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Ar. 64. Samstag den 17. März 1883

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Amts- und Anzeitzeblatt sirr den Kreis Gießen.

_ f, . , ... .. QraAfimo so« Prei- vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerloh-'.

Bttteon: Schulstrahe 7. Sr.chemt täglich mit - urinahme des JZontufl^. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hheil.

Gießen, den 15. März 1833.

Betreffend: Die Bildung der für das Jahr 1883/84 nöthigen Weinsteuer-Einschätzungscommissionen.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzherz östlichen Büvstermeistereien des Kreises.

Wir erinnern Sie, soweit Sie noch im Rückstände sind, an Erledigung unserer Verfügung vom 20. Februar 1883 binnen acht Tagen. Dr. Boekmann.__(_________________

Betreffend? Die Tilgung der Schaftäude. Gießen, am 15. März 1883.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Grotzhepzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.

Wir erinneim Sie, soweit Sie noch im Rückstände sind, an Erledigung unserer Verfügung vom 27. Februar 1883 binnen acht Tagen.

Dr. Boekmann.

Politische Ueberstcht.

Gießen, 16. März.

Kaiser Wilhelm vollendet am 22. März d.. sein 86. Lebens­jahr und mit einer für dieses hohe Alter wunderbaren Frische des Geistes und Rüstigkeit des Körpers überschreitet er die Schwelle zu einem neuen Lebensab­schnitte. Die innigsten Wünsche des deutschen Volkes begleiten den allverehrten greisen Monarchen in sein neues Lebensjahr hinüber; möge dasselbe dem kaiser­lichen Held rein und ungetrübt verfließen! Da der 22. März diesmal in die Charwoche fällt, so findet die officielle Feier des Geburtstages des Kaisers bereits diesen Sonnabend, den 17. März, statt, wie dies der hohe Herr selbst angeordnet hat.

In den höheren Regionen in Preußen scheinen sich gegenwärtig verfchle- dene Strömungen und Einflüsse zu kreuzen und zu bekämpfen, die in dein Per­sonalwechsels in der Leitung des Kriegsministeriums und den übrigen sich hieran unmittelbar anknüpfenden Veränderungen in diesem Nesson, sowie auch in den anderweitigen Gerüchten über bevorstehende Ministerkrisen ihren Ausdruck finden. Was die weiteren Veränderungen im Kriegsministerium anbelangt, so ist zu­nächst dieAbthellung für die persönlichen Angelegenheiten", die Militärtanzlei ses Kaisers, deren Chef Generallieutenant v. AlRdpll ist, vom Ressort des Kriegsministers völlig losgelöst worden; ferner ist General Verdu du Vernois, bisher Director des allgemeinen Kriegs-Departements im Kriegsministerium, zu den Officieren der Armee versetzt worden, an seine Stelle tritt Generalmajor Hänisch, Commandeur der 28. Kavallerie-Brigade. Die Demissionsgesuche der Herren v. Rauch, Chef des Remontewesens, und v. Hartmann, Director res Jnvalidenwesens, sind vom Kaiser nicht angenommen worden, dagegen wurde Len genannten Militärs ein dreimonatlicher Urlaub bewilligt. Auch die Rach- richt, daß der Chef der Admiralität, v. Stosch, seine Entlassung eingereicht habe, bestätigt sich, nur scheint sich der Kaiser in dieser Angelegenheit noch nicht schlüssig gemacht zu haben. Die Gründe, welche Herrn v. Stosch zu diesem Schritte bewogen haben, sind nicht näher bekannt.

Ueber die parlamentarische Lage, wie sie sich nach den Oster­ferien gestalten wird, scheinen noch keine endgültigen Bestimmungen getroffen zu sein. Zwar hat der Senioren-Convent des preußischen Abgeordnetenhauses am Montag beschlossen, die Vertagung des Hauses am 16. März eintreten und bis zum 16. April währen zu lassen, dagegen hat Fürst Bismarck die Vertagung bis zu dem genannten Zeitpunkt beanstandet. Dem Vernehmen nach geht der Reichskanzler von der Ansicht aus, daß die Geschäftslage des Abgeordneten­hauses einen so langen Aufschub seiner noch zu erledigenden Arbeiten nicht ge­statte und wünscht daher, daß das Abgeordnetenhaus seine Sitzungen bereits am 4. April wieder aufnehmen soll. Da nun aber der Reichstag am 3. April wieder zusammentritt, so würden wir abermals vor der Calamität des Reben- einandertagens beider parlamentarischen Körperschaften stehen; voraussichtlich wird daher die Frage der Vertagung des Abgeordnetenhauses in einer Con- ferenz des Fürsten Bismarck mit den Mitgliedern des Senioren-Convents noch­mals zur Verhandlung kommen.

Das österreichische Abgeordnetenhaus stand in dieser Woche vor dem merkwürdigen Fall einerAuslieferungsfrage." Wie erinnerlich, halte oer auf extrem-nationalem Standpunkte stehende deutsch-österreichische Reichü- rathS-Abgeordnete v. Schönerer auf dem Wagner-Commers des Vereins deutscher Studenten in Wien trotz des ausdrücklichen Verbotes des mitanwesenden Poli- zeicommisiars verschiedene Male gesprochen. Wegen Störung der öffentlichen Ruhe ist der genannte Abgeordnete vom Wiener Landgerichte in Anklagestand versetzt worden und hat dasselbe das Präsidium des Abgeordnetenhauses um die Auslieferung v. Schönerer's ersucht.

In Frankreich scheint die Thron-Prätendenten-Frage von der Tages­ordnung augenblicklich wieder abgesetzt zu sein und dafür die socialistische zur Abwechselung emporzutauchen. Die Untersuchung ü' er die in Paris am Freitag und Sonntag erfolgten Arbeiter-Kundgebungen ist im vollen Gange und ist man besonders deshalb aus das Ergebniß derselben gespannt, weil man unter en tumultuirenden Arbeitern auch bonapartistische und legitimistische Depntirte bemerkt haben will und die Annahme liegt allerdings nicht fern, daß die Partei­

gänger des Kaiserthums, wie die Anhänger des Lllienbanners die anarchistischen Demonstrationen benutzen wollten, um für sich im Trüben zu fischen. Was die M's Wasser gefallenen socialistischen Putsche selbst anbelangt, so ist denselben, wenn man die geringe Anzahl der vorgenommenen Verhaftungen in Betracht sieht, keine große Bedeutung beizumeffen; die eigentlichen Arrangeure der Demonstrationen sind natürlich den Händen der Polizeibehörden leider wieder intwischt.

Rach circa vierwöchentlichen Verhandlungen hat die Londoner Oonau-Conferenz in vergangener Woche ihr Werk beendigt. Ueber verschiedene Differenzpunkte in der Donaufrage ist zwischen den Mächten ersreulicher^Wcije in Uebereinkommen erzielt worden und sind dem englischen Unterhause Seitens ler Regierung bereits die Beschlüsse der Conferenz mitgetheilt worden. Hiernach iesteht der neue Donau-Vertrag aus 9 Artikeln, welche folgende Haupt-Bestim- nungen enthalten: Die Competenz der europäischen Donau-Commission wird nach Braila (Rumänien) ausgedehnt und ihre Vollmachten werden vorläufig aif 21 Jahre verlängert. Sowohl der Kilia-Arm (russische) als auch der Eulina-Arm (rumänisches der Donau-Mündung unterstehen auch ferner einer ^wissen Controle der europäischen Commission; will Rußland Bauten am Kilia- lrm vornehmen, so hat es die bezüglichen Pläne der Donau-Commission mit- zitheilen. Rußland hat das unbeschränkte Recht, auf seinem Theil der Donari- ^ünbung Gefälle zu erheben, doch ist Rußland verpflichtet, von den betreffenden Reglements den Rkächten ebenfalls Kenntnißl zu geben. Die bisherigen Bestim- rungen Über die Schifffahrts-Polizei und allen sonstigen Conventionen, Artikel ?c. iber die Donau, soweit sie nicht durch den gegenwärtigen Vertrag aufgehoben snd, werden aufrechterhalten. Der Ratificirungs - Austausch soll spätestens imerhalb 6 Monate erfolgen.

In den politischen Kreisen Petersburgs erregt der Selbstmord es Staatssecretärs Rcakoff nicht geringes Aufsehen. Atakoff, unter Kaiser llexander II. Minister des Innern, mußte Loris - Melikoff Platz machen und bernahm dann das Ministerium für Posten und Telegraphen; vor Kurzem mrbe er zum Präsidenten desComit^s zur Bearbeitung der Judenfrage" rnannt. Officiell wird als Ursache des Selbstmordes momentane Geistesstörung ngegeben, doch scheint es, daß in seiner früheren Amtsführung entdeckte Unre­gelmäßigkeiten Makoff in den Tod getrieben haben.

In Athen sand am Dienstag das feierliche Leichenbegangniß des frühe- en griechischen Ministerpräsidenten Kommmiduros statt. Der König schloß sich jor der Kathedrale dem Trauerzuge an, die gesummte Garnison nahm an der trauerfeier Theil, am Grabe hielten der Ministerpräsident Tricoupis, der Kammerpräsident und mehrere Freunde des Verstorbenen Reden. Kommunduros >at die Geschicke seines Vaterlandes sowohl während des russisch-türkischen Krieges, als auch während der griechisch-türkischen Grenzregulirung mit eben- oviel Klugheit als Mäßigung gelenkt, er war es, der die Gelüste der gnechr- chen Kriegspurtei im Zaume hielt und so eineiig Kampf zwischen Griechenland mb der Türkei verhinderte, bei welchem die günstigen Chancen gerade nicht auf griechischer Seite lagen.

Darmstadt, 15. März. Ihre Kömgl. Hoheiten der Herzog und die Herzogin von Connnught sind heute früh dahier eingetroffen.

Darmstadt. 14. März. Heute ist dein Landes-Conuto zur Unter« tntzung der Wasserbeschädigteu im Großherzogthum Seitens des Herrn Praii- enten des Reichstages ein .veiterer Betrag von 23,000 überwiesen worden; erselbe rührt aus der Verkeilung einer in der Reichskanzler l"..-her depomrt gewesenen, dem Reichstagsprästdenten von dem Herni Reichskanzler zui wei eren Uebermitteluna mitaetheilten Sammlung von .^iebevgaben hei.

BerUn 15 Mär Viläftltcl? beö Raubmordes auf den Geldbriesträger Kossäll) riäfct dre Bouverwal'tung folgende Verfügung: 2ius Anlaß dieser Vorgänge fordere ji öte Vostan talten auf, da8 Bestellpersonal unter MUthetlung des Geschehenen aufs -indrtnaltchste au warnen, auf Bestellgängen Getränke u. dergl. anzunehmen. Das Zersonal ist zugleich auf den durck ein früheres Rundschreiben bekannt gemachten Fall, r welchem der Räuber sein Opfer durch Darreichung eines besonders zuberetteten Schnupftabaks zu betäuben verbuchte, sowie auf einen gleichfalls schon mttgetheilten -all, wo dem Bestellboten Branntwein gereicht wurde, htnzuweisen. Des wetteten ist atz 'bestellende Personal aufzufordern, das Betreten der Zimmer einzelner als Aftk'