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2LS Zweites Blatt. Sonntag den 16. September L883.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Wochenscdau.
Gießen, 15. September.
Mit dem Beginn der großen Herbst-Manöver ist auch für unfern greisen Kaiser wieder eine Zeit großer Anstrengungen gekommen, welchen selbst jüngere Kräfte manchmal nur schwer gewachsen sein würden. Kaiser Wilhelm würde es indessen mit seinem großen Pflichtgefühl für unvereinbar halten, wollte er sich nicht den Strapatzen der Manöver unterziehen und so wird er denn auch diesmal den umfassenden Hebungen der Truppen, welche sich in diesem Jahre auf das 4. und 11. Armeecorps erstrecken, von Anfang bis zu Ende beiwohnen. In Merseburg — welche Stadt die Ehre hatte, den Kaiser und seine Umgebung während der Manöver des 4 Armee- Corps zu beherbergen — ist derselbe in Begleitung des deutschen Kronprinzen, der Prinzen Wilhelm, Friedrich Karl und Albrecht von Preußen, der Herzöge von Anhalt, Coburg und Altenburg, des Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt Md eines glänzenden Gefolges von Officieren am Donnerstag eingetroffen. Am nächsten Tage begannen die Manöver, welche am Mittwoch, den 19. d. M., Luden werden. Am Donnerstag, den 20. September, begibt sich der Kaiser zu ben Manövern des 11. Armee-Corps nach Homburg v. d. H., die bekanntlich durch die Anwesenheit der Könige von Sachsen, Spanien und Serbien, der Großherzöge von Hessen und Sachsen - Weimar, des englischen Thronfolgers, Prinzen von Wales, und seiner Brüder, der Herzöge von Edinburg, Connaught unb Cambridge, sowie des Kronprinzen von Portugal ein besonders glänzendes Relief erhalten werden; gewissermaßen den Schluß der Kaisermanöver wird bann die am Freitag, den 28. September, stattfindende feierliche Einweihung des National-Denkmals auf dem Niederwalde bilden.
Unsere innere Politik zieht gegenwärtig nur leichte Kreise, da nach der jüngsten Reichstagssession noch einmal politische Windstille eingetreten ist. Nur die Thatsache, daß der preußische Gesandte beim Vatikan, Herr v. Schlözer, in Gastein vom Fürsten Bismarck empfangen worden ist und sich sodann auf seinen Posten nach Rom zurückbegeben hat, verdient registrirt zu werden; wahrscheinlich hat Herr v. Schlözer von Gastein aus neue Verhaltungsregeln mit nach Nom genommen.
Von Ereignissen der Woche sind zu erwähnen die 30. Versammlung deutscher Katholiken in Düsseldorf und die am vorigen Dienstag stattgefundenen Ergänzungswahlen zum sächsischen Landtag.
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beschützt. — Admiral Pierre, der ehemalige Commandant des französischen Geschwaders vor Madagaskar, gestorben.
In den Londoner Regierungskreisen widmet man den Ver- handlungerl zwischen Frankreich und China fortgesetzt die lebhafteste Aufmerksamkeit. Es ist schon des Oefteren darauf hingewiesen worden, welche Nachtheile dem europäischen und besonders dem englischen Handel in Dftaften durch einen französisch-chinesischen Krieg erwachsen würden und es ist daher sehr begreiflich, daß England wünscht, diese drohende Eventualität vermieden zu sehen. Sehr bemerkt wird, daß der englische Botschafter Lyons in Paris seinen Urlaub abgekürzt hat und im Begriff steht, auf seinen Pariser Posten zurückzukehren, was allseitig auf die Absicht der englischen Regierung zurückgeführt wird, in dem französisch-chinesischen Streitfall zu interveniren; mit welchem Erfolg, bleibt allerdings abzuwarten.
Der Auf st and in Spanien hat, wenigstens mittelbar inderspanischen Diplomatie, ein Nachspiel gefunden. Wie aus Paris gemeldet wird, hat der dortige Vertreter Spaniens, Herzog von Fernan - Nunez, seine Demission eingereicht; es heißt, daß der Botschafter s. Z. von den Umtrieben Zorilla's Kenntniß gehabt, es aber unterlassen habe, die, spanische Regierung davon zu benachrichtigen. Eine derartige Unterlassungs-Sünde würde allerdings die Demission des Botschafters erklärlich erscheinen lassen.
Auf der Balkan-Halbinsel, dem hergebrachten politischen Wetterwinkel Europas, ist es wieder einmal nicht richtig. Diesmal sind es die bulgarischen Dinge, welche Anlaß zu Besorgnissen geben; trotz der erfolgten Verständigung zwischen dem Fürsten Alexander und den ihm zur Seite gestellten russischen Ministern und Generälen gährt und treibt es in Bulgarien weiter. Die Absichten Rußlands, Bulgarien in einen russischen Vasallenstaat umzuwandeln, stoßen in dem bulgarischen Volke selbst auf energischen Widerstand, welcher eines Tages sich plötzlich in offene Empörung gegen die russischen Gewalthaber umwandeln könnte. Eine erfreulichere Kunde kommt dagegen aus Konstantinopel ; der Sultan hatte jüngst mit dem deutschen Botschafter v. Radowitz eine zweistündige Unterredung, in welcher der türkische Herrscher den Gerüchten von Anbahnung intimer Beziehungen zwischen der Pforte einer- und Rußland und Montenegro andererseits widersprach und den bestimmten Wunsch äußerte, daß der Türkei die Freundschaft Deutschlands stets erhalten bleiben möge.
Vermischte H.
Erscheint täglich mit Ausnahme des M-rtzta-4.
Sterbebause,
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In Badeti vollzieht sich gegenwärtig Angesichts der bevorstehenden Neuwahlen zum Landtage eine merkwürdige Coalition zwischen der katholischen und der demokratischen Volkspartei behuss gemeinsamer Bekämpfung der Nationalliberalen. Auf Seiten der Ultramontanen wie der Demokraten findet man plötzlich eine ganze Anzahl von Berührungs-Punkten heraus und vergißt gänzlich die großen principiellen Unterschiede, wie z. B. daß erstere die consessionelle, letztere die confessionslose Schule fordern. Einstweilen will man dem National- LiberalismuS gemeinsam zu Leibe gehen; daß die Demokraten im Falle eines Sieges von den stärkeren Ultramontanen einfach bei Seite geschoben werden würden, scheinen freilich die Herren von der süddeutschen Volkspartei nicht zu bedenken.
Die 200jährige Gedenkfeier an die Befreiung Wiens von der Türkenbelagerung ist in der österreichischen Hauptstadt selbst ziemlich ruhig verlaufen. In der Hauptsache beschränkte sich die eigentliche Feier auf die Enthüllung und Einweihung der Gedenktafel auf dem Kahlenberg am Dienstag, an welcher der Wiener Gemeinderath in corpore, Vertreter der Übrigen Wiener Behörden, der Armee u. s. w. theilnahmen. Viel bedeutsamer gestaltete sich die am nächsten Tage stattgefundene Grundsteinlegung zum neuen Wiener Rath- hlluse durch die Theilnahme des Kaisers, des Kronprinzen Rudolf, der Erz- Herzöge und des Königs von Spanien. Der Kaiser beantwortete hierbei die Ansprache des Bürgermeisters mit einer Rede, in welcher der Monarch des Heldenmuthes gedachte, den die Wiener Bürger bei der Belagerung von 1683 entwickelt, dann die innigen Beziehungen erwähnte, die allzeit zwischen seinem Hause und der Stadt Wien geherrscht und schließlich letzterer seine bleibende Fürsorge versicherte; die Rede des Kaisers wurde mit stürmischem Jubel ausgenommen. — In Kroatien dauern auf dem platten Lande die Unruhen fort; m die Gegend von Glina und Petrinia wurden starke Militär-Abtheilungen zur Wiederherstellung der Ruhe abgesendet.
Die französische Politik wird jetzt gänzlich von der Tongkingfrage Md dem hiermit in enger Verbindung stehenden Streitfall mit China beherrscht, •aon dem Ausgange der Verhandlungen, die der chinesische Botschafter Marquis mit der französischen Regierung führt, wird es abhängen, ob sich Frank- dnch mit China wegen Tongking und Anam gütlich auseinandersetzt oder ob die _lma ratl° in der Politik, das Schwert, entscheiden muß. Aus den bisher führten Verhandlungen läßt sich durchaus noch nicht entnehmen, auf welche Sette die Entscheidung fallen wird; es ist eben ein Hin- und Herschachern, da der beiden Interessenten dem andern große Vortheile zugestehen will, während dieser diplomatischen Erörterungen hat sich aber bereits die Erregung Ms chinesischen Pöbels, welche durch die Händel in Tongking hervorgerufen Wurde, in fanatischen Ausbrüchen gegen die Ausländer Luft gemacht. In Danton plünderte und verbrannte eine Volksmenge die Häuser mehrerer fremder Kaufleute, bis schließlich chinesische Truppen die Ruhe wieder herstellten. In Mlge dessen sind in (Santon mehrere englische Kriegsschiffe eingetroffen; die Mn Ausländern bewohnten Quartiere werden Überdies von chinesischem Militär
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Marburg, 10. September. Von dem herrlchsten Wetter begünstigt, machten Schüler der drei obersten Klassen des hiesigen Gymnasiums in Begleitung von fünf Lehrern, sowie des aus Gymnasiasten bestehendm Musikcorps, dem sich noch dessen Dirigent, Herr Musikdirector Noack, angeschloffen hatte, die jährliche Turnfahrt. Das Ziel war diesmal der Meißner. Frettag Morgens früh fuhren sie an 60 Personen stark mit der Eisenbahn nach Station Waldkappel und bestiegen von hier aus den Meißner. Hier angekommen, erfrischten sie sich an Speise und Trank unb erfreuten sich an dem weiten Ausblick, den besonders die östliche Sette des Berges über die mächtigen weUenförmig hintereinander gethürmten Berge zunächst nach Hessen und weiterhin nach Thüringen gewährt. Die Zeit mahnte indessen zum Aufbruch von dieser schönen Stelle und nun gings tbeils zu Fuß thetts per Bahn nach Witzenhausen zu, wo die Wanderer gegen 8 Uhr Abends anlangten- Hier wie schon vorher in allen Ortschaften, durch welche der Zug ging, ließ das Musikcorps seine Märsche erschallen, was überall von den Bewohnern mit Enthusiasmus ausgenommen wurde. Ein geselliges Zusammensein von Lehrern und Schülern und ein'gen Bekannten derselben, welche man unteiwegs angetroffen hatte, bildete den Abschluß des ersten Reisetages. Sonnabend früh ging es weiter der Werra entlang nach Hann. Münden. Hier war schon vorher die Kunde von dem Nahen des seltenen Zuges mit den vielen Musikinstrumenten angelangt und eine große Volksmenge strömte aus der Stadt ihm entgegen und begleitete ihn wie im Triumphe, als er in geschlossenen Reihen unter Sang und Klang in diese einzog. Aber — es sollte die unschuldige Freude unserer Gymnasiasten nicht ganz unvergällt bleiben. Denn kaum hatten sie sich in einer Restauration niedergelassen, als ein Poltzeibeamter erschien, der im Auftrage des Bürgermeisters und des Raths der Stadt Münden den darob erstaunten Touristen verkündete, daß sie sich eines straffälligen Vergehens schuldig gemacht hätten, indem sie in Reih und Glied und mit Musik in die Stadt Münden emgezogen seien. Er forderte die Herren Lehrer auf, ihre Rliselegttimat on vorzuzeigen und nöthtgte, da dieselben keine besaßen , einen derselben, mit ihm, also unter Poltzeibegleitung. auf das Polizeiamt sich zu begeben. Dort wurde ihm nun verkündet, daß 3 Mark Strafe zu zahlen seien, welche sogleich bezahlt werden mußten. Bezeichnend sind hierbei die Worte des Polizeibeamten betreffs der Legitimation: „Wie konnten sie auch diese Reise unternehmen, ohne ernen Reisepaß zu besitzen!" — Es scheint, der gute Mann befindet sich mit seinen Ideen noch in den ersten Zeiten des selig schlafenden Bundestages mit seinen Paßnorgeleien , für rhn scheint dos Jahr 1866, das Hannover und Hessen dem preußischen Staate einv-rlelbte, nicht vorhanden zu sein, auch dürste diesem Beamten nicht bekannt se n, baft btt )abr- l'chen Turnfahrten der höheren Schulen eine Anordnung des v^ußffchen Kultusministers sind, wozu ganz bedeutende Preisermäßigungen bei den Eisenbahnfahrten für diese gewährt werden. Soviel wir wissen, ist den Schulen dieErwerbung^r Reise- legitimation zu diesem Zweck von hoher Stelle für e-m R-ise im Jnlande nicht geboten worden. — Wenn nun auch dieser Zwischenfall mit der Strafe die. H^rk.it der davon Betroffenen unmittelbar darauf eher vermehrte itts verminderte, so hatte er doch insofern das Vergnügen unserer Gymnasiasten beeinträchtigt, als hierdurch Zunächst dre Musik zum Schweigen gebracht war, so daß auch in Kassel sowohl der Ein- alsAuszug still erfolgte, was dort sehr bedauert wurde. — Der Zug 10 Uhr 36 Minuten Samstag Abends brachte unsere Reisenden im übrigen wohlbehalten und vergnügt wieder zurück. Die schöne Erinneruna an die mit ihren Lehrern auf diesem Ausflug verlebten per; gnügttE mitdem unliebsamen Zwischenfall in Hann. Münden,
roifb den Gymnasiasten, welche Theil daran genommen, auch in dm spatesten Jahren ,hr-s ^v,ch.o°^r-n^ch-n, ber fla|tflffunbcnen Sitzung U fak wirtbschaftl'cken Bezirksvereins referirte Herr Dolles (Bodenheim) über den Antrag, betr. Vermntt>erungber @perIInge. Refer/nt erstattete einen Bericht über die Zunahme der Sperlinge und über die dadurch der Landwirthschaft zugefügten Schaden. Es sei eine durchaus irriae Ansicht, die noch vielfach verbreitet sei, daß der Sperling ein nützlicher Vogel sei; die Erfahrungen aller Landwirthe und die Forschungen der Omitho


