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J^r. LSI. Zweites Blatt. Sonntag den 19. August 1883
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureau: Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MOWtODS.
tret- viertetstchrlich 2 Mark 20 Pf. trdt Bringerlohn, mrch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mari 50 Pf.
Wochenschau.
Gießen, 18. August.
Ein festliches Ereigniß am preußischen Königshose bildet diesmal den Uebergang von der abgelaufenen zur neuen Woche. Diesen Sonntag, drn 19. August, findet in Berlin die Dause des zweiten Sohnes des Prinzen Wilhelm von Preußen statt, welcher auf besondere Einladung Kaiser Wilhelms and) König Karl von Rumänien als Taufzeuge beiwohnt. Dagegen ist der ursprünglich für den 19. August angekündigte Besuch des Kronprinzen Rudolf oon Oesterreich wieder verschoben worden, da neueren Nachrichten zufolge der öslerreichische Thronerbe seine Berliner Reise erst beim Beginn der großen Herbstäbungen der hierzu bestimmten preußischen Armee-Corps antreten wird. Außer flinig Karl haben bei der Taufe noch Pathenstellen übernommen: Der Kronprinz und die Kronprinzessin von Schweden, der Herzog und die Herzogin von Edinburgh, Prinz und Prinzessin Christian von Schleswig-Holstein, Fürst Karl von Hohenzollern und die Herzogin Adelheid von Schleswig-Holstein. Vor Allem ist es die Anwesenheit des rumänischen Herrschers, welche der Tause des jüngsten Sprossen des preußischen Königshauses eine erhöhte Bedeutung giebt. Denn dieser Besuch ist einerseits ein Zeichen für die engen Beziehungen, welche zwischen dem Berliner Hofe und dem von Bukarest bestehen, andererseits wird man aber auch der Berliner Reise des Königs von Rumänien eine politische Ledeutung nicht absprechen können. Die rumänische Politik bekundet trotz aller Eifersüchteleien zwischen Oesterreich und Rumänien eine entschiedene Hinneigung zu der deutsch-österreichisch-italienischen Tripel-Allianz, in erster Linie ober zu Deutschland und man darf darum in dem Berliner Aufenthalte des rumänischen Herrschers eine neue Bürgschaft sür die fortdauernde Uebereinstimmung der rWänischen Staatslenker mit der von Deutschland im Bunde mit Oesterreich und Italien vertretenen Friedenspolitik erblicken.
Die hohe Politik ist noch immer in ihren Sommerschlaf versunken und wenn nicht etwa große Ereignisse eintreten, zu denen gegenwärtig indessen gerade nicht viel Aussicht vorhanden ist, so wird die europäische Politik wohl noch eine Weile weiter schlummern. Allerdings ist die Lage in Spanien noch ziemlich bedenklich, es scheint aber doch, als ob es dem energischen Auftreten der Regierung Alfonso XII. gelungen ist, den republikanischen Ausstand bis auf einige noch flackernde Reste zu dämpfen und so erscheint eine gemeinsame Intervention der Mächte auf der Pyrenäen-Halbinsel unnöthig, wozu sie sich aber auch im Falle des Sturzes Alsonso's wohl nur schwerlich entschließen würden. Auch durch das in Aussicht stehende Ableben des Grafen Chambord wird sich die hohe Politik nicht weiter beeinflussen lassen. Graf Chambord war schon large politisch ein todter Mann und die Republik ist in Frankreich heute dergestalt befestigt, daß weder der „Roy" noch der Graf von Paris, sein muth- mtzlicher politischer Erbe, an der republikanischen Ordnung in Frankreich würden rütteln können. Was schließlich unsere inneren Angelegenheiten anbelangt, giebt augenblicklich die Anwesenheit des- Kardinals Howard in Kissingen -lnlaß zu eingehenden Combinationen und Erörterungen über die kirchenpolitische Lage.
Die ultramontane Majorität der beiden Gemeinde-Collegien von Rünchen hat in der die bayerische Hauptstadt bewegenden Simultanschul-Frage Men entschiedenen Erfolg zu verzeichnen. Vom Cult^sminister v. Lutz ist die Aushebung der stark srequentirten Simultanschulen I und II und die Umwand- lung derselben in katholische Confessionsschulen verfügt worden. Daß schließlich auch die beiden andern Münchener Simultanschulen aufgehoben und in con- Monelle Schulen umgewandelt werden, ist nach Lage der Dinge kaum zu ^zweifeln.
Die Unruhen in Pesth und Wien zuckten auch in dieser Woche !"ch nach. In Wien fanden in den letzten Abenden wiederholt kleinere An- ßmmlungen von Arbeitern statt, die zwar durch das energische Einschreiten der Mizei-Organe rasch wieder zerstreut wurden, die aber trotzdem noch eine beendige Concentration der Wachmannschaften nöthig machen. Auch in Pesth lauten am Montag Abend erneute Excesse statt, indem ein starker Arbeiterhaufen mehrere Läden demolirte. Zwei Compagnien Militär gelang es schließ- ch । die Ruhe wieder herzustellen, nachdem 42 Verhaftungen vorgenommen worben waren.
. Ju Frankreich beschäftigte man sich in dieser Woche fast ausschließlich Alt dem Resultate der Generalrathswahlen. Dasselbe liegt nunmehr vollständig definitiv gewählt sind 890 Republikaner und 411 Conservative, 136 Stich- machen sich erforderlich. Die Republikaner haben von den Conservativen 08 Sitze erobert, dagegen nur 31 verloren, sodaß sie einen absoluten Gewinn M 128 Sitzen zu verzeichnen haben und die Stichwahlen werden diese Zahl Me Zweisel noch vermehren. Im Ganzen haben jetzt die Republikaner in *< oon 90 französischen Departements die Majorität in den Generalräthen, wvß Herr Ferry mit dem Ausgang der Generalrathswahlen zufrieden sein , ueber die schwebenden Händel auf Madagaskar und in Tongking lagen m keme neueren Nachrichten vor, doch scheint eine Entscheidung auf dem roNgkingnesischen Kriegsschauplätze demnächst mit dem Sturme auf die Anami- W Hauptstadt Hue bevorzustehen.
glück von Ischia hat gezeigt, welcher Sympathien sich die 3Zacl0n ,m Auslände und nicht zum wenigsten in Deutschland und ?nd die von allen Seiten reichlich fließenden Gaben für i-qia bethatigen diese Sympathien in kräftigster Weise. Das italienische Volk
selbst hat sich bei diesem nationalen Unglück durchaus würdig benommen und vor Allem bewies König Humbert durch sein längeres Verweilen an der Unglücksstätte und durch den angreifenden Besuch der Spitäler von Neapel, welch' innigen Antheil er an dem erschütternden Ereignisse vom 28. Juli nimmt. Obgleich nun ein solcher Augenblick nationalen Schmerzes völlig ungeeignet zu politischen Kundgebungen ist, so haben doch die italienischen Socialisten und Republikaner in dieser Woche Congresse abgehalten, jene zu Ravenna, diese zu Bologna, ohne daß jedoch diese Versammlungen irgendwelchen Eindruck auf die Halbinsel hervorgebracht hätten.
Nach wiederholtem Ausslammen scheint endlich der jüngste spanische Aufstand vollständig unterdrückt zu sein, wenigstens verkündigen osfi- ciöse Telegramme aus Madrid, daß die Ruhe in ganz Spanien wieder hergestellt sei. Indessen wird wohl in der innern spanischen Politik die durch die Pronunciamentos von Badajoz, Nagera, Seo de Urgel u. s. w. hervorgerufene Erregung noch längere Zeit nachwirken und sich zunächst in einem Ministerwechsel bemerklich machen. Die Stellung des Ministerpräsidenten Sagasta und des Kriegsministers Martinez Campos ist jedenfalls in Folge der Militär-Revolte unhaltbar geworden uni) nennt man bereits verschiedene Persönlichkeiten als Nachsolger Sagasta's. In erster Reihe wird Canovas del Castillo genannt, der Vorgänger Sagasta's im Präsidium des spanischen Ministeriums. Castillo weilte bis jetzt zur Kur in Karlsbad und ist durch telegraphische Aufforderung des Königs Alfonso sofort nach Madrid abgereist- Castillo ist das Haupt der Conservativen, er erfreut sich aber durchaus nicht der Sympathien des spanischen Heeres, und da dasselbe ausschlaggebend ist, so hätte eine abermalige Ministerpräsidentschaft Castillo's schwerlich Aussicht auf lange Dauer.
DieNachrichten aus dem egyptischen Choleragebiete lauten verhältnißmäßig günstig, da die Epidemie in fast allen von ihr befallenen Städten, besonders in Kairo, ganz bedeutend nachläßt. Nur in Alexandrien scheint der Würgengel der Cholera erst noch seinen Umzug halten zu wollen, da sich in dieser Stadt die Zahl der Cholera-Todesfälle täglich mehrt. Nach einem Ausspruch des Sanitätsrathes in Konstantinopel ist Smyrna nicht als verseucht zu erachten und ist daher sür die Provenienzen von dorther nur eine 24stündige Beobachtung in den Dardanellen vorgeschrieben. — Ueber die Ausdehnung der Cholera in Beirut liegen noch keine weiteren Nachrichten vor, bis jetzt wurden von diesem Platze nur 3 Todesfälle an Cholera gemeldet; vielleicht gelingt es hier, die Epidemie noch im Keime zu ersticken.
Vermischte-.
Frankfurt, 16. August. An der Börse unterhielt jman sich heute allgemein von einer nicht unbedeutenden, im Hause der Firma M. A von Rothschild u. Söhne entdeckten Defraudation. Es handelt sich um einen im Wechsclbureau angestellten Beamten, der seit Jahren schon großen Aufwand machte, Jagdliebhaber war und als solcher mit vielen namhaften Einwohnern verkehrte. Die Angaben über den fehlenden Betrag schwanken zwischen 50,000 und 250,000 JL
Frankfurt a. M. Für den zweiten Deutsch - evangelischen Kirchengesangvereinslag, welcher am 26. und 27. September dahier abgehalten wird, ist folgendes Programm festgestellt worden:
Mittwoch den 26. September. Nachmittags 3 Uhr: Sitzung der Statuten- Redactions-Commission im Saale der Rosenau. Abends 7 Uhr: Festgottesdienst in der Katharinenkirche unter Mitwirkung der Kirchengesangvereine von Darmstadt und Frankfurt. Prediger: Herr Hof- und Garnisonsprediger Emil Frommel aus Berlin. Abends 8Vr Uhr: Gesellige Bereinigung-
Donnerstag den 27. September. Vormittags 9 Uhr: Hauptversammlung im Saalbau. Tagesordnung: 1) Vortrag des Herrn Klofterpropstes Frhrn. von Lllien- cron aus Schleswig über „Kirchliche Musik und Kirchenconcert". 2) Berathung und Beschlußfassung über den von der Redactions - Commission vorgelegten Entwurf der Statuten des Verbandes evangelischer Kirchengesangvereine für Deutschland. Nachmittags 2 Uhr: Gemeinschaftliches Mittagsmahl.
Zur Theilnahme an dem zweiten deutsch-evangelischen Kirchengesangvereinstage sind alle evangelischen Christen eingeladen, welche sich für die Sache des evangelischen Kirchengesanges interessircn, insbesondere auch die Herren Geistlichen, die Organisten und Lehrer, sowie Vorstände, Dirigenten und Mitglieder bestehender Kirchengesangverein- oder Kirchenchöre. Zur Bestreitung der Kosten des Kirchengesangvereinstags wird von den Theilnehmcrn der Versammlung ein Beitrag von 1 JL gegen Zustellung einer Legitimatlonskarte erhoben. Gegen Vorzeigung dieser Legitimationskarten, die nach Einsendung deS Beitrags an die auswärtigen Theilnehmer spätestens bis zum 15. September zur Versendung gelangen, werden denselben die seiner Zeit naher bekannt zu gebenden Fahrpreisermäßigungen gewährt, welche von den deutschen Eisenbahnverwaltungen zu hoffen sind. r z p
Die Verlegung des zweiten evangelischen K rcheng sangvereinst<igs von dem 2/. und 28 auf den 26. und 27. September ist durch die am 28. S-ptember auf dem Niederwald stattfindende Enthüllungsfeier des Standbildes der Germama veranlaßt. Das Frankfurter Localcomite wird den Besuchern des Klrchengesangveretnstages auf besonderen Wunsch freie Quartiere zur Verfügung stellen oder die Bestellung von be- zahlten Quartieren vermitteln. D-siallsiae Ichnstttche Anmeldungen, sowie Ersuchen um Zusendung von Legitimationskarten wollen, und zwar letztere unter Einsendung von 1 JL, spätestens bis zum Samstag den 8. September l. I. an die Adresse des Herrn Carl Brechert in Frankfurt a. M., Holzstraße 17, gerichtet werden
Rüde sheim, 15. August. Heute wurde das aus der Gladenbeck'ichen Gießerei hervorgegangene Hauptrelief „Des Kriegers Abschied von der Heimath" nach dem Niederwalde gefahren. Dasselbe wird m den nächsten Tagen an der westlichen Seite des Denkmals zur Montirung kommen- In lebensgroßen Fiauren zeigt uns das Relief auf der linken Seite den Abschied des Sohnes von den Elt rn. Von tiefem Trennungsschmerz ergriffen, reicht noch die Mutter ihrem scheidenden Sohne die Hand, während der Vater seine segnende Hand auf das Haupt des Sohnes legt. In der Mitte der Gruppe umarmt noch einmal ein voll ausgerüsteter Krieger seine geliebte Braut, die ihren Kopf auf seine Schulter gelegt hat- Rechts von diesen schadet ein Landwehrmann, dos Gewehr auf der Schulter, von seiner Familie, deren Ernährer er bisher gewesen. Beim Beschauen dieser Gruppe fühlt man so recht den Schmerz der Gattin, die weinend das Gesicht mit beiden Händen bedeckt. Das älteste Töchterchen


