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113 Zweites Blatt. Sonntag den 20. Mm 1883
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
BtttedUt Schulstraße 7.
Erscheint IL-ttch mit Ausnahme des Maltas».
Brei- vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlshn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mcnck 50 Pf.
Wochenschau
Gießen, 19. Mai.
Die Tage nach Pfingsten haben uns, gleich dem Feste selbst, nichts Außergewöhnliches auf politischem Gebiete gebracht und die Ausbeute an politischen Neuigkeiten ist d her nur eine verhältnißmäßig geringe, namentlich, was unsere innern Angelegenheiten anbelangt. Augenblicklich ergehen sich die Blätter in allerhand Betrachtungen über die angeblichen Reibungen zwischen dem preußischen Minister des Innern, Herrn v. Puttkamer, einerseits und seinem Collegen im Finanz-Ministerium, Herrn Scholz, und dem Reichskanzler selbst anderseits. Man läßt hierbei durchblicken, daß der allerdings nicht zu leugnende Gegensatz, der in gewissen Fragen zwischen dem leitenden Staatsmanne und Herrn v. Puttkamer besteht, zum Rücktritt des Letzteren führen könnte, während doch auch wiederum versichert wird, daß die Stellung des Ministers selbst nicht durch den mächtigen Einfluß des Fürsten Bismarck zu erschüttern sei. Allen diesen Gerüchten treten nun aber die officiösen „Berliner Politischen Nachrichten" entgegen, welche entschieden bestreiten, daß innerhalb des preußischen Staats- Ministeriums schwerwiegende Meinungs-Verschiedenheiten existirten und daß die hierüber coursirenden Nachrichten von der überaus geringen Kenntniß zeugten, welche bezüglich der Verhältnisse und Anschauungen in den leitenden Kreisen im Allgemeinen herrsche. Inwieweit diese osficiöse Darstellung den thatsächlichen Verhältnissen entspricht, wollen wir hier unerörtert lassen.
Herr Waddington, der französische Krönungs-Botschafter, hat am Mittwoch Abend nebst seinen Begleitern Berlin wieder verlassen und die Weiterreise nach Moskau fortgesetzt. Die Aufmerksamkeit, mit welcher der officielle Vertreter Frankreichs bei den Moskauer Krönungsfeierlichkeiten während seines jüngsten Aufenthaltes in der deutschen Reichshauptstadt sowohl vom Kaiser als auch dessen Kanzler behandelt worden ist, verleiht dein Besuche Waddington's eine erhöhte Wichtigkeit und diejenigen werden somit nicht Unrecht haben, welche meinen, daß Waddington der Träger einer speciellen Mission seiner Negierung an die deutsche gewesen fei. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß er den Auftrag erhalten hatte, in Berlin für ein möglichst gutes Einvernehmen zwischen Deutschland und Frankreich an Stelle des bisherigen Mißtrauens zu wirken und daß dies dem französischen Staatsinanne gelungen ist, dafür zeugt der auszeichnende Empfang, der ihm am Berliner Hose zu Theil geworden ist.
Die österreichische Hauptstadt beherbergte in dieser Woche einen interessanten Gast, Fürst Nikita von Montenegro, welcher anläßlich seiner Durchreise nach Moskau vom Dienstag bis zum Sonnabend üi Wien weilte. Der montenegrinische Herrscher ist, wie schon bei früheren Anlässen, so auch diesmal vom Wiener Hofe mit großer Auszeichnung behandelt worden; sein Absteigequartier hatte er auf speciellen Wunsch des Kaisers in der Hofburg genommen; am Mittwoch empfing er die Besuche der in Wien weilenden Mitglieder der kaiserlichen Familie. Kronprinz Rudolf kam eigens aus Laxenburg an, um dem Fürsten einen Besuch abzustatten; am Nachmittag wurde Fürst Nikita von der Kaiserin empfangen. Ob diese entgegenkommende Haltung des Wiener Hofes bezüglich der Person des Beherrschers der „Schwarzen Berge" in der nichts weniger als loyalen Politik des montenegrinischen Raubstaates gegenüber Oesterreich Hervorrufen wird, muß erst abgeivartet werden, bislang hat Montenegro alle derartige Aufmerksamkeiten Oesterreich nur schlecht gelohnt.
Das französische Cabinet Ferry hat einen neuen, nicht zu unterschätzenden Erfolg zu verzeichnen. Mit 358 gegen 50 Stimmen bewilligte die Deputirtenkammer in ihrer Sitzung vom Dienstag den für die Tongking- Expedition geforderten Credit von 5 Mill. Frcs. und selbst die Ultra-Radikalen versagten hierbei der Regierung ihre Unterstützung nicht. Der Minister des Auswärtigen, Challemel - Lacour, legte die Nothwendigkeit der Expedition dar, erklärte unverhohlen, daß Frankreich noch einige weitere feste Punkte in Tong- fing definitiv besetzen werde und sprach schließlich die Ueberzeugung aus, daß ein kriegerischer Zusammenstoß mit China nicht zu befürchten sei. Hierüber kann man indessen noch Zweifel hegen, denn China soll an seinen Südgrenzen ein Armee-Corps in der beträchtlichen Stärke von 50- bis 60,000 Mann zu- sammenziehen und dies könnte doch nur zu dem Zwecke geschehen, dem Vormarsch der Franzosen bewaffneten Widerstand entgegenzusetzen. Jedenfalls bereiten sich in Hinter-Asien interessante Dinge vor und man darf gespannt darauf sein, welche Rolle die Franzosen hierbei spielen werden.
Die irische National-Liga hat die Intervention des Papstes zu Gunsten der englischen Regierung entschieden zurückgewiesen. In der am Mittwoch in Dublin stattgesundenen Versammlung der irischen National-Liga wurde das Schreiben des Papstes an die irischen Bischöfe, in dem der katholische Klerus Irlands aufgefordert wird, sich jeder Agitation in Sachen der irischen Bewegung zu enthalten, zur Sprache gebracht und betonten die Redner hierbei, daß trotz aller Ehrfurcht der irischen Katholiken vor den Worten des Papstes die Ansicht der irischen Partei zum Ausdruck gelangen müsse. Der Deputirte Mayne sagte sogar, daß die Nationalpartei zwar ihre Religion, aber nicht ihre Politik aus Nom holen werde, denn der Papst sei nur das Haupt der katholischen Kirche, Parnell aber das Haupt der politischen Kirche, dem die Iren folgen würden, bis die Unabhängigkeit Irlands erreicht sei. Es scheint also, daß sich der irischen Revolution gegenüber selbst der Einfluß des Vatikans als machtlos erweist.
Von allen Seiten haben jetzt die fremden Fürstlichkeiten und Vertreter der europäischen und auch verschiedener nichteuropäischer Negierungen die
Krönungswallsahrt nach Moskau angetreten. Ein außerordentlich bewegtes und buntes Treiben wird sich demnach in der nächsten Zeit in der alten Hauptstadt des Czarenreiches entfalten, wo neben den Abgesandten fast aller Fürstenhäuser Europas auch die Vertreter der nordamerikanischen Regierung, wie mehrerer asiatischer Staaten und selbst des fernen Königreiches Tahiti (Sand- wich-Jnseln) dem gekrönten Czaren glückwünschend nahen werden. Nachdem nun das Ceremoniell für den Einzug der Majestäten und die Krönung officiell bekannt gegeben ist, sieht man jeden Tag dem Krönungsmanisest entgegen, und den Verheißungen, welche dasselbe enthalten soll. Indessen verlautet schon jetzt, daß von der ursprünglich geplanten allgemeinen Amnestie wieder Abstand genommen worden ist und so wird denn die Sonne der kaiserlichen Huld und Gnade nicht in dem Grade leuchten, wie man anläßlich des festlichen Ereignisses wohl erwarten könnte.
In Egypten werden sich in nächster Zeit Engländer und Franzosen voraussichtlich Concurrenz machen. Es handelt sich nämlich um den Bau des seit längerer Zeit projectirten zweiten Suezkanals, den die ursprüngliche Suez- Compagnie sowohl, als auch eine englische Gesellschaft übernehmen will. Es ist hierbei natürlich viel Geld zu verdienen und so will denn keine der rivalisiren- den Gesellschaften das Unternehmen aus der Hand lassen; vorläufig scheint die egyptische Regierung noch unentschlossen zu sein, zu wessen Gunsten sie sich entscheiden soll.
Wiederholt sind aus Süd-Amerika Nachrichten über einen Friedensabschluß zwischen den kriegführenden Staaten Chile und Peru eingegangen, ohne daß in den kriegerischen Operationen ein Stillstand eingetreten wäre. Auch jetzt kommt wieder eine Meldung, welcher zufolge zwischen dem Vertreter Chiles, Norva, und dem Präsidenten von Nord-Peru, General Iglesias, ein Friedensvertrag unterzeichnet worden ist. In demselben ist bestimmt, daß die Provinzen Tacna und Arica aus 10 Jahre an Chile abgetreten werden sollen, nach Ablauf dieser Frist soll eine Volksabstimmung über die definitive Zugehörigkeit der genannten Provinzen entscheiden; der Staat, welchem dieselben alsdann zufallen, hat an den andern eine Entschädigung zu leisten. Hoffentlich ist mit dieser Entscheidung den mörderischen zweijährigen Kämpfen zwischen Chile und Peru that- sächlich ein Ende gemacht, __
Derrvifchteü.
Kassel, 17. Mat. Gestern Nachmittag machte einJnhafttrter desLandgerichts- aefänantsses einen tollkühnen Fluchtversuch, indem er von dem Dache des Gefängnisses, auf welches er sich heimlich geschlichen hatte, htnabsprang. Der gewagte Sprung mttz- glückte jedoch, der Flüchtling verletzte sich derart, daß er nicht weiter kommen konnte und bald wieder zurückgebracht wurde.
— Der Bau der Drachenburg hat eine Unterbrechung erlitten. Die prachtvollen Terrassenbauten auf dem Abhange nach dem Rheine zu müssen abgebrochen und neu fundamenttrt werden. Diese Terrassen stehen nämlich auf Thonboden in welchem früher Thongrubenbetrieb stattgesunden hat. Die Last der schweren Steinbauten hat nunmehr dm Untergrund in's Weichen gebracht, aus welcher Ursache klaffende Risse im Gemäuer entstanden. Der eigentliche Schlotzbau wird ledoch hierdurch in keiner Weise betroffen, denn dieser steht aus Felsengrund. Im Schlotzbau beginnt man jetzt mit der inneren Einrichtung, die außerordentlich prachtvoll werden soll. So ist unter anderem ein Münchener Künstler mit der Ausführung von 4 Frescogemälden betraut, welche die 4 Wände des Hauptsaales des Schlosses zieren sollen.
Bonn, 13. Mai. Die brennende Landstretcherfrage scheint für uns hier zum Theil praktisch gelöst zu werden, wie die nachstehenden Mittheilungen des vor einigen Jahren gegründeten „Unterstützungsveretns" in feinem foeben in der „Bonner Ztg. veröffentlichten Jahresberichte lehren. Da beißt es: „Es sind im verflossenenl Jahre vom Vereine 2569 Personen unterstützt worden. Die Unterstützung wird, soweit ies sich nicht um Arbeitsunfähige handelt, nur demjenigen gewährt, welcher sich den Anspruch daraus mittels einer durchschnittlich dreistündigen Arbeit erwirbt. Von den Unterstützten haben 2519 gearbeitet, so daß nur 50 ohne Arbeitsleistung unterstützt wurden. Sie waren zum bei weitem größten Thetle reisende Handwerksgeselleni; aber feiner kleinen Zahl armer Reisender anderen Standes, auch Frauen mithindern wurde HUlse gewährt Nur in sehr wenig Ausnahmefällen bestand die Unte^ützunglnbaarem Gelde, in den meisten Fällen in Gewährung von Beköstigung und Nachtquartier. D m häufigen Bedürfnisse nach Kleidungsstücken konnte zum Theil durch d demComllä von Wohltätern zur Verfügung gestellten genügt werden zum Thetl wurden sie namentlich Hemden, Schuhe und Stiefel, angekauft. Endlich' etne von
Reisenden Eisenbahn-Billette zu ihrer Weiterreise Ur Unterstabungen gegeben 1740 X und zwar für Kost und Logis 1326 A fü ©uppenma^ städtischen Frauenoereins 165 A für ÄletbunßSfiütfe 187 ©tfenbal|n^Uett
und andere kleine Unterstützungen 48 A für Unterstützung n n ®elb>13 JL fiterju kommen die nicht unbeträchtlichen Verwaltungskosten, "mnen $ be8 Bureau- Arbeitsplatz und das Bureau, an Besoldung des^Arbe sauff Hers und des -vmeau^ Vorstehers, bei dem die Unterstützungsbedürftigen sich zu leg b Unterstützung
nach näherer Untersuchung des Bedürfnisses üb- die zu^ gewahrende UnterMtzung entscheidet endlich für Handwerkszeug und d e E nM g l B^BehördeIn höchst Ausgabe betragt 2507 Da dem meine ieuai» 'entae fifAen Benutzung aus dankenswerther Weise im Eselsgraben ein Platz 3“ Arbeitsschuppen nebst
Widerruf zur Verfügung gestellt des
Bureau hergestellt werden wird, so werden vorausflch cg werden. Die Jahres- Mtethztnses etwa 300 an den Verwattungsk st 0 fo mit Aufwendung
einnahmen betrugen 3577 Jü unb> baScomix Bestandes aus vorigem Jahre
des sich ergebenden Kassenbestandes und ein "^streiten, gibt sich aber der Hoffnung die Kosten für den Bau des Arbei sschupp ns u °m en g fernerhin möglich Di», daß die unterstützen. Wenn'die
macken werden, die Bedürftigen m oe so reicht freilich der Ver-
gewährten Unterstützung»auf den Kopf 67 Pfg r> fl dreistündigen Arbeit bet weitem
di-nst- n°r n Säg°n un Hack n der Zweck de« V-rews
nicht hi», diese Ausgabe zu -cken,^ Arbeitsverdienst auszubringen. Daß aber s°'in> den Betrag b“Unf(e* Ur Voraussetzung einer Arbeitsleistung gewabrt wirb, hat
^^n ?5nat,ten dru «roßen Werth, daß ihnen die Demüihigung, betteln zu müssen, für die Unterstützten d 0 ob weit mir dazu Mitwirken können, des Fechtens und Bettelns sich entwöhnen."Die wettere Folge ist, daß sich von selbst -'n-Scheidung der


