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Nr. 2411. Mittwoch den 17. October 1883

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

«""au- Schulstraß-7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. IÜr?di°°P°stVg°n

Amtlicher Hheil. Bekanntmachung.

In Gemäßheit des § 9 des Gesetzes vom 13. Februar 1875 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden werden hiermit nachstehende Durchschnittsmarktpreise vom Monat September 1883 veröffentlicht:

Hafer 15., Heu 5.25, Stroh 5.25 per 100 Kilogramm.

Gießen, den 15. October 1883. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

_________Dr. Boekmann.___

Bekanntmachung.

Nachdem die Maul- und Klauenseuche unter dem Rindvieh rc. in Hof-Gill erloschen ist, werden hiermit die Sperrmaßregeln wieder aufgehoben. Gießen, den 14. October 1883. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Dr. Boekmann.

Politische Ueberstcht.

Gießen, 16. October.

Der Herb st aufenthalt des Kaisers in dem freundlichen Baden- Baden bekommt dem greisen Monarchen ganz vortrefflich. Derselbe erfreut sich nebst seiner erlauchten Gemahlin des besten Wohlbefindens und kann man dies als einen erfreulichen Beweis betrachten, daß die Strapazen der letzten Manöver wie überhaupt die Anstrengungen der ganzen Festtage in Homburg und am Rhein für den Kaiser nicht im Mindesten nachtheilige Folgen gehabt haben.

Das deutsche kronprinzliche Paar machte bekanntlich während seiner jüngsten italienischen Reise auch der Stadt Mailand einen Besuch, wo dasselbe vom König Humbert begrüßt wurde. Später machten die deutschen Herrschaften dem italienischen Königspaare in Monza einen Gegenbesuch; wie immer, so trat auch dieses Mal in dem Verkehre zwischen dem deutschen Kron­prinzenpaare und den italienischen Majestäten die größte Herzlichkeit zu Tage. Am 13. oder 14. October gedachten die kronprinzlichen Herrschaften nach der Schweiz zurückzukehren, um hier noch etwa eine Woche zuzubringen.

Unsere gesammte innere Politik laborirt noch immer an einer gewissen Ereignißlosigkeit und wird in jene wohl erst mit der im November bevorstehenden Eröffnung des preußischen Landtages wieder ein frischerer Zug kommen. Einstweilen hilft sich die Presse mit Betrachtungen über das neue Actiengesetz, über die Steuer- und Zoll-Tarifpläne der Reichsregierung u. s. w. aus; dagegen läßt sich der kirchenpolitischen Frage absolut kein neues Moment abgewinnen und auch die Reise des Kardinals Hohenlohe nach Deutschland, dessen Unterredungen mit dem italienischen Gesandten in München, Grafen Bartolani, sowie dem altkatholischen Stiftsprobst Dr. Döllinger läßt sich zu kirchenpolitischen Zwecken anscheinend nur wenig fructificiren- Auch das Gebiet der Parteifragen ist so ziemlich abgegrast ustd so wird man das politische Röß­lern wohl eine Zeit lang wieder mehr auf dem Gebiete der auswärtigen Ange­legenheiten tummeln müssen, wo gegenwärtig allerdings auch mehr zu holen ist, als in der inneren Politik.

In der Reichs Hauptstadt stehen die nächsten Donnerstag stattfinden­den Neuwahlen zur Stadtverordneten-Versammlung ausschließlich im Vordergründe des Interesses. Alle drei concurrirenden Parteien, die Liberalen, die deutsche Bürgerpartei und die Arbeiterpartei, haben ihr Möglichstes in der Agitation geleistet und sich nach Kräften verketzert, so daß sich die Agitation zu den communalen Wahlen in nichts von derjenigen zu den politischen Wahlen unterscheidet. Für welche Partei sich die Majorität der Berliner Communal- Wähler entscheiden wird, läßt sich zwar noch nicht mit absoluter Sicherheit vor­aussagen , doch hat es den Anschein, als ob in der bisherigen im Ganzen eine liberale Physiognomie zur Schau tragenden Stadtvertretung von Berlin keine wesentlichen Veränderungen eintreten werden.

Bei der an Stelle v. Bennigsen's im Wahlkreise Neuhaus an der Oste am 12. October stattgefundenen Ersatzwahl zum Landtag ist Pastor Pfaff, ein persönlicher Freund Bennigsen's, mit 155 von 156 abgegebenen Stimmen gewählt worden.

Die deutscheCholera-Commission" in Egypten hat jetzt ihre Arbeiten zu einem gewissen Abschluß gebracht und will nunmehr ihre Forschun­gen in dem Heimathlande der Cholera selbst, in Indien, fortsetzen. Nach den Berichten des Vorsitzenden der Commission, Geh. Raths Dr. Koch, scheint in der That ein bestimmter stäbchenartiger Mikro-Organismus als Fortpflanzungs­mittel der Cholera gefunden worden zu sein und die Lebensbedingungen dieses Bacillus zu erforschen, ist Indien, wo die Cholera im Ganges-Delta ständig ist, durchaus geeignet.

Die Regierung des Herrn Tisza hat in der kroatischen Frage gegenüber der ungarischen Opposition einen entschiedenen Erfolg erzielt, denn beide Häuser des ungarischen Parlaments haben den bekannten Vermittlungs- Antrag des Ministerpräsidenten mit großer Majorität angenommen. Im Unter­hause stimmten die sächsischen Abgeordneten für die Regierung, während sich ein Theil der äußersten Linken der Abstimmung enthielt, andernfalls wäre Herr Tisza allerdings in eine kritische Situation gerathen. Von der Art und Weise, wie der Letztere seinen Sieg benutzt, wird es abhängen, ob der Ausgleich mit ben Kroaten auch in praxi perfect wird. Was den neuesten österreichisch- rumämschen Grenzconflict anbelangt, so ist derselbe stark übertrieben worden, die ganze Sache beschränkt sich darauf, daß einige rumänische Grenzwächter ein

auf noch streitigem Gebiete gelegenes Wachhaus besetzten und hier von ungari­schen Gensd'armen gefangen genommen wurden; die verhafteten Grenzwächter sind indessen bereits wieder sreigelassen worden. An leitender Stelle in Wien legt man dem ganzen Vorfall keinerlei Bedeutung bei. Kaiser Franz Josef hat den König von Griechenland, welcher während seiner Rückreise von Kopen­hagen nach Athen einige Tage in Wien weilte, zum Ehes des 99.gJnsanterie- RegimentS ernannt. 'M-

Der Personal wechsel in der Leitung des französischen Kriegs­ministeriums hat die Schwierigkeiten, an denen die innere und zum Theil auch die auswärtige Politik Frankreichs gegenwärtig laborirt, keineswegs vermindert. Im Gegentheil, dieselben sind hierdurch nur noch vermehrt worden, denn die Radikalen mißbilligen laut die vom Ministerpräsidenten Ferry erzwungene De­mission ihres Lieblings Thibaudin und demonstriren in lauter und unzweideu­tiger Weise für den gewesenen Kriegsminister. Daneben nehmen die auch von gemäßigt republikanischer Seite gegen das Ministerium Ferry in Scene gesetzten Jntriguen, deren Leiter Mr. Wilson, der Schwiegersohn des Präsidenten Grövy, ist, ihren ungestörten Fortgang; die Nachricht von einer zwischen Ferry und Wilson stattgesundenen Aussöhnung hat sich als vollständig unbegründet heraus­gestellt. Unter diesen Umständen wird das Cabinet bei der in etwa 14 Tagen bevorstehenden Wiedereröffnung der französischen Kammern einen schwierigen Stand haben und nur rasche und durchgreifende Erfolge in der auswärtigen Politik, besonders in der Tongkingfrage, könnten denselben wieder verbessern. Der Vertrag mit denSchwarzen Flaggen" bedeutet nun wohl einen wesent­lichen Erfolg Frankreichs in Ostasien, aber von einer Sicherung ihres Besitz­standes in An am sind die Franzosen noch weit entfernt und was China anbe­langt, so hat dasselbe sein letztes Wort in der Tongkingfrage noch nicht gesprochen.

In England ist wieder die Zeit der großen Agitations-Meetings. Eines der größten derselben war das in voriger Woche in Belfast (Irland) abgehaltene Orangisten-Meeting, welchem ca. 40,000 Personen, unter ihnen auch Northcote, der Führer der Conservativen, beiwohnten. Es wurden auf dem­selben Reden von einer Heftigkeit gehalten, die selbst in dem redefreien England unerhört ist. Das conservative Parlamentsmitglied King Harman bezeichnete die Anhänger Parnell's als eine stinkende Meute, welche von den irischen Schweinemärkten und dem New-Dorker Pfuhle ausgespieen worden sei. Der Deputirte Healy dagegen, ein Parnellit, nannte aus einem andern Meeting die Mitglieder der irisch - conservativen Parteieine Rotte verlogener, versoffener, schurkischer, ehrloser Strolche!" Von politischem Anstandsgefühl scheinen die betr. Redner noch keinen blassen Schimmer zu haben.

Die Demission des Cabinets Sagasta hängt, entgegen den Ver­sicherungen der officiösen Madrider Blätter, eng mit dem französisch - spanischen Zwischensall zusammen. Der spanische Botschafter in Paris, Herzog v. Fernan Nunez, erhielt vom Minister des Auswärtigen, Marquis Vega de Armijo, wie­derholt Befehl, Paris zu verlassen, wogegen der Botschafter remonstrirte. Armijo berief nun einen außerordentlichen Ministerrath, in welchem er den Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit Frankreich verlangte. _ Die übrigen Minister widersprachen aber dieser bedenklichen Forderung, worauf Armijo seine Demission gab und diesem Schritte folgten dann auch die übrigen Mitglieder des Cabinets; auch der Herzog v. Fernan Nunez ist jetzt von seinem Posten zurückgetreten. Die Bildung des neuen Cabinets scheint auch nicht so giatt vor sich zu gehen, als es zuerst den Anschein hatte. Der Kammerpräsident Posada hat diesen Auf­trag abgelehnt und auch Camacho, welchem das Finanzministerium angeboten worden war, hat abgelehnt.

Nach den jetzt veröffentlichten Berichten des internationalen Gesundheitsrathes in Egypten über die jüngste Cholera - Epidemie hat dieselbe einen Totalverlust von über 30,000 Menschenleben verursacht. Allein in der Zeit vom 22. Juni bis 21. August starben in Egypten 25,083 Men­schen an der Cholera und auch jetzt noch erliegen ihr hier und da einzelne In- dividuen. Vorläufig besteht noch die Möglichkeit, daß die Cholera im nächsten Frühjahr am Nil wieder auftritt und die Gesahr der Ansteckung ist darum auch für Europa noch nicht ganz verschwunden. __

Darmstadt, 15. October. Se. Königö Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:

Am 6. October dem Kreisveterinärarzt des Kreisveterinäramts Gießen