Nr. iS.
Mittwoch den 17. Januar
1888.
ießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Amtlicher Theil.
Betreffend: Die Voranschläge der Gemeinden des Kreises Gießen für 1883/84. Gießen, den 13. Januar 1883.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Gros;herzoglichen Bürgermeistereien des Kreises.
Diejenigen von Ihnen, welche noch mit Einsendung der rubricirten Voranschläge im Rückstände sind, werden an deren baldige Vorlage erinnert.
Dr. Boekmann.
Politische Ueberfkcbt.
Gießen, 16. Januar.
Die Reichstags,Verhandlungen vorn vorigen Donnerstag waren lediglich der Berathung des socialistischen Antrages auf Aushebung sännutlicher Ausnahmegesetze gewidmet. Wenn die Antragsteller mit ihrem Antrag nur die Absicht verfolgt haben, durch die Discussion die Stellung der verschiedenen Parteien klar zu stellen, so haben sie ihren Zweck vollständig erreicht. Es ist klar, daß, wenn der Antrag blos auf Aushebung des Jesuttengejetzes und des Kanzel-Paragraphen gestellt worden wäre, derselbe die Unterstützung des Centrums, der Polen, Elsäffer und Demokraten, sowie wohl auch der Fortschrittspartei gefunden haben würde, für den alleinigen Antrag auf Aushebung des Socialistengesetzes würden jedenfalls die Fortschrittspartei, die Secessionisten und ein Theil des Centrums gestimmt haben. Waü allerdings die Aufhebung des Dictatur-Paragraphen für Elsaß-Lothringen anbelangt, so würden sich zu dessen Aufhebung wohl nur die parlamentarischen Freunde der Elsässer, die Centrumsmitglieder und die Polen haben bereit finden lassen. So aber sprachen sich fast alle Redner gegen die durch den Antrag Liebknecht dargestellte Verschmelzung so heterogener Gesetze aus und die Debatte endete damit, daß das Haus den Antrag des Abg. Lipke (Secessionist) auf Uebergang zur motiüirten Tagesordnung mit großer Majorität annahm. Am Freitag beschäftigte sich der Reichstag mit Wahlprüfungen und Jnitiativ-Anträgen aus der Mitte des Hauses: die Debatte bot keine hervorzuhebenden Momente dar und wurde in der Sonnabend-Sitzung fortgesetzt.
Der Präsident des Reichstages, Herr v. Levetzow, hat an der Spitze einer Anzahl von Reichstags-Abgeordneten aus den von der Ueber- schwemmung betroffenen Gegenden (den Herren Dr. A. Reichenjperger, Dr. Thi- lenius, Tr. Blum, Frhr. v. Löw und Bolza) in einer Audienz beim Kaiser den Dank für die Bewilligung der 600,000 JL aus dem DlSpositionS-Fondv ausgesprochen.
In der am Donner st ag stattgefundenen Sitzung der Licenz- steuer-Commission erklärte Finanzminister Scholz: Preußen würde sofort nach Annahme des LicenzsteuergejetzeS eine Vorlage beim Buudesrathe einbringen, betr. die Besteuerung geistiger Getränke undTabakfabrikate im Reiche, so zwar, daß die Vorräthe an Wein, Bier, Branntwein und Tabak bei den Detailverkäufern nach dem Geldwerthe besteuert würden, wodurch die Detaillisten in den Stand gesetzt würden, die Steuer auf die Consumenten abzuwälzen. Die preußische Regierung habe diese Vorlage bereits auügearbeitet. Die „Consumenten" dürsten über diesen Plan wenig entzückt sein.
Oesterreich-Ungarn hat in letzter Zeit recht bemerkenswerthe Anstrengungen zur Erhöhung der Schlagfertigkeit seines Heeres gemacht. Die Infanterie-Regimenter und die Jäger-Bataillone haben eine bedeutende Vermehrung erfahren und die Eintheilung der Armee nach deutschem Muster in Territorial- Corps-Bezirke wird unläugbar der Schlagfertigkeit des österr. Heeres zum Vortheil gereichen. Jetzt hat die österreichische Regierung auch die Vermehrung der Artillerie ernstlich in's Auge gefaßt, wozu mit der beschlossenen Errichtung des 14. Artillerie-Regiments bereits der Ansang gemacht worden ist; ferner sollen die reitenden Batterien, gleich der Kavallerie, schon im Frieden aus Kriegsfuß gebracht werden. Außerdem sind aber von der österreichischen Negierung nod) weitere Beschlüsse zur Verstärkung der Wehrhaftigkeit des Reiches zu erwarten. So sollen die Ersatzreservisten zum partiellen activen Dienst im Frieden herangezogen werden, was eine Erhöhung des Friedensstandes der österreichischen Armee um 24,000 Mann bedeuten würde. Endlich sollen die Festungswerke an der galizisch-russischen Grenze erheblich verstärkt und erweitert, sowie einige strategische Eisenbahnen ausgebaut werden. Die Auüfühning dieser Beschlüsse wird die Finanzen Oesterreichs allerdüigs erheblich mehr belasten, aber die erforderlichen Summen sind in Anbetracht des Zweckes, um den es sich handelt, sicher gut angelegt.
Das sonderbare Nachspiel, welches das Hinscheiden Gambetta'ü zur Folge gehabt hat, — der Streit zwischen dein Vater imb den Freunden des Ex-Dictakors darüber, wo dessen Gebeine ruhen sollen, — ist nunmehr beendigt. Am Freitag hat die Uebersühruiig Der Leiche Gambetta'S von Paris nach vii^a stattgesunden. Etwa 50 Personen, Depntirte und persönliche Freiinde (Gambetta'S, befanden sich im Trauerzuge, welcher nur in Marseille längere Zeit — etwa eine Stunde — anhielt Die Beerdigung in Nizza sollte nm Sonnabend stattfinden, so daß dieselbe zur Stunde erfolgt ist, wenii nicht noch andere Dispositionen gegeben worden finb. Es ist eine eigenthümliche Fügung des Schicksals, daß der Leichnaili des Mannes, von ivelcheni die Franzosen die Wiedergewinnung Elsaß-Lothringens erwarteten, seine Ruhestatt in bem Italien entwundenen Nizza findet, und die Ironie, welche hierin liegt, erscheint von den
Gambettisten erkannt worden zu sein und sie mUbeftimmt zu haben, die Beerdigung ihres tobten Meisters in Paris zu verlangen.
Zwischen England und Frankreich scheint bezüglich der tunesischen und auch egyptischen Frage eine Verständigung im Werke zu sein. Wie die „Times" mitzutheilen weiß, würde England der Abschabung der Capiwlationen in Tunis zustimmen und Frankreich demgemäß die von England vorgeschlagenen Arrangements bezüglich Egyptens annehmen und sich mit der Aufhebung der Controle einverstanden erklären. Ob das Letztere indessen so gewiß ist, muß dahingestellt bleiben. — Der Premier Gladstone ist neuerdings wieder an einer leichten Erkältung erkrankt und muß das Zimmer hüten. sJ)ä. Gladstone gedenkt sich, sobald dies fein Zustand erlaubt, zu seiner völligen Wiederherstellung nach Cannes (Süd-Frankreich) zu begeben.
Die lächerlichen Demonstrations-n der italienischen Radikalen und Irredentisten haben eine schärfere Ueberwachung des Grenzverkehrs zwischen Italien und Oesterreich zur Folge gehabt. Die italienische Regierung hat augeordnet, daß der Personenverkehr an der österreichischen Grenze wie nach den Bombenaffären auf das Sorgfältigste überwacht werde. Verdächtige Reisende sollen genauen Leibes- und Gepäckdurchsuchungen unterzogen werden.
Der Kaiser und die Kaiserin von Rußland sind mit ihrer Familie in vergangener Woche endlich von Gatschina nach Petersburg überge- fitbclr* wo sie im Anitschkoff-Palais Wohnung genommen haben. Es geht hieraus hervor, daß der Czar sich in seiner Residenzstadt wieder sicher vor nihilistischen Attentaten fühlt.
Die leichte Spannung, welche zwischen der Türkei und Italien in Folge des Umstandes entstanden ist, daß der italienische Consul in Tripolis eine türkische Schildwache mißhandelte, dauert noch an. Die Pforte hat den türkischen Botschafter in Rom, MusuruS Bey, beauftragt, wegen des Zwischenfalls in Tripolis die Abberufung des dortigen italienischen Consuls zu verlangen. Einstweilen macht die italienische Regierung noch Schwierigkeiten, diesem nur gerechteii Verlangeii der Pforte nachzukomvien.
Die egyptische Frage kommt jetzt allmälig wieder in Fluß. England will in dieser Angelegenheit eine Cireularnote an die Mächte versenden, zugleich scheint eü aber mit einzelnen Mächten besonders verhandeln zu wollen. Wir haben oben schon eine Mittheilung der „Times" erwähnt, nach welcher England der Abschaffung der Capitulationen in Tunis zustimmen will, wenn Frankreich sich verpflichtet, Englands Arrangements bezüglich Egyptens anzunch- men. Ferner hat England durch seinen Geschäftsträger in Konstantinopel, Wyndham, bem Minister des Auswärtigen, Aarisi Pascha, eine Note überreichen lassen, in welcher der Pforte Vorschläge bezüglich der militärischen, finanziellen und gerichtlichen Reorganisation Egyptens gemacht werden. — England, Deutschland, Oesterreich, Belgien und Holland haben der Verlängerung der internationalen Gerichtshöfe in Alexandrien um vorläufig ein Jahr zugestinunt. — Die Nachricht, daß ein Theil des egyptischen OccupationS-CorpS nach^Eng- lanb zurückkehren werde, ist in den an die betr. Truppentheile erlassenen Tagesbefehlen widerrufen worden.
m. Darmstadt, 14. Januar > Bericht bc*5 Abgeordneten W o l f 6 k e b I über die NothstandSvorlage. (Schluß)j Die Größt). Regierung habe erwidert, daß sie gegen diese Anschauung principiell nichlS eiuzuwenden habe, daß die ^rage icdoch tichttger weise nicht im Zusammenhänge mit der Nothstandsvorlage, sondern nut De.. tcpon erwähnten, auf die (JorrecLon deS Rheinstroms bezüglichen Umlagen zu behandcin Je». Uebrigenv werde auch in der Kürze den Ständen sowohl daü von der Commis to Z Untersuchung der Rhein,ironwerhättnisse erstattete Gutachten, al« die au^i Mund bcS- felben von der Großh. Regierung beschiossenen Maßregeln mitgetheilt werden, darunter auch diejenigen Verlegungen von Landdämmen, welche nach Prüfung des g t Material« für erforderlich erachtet, ihrerseits jedoch nur in Verbindung. mit>einem neuen Dainmbaugcslft ln’8 W-.k zu fchcn feien. Jedenfalls wü.rXftnm bei biefen wichtigen Arbeiten die Unterstützung durch einen erfahrenen topccial V.i®mrer 11111 ' '"sb e f' b em "weiteren Punkte, Wiederherstellung der früheren VermSgenSIage für ble dessen bedürftigen Besitzer zerstörter ober beschädigter Häuser, sei Frage auf. geworfen worden, in welchem ^>inne der AuSdruck »dessen ved f g z I unb wer über die Frage der Bebürstigkeit, :uie iwerbau l b nstch ch ber u ne^ tbcUcubcn Gelder m entscheiden baden werde. Letzterer puinkt sei von der Regierung al« eine nock offene ^raae beiddmet, in ersterer Beziehung dagegen bemerkt worden, das. sich ble?etne ällaonelne -Kegel nicht »ufslelleu taste metmehr m jedem e.nze nen nn* hrffen hrlnnbenn Verbältuissen zu entscheiben fein werbe. Da? Ziel fei eben ble mieberberfld nnn ber frübcren «ermflgenSlage und zwar nicht bh8 bei selchen ® l ! ™ zuw Aufbau Ihrer jerft'örten Häuser unsählg feien,
fonbern äu» be allen ^"lienl en, bereu BermögenSverdöllnisse eine Aufwendung au« ’«Ä“"t*n l»!r“ «u® JÄitiat «scheinen li-tze. Hierbei wüste eiuerseit« Bar fmac adroffen werben bah bte bewilligten (Selber auch wirklich nur zu ben Zwecken verwandt würden |ü> die sie bestimmt seien anderersetl« auch, das, beim Wiederaufbau b« zerstörte,, Häuser bessere« Baumaterial angewandt werde, al« seiider häustg ber Fall gewesen sei.


