hat bei den in voriger Woche stattgefundenen Landtagswahlen be-3 Großgrundbesitzes die deutschliberale Partei vollständig gesiegt. Sämmtüche vom Großgrundbesitze gewählte Abgeordnete gehören der genannten Partei an; der Landeshauptmann Graf Thun wurde nicht wieder gewählt. — Nach einer Meldung der „Neuen Fr. Pr." ist es aus dem Grenzbahnhofe Jtzkany (Bukowina) zu einem Conflict zwischen österreichischen und rumänischen Grenz- und Zollbeamten gekommen, welcher sogar in Tätlichkeiten ausgeartet sein soll. Von österreichischer Seite wurde Gensd'armerie requirirt und von der nächsten Stadt, Suczawa, hat sich sofort Bezirkshauptmann Stromer zur Erhebung der Sachlage nach Jtzkany begeben.
Herr Challemel-Lacour, der Leiter der auswärtigen Angelegenheiten Frankreichs, hat sich in voriger Woche zu einem 14tägigen Kurgebrauche nach Vichy begeben und diese Reise ist die Veranlassung zu allerlei sensationellen Gerüchten. Es heißt, daß die Abreise Challemel-Lacour's nur das Vorspiel zu seiner demnächstigen Demission sei und daß vielleicht Graf St. Vallier, der frühere Botschafter in Berlin, das Portefeuille des Auswärtigen übernehmen werde; einstweilen hat der Ministerpräsident Ferry die Leitung des auswärtigen Amtes übernommen. Auch von Reibungen zwischen Ferry und Waldeck-Rousseau, dem Minister des Innern, wird gesprochen und daneben ist von dem Rücktritt des Finanzministers Tirard die Rede. Jnwiesern alle diese Gerüchte den that- sächlichen Verhältnissen entsprechen, läßt sich natürlich noch nicht feststellen, doch unterliegt es keinem Zweifel, daß zwischen den Gambettistischen und gemäßigten Elementen des Cabinets Ferry ernstliche Differenzen bestehen, die wohl zur Demission eines oder mehrerer Minister führen können.
Aus Sunderland, einer großen Stadt in der englischen Grafschaft Durham, kommt die Kunde von einem wahrhaft gräßlichen Unglücksfall. In der Victoria-Halle fand am Sonnabend eine Kindervorstellung statt, bei deren Schluß am Ausgange des Theaters ein furchtbares Gedränge entstand. Viele Kinder fielen nieder, die nachfolgenden stürmten über die Gefallenen hinweg. Während die ersten Mittheilungen nur von 50—60 erdrückten und zertretenen Kindern berichteten, beläuft sich r.ach neueren Berichten die Zahl der bei der Katastrophe in der Victoria-Halle ums Leben gekommenen Kinder auf 186, die Zahl der verwundeten Kleinen wird auf ca. 300 angegeben. In der ganzen Stadt herrscht natürlich die tiefte Trauer; über die eigentlichen Ursachen dieser furchtbaren Katastrophe, der eine so große Anzahl junger und vielversprechender Menschenleben zum Opfer gefallen ist, siehe an anderer Stelle ds. Blattes.
Seit einer Woche weilt Czar Alexander III. mit seiner Familie wieder in dem reizenden Lustschlosse Peterhof, das er, nach den getroffenen Anordnungen zu urtheilen, vorläufig nicht zu verlassen gedenkt. Im Theater von Peterhof werden glänzende Ballet- und dramatische Vorstellungen stattfinden, im neuerbauten Musik-Pavillon sollen Concerte des Hoforchesters und der Musik- Corps der Garde-Regimenter veranstaltet werden und die Gemächer des ausgedehnten Schlosses sind für einen längeren Aufenthalt auf das Eleganteste und zugleich Bequemste eingerichtet worden. Der prachtvolle, Peterhof umgebende, Park hat ebenfalls eine gründliche Renovirung erfahren, Grotten und Cascaden, Thürmchen und künstliche Ruinen, Laubengänge, Teiche u. s. w. sind geschaffen worden. Es ist demnach Alles geschehen, um den Bewohnern der kaiserlichen Sommerresidenz die strenge Absperrung nach Außen, unter der sich Peterhof immer noch befindet, weniger fühlbar zu machen. Die gleichnamige Kreisstadt liegt am südlichen Ufer des finnischen Meerbusens, ist mit Peterhof durch Dampfschiffe und Eisenbahnen verbunden und zählt ca. 12,000 Einwohner.
Seitdem hier Peter der Große 1711 eine Sommerresidenz gründete, gehörte Peterhof mit zu den begünstigsten Sommer-Aufenthaltsorten der Czaren.
Die gegenwärtige Reise der Königin Christine von Spanien nach Deutschland soll angeblich durch eine Eifersuchtsscene zwischen ihr und König Alphons veranlaßt worden sein. Da dieses Gerücht wegen der hohen Stellung der Betreffenden jedenfalls vielfach commentirt werden wird, so wollen wir dasselbe hier registriren; ein Dementi der officiösen Madrider Preffe in irgend welcher Form wird indeffen wohl nicht ausbleiben.
Ueber den im Gefängniß erfolgten Tod der Oberstenwittwe Helene Marcovich, welche auf König Milan in dem Dome zu Belgrad einen Schuß abfeuerte, lausen seltsame Gerüchte um. Sie soll eines Morgens mit einem fest um den Hals geschnürten Handtuch, wodurch augenscheinlich der Tod der Marcovich herbeigesührt worden ist, aufgefunden worden sein, ihre drei Zellengenossinnen wollen nichts Außergewöhnliches bemerkt haben. Im Sectionsprotokoll nimmt Dr. Jasnicovski einen Selbstmord, Dr. Dimitojevic dagegen eine Erdrosselung durch fremde Hand an; der Leichnam ist bereits beerdigt worden. Im Interesse der serbischen Justizpflege liegt es, daß in dieser mysteriösen Angelegenheit sobald als möglich Aufklärung erfolgt.
Nach Berichten von den Philippinen-Inseln ist das Personal der englischen Gesellschaft, welche von der Nordküste von Borneo Besitz ergriffen hat, von den Eingeborenen ermordet worden.
Darmstadt, 19. Juni. Das Großherzogliche Regierungsblatt Nr. 16 enthält folgende Bekanntmachung, die Errichtung einer electrotechnischen Abthei- lung an der technischen Hochschule betreffend:
Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben durch Allerhöchste Entschließung vom 6. d. Mts. die Errichtung einer electrotechnischen Schule an der technischen Hochschule als sechste Abtheilung, mit allen Rechten und Pflichten, wie solche durch die bezüglichen Paragraphen der organischen Bestimmungen dieser Hochschule (Verordnung vom 10. October 1877, Regierungsblatt von 1877 Nr. 44) näher präcisirt sind, zu genehmigen geruht. '
Der § 2 der organischen Bestimmungen für die technische Hochschule erhält hiernach folgende Fassung:
„Die Anstalt zerfällt in die folgenden Abtheilungen:
1) Bauschule,
2) Ingenieurschule,
3) Maschinenbauschule,
4) Chemisch-technische Schule,
5) Mathematisch-naturwissenschaftliche Schule,
6) Electrotechnische Schule."
Es wird dies hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebracht.
Darmstadt, den 12. Juni 1883.
Großherzogliches Ministerium des Innern und der Justiz, v. Starck.
Achenbach.
Berlin, 15. Juni. Die „K. Z." schreibt: „Die Reichstagsbaucommtssion hat sofort nach der Bewilligung der für das nächste Jahr erforderlichen Mittel für den Bau des neuen Reichstagsgebäudes Sorge getragen, daß mit der Bau-Ausführung alsbald begonnen werden kann und durch ihre in Ucberetnsttmmung mit der Reichsregierung uno den Reichstagsbeschlüssen getroffenen Festsetzungen namentlich auch dafür gesorgt, daß alle gegen den preisgekrönten Künstler gerichteten »Zettelungen in Zukunft bestimmt hintangchalten werden. Der Vertrag mit Wallot, wodurch demselben die Ausführung des Baues auf Grund seiner Pläne endgültig übertragen und ihm für die achtjährige Bauzeit ein Honorar von jährlich 30,000 nebst einer in einzelnen Raten zahlbaren Bauprämte von 120,000 <X zugesichert ist, dürfte bereits unterzeichnet sein. Es ist hierbei zu berücksichtigen, daß der Künstler, welcher seinen Wohnsitz alsbald nach Berlin verlegen wird, in seinem bisherigen Aufenthaltsorte Frankfurt .a. M. eine ausgedehnte und blühende Bauthätigkelt aufzugeben hat. Die ganze Behandlung der Angelegenheit seitens der Behörden und des Reichstags findet auf allen Setten die vollste Anerkennung. Wir sprechen diese Anerkennung mit besonderer Genugthuung auch dem Abgeordneten August Reichensperger aus, der trotz seines bekannten, der für das Reichs- tagshaus gewählten Sttlform keineswegs sympathischen Standpunktes ^usOichts der gegebenen Sachlage für den kräftigen Fortgang der Arbeiten und für den Künstler mit größter Selbstverleugnung warm etntrat und namentlich bat, daß dem letzteren das Leben fürderhin nicht mehr so sauer gemacht werde, ein Wunsch, dessen Zielpunkt außerhalb des Reichstags liegt, der aber von allen Wohlmeinenden sicherlich von Herzen gethetlt wrrd. Hoffentlich läßt der Redner den erfreulichen Vorgang in Zukunft nicht ohne weitere erfreuliche Nachfolge. Das endgültige begründete Gutachten der Akademie des Bauwesens über den Wallot'schen Entwurf steht noch aus, doch ist wohl anzunehmen, daß dasselbe mit den bisherigen Beschlüssen des Reichstags in Ueberetnst mmuug sein wird. An der betreffenden Beschlußfassung und Erörterung in der Akademie haben dieses Mal dem Vernehmen nach auch diejenigen Mitglieder theilgenommen, welche sich seinerzeit bei der Concurrenz betheiligt haben, im Gegensatz zu Vorgar^ bei der Berathung des ersten abgeanderten Entwurfs, wo diese Mitglieder sich der Stimmen-
-bgabe^rUHM.nS-d-'- veröffentlichten stMtischen Nachweise über die Be-
wegung des französischen Ein- und Ausfuhrhande s w^rend der verflossenen fünf Monate des laufenden Jahres sind weit entfernt, einen für französische Patrioten befriedigenden Eindruck zu macken. Es ergibt sich aus denselben, daß der Import stetig wächst indes, der Ervort zurückgeht, was eine entsprechende Verschiebung der Handelsbilanznaöberinflffißtn Seite ur Folge hat. Einmal hat die Einfuhr von ®rob-- aetret be” roef en t ttä” wßenomni en, was sich durch die ungünstige Ernte des vorigen Jahres erklären fäßt aber gllttchwohl als sehr mißlich empfunden wird. An Rohstoffen hat die französische Industrie von Monat zu Monat geringere Quantitäten eingeführt, waS beweist^ daßdie' Producenten kein großes Vertrauen auf einen baldigen Aufschwung des aesckäftltcken Lebens setzen. Damit vergleiche man, was Mr. Crowe, der kommerzielle Attache der englischen Botschaft in Paris, in seinem letzten Jahresberichte über die Ausdehnung der deutschen Handelsbeziehungen in Frankreich sagt. Er bemerkt, daß die Einfuhr deutscher Artikel in Frankreich im Jahre 1881 den hohen Betrag von


