41. Zweites Blatt. Sonntag ben 18. Februar 1883,
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Wochenschau»
Gießen, 17. Februar.
Die Verhandlungen des Reichstages dürften zur Stunde schon vertagt worden sein, so daß nunmehr dem preußischen Adgeordnetenhause hinlänglich Raum zur Fortsetzung seiner Beratungen geboten ist. Am Montag verwies der Reichstag nach theilweise sehr bewegten Debatten in zweiter Lesung die Novelle zum Militär-Pensions-Gesetze wieder an die 9. Commission zur schriftlichen Berichterstattung zurück und ein Gleiches geschah mit dem Relicten- Gesetz. Am Dienstag beschäftigte sich das Haus ausschließlich mit Wahlprüfun- gen und wurden im Verlaufe der ebenfalls sehr animirten Debatte eine ganze Reihe von Wahlen theils beanstandet, theils für ungiltig erklärt. Die Mittwochs-Sitzung war wiederum dem Etat und zwar der dritten Lesung desselben gewidmet; doch bildeten bei der Generaldiscussion hierüber weniger die allgemeinen finanziell-politischen Gesichtspunkte, als vielmehr militärische Betrachtungen das Grundthema. Abg. Richter-Hagen nahm zunächst die Gelegenheit wahr, dem Kriegsminister Kameke gegenüber zu erklären, daß er eine Jdentificirung des Osficier-Corps mit der ganzen Armee für unzulässig halte; die Feldarmee im Kriege bestehe höchstens zu einem Drittel aus Berufs-Soldaten, die Mehrheit sei das Volk selbst, die Steuerzahler, deren Recht, über die Armee mitzu- berathen, d. h. durch Vermittelung des Reichstages, ihrer erwählten Vertretung, unbestreitbar sei. Nachdem der socialdcmokratiiche Abg. Geifer Namens seiner Parteigenoffen erklärt hatte, daß sie gegen den Etat stimmen würden, unternahmen es die Abgg. v. Kardorff und u. Schorlemer-Alst, den Ausführungen Richter's entgegenzutreten, worauf Letzterer erwiederte, daß er als Volksvertreter es als seine Pflicht erachte, an jedem Punkte, wo er es für nöthig halte, seine Kritik einzusetzen.
Am Dienstag Abend trat das preußische Abgeordnetenhaus nach mehrtägiger Pause wieder zusammen. Auf der Tagesordnung stand lediglich die sog. Kanal-Vorlage, welche die Erbauung eines Kanals von Dortmund nach der unteren Ems vorschlägt. In der Generaldiscussion wurde auch von den Gegnern der Vorlage die Bedeutung der künstlichen Wasserstraßen anerkannt, und wurden von dieser Seite die finanziellen Bedenken hervorgehoben, da zum Bau des erwähnten Kanals 46 Mill, vtu gefordert werden. Das Haus überwies die Vorlage schließlich einer Commission von 28 Mitgliedern zur Vorberathung und vertagte sich sodann bis Sonnabend, den 17. Febr., für welche Sitzung der Etat für Handel und Gewerbe und der Eisenbahn-Etat auf der Tagesordnung steht.
In Oesterreich werden die Gemüther noch immer durch die Kaminski- Affaire bewegt. Zur Untersuchung dieses Falles ist vom Reichsrathe eine Commission von 15 Mitgliedern eingesetzt worden und zu gleichem Zwecke hat das Handelsministerium eine Beamten-Commission eingesetzt; außerdem hat sich auch die Wiener Staatsanwaltschaft der Sache bemächtigt. Hoffentlich werden diese Erhebungen die neueste Scandal-Affaire im parlamentarischen Leben Oesterreichs vollständig klären.
Das jetzt in Frankreich herrschende politische Chaos ist durch die vom Senate in der Thron-Prätendenten-Frage getroffene Entscheidung eher vermehrt als vermindert worden. Bekanntlich hat der Senat den Entwurf Waddington-Say angenommen, wonach Prinzen, welche irgend einen Act begehen, durch welchen die Sicherheit des Staates gefährdet erscheint, mit Ausweisung bestraft werden. Sowohl die ursprüngliche Regierungs-Vorlage, wie auch der vom Senator Barbey ausgearbeitete Entwurf, welcher im Allgemeinen vorschlägt, die Ausweisung der Prinzen durch ein vom Ministerrathe gutzuheißendes Decret des Präsidenten der Republik geschehen zu lassen, wurden vom Senate verworfen. Das Cabinet Fallieres hat in Folge dieser Entscheidung seine Entlassung gegeben, doch wird es auf die Bitte des Präsidenten Grvvy die Geschäfte einstweilen weitersühren. Durch die Ablehnung der Thron-Prä- tendenten-Vorlage Seitens des Senates ist ein entschiedener Zwischenfall zwischen dieser Körperschaft und der Deputirtenkammer eingetreten, welcher noch dadurch verschärft erscheint, daß die Commission der Deputirtenkammer zur Vorberathung der Prätendenten-Vorlage einstimmig den vom Senate angenommenen Entwurf abgelehnt hat. In der Deputirtenkammer selbst überwiegt die Stimmung zu Gunsten des Barbey'schen Entwurfes, so daß wohl nur letzterer die Basis zu der zwischen den beiden Häusern des französischen Parlamentes nothwendigen Verständigung bilden wird; ob sich diese ohne Weiteres erzielen lassen wird, ist freilich sehr fraglich.
In England hat das politische Leben mit dem am 15. Februar erfolgten Wiederzusammentritt des Parlamentes wieder einen regeren Pulöschlag genommen. Unter den Gesetzentwürfen, welche das Parlament in der begonnenen Nachsession beschäftigen werden, dürsten die Bill über die Reform der Londoner Gemeindeverwaltung und die Bill über die Ersetzung des parlamentarischen Eides durch bloße Angelobung lebhafte Debatten Hervorrufen. Dagegen sind in Bezug aus die irischen Angelegenheiten keine neuen Vorlagen zu erwarten, zumal da die schon angenommenen auf Irland bezüglichen Gesetzentwürfe in ihrer Ausführung auf große Hindernisse gestoßen sind.
Aus Petersburg meldet man, daß die unlängst wieder aufgenommenen Verhandlungen mit China wegen Regulirung der russisch-chinesischen Grenze einen erfreulichen Fortgang nehmen. General - Major Medjinski, der Vorsitzende der russischen Grenz-Commission, ist von den chinesischen Behörden mit großer Auszeichnung ausgenommen worden und will man hieraus schließen,
daß die Verhandlungen, welche in erster Linie die Feststellung der Grenzen im Kuldscha-Gebiete betreffen, zu einem besriedigenden Resultate führen werden.
Das anfängliche Mißtrauen, welches man der Londoner Donau- Conferenz entgegenbrachte, scheint doch nicht gerechtfertigt zu sein. Wenigstens meldet man hierüber aus London, daß in Bezug auf die zu behandelnden Fragen große Uebereinstimmung unter den Vertretern der Mächte herrsche und daß deshalb Die Verhandlungen der Conserenz einen rascheren Fortgang nehmen würden, als ursprünglich angenommen wurde. Der Vertreter Rumäniens in London, Fürst Ghika, hat sich allerdings geweigert, an der Conferenz theilzu- nehmen, da Rumänien von derselben nur eine berathende Stimme zugestanden worden ist, doch dürfte sich die ConfereNz an den Widerspruch der rumänischen Negierung wenig kehren.
Die Arbeiten zur Reform der inneren Verwaltung Egyptens gehen ihrer Vollendung entgegen. Nahezu vollendet ist jetzt die Ausarbeitung der Vorlage über die Reform des einheimischen Gerichtswesens. Es sind zwei Appellhöfe (in Alexandrien und Kairo), jeder mit vier europäischen Richtern besetzt, in Aussicht genommen, ebenso acht Gerichtshöfe erster Instanz an verschiedenen Orten, jeder mit drei europäischen Richtern besetzt.
Die Überschwemmungen in den Uereinigien Staaten.
Am schwersten haben, den bisherigen Nachrichten zufolge, Cincinnati und Louis- ville durch die Überschwemmungen gelitten. Beide Städte liegen am Ohio. Cin- c nnati ist eine der bedeutendsten und schönsten Städte der nordamerikanischm Union im Staate Oh'o — heißt sie doch bet den Amerikanern fdbft „die Königin des Westens". D e Emwobnerzahl bdrug vor zwei Jahren 255,139, davon 183,480 Inländer und 79,659 Ausländer. Seit zwanzig Jahren ist Cincinnati zwar durch Chicago und St. Louis überflügelt worden, allein seine Bedeutung für das Obio- und Mississippi- Ihol ist immer noch e«ne sehr g oße. Cincinnati's Lage ist sehr schön. Die das Ufer des Ohtoflusscs begleitenden Hügel ziedrn sich in einem Halbkreise zurück und in der dadurch entstehenden Thalschlucht breitet sich die Stadt aus, Ungs von bewaldeten und rebenumpflanzt n Höhen umschlossen. Unter den Einwohnern sind fast ein Viertel Deutsche; aus Handwerkern, Kaufleuten und Fabrikanten bestehend, habcn sie wesentlich zum raschen Aufblühen der Stadt beige.ragen und wohnen hauptsächlich nördlich vom Miamikanal „übet’m Rhein", wo sich auch die größten Bierbrauereien befinden. Die Verkehrsmittel Cinc nnatis sind sehr bedeutend, seine Flußdampssch.fffahrt wird nur von "der von St. Louis übertroffen. Mitten in die Stadt hinein zieht sich der Miamikanal, dessen Anlage über 7 Mill. Dollars gekostet hat und der, in Cincinnati beginnend, nach ein r Längenerstreckung von 465 Km. bei Toledo sich in den Eriesee ergi'ßt. 13 Haupteisenbahnen verbinden die Stadt mit den übrigen Theilen des Staates und in 28 Stunden gelangt man nach New-Jork. In diesen reichentwickelten Verkehr hat nun die Überschwemmung c ne arge Störung gebracht
D'e zwe'te, nn ist beschädigte Stadt ist Louisoille. Sie liegt am südlichen Ufer des Ohio, unmittelbar unter den dortigen Stromschnellen, ist die größte Stadt im Staate Kentucky und hat über 100,000 Einwohner. Als Hauptstapclplatz für den Kentucky'schen Hanf und Tabak, ist es bedeutend durch seinen Handel, welcher dem- jen gen vrn Cincinnati fast gleichkommt; besonders unterhält die Stadt lebhaften Verkehr mit N.w-Orleans und den am Mississippi gelegenen Otten Mit dem Innern des Staates und dem Cüd-.n siebt Louisv lle durch drei Eisenbahnen in Verbindung. Die Stadt liegt ebenfalls sehr schön und ist gut gebaut
Wir geben nunmehr nachfolgend die E nzelheiten über die Ueberschwemmungen, wie sie uns bis jetzt durch die englischen Zeitungen oder direkt telegraphisch zugekommen sind.
In C'ncinnatt war der höchste bekannte Stand des Wassers (64 Fuß 4 Zoll im Jahre 1832) um 3 Fuß überschritten; zehn Meilen Flußufer waren üderfluthet, Hunderte von Häusern standen unter Wasser, Tausende von Personen waren ohne Beschäftigung. Da das Wasser allmälig stieg, so war es möglich gewesen, alle bedrohten Menschen zu retten. Bet der Ueberfluthung deS Bahnhofs sind leider 50 Menschen umgekommen. Der Strom war so reißend, daß das Fahren auf demselben geführt ch wurde. Das Wasser hat die Feuer in den Gasanstalten gelöscht. Am Sonntag früh ertranken 450 Stück Vieh. Die Hängebrücke konnte nur zu Boot erreicht werden- Alle Eisenbahnen waren überschwemmt und das Reisen war fast unmöglich. Der Fluß stieg jede Stunde einen Zoll. Die Handelskammer hatte ein Comite ernannt, um Gelder für die Unterstützung der Nothleidenden zu sammeln. Auch sonst werden Maßregeln zur Hilfeleistung getroffen. Die Fluthen in Louisville sind die höchsten, welche je dagewesen- Die Geschäfte und die Schifffahrt stockten und den Uferbauten ist großer Schaden zugefügt worden. Die angeschwollenen Flüsse in Kentucky vergrößern das Wasserv^lumen im Ohio und das Eigenthum langS des Ufers bat enorm gelitten. Auch Portland und Jeffersonville waren überschwemmt- Newport und Covington, sowie alle benachbarten Städte haben großen Schaden gelitten. (F- B-)
Vermischte »
— Die Verhandlungen der Commission zur Prüfung der Frage der ueber- bürduna der Schüler höherer Lehranstalten im Großherzogthum Hessen sind nebst den dazu gehörigen Berichten in den ersten Tagen im Druck erschienen. Dteselben Haven einen Umfang von 28 Druckbogen in groß Oktav und sind auch im Buchhandel (Buchhandlung des StaatsverlagS in Darmstadt) zu beziehen-
Werden a. d. R-, Anfang Februar. Vor einigen Wochen ist in der hiesigen Wassermühle von F. Busch die elektrische Glühlicht-Leleuchtung lieber die Art der Einrichtung mögen nachstehende Notizen. einigenAufschluß geben. Der elektrische Stromerzeuger, welchen die dynamo - elektrische Maschine. r^räsentirt und dessen Anker pro Minute 1250 Umdrehungen zu machen hat, ist vurch Riemen mit einer der BetriebSwellen der Turbine verbunden und speist die in dem-Etablissement zur Anwendung kommenden 22 Lampen, die in gleicher Weise in der Mühle,, den Lagerräumen und dem Comptoir vertheilt sind, wie die ^üheren, in gleicher Anzahl benutzten Petroleumlampen. Von diesen 22 lampen haben 14 btt ganze Nacht hindurch zu brennen, wahrend die übrigen 8 mittelst der an jeher ßampe befindlichen sogenannten Autzschalte-Einrichtunaen um 8 Uhr AbendS ausgelöscht weiten. E n nid) zu unterschätzender Vortheil ist die höchst einfache Bedienung, welche die Anlage erfordert; sie nimmt täglich nur einige Minuten zur Wartung und Neuschmierung der dynamo elektrischen Maschine in Anspruch, dagegen ist während des Betriebs keine Bedienung nothwendig. Die Betriebskosten sollen pro Lampe und Stunde nur s/4 .3 betragen, sie find also in der That niedrig und fallen umsoweniger in'S Gewicht, als die Anlage außer der helleren Beleuchtung noch die Vortheile der Geruchlosigkeit, Reinlichkeit und


