:5 ®NI«.
Zweites Blatt. Donnerstag den 18. Oktober
Kr. 242.
©
K
<y
Berlin, 14. October, lieber die augenblickliche Loge der Deutschen in Parts gegenüber der dort noch täglich im Wachsen begriffenen „Deutschenh^tze" gehen hier traurige Berichte ein, welche die Verhältnisse viel schlimmer daiftellkN, als sie unmittelbar nach dem Krüge g wesen. Namentlich werden auch jetzt die Elsaß-Lothringer, welche sich in Paris auihalten und nickt für Frankreich opt'it Haven, von dieser traurigen Aailalton betroffen und ohne Weiteres aus dem Brod gejagt. Hoffen wir, daß Die jämmerliche Verfahren der Franzosen den Elsaß-Lothringern, die im Londe g blieben sind, die Augen öffnet und sie erkennen, auf welchem Ufer der Mosel sie ihre wahren Freunde zu suchen haben. Die Elsaß Lothringer b-lden ein großes Conttngent Derjenigen, welche von dem deutschen Hülssverein in Paris unterstützt werden. Nach uns vorliegenden Berichten jenes Vereins belief sich während des Laufes des JahreS 1882 die Zahl der unterstützten Elsaß-Lothringer auf 924 von 9409 überhaupt unterstützten Deulschen, also c rca der zehnte Thctl derselben. Die segensreiche Thättgkett dieses unter d'w Protectorat unseres Botschafters in Parts stehenden Vereins, der sich der reichlickst n Unterstützung unserer Majestäten und vieler deutscher Fürsten erfreut, hat schon v eie der von dem Chauvinismus betroffenen deutschen Landsleute vor bitterer Noth bewahrt. Im Ganzen hat der Verein im Lause des Jahres 1882 verausgabt: Für Krankenpflege 15,562 Fr., für Gcldunterstützungen 27,916.55 Fr., für Retseunter- stützungen 725,350 Fr., für Unterstützungen mit Kleidern und Lebensmitteln 573,605 Fr. Daß aber diese Zustände in Paris bald ihrem Ende entgegen geführt werden, daran dürfte vorläufig noch nicht zu denken fein, denn die ohnmächtige Wuth, welche sich des Pariser gebildeten und ungebildeten Pöbels bemächtigt hat, ist noch viel mehr im Wachsen als im Abnehmen begriffen und wird sogar noch von Männern genährt, welche leider deutsche Namen tragen und welche wahrscheinlich zu den für Frankreich opttrenden Elsaß Lothringern gehören. So hat sich dem neuesten „Antl-Prujstcn" zufolge in Pans neuerdings auch eine „Soc cte des Patrtots de la Moselle" gebildet, deren „wesentlich patriotischer" Zweck ist: die Bande enger zu knüpfen, welche in demselben Gefühl der Brüderltchkeit und der Liebe für Frankreich alle Kinder der Mofil umfassen, fu mögen dem anncctirten Moselgebiet ober dem neuen Departement Meurthe et Moselle angehören. Art. 15 der Statuten dieser Gesellschaft verbietet aus's Strengste die Anwendung der deutschen Sprache in den Vereinssitzungen, um der Gesellschaft ihren eminent französischen und potrtot'schen Charakter zu bewahren. Unterzeichnet ift dieses Statut von den „eminent französiscken" Namen: Braun, Hoffmann, Schmidt, Winkler.... Wenn es solche Subjecte unter den Deutschen in Paris noch gibt, dann ist allerdings den Franzosen nicht zu verdenken, wenn sie dieselben behandeln, wie sie eS verdienen. Zu bedauern ist nur, daß auch der Schuldlose mit dem Schuldigen in dieser Beziehung gemeinschaftlich leiden muß.
Berlin, 14. October. Eine sehr zeitgemäße Warnung wollen wir im Nachstehenden auf Grund authentischer, von amtlicher Seite unterstützter Erhebungen veranlassen. Alljährlich, insbesondere um die Wcihnachtsz.it, werden von einem Schweizer Spicldosenhändler in Bern die auffälligsten Reklamen verbreitet, um namentlich deutsches Publikum für seine „Fabrikate" anzulocken. Er versendet diese nur gegen Nachnahme und aus jeder Kiste ist die bedruckte Bemerkung ausgeklebt, daß geöffnete Sendungen nicht zurückgenommen werden. Von privater Seite wurde dem Treiben des Händlers näher getreten und es ergab sich alsbald, daß eine Ausbeutung des Publikums vorliegt, die, würde sie in Deutschland betrieben, kaum ohne Colltsion mit der Justiz möglich wäre. Ein Musikwerk, welches man in Deutschland für 20 biß 30 JL bekommen würde, stellt sich beim Bezug auS Bern auf ca. 100 Jt, trotzdem eß noch obendrein schlechtes Fabrikat ift. Nun hat sich auf Grund dieser festgestellten Thatsache ein Industrieller in Potsdam an das Handelsministerium gewendet mit der Bitte, unter Vermittelung des Auswärtigen Amtes diesem schädlichen Treiben entgegenzuwirken. Zuständigen OrtS ist man, wie uns versichert wird, der Sache in der That näher getreten und daß Resultat der Erhebungen hat vollauf bestätigt:
„Daß man eß bei dem in Rede stehenden Spieldosenhändler mit einem unreellen Geschäftsmann: zu thun hat. Der Berner sucht und findet seinen Gewinn in der größten Uebervortheilung seiner Kunden. Seine Maaren stehen in gar keinem Verhältnisse zum wirklichen Werthe derselben, er nennt sich „Fabrikant von Spielwaaren, OrchestrionS rc." — seine Fabrik besteht höchstens in einer Montir, und Reparaturwerkstatt. Er bezieht die Spieldosen zum TheU aus der welschen Schweiz, zum großen Theile aber auß dem badischen Schwarzwald, Lenzkirch, Triberg, Furtwangen. Auch seine sonstigen Maaren, wie Holzschnitzereien, Spielsachen rc. sind deutschen Ursprungs. Schließlich soll dieser Berner Geschäftsmann im Verdachte stehen, alte Merke aufwfaufen und nach flüchtiger Ueberarbeitunfl als neue zu verkaufen. Selbst die Schweizer Presse hat sich bereits zu Warnungen gegen Heller veranlaßt gesehen."
Indem wir baß Vorstehende der Oeff-ntlichkeit übergeben, glauben wir, dem Publikum genügende Details zugänglich gemacht zu haben, um sicher zu fein, daß bei gehöriger Beachtung derselben diesem „Fabrikanten" der deutsche Markt bald verschlossen sein wird.
England.
— Die neuesten Ergebnisse der Stanley'schen Forschungen im Stromgebiet des Congo haben in England bedeutendes Aufsehen gemacht. Alle politischen Blätter Londons beschäftigen sich auf das Eingehendste mit den centralafrikanischen Ent-
Lande ° "ne CNe ■ ' Spjfctn I
JLMauM Ms Lohn wirk WAunggr- P bei Herrm !• M
Plottt, X Zahn- £ e solid E 6336 ä
** n 0006
•6L
1*.
Mki
I1Ä ich stumpfer Ml j soliden PreWS renHevllgmr iisabrik,OMl her, DffenOate
"'M
Mn
il, W>
ja»
er an)- i
IW"
FreilG tobet: RT MN W
Ä
x aüT' , J
13 6 V
Durcan: Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Politische Ueberficht.
Gießen, 17. October.
Die Frage der Verlängerung des Socialistengesetzes rückt mit der nächsten Reichstagssession immer näher, doch soll dieselbe nach Versicherungen conservativer Blätter an leitender Stelle in Berlin noch gar nicht in den Kreis der Berathungen gezogen worden sein. Man wird letzterer Behauptung gern Glauben schenken dürfen, ohne darum bezweifeln zu müssen, daß eine Erneuerung des Gesetzes allerdings vorgeschlagen werden wird; langer Berathungen wird es dabei wohl kaum bedürfen. Als in der letzten Reichstagssession der Rechenschaftsbericht über die Verhängung des „kleinen Belagerungs-Zustandes" über Leipzig flüchtig zur Sprache kam, war aus einigen Bemerkungen des Staatssecretärs v. Bötticher mit ziemlicher Bestimmtheit zu entnehmen, daß die Reichsregierung nicht daran denkt, das Socialistengesetz aufzuheben.
Von officiöser Seite wird dem Gerücht, daß die in Angriff genommenen Arbeiten bezüglich des Socialistengesetzes wieder eingestellt worden seien, entschieden entgegengetreten. Die Arbeiten sollen durchaus nicht eingestellt worden sein, sondern vielmehr von beteiligter Seite rüstig fortgesetzt werden.
In der Nheinprovinz ist die Errichtung von Arbeiter-Colonien nach dem Wilhelmsdorfer Muster jetzt ebenfalls in’ß Auge gefaßt und dürste die Constituirung des betr. Vereins noch im laufenden Monat erfolgen. In nächster Woche tagt in Hannover eine Versammlung von Delegirten aller Comstös für Arbester-Colonien aus ganz Deutschland.
Der Besuch, welchen das deutsche kronprinzliche Paar in voriger Woche dem Italien. Königspaare in Monza abgestattet hat, wird allgemein mit lebhafter Befriedigung begrüßt. Fast alljährlich weilen der deutfche Thronfolger und seine erlauchte Gemahlin einmal als Gäste, und wenn auch nur auf Stunden, beim italienischen Herrscherpaare und man kann daher die heurige Wiederholung dieses Besuches nur als ein erfreuliches Symptom der ungetrübten Fortdauer der herzlichen Beziehungen zwischen den Höfen von Berlin und Rom betrachten. Wohl kein fremder Fürst genießt in Italien so lebhafter und allgemeiner Sympathien, als der Kronprinz des deutschen Reiches, der in Italien wie zu Hause ist und seinen freundschaftlichen Gesinnungen für das italienkW" Königshaus wie für die italienische Nation bei jeder Gelegenheit den herzlichsten Ausdruck zu geben liebt.
Das Cabinet Ferry scheint sich mindestens im Norden Frankreichs noch großer Sympathien zu erfreuen. Ein Beweis hierfür ist die glänzende Ausnahme, welche in diesen Tagen dem Ministerpräsidenten Ferry, welcher vom Arbeitsminister Raynal begleitet wurde,, in der alten Handelsstadt Rouen zu Theil geworden ist. Am Samstag Abend fand im Stadthause großes Banket statt, auf welchem Ferry eine längere Rede hielt, die sich namentlich durch ihre scharfen Wendungen gegen die Radikalen bemerklich machte. Herr Ferry äußerte u. A., daß die Entwickelung des technischen und gewerblichen Unterrichtes, wie man dies gerade in Rouen beobachten könne, den wahrhaften demokratischen Socialiömus repräsentire. Hierdurch trage das liberale Bürgerthum tagtäglich seine Schuld gegenüber einer unwissenden Menge ab, deren Kräfte und Anstrengungen sie zu dem Lichte der Arbeit und Freiheit hinlenken müsse. Wörtlich sagte dann der Minister: „Diejenigen, welche alle Reformen auf ihre Fahnen schreiben, sind nicht diejenigen, die sie verwirklichen. Die Intransigenten können alle möglichen Fragen aufstellen und sie stellen dieselben zuweilen recht schlecht; gelöst werden diese Fragen aber von den praktischen, klugen, gemäßigten Männern, deren Sympathie mich für die bevorstehenden Kämpfe mit unbegrenztem Vertrauen erfüllt." — Nach einer Meldung des „Soir" ist das bekannte Pariser Hetzblatt „L'Antiprussien" auf das Verlangen des Kriegsministers Campenon suspendirt worden. Nicht nur bei uns in Deutschland, sondern auch bei allen ruhig denkenden Franzosen wird dieses Vorgehen der Regierung volle Billigung finden.
Nach mancherlei Schwankungen ist endlich das neue spanische Eabinet zu Stande gekommen, in welchem man aber wider Erwarten den Namen des bisherigen Ministerpräsidenten Sagasta nicht mehr vorfindet. Dasselbe besteht aus folgenden Mitgliedern: Posada Herrara Präsidium, Ruiz Gomez Auswärtiges, Linares Nivas Justiz, Gallostra Finanzen, Morel Inneres unb provisorisch Unterricht, Lopez Dominguez Krieg, Sardoa öffentliche Arbeiten, Suarez Jnclan Kolonien, Valcarcel Marine. Dasselbe hat bereits in einem Rundschreiben an die Präfekten fein Programm entwickelt, dessen Hauptpunkte lauten: Schutz der Preß- und Versammlungs-Freiheit, Wiedereinführung der Civilehe und der Geschworenengerichte, Freiheit des Unterrichts, Einführung des allgemeinen Stimmrechts und Herbeiführung einer Verfassungs-Revision, einer Zolleinigung mit Portugal und Handelsvertrages mit England. Bezüglich feiner auswärtigen Politik sagt das Programm, daß das Ministerium es möglichst vermeiden werde, Einzel-Allianzen einzugehen und daß es sich bemühen werbe, 0ute Beziehungen in Frankreich herzustellen.
In dem unruhigen agitatorischen Treiben in Bulgarien ist seit dem Rücktritt der russischen Generäle ein gewisser Stillstand eingetreten, konservative wie Liberale haben vereint gegen die „Befreier" Bulgariens Front gemacht und sich weitere rufsische Aufdringlichkeiten verbeten. Vorläufig scheint Rußland diese unerwartete Opposition der Bulgaren ruhig hinnehmen zu wollen, es ist aber kaum zu bezweifeln, daß der russische Agent in Sofia, Ionin, geheime Weisungen aus Petersburg hat und daß Rußland nur auf die günstige Gelegenheit wartet, um wieder den Herrn in Bulgarien zu spielen.
Der Kaiser und die Kaiserin von Rußland sind am Sonntag von Kopenhagen in Kronstadt eingetroffen und haben sich nach kurzem Verweilen nach Peterhof weiter begeben. Das kaiserliche Paar gedenkt den Winter in der Einsamkeit von Peterhof zu verbringen und nur dann und wann nach Petersburg zu kommen, so daß sich die Wintersaison am Petersburger Hose wohl recht einförmig gestalten wird. — Aus Ziwonka in Podolien kommt bie Kunde von einem schrecklichen Massen-Unglück. In der Frauen-Abtheilung der dortigen Synagoge entstand während des Gottesdienstes blinder Feuerlärm, Alles drängte nach der Thüre und wurden hierbei 40 Frauen getödtet unb gegen 30 verwundet.
Die Stimmung in China gegen die Europäer wird in Folge des französisch - chinesischen Streitfalles eine immer feindseligere. Aus der Insel Hainan werden Plakate verbreitet, in welchen den Europäern wie den Mandarinen mit dem Tode gedroht wird und sind die fremden Kriegsschiffe von den auf Hainan lebenden Ausländern um Schutz angerufen worden. In Futschan fand ein ernstlicher Krawall statt, bei welchem der französische Consul inter- oenirte. Wie es heißt, beabsichtigt die englische Negierung ihre vor Hongkong liegenden Kriegsschiffe noch um zwei Kanonenboote zu verstärken.


