1888
Ur. 268.
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Meßmer AnzMU
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Berlin, 15. November. Die „Nordd. Allg. Zig." schreibt: Die französischen Blätter suchten nach neuem Material, um dem Deutschenhaß frische Nahrung zu- zuführen. Sie versuchten cs jetzi, Deutschland für den wirthschattlichen Rückgang verantwortlich zu machen, worüber dte französische Industrie seit Jahr und Tag Klage erhebe. Daß dies gläubige Obren finde, s-t nicht zu verwundern, die großen Mafien bürdeten immer gern Andern di« Schuld für di- eigenen v-bler auf, aber mit der sonst mit Recht gerühmten politischen Intelligenz der Frarzosen stehe cs kaum im Eink ang. daß dte Franzosen nicht empfänden, w!e ihr wirthichaftlicheS Leben du.ch die eigene Presse UN» deren fortwährende Krtegsbctzercim ruinirt würde. Die französische Hetz- presse sei er, welche die ganz« Bevölkerung in steter Sorge für einen nahe bevorstehenden Krieg erhalte und dadurch jedes Geschäfts-Unternehmen in Frankreich l^"'l.Han»burg, 15. November. Der russische Reichskanzler v. Giers ist heule Vormittag nach Momreux weite-,ereist. „ . .. c, ...
Straßburg, 15. November. Dte „Elsaß-Lothr. Zeitung schreckt: Eine dem Pariser „Gaulois" angeblich unter dem 13. d. Mts. aus Straßburg telegraphirte Mittheilung, wonach der Eommandeur des hiesigen lllanenregiments sich dem Gefolge Sr. K. K. Hoheit des Kronprinzen auf der Reise nach Madrid anschließen werde, beruht nach eingezogenen Erkundigungen auf Erfindung. — Der Kriegsminister Generallieutenant Bronsart von Schellendorf war heute irr Neubreisach, um von den dortigen Verhältnissen Einsicht zu nehmen. Derselbe nimmt Abends an dem vom Statthalter dem Bezirkstage des Unter-Elsaß gegebenen Diner Theil und reist sodann mit dem Nacht-Schnellzuge nach Metz weiter.
Paris, 15. November. Tseng war tatsächlich gestern tm auswärtigen Amt, gab aber bei der großen Anzahl bereits anwesender Diplomaten, die vor ihm empfangen werden mußten, nur seine Karte ab. Eine Unterredung mit Ferry hat in Folge besten bis jetzt nicht wieder stattgefunden. Die Bureaus der Kammer wählten die Commission für die Tongking - Creditvorlage. Dir
DoLiLische^NeSerfichL.
Gieße«, 16. November.
Die große Neuigkeit der Madrider Reise des deutschen Kronprinzen hat nunmehr ihren Nundlauf durch die gesammte europäische Presse bewerkstelligt, und es ist gewiß ein schmeichelhafter Beweis des unerschütterlichen Zutrauens in die Gerechtigkeit und Ehrlichkeit der deutschen Politik, daß nirgends, wo inan einer vorurtheilssreien Auffassung von Personen und Verhältnissen fähig ist, auch nur die geringste Neigung verspürt wird, in dem Besuch des deutschen Kaisersohues am spanischen Königshofe etwas anderes zu erblicken, als ein weiteres Symptom der zwischen Berlin und Madrid etablirten freundschaftlichen Gesinnungen. Frankreich steht mit seinem abweichenden Urtheil .gänzlich allein. Durch die Nörgeleien der republikanischen Pariser Blätter läßt sich das spanische Volk in der freudigen Genugthuung über die seinem Stolze so schmeichelhafte Auszeichnung von deutscher Seite nicht irre machen. Privat- Mittheilungen spanischer Provenienz constatiren, daß der Enthusiasmus, den die Ankündigung des bevorstehenden Besuches des Kronprinzen im ganzen Lande hervorgerufen, ein ganz außerordentlicher ist, und von den Zeitungen nur deshalb weniger betont wird, weil ,nan der französischen Empfindlichkeit Rechnung trägt. Doch wird diese Rücksicht nicht weiter getrieben, als nöthig erscheint. Namentlich wird sich das Volk durch Nichts abhalten lasten, nach Kräften dazu beizutragen, daß der dem durchlauchtigen Äaste zu bereitende Empfang sich zu einem wahrhaft großartigen gestalte. Spanien will der ganzen Welt, und besonders Deutschland, zeigen, wie es feine Freunde zu ehren weiß, nebenher wohl auch den Parisern eine Lectwn in Sachen der internationalen Courtoisie ertheilen. Frankreich wird dieselbe wohl oder übel einstecken müssen. Die Republik hat es um Spanien nicht bester verdient. Europa aber heißt um der Wahrung des Vökerfriedens willen jedes Ereigniß willkommen, welches darnach angethau ist, das chauvinistische Temperament der Franzosen abzukühleu und ihnen zum Bewußtsein zu bringen, daß sie mit ihren Revanche-Speculationen lediglich auf sich selber angewiesen sind. Dies, die fortschreitende Jsolirung Frankreichs, ist wenigstens die von den weitaus meisten europäischen Zeitungen aus dem Besuche des deutschen Kronprinzen in Madrid gezogene und beifällig commentirte Schlußfolgerung. r. ....
Der sächsische Landtag ist am Dienstag zu feiner neuen Session zusammengetreten. Zum Präsidenten der ersten Kammer ernannte der König abermals Herrn v. Zehmen, auch die zweite Kammer wählte per Acclamation ihr bisheriges Präsidium — Haberkorn (cous.), Streit (Fortschr.) und Pfeisfer lnat.-lib.) — wieder. Am Mittwoch sand die feierliche Eröffnung des zum Theil neugcwählten Landtages im Thronfaal des königlichen Schlosses zu Dresden statt. , , , , ,
Die österreichisch.ungarischen Delegationen haben nach ver- hältnißmaßig kurzer Thätigkeit ihre Arbeiten am Mittwoch, den 14. November, beendigt, an welchem Tage die Schluß-Sitzungen stattfanden. Am Tage vorher hatten sich die Ausschüsse der österreichischen und der ungarischen Delegation über sämmtliche abweichenden Beschlüsse beider Delegationen geeinigt. Die Re- «zierung des Grafen Taasie darf mit den Erfolgen der Session Durchaus zusrie- den fein; ihre auswärtige Politik und namentlich das freundschaftliche Verhältniß zu Deutschland, fand die volle Zustimmung der Delegationen und das Gleiche kann auch in Bezug auf die zur Berathung gelaugten inneren Angelegenheiten, .abgesehen von einigen unwesentlichen Punkten, gelten. Selbst^der bosnische Oecupations-Credit ist diesmal, im Gegensatz zu der früheren Session der Delegationen, unbeanstandet bewilligt worden.
Der französischen Deputirtenkammer ist in dieser Woche abermals Gelegenheit zu einer eingehenden Erörterung der Tongking-Angelegenheit geboten. Die Regierung hat eine Nachtragsforderung für die Tongkmg- -Expedition im Betrage von 9 Mill. Frcs. eingebracht und ist die Kammer am Donnerstag in die Berathung der betr. Vorlage eingetreten. Die verhaltniß- miäßig bedeutende Nachtragsforderung dürfte auf die immer drohendere Hmtung Chinas zurückzusühren sein, welche es der französischen Regierung zur Pflicht macht, bei Zeiten ihre Maßregeln zu treffen. Bekanntlich hat Marquis Tseng erklärt, daß China den bevorstehenden Vormarsch der Franzosen auf bie Stadt Bacninh wahrscheinlich als einen Kriegsfall betrachten würde, dieser Vormarsch ist aber eine beschlossene Sache und stünden wir denn unmittelbar vor dem Ausbruche der französisch-chinesischen Feindseligkeiten, falls der Marquis den Mund nicht etwas zu voll genommen hat, ivas allerdings gerade nicht zui den Unmöglichkeiten gehört. Sollten aber die Feindseligkeiten demnächst m der That beginnen, dann wären Leben und Eigenthum aller in Chma lebenden Ausländer — nicht nur der Franzosen — auf's Höchste gefährdet und die euroMischen Regierungen werden daher gut thun, diesen Umstand schon jetzt in ernste Erwag-
9 ^Die^Ualienifchen Kammern treten am 26. November zu ihrer Wintersession zusammen, womit dann auch im Apeninneustaate das politgaie Leben sich wieder zu voller Regsamkeit entfalten wird. M das Ministerium de Pretis deutet der politische Barometer auf Sturm, denn bereits finden unter den Führern der verschiedenen Oppositions-Parteien eifrige Verhandlungen statt, AM gemeinschaftlich gegen das Ministerium vorzugehen und bezeichnet man als das Haupt dieser in der Bildung begriffenen antiministeriellen Koalition den früheren Ministerpräsidenten Cairoli. Herr de Pretis hatte indessenl von der Zegenwärtigen Deputirtenkammer schon so eelatante Beweise ihres Vertrauens
erhalten, daß et dem bevorstehenden parlamentarischen Sturm wohl mit Ruhs entgeMisehen darf.
Der russischen Presse ist von Petersburg aus eine bemerkenswert^ offieiöse Verwarnung zu Theil geworden. Die Regierung hat die russischen Blattet angewiesen/sich aller grundloseii allarmirenden Nachrichten zu, enthalten, welche.Peeignet seien, die guten Beziehungen zwischen Rußland und seinen Nach- barstaäten zu stören. Ohne Zweifel ist dieser „kalte Wasserstrahl" an die Adresse der panslavistischen Hetzpresse gerichtet, über welche vor. Kurzem Graf Kalnoky in der österreichischen Delegation ein so herbes Urtheil fällte.
Die Erhebung im südlichen Serbien ist doch noch nicht gänzlich unterdrückt. Nach einer Meldung aus Belgrad ist zwar der Kreis Zajcar „pacificirt" und operiren die serbischen Truppen jetzt gegen Kujaschevatz, ober eben aus leherer Meldung geht hervor, daß die Insurgenten noch nicht vollständig zersprengt sein können, denn die Truppen würden sonst schwerlich nöthig haben, weiter zu „operiren."
Der russische Oberst Kaulbars weilt gegenwärtig am Hofe von. Sofia und glaubt man, daß er vom Czaren den speciellen Auftrag erhalten habe, die alten Beziehungen zwischen Rußland und Bulgarien wieder herzustellen.
Auf Madagaskar haben die Feindseligkeiten zwischen den Franzosen und den Howas wieder begonnen. In der Hauptstadt Antanariva ist eine Revolution ausgebrochen, weshalb die Franzosen ihren Vormarsch auf Antana- riva wieder ausgenommen haben; das Heer der Howas soll ebenfalls auf dem Marsche begriffen fein, um die Franzosen aufzuhalten. Der nächste Angriff der Letzteren wird der Stadt Mayakandianomban gelten.
Darmstadt, 15. November. Se. Königs. Hoheit der Großherzog werden vom 17. d. Mts. an wieder Mittwochs und Samstags im Neuen Palais Audienzen ertheilen, fowie Meldungen und Vorträge entgegen nehmen.
— Die Staatsprüfung der Aspiranten zum Staatsdienste int Medicinak- fache und diejenige der Aspiranten zum Staatsdienste im Veterinärfache findet vom 10. Deeember l. Js. an vor der von Großh. Ministerium des Innern und der Justiz bestellten Prüfungs-Commifsion statt. Gesuche um Zulassung zu diesen Prüfungen sind mit den erforderlichen Belegen versehen alsbald bei Großh. Ministerium des Innern und der Justiz eiuzureichen.
Berlin, 14. November. Die Zurückhaltung, welche sich die französische Preße anfänglich btt Reise deS Kronprinzen gegenüber auferlegt hatte, hat nun dem üblichen rohen Geschimpfe Platz gemacht, an daS die W«lt von PariS her sich gewohnt hat und für das man in vornehmeren politischen Kreisen außerhalb Frankreichs nur noch ein verächtliches Achselzucken bat Auch ein Artikel des „National", in dem die spanischen Republikaner geradezu ausgefordert werden, durch eine Empörung auf den Empfang -u antworten, den der König von Spanien und mit ihm das ganze gutgesinnte Spanien unserem K-onp-inzen bereitet — auch dieser unglaubliche Artikel wirb möglicherweise nur mit stillschweigender Verachtung behandelt werden; aber Entrüstung wirb es erregen, in sehen, daß bie in Spanien lebenden Franzosen von ihren Landsleuten zu Dcmon- stration'ir gegen den dmischen Kronprinzen anfgehcht werden. Auch unterliegt es in wohlunterrichteten Kreisen keinem Zweifel, baß französische Geldsendungen zu dem Zweck nach Barcelona bereits stattgesunben haben. Spanien wirb bie spanische Ehre zri vcrtheibigen wissen; ähnliche Auftritte, wie sie in Parts bet der Ankunft des Königs Alfons siatifinben konnten, sind glücklicherweise in einem anderen Lande als Frankreich heute nicht denkbar. Die französischen Wühlereien beunruhigen keineswegs, aber matt darf wohl versichert fein, daß diefelben hier nach Verdienst gewürdigt werben. Die kurze Verzögerung in der Abreise des Kronprinzen hat durchaus keinen politischen Charakter.


