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Mx. iss. Freitag den 20. Juli 1888.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureau r Schulstraße 7.
Erscheint Läßlich mit Ausnahme des Msuta-zs-
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn, Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Hßeil.
obigem Betreff.
I. V.: vr. Hoffmann, Regierungsrath.
Betreffend: Die Unterbringung verwahrloster Kinder. Gießen, den 18. Juli 1883.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Gvotzherzsglichen Bürgermeistereien des Kreises.
Diejenigen, welche noch im Rückstand sind, erinnern wir hiermit an die umgehende Erledigung unseres Aüsschreibens vom 30. v. Ms.
in
Politische Ueberskcht.
Gießen, 19. Juli.
Seit Dienstag Nachmittag weilt unser Kaiser wieder auf österreichischem Boden, in dem berühmten Kurorte Wildbad Gastein, welches seit einem Menschenalter dem erlauchten Herrn Stärkung und Erholung bot und hoffentlich auch im diesjährigen Hochsommer seine vorzügliche Wirkung auf die Gesundheit des hochbetagten Monarchen äußern wird. Die Abreise des Kaisers von der Insel Mainau war wegen des am Sonntage erwarteten Gegenbesuches des Königs Karl von Württemberg, den der Kaiser vorher in dem lieblich am Bodensee gelegenen Friedrichshafen besucht hatte, um einen Tag verschoben worden. Erwähnen wollen wir auch, daß seit der Vermählung der Prinzessin von Baden mit dem Kronprinzen von Schweden die Großh. Badische Familie zum ersten Male vollständig um den Kaiser auß Mainau wieder versammelt war und der Kaiser seine Enkelin, die Kronprinzessin von Schweden, und seinen Urenkel, den noch im zartesten Alter befindlichen Sohn der kronprinzlich - schwedischen Herrschaften gesund und glücklich sah.
Im „Reichs-Anzeiger" werden über die gegen die Verbreitung der Cholera ergriffenen Maßregeln regelmäßige Berichte abgestattet. Daraus erfährt man, daß für die deutschen Küstenländer die Maßregeln vervollständigt wurden, daß Frankreich, Italien und Griechenland verschärfte Maßregeln gegen die Verschleppung der Cholera ergriffen haben und daß nunmehr auch die englische Regierung den Localbehörden der englischen Seehäfen Auftrag ertheilt hat, Verordnungen gegen die Einschleppung der Cholera zu erlassen, was auch inzwischen geschehen ist.
Das Gebiet der deutschen Politik ist zur Zeit ganz ohne Ereignisse, weshalb sich die hervorragenden Preßorgane mit Vorliebe wirthschastlichen und steuerpolitischen Projecten widmen oder den Stand der Kirchenfrage in wenig rosiger Perspective erörtern.
Die heftige Opposition, welche sich in England wegen der Vereinbarung, die der Premierminister Gladstone mit Herrn v. Lesseps, dem Director der Suezkanal-Gesellschaft, bezüglich einer günstigeren Benutzung des Suezkanals abgeschlossen, erhoben hatte, beginnt einer ruhigen Ueberlegung Platz zu machen, seitdem das englische Cabinet erklärt hat, daß schlechterdings nicht mehr zu erreichen sei und der Bau eines zweiten Suezkanals auf den legitimen Widerspruch des Vicekönigs von Egypten und Frankreichs stoßen werde. — Der Zwischenfall von Tamatave, welcher wegen der angeblich dabei vorgekommenen Vergewaltigung englischer Unterthanen durch den französischen Admiral Pierre in London lebhafte Erregung angefacht hat, harrt noch der Aufklärung. Doch läßt sich constatiren, daß die Negierungen der beiden beteiligten Mächte bestrebt sind, den Fall mit aller sachlichen Ruhe zu ergründen und daß diese Taktik auch auf die öffentliche Meinung beruhigend wirkt. Der von den Franzosen in Tamatave eingesperrte Secretär des britischen Consulats heißt Adrianisa und ist ein Bruder des Secretärs jener malagassischen Gesandtschaft, welche jüngst Europa besuchte. Obwohl malagassischen Ursprungs, ist er ein britischer Untertan, da er aus der Insel Mauritius geboren wurde.
Aus der französischen Republik liegt von politischen Begebenheiten nichts weiter vor, als die Kritik über das Nationalfest. Die Franzosen, zumal die Pariser, haben sich ihrer Art nach bei dem Feste bestens amüsirt, doch behaupten einige Beobachter, die Nationalfeier nehme allmälig den Charakter eines puren Jahrmarktsestes mit Tanz- und Schaubelustigungen an und verliere ihre politische Bedeutung. Im Allgemeinen ist aber der Eindruck der französischen Nationalfeier ein guter, zumal was die große Truppenparade bei Paris und die dabei kundgegebene Haltung des Volkes anbetras. — Zwischen Dem französischen Senat und der Deputirtenkammer ist über eine militärische Reform, über die Organisirung der Festungs-Artillerie, ein Conflict entstanden. Nachdem die Deputirtenkammer die bezügliche Vorlage angenommen hatte, nach welcher eine Festungs-Artillerie gebildet und dem Artillerietrain entnommen werden soll, war es auch gelungen, eine Einigung über diese Frage zwischen der Regierung und dem Senatsausschuffe zu erzielen. Der Senat selbst hat jedoch in Folge der Ausführungen verschiedener sachverständiger Mitglieder dem Votum seiner Commission sich nicht anzuschließen vermocht.
Die Anzetteleien im Orient nehmen kein Ende und bringen die wunderbarsten Dinge hervor. Der italienische Botschafter in Konstantinopel, Graf Corti, hat in Folge ihm von dem Mimster des Auswärtigen, Mancini, zugegangener Instructionen die Aufmerksamkeit der Pforte auf die durch Depeschen aus Tripolis verbreiteten Gerüchte gelenkt, wonach Italiener angeblich dort Gebietsankäufe machten und verlangt Italien, daß die Türkei diese Angaben als Unwahrheit bezeichne.
Auch die Türkei erhebt Protest gegen das etwaige Vorgehen Englands in Sachen des Suezkanals. Einer Depesche der „Times" aus Konstantinopel zufolge hat die Pforte in drei gleichen Vorstellungen bei der englischen Regierung darauf hingewiesen, daß ohne Zustimmung der Pforte keine Aenderung des gegenwärtigen Zustandes des Suezkanals statthaft sei.
Die Cholera hat nun doch auch die egyptische erste Hauptstadt Kairo erreicht, denn es kamen dort in mehreren Vorstädten Cholerafälle vor. Auch den Vororten Alexandriens ist die verderbliche Seuche bedenklich näher gerückt, so daß es in Hinblick auf die vernachlässigten sanitären Zustände in Egypten, drakonischer Maßregeln bedürfen wird, um die Cholera nicht zu einer allgemeinen Landplage werden zu laffen. Seltsamer Weise hört man auch wenig über die Schritte, welche England als Protector Egyptens im Nillande gegen die Cholera thut.
Peutschland.
Aus bem Großherzogthum Hessen, 17. Juli. Auch in Hessen wird die in letzterer Zeit vielfach besprochene Mischehen-Frage demnächst zur öffentlichen Verhandlung kommen. Der der öffentlichen Landessynode zur Be- rachung zugegangene Kirchengesetz-Entwurs, betr. die Erhaltung der kirchlichen Ordnung in Bezug auf Trauung, Taufe und Konfirmation, enthält nämlich in § 2 insbesondere auch die Vorschrift, daß die kirchliche Trauung zu versagen sei „bei gemischten Ehen, vor deren Eingehung Der evangelische Mann die Erziehung sämmtlicher Kinder in einer nicht evangelischen Religionsgemeinschaft vertragsmäßig zugesagt hat." In den Motiven ist hierzu bemerkt: Es deute aus jeden Mangel an kirchlichem Sinne und an Liebe zu seiner Kirche hin, wenn ein Mann seine ganze Nachkommenschaft, seine ganze Familie für alle Zukunft einer andern Religionsgemeinschaft zuzuführen, also seine Kirche an Zahl ihrer Mitglieder und somit an Kraft zu schädigen sich verpflichte und dennoch deren Segen für seinen Ehebund begehre; es sei dieses Verfahren sogar als eine Art Mißachtung der Kirche, welcher er angehöre, zu betrachten. Darum könne die Kirche, solange sie Selbstbewußtsein besitze, einem solchen Begehren nicht nachkommen. Die materiellen Schäden, welche durch ein Verfahren vorbezeichneter Art für die evangelische Kirche hervorgerufen worden seien, lägen auch in Hessen klar vor: so füllten sich z. B. in einem näher bezeichneten Orte im Odenwald die katholischen Schulen von Jahr zu Jahr mehr' und die evangelische Schülerzahl nehme entsprechend ab, da in vielen gemischten Ehen rein katholische Kinder- Erziehung vertragsmäßig von den eheschließenden Männern evangelischer Con- fession zugesagt sei und werde. Auch in Rheinhessen und andern confessionell stärker gemischten Landestheilen finde man Zustände gleicher Art. Nach der Gesetzgebung habe diesem Hebet von kirchlicher Seite nicht entgegengetreten werden können, da staatliche und kirchliche Eheschließungen zusammengefallen seien. Jetzt könne es geschehen, und die Kirche solle um ihrer Würde und ihrer äußern Interessen willen nicht säumen, es zu thun. Bei all' diesen kirchlichen Streitigkeiten ist es ein Glück, daß im ganzen deutschen Reiche die bürgerliche l^e- schließung zu Rechte besteht und also der Weg eröffnet ist, den Wjmm|ten Bedrängnissen Seitens irgend einer. Kirche zu entgehen. (Köln. Zig.,)
Berlin. Die Aussichten auf eine tm Allgemeinen günstige wohl in Demschland als auch in den übrigen großen Culkurstaaten beseuropatschen Conttnents stimmen die Hoffnungen der amerikant.chen und russischen Kbrnspeculanten auf ein gutes Exportgeschäft nicht unerheblich herunter. Zwar kann der a^tkanische Weizen-Exporteur bis zu einem gewissen Grade
Kunden rechnen, weit unvortheilhafter dagegen sind d .Absatzbedingungen des quau tativ häufig minderwerthigen russischen Getreides. Auch l idet Kackarad aer
Exportplätzen des Schwarzen Meeres das Geschäft schon jetzt an hochgradiger Stagnation.
Aegypten.
_ ßf,„rprn bat nunmehr bereits Kairo erreicht, in der Dorstadt Bulak starben die ersten^ beiden Personen, daraus tn Ghtz-h sünf, Die
Kasten welche "von^dem Pwtz- "und der Kaserne gleichen Namens über
fttfi Kairo^auck bereits von Osten: in Abassieh sind drei choleraverdächtige Todesfälle festa^tellt detritischen Truppen haben infolge dessen den Befehl zur Marschbereil- schaft erhaltenNach privaten Meldungen, welche der .Egyptian Gazette" zugegangen sind baden sick tm Gewirke von Belkas und Behüt, nordöstlich von Mansurah, 25 Er- frantunaen ?-t"gkn und rs f-hlt dort ebenso an A-rzt-n wie an M-dicin, sanMren Vorkehrungsm a ßr e g? In und Truppen zur Herstellung eines Sperrgürtels. In TZmi» surab scheint die Seuche jetzt am stärksten zu wüthrn, es starben dort binnen vierund- zwanztg Kunden vom 14. zum 15. Juli, 51 Personen, zu der gleichen Zeit in Damiette 43, in Mensaleh 20.


