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GisGen, 15. November.

Aus den verschiedensten Gegenden Deutschlands laufen noch fortwährend Berichte über die glänzenden Feierlichkeiten ein, welche allerorts an dm Luthertagen des 10. und 11. November veranstaltet worden sind und welche entschieden Zeugniß davon ablegen, wie lebendig das protestantische Bewußtsein trotz aller gegentheiligen Behauptungen noch ist. Was speciell die Reichshaupt- stadt anbelangt, so wandte sich hier das Hauptinteresse der Bevölkerung der am Samstag in der überaus prächtig geschmückten Nicolaikirche stattgefundenen steier zu, welche durch die Anwesenheit des Kaisers und der königlichen Prinzen, der Minister, der obersten Hofchargen und anderer hochgestellter Persönlichkeiten sich in besonderer Weise auszeichnete. Ebenso wohnte der Kaiser dem am Sonntag im Dome veranstalteten Festgottesdienste bei. Auch überall im Aus­lände, wo Protestanten zusainmenwohnen, ist das Luther-Jubiläum in ent­sprechender Weise begangen worden, so in Wien, Madrid, Petersburg, Moskau, Riga, besonders aber in den protestantischen Ländern des Nordens, in Däne­mark, Schweden und Norwegen, ebenso in England. Bon einem in London stattgefundenen großen protestantischen Meeting ist dem Kaiser Wilhelm ein auf die Lutherfeier Bezug nehmendes Ergebenheits-Telegramm zugesendet worden. Auch jenseits des Oceans hat man das Luther-Jubiläum nicht unbeachtet vorüber gehen lasten, in New-Pork, Brooklyn und Philadelphia sanden in allen evangelischen Kirchen Festgottesdienste statt, in mehreren andern Städten wurden Festversammlungen abgehalten.

I Die Reise Kronprinz Friedrich Wilhelms nach Madrid j Wich für diese und die nächsten Wochen im Vordergründe der Politik stehen, , denn allseitig wird diese Reise als ein hochpolitisches Ereigniß aufgesaßt. Be­züglich der'NeisediSpositionen steht nunmehr Folgendes fest: Samstag, den 17. November früh verläßt der Kronprinz Berlin und b'egiebt sich über Mün- | chm incognito nach Genua, wo die Ankunft in der Stacht vom 18. zum 19. ds. ! erfolgen dürfte. Hier erwarten die KriegsschiffePrinz Adalbert",Sophie" ! undLoreley" den hohen Reisenden, welcher sich an Bord des erstgenannten j Schiffes am 19. November, Mittags, nach Barcelona einschiffen wird. In diesem Augenblicke geben die im Hafen von Genua befindlichen italienischen : Kriegsschiffe den großen Salut von 101 Kanonenschüssen ab, ebenso feuern die Genua umkränzenden Forts bei der Abfahrt der deutschen Flotte Salven ab und die italienischen Admiräle, sowie eine Ehren-Eompagnie werden auf der Landungsbrücke paradiren. In den spanischen Gewästern empfangen zwei spanische Kriegsschiffe das deutsche Geschwader und in Barcelona erwarten den Kronprinzen zum osficiellen Empfang der Oberstkämmcrer und ein General- Adjutant des Königs Alfonso, sowie der Kriegsministcr und der Minister des Auswärtigem Der Aufenthalt des deutschen Kronvrinzen in der Hauptstadt Spaniens soll sich dem Vernehmen nach bis zum 28. November erstrecken, vor seiner Wiederabreise ist ein Ausflug nach Andalusien geplant. Die Nachricht von dem bevorstehenden hohen Besuche hat in den Kreisen der spanischen Be­völkerung, soweit sie nicht unter dem Banne des Radikalismus stehen, einen überaus günstigen Eindruck gemacht und man darf daher versichert sein, daß der deutsche Kaisersohn im Lande der Kastanien eine sympathische Aufnahme finden wird.

Der russische Minister des Auswärtigen, Herr v. Giers, hat eine Reise nach der südlichen Schweiz zum Befuche seiner in Montreux ; weilenden Tochter «»getreten. Bei dieser Gelegenheit hat er auch in Berlin, resp. Friedrichsruhe, einen kurzen Aufenthalt genommen. Am Dienstag traf Herr v. Giers in Berlin ein, wo er dem Vernehmen nach vom Kaiser in Audienz empfangen und hierauf zur Tafel gezogen wurde; am folgenden Tage beabsichtigte Herr v. Giers dem Reichskanzler in Friedrichsruhe einen Besuch abzustatten. Der Aufenthalt des leitenden russischen Staatsmannes in Berlin und Friedrichsruhe dürfte wesentlich zur Beruhigung ängstlicher Gcmüther dienen, in deren Phantasie das Gcsvenst eines demnächstigcn deutsch-russischen

I Krieges noch immer spukt. ,

In Dresden hat am Mittwoch Mittag im Thronsaale des kömglichen Schloffes die feierliche Eröffnung des Landtages stattgefundcn.

Die Tongking-Affaire spitzt sich immer mehr zu einem französiich- chinesischen Kriege zu. Sehr pessimistisch lauten die Aeußerungen, welche der I Vertreter Chinas in London und Paris, Marquis Tseng, jüngst dem Corrcfpon- : deuten desStandard" gegenüber gethan hat. Tseng erklärte, daß die Ver­handlungen Chinas mit Frankreich abgebrochen seien und nicht eher wieder auf- genommen werden würden, bis Frankreich die chinesische Note vom 5. November beantwortet haben werde. Der Ausbruch des Krieges sei wahrscheinlich, sobald die Franzosen gegen Aacninh vorgingen; in diesem Falle scheine auch die Sicher­heit der Fremden in China bedroht. Die Stadt Bacninh bildet alleroings das | nächste Ziel der militärischen Operationen der Franzosen in Tongking und cs l ist wohl möglich, daß die Einnahme derselben von der chinesischen 'Regierung als eincasus belli aufgesaßt wird. Die Sicherheit ihrer in China wohnen- den Angehörigen würde dann ein Gegenstand ernster Aufmerksamkeit der euro- Mischen Regierungen sein müsse», da die letzte Aeußerung Tseng's auf große Gefahren hindeutet, welche den Ausländern in China drohe». Auch auf 'Mada­gaskar stehen den Franzosen kriegerische Verwickelungen bevor; in Antanarwa, der Hauptstadt Madagaskars, soll eine Revolution ausgebrochen und der Premierminister, sowie die von ihrer europäischen Reise znrückgekehrte ma^a-

gassischen Abgeordneten ermordet worden sein. Die Franzosen beabsichtigen daher, die Feindseligkeiten gegen die Howas wieder zu eröffnen.

In Italien steht dem Cabinet de Pretis ein neuer Sturm be­vor. Nach der Behauptung mehrerer Journale habe» sich die früheren Minister Cairoli, CriSpi, Zanardelli, Nicotera und Baccarini dahin geeinigt, dem Cabinet gemeinsam Opposition zu machen; nur über den Punkt, wo dieselbe einsetzen will, verlautet noch nichts Näheres. Vielleicht will die Opposition die Ange­legenheit des allgemeinen Stimmrechtes dazu benutzen, dem Ministerium Ver­legenheiten zu bereiten; in den letzten Tagen haben nämlich in den größeren italienischen Städten Meetings wegen Ausdehnung der Wahlfähigkeit bei den administrativen Wahlen stattgefunden, doch sind die Versammlungen in vollkomme­ner Mhe und Ordnung verlaufen. Der Papst hat, wie dieGermania" berichtet, die Demission des Cardinals Hohenlohe für das Bisthum Albano nicht angenommen,da ein stichhaltiger Grund für eine Durchbrechung der alten kirch­lichen Traditionen nicht vorlag." Zugleich soll dem genannten Kirchenfürsten, welcher noch in Deutschland weilt, eine nochmalige Aufforderung des Papstes zur ungesäumten Rückkehr nach Nom zugegangsn fein und ist man gespannt, ob sich der Cardinal beeilen wird, dieser Aufforderung nachzukommen.

Fürst Alexander von Bulgarien empfing am Sonntag den in Sofia eingetroffenen russischen Obersten Kaulbars in nahezu vierstündiger Audienz, lieber dar Resultat derselben ist noch nichts bekannt, doch werden in ihr jeden­falls dis jüngsten bekannten Verfügungen der bulgarifchen Regierung zur Sprache gekommen fein und steht wohl eine Verständigung zwischen Rußland und Bul­garien in der Militärsrage zu erwarten. Nach anderweitigen Mittheilungen soll Oberst Kaulbars zum bulgarischen Kriegsminister designirt sein.

Darmsia-t, 14. Novbr. Se. König!. Hoheit der Großherzog baden Allergnädigst geruht:

Am 2. Novbr. die Kreisbauausseher-Aspiranten Christoph Bischofs von Grünberg und Heinrich Fischer von Wallersdorf zu Kreisbauaufseheru bei den Kreisbauämtern Grünberg, bezw. Dieburg, zu ernennen.

Durch Allerhöchstes Dekret vom 4. November wurde der Großh. OberlandeSgerichtStsrath Wilhelm Maurer zum Mitglied des Verwaltungs­gerichtshofes ernannt.

Bertil». Dir Madrider Nesis unseres Kronprinzen wird von der Pariser Presse in einer Wecke bsiprocheih welche nur zu d-utlkch oerräih, baß man sich jensecks brr Voselen tn Bezug auf Spanien Nicht ganz frei von Schuld Mit. LUS ganz silbst- verKLndlich rv rd oor«uSg.-s»tzt, daß der Besuch des deutschen Thlvnerbcn am spanischen KSnigrhofc eine politische Dp'tz- Haden müsse und daß die Spitze gegen Frankreich gekehrt sei. Natürlich ist den Franzosen bet einer solchen Wahrnehmung nicht eben wohl zu Math- und ihre LdeLa»n'q< Stimmung kommt fast in jedem Worte zum Vorichein, welches auS Anlaß M b-rcgten Ereignisses von ihrer Presse gedruckt wird. Die Organe der extremen republikanischen R chtungen gießen volle Zornesfchalen über denroi-uWan aus, lassen es auch an Seitenhieben auf Deutschland nicht fehlen. Blätter, welche den regierungSsreundlichm Parteien näher st-hrn, mutzen sich ab, ihre Leser durch den Nachweis zu deruhigen, daß es der deutschen Politik nicht gelingen werde, Spanien in den Maschen ihres Netzes einzufang-n. Jedermann oder erkennt, ad eingestandener oder uneinz-standen-rmaßcn, in der freundschaftlichen Annäherung der Höfe von Berlin und Madrid einen neuen Beweis von der gegenwärtigen isolilten StcÜung Frankreichs., ,

Den russischen Zeitungen ist Weisung zugegangen, sich aller allarmwrnden Knsdgcbungen allgemcm-polcksschcc Tendenz zu entbalien. In den oberen Negionen weht dermalen eine ausgesprochen friedliche Luftströmung, die offenbar denselben Ur­sachen ihre Entstehung verdankt, wie die Reise d-8 Herrn o. Giers. Man scheint eben auch an der Newa die Usberzeugunz f-stzuhalten, daß die internationale Situation noch für längere Feit wie immer gearteten kriegerischen Aktionen tun Spielraum ver­legt und daß die Jnter°ssm Rußlands am besten und ausgiebigsten durch ein Zn- saminrngehen mit den übrigen Frieden?möchten gewühlt werden. Unter diese«, Äe- fichlSpunkt egwt wenigstens jetzt der Oberst Kaulbars in Sofia und findet bet der Regte,uug des Fürsten stl^mev das bereits,lligste Entgegenkommen. Es zeigt sich sitzt, daß der legii-mr russisch-Einfluß in Bulgarien keine besseren Freunde hat, als die Bulgaren selbst und die Signatarmächte b 5 A-rlmcr Vertrug-?.

Telegraphische Depeschen,

We»W'S tLlegp. CorrejpsLdem-BitLean.

Langen, 14. November. Gestern Nachmittag 4 Uhr wurden beim Ab- feuern der hiesigen Schüsse die Bohrlöcher auf der Ostfeite des Arlberg-Tunnels angefchossen und die Verbindung beider Stollen hergestellt. D'.e Richtung und Höhe derselben ist ausgezeichnet.

Bremen, 14. Novbr. Die Rettungsstation Kuxhaven der deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger telegraphirt: Am 14. November von dem deutschen SchunerLudwig", Kapitän Schuldt, gestrandet ans Gr. Vogel­sand, mit Holz und Eisen, von Geste nach Hamburg bestimmt, 6 Personen ge­rettet durch das Rettungsboot der Lootsengoliote. Schiss verloren.

Die Rettungsstation Prerow der deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger telegraphirt: Am 14. November von der deutschen Galeaffe Gloria", Kapitän Graepel, gestrandet bei Darserort, 3 Personen gerettet durch das RettungsbootGraf Behr-Negendank" der Station Prerow. Sturm NNO. mit Hagelböen. Das Boot war 3'/r Stunden unterwegs.

Wierr, 14. November. DasFremdenblatt" bedauert, daß ein Theil der russischen Preise dem allgemeinen Bestreben, die Gemüther zu beruhigen, noch immer keine Nechnunq trage. Da die friedlichen Intentionen der russischen osficiellen Kreise genau bekannt seien, brauche man allerdings auf diese Aeuße­rungen kein großes Gewicht zu legen. Daffelbe Blatt beleuchtet sodann die