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Nr 136 Samstag den 16. Juni 1883.

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Erscheint ISOttch mit Ausnahme des SReMtf».

Preis viertechtchrtich 2 Mark 20 Pf. mit Brin-erlshn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hheil.

Bekanntmachung.

Zur Ausführung der Kaiserlichen Verordnung vom 24. Februar v. I. in Betreff des gewerbsmäßigen Fellhaltens und Verkaufes von Petroleum hat der Kreistag des Kreises Gießen die Errichtung einer Controlestelle *) zu Gießen beschlossen, welcher die Aufgabe zufällt, das Petroleum in Bezug auf ferne Entflammbarkeit mittelst des Abel'schen Petroleumprobers zu untersuchen. L L. _ Y _ ..

In Ausführung dieses Beschlusses hat der Kreisausschuß einen Abel'schen Petroleumprober angeschafft und dre Functronen ernes Sachverständigen, welcher die Proben vorzunehmen und die Bescheinigung auszustellen hat, dem Eichmeister Baumann dahier übertragen.

An Gebühren für jede einzelne Probe und die Bescheinigung sind von einem Privaten zwei Mark zu entrichten.

Bei Untersuchungen auf Antrag von Polizeibehörden werden in allen Fällen, in denen eine Verurtheilung nicht erfolgt, oxe Gebühren vorläufig gestundet und nach Ablauf eines Vierteljahres mit Rücksicht auf die bis dahin gemachte Erfahrung in Bezug auf Anzahl und Schwierigkeit der Untersuchungen niedriger als zwei Mark von dem Kreisausschusse festgesetzt. Erfolgt eine Verurtheilung, so ist obiger Betrag von 2 alsbald zu erheben.

Für dem Kreise nicht angehörige Privaten und Behörden sollen höhere Gebühren nicht berechnet werden.

Gießen, den 9. Juni 1883. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Pr. Boekmann.

*) Infolge eines Versehens in der Druckerei stand in der gestrigen

Nummer Centralstelle statt Controlestelle.

Politische Ueberficht.

Gießen, 15. Juni.

Mit dem am Dienstag erfolgten Schluß des Reichstags ist die fünfte Legislaturperiode desselben und zugleich die längste Session seit dem Bestehen unseres obersten Parlamentes zu Ende gegangen. Der letzte hervor­ragende Gegenstand, mit welchem sich der Reichstag zu beschäftigen hatte, war der Etat pro 1884/85, welcher gleichsam im Sturmschritt erledigt wurde, denn während sich gewöhnlich die Etatsberathungen wochenlang fortzuspinnen pflegen, genügten diesmal zur zweiten Lesung des Etats nur wenige Tage und in der Schlußsitzung wurde der genannte Etat in dritter Lesung definitiv genehmigt. Aus derselben ist nur die mit 127 gegen 82 Stimmen erfolgte Annahme des Lingens'schen Antrages zu erwähnen, wonach Packete, Geld- und Werthsendungen, sofern sie nicht durch Eilboten zu bestellen sind, an Sonntagen von der Be­stellung ganz auszuschließen sind, welcher Beschluß für unser Geschäftsleben manche bedenklichen Consequenzen nach sich ziehen dürfte; ein weiterer Antrag oes Abg. Lingens, für Sonntags-Telegramme einen Zuschlag von 20 zu erheben, wurde mit 111 gegen 101 Stimmen abgelehnt.

Das preußische Abgeordnetenhaus hat nach zweitägiger Debatte die neue kirchenpolitische Vorlage an eine Commission von 21 Mitgliedern über­wiesen und sich sodann, um der Commission Zeit zu ihren Berathungen zu lassen, bis Donnerstag, den 21. Juni, vertagt. Die Discussion über die ge- genannte Vorlage entbehrte diesmal gänzlich des leidenschaftlichen Charakters, den sonst die kirchenpolitischen Debatten oft anzunehmeu pflegten und dieser Um­stand läßt erwarten, daß es über die neue Vorlage zwischen der Regierung und dem Abgeordnetenhause zu einer raschen Verständigung kommen wird. Der Führer der Centrumspartei, Herr Windthorst, erklärte zwar in der Dienstags- Sitzung, daß er den Entwurf, falls derselbe nicht noch abgeändert werde, nicht annehmen könne, aber Niemand glaubt, daß es dem Centrumssührer hiermit Ernst ist und da überdies die Conservativen bereit sind, dem Centrum verschie­dene kleinere Zugeständnisse zu machen, so kann das schließliche Zustandekommen der kirchenpolitischen Vorlage nicht bezweifelt werden.

Mit dem Ausscheiden des Herrn v. Bennigsen, des Führers der nationalliberalen Partei, aus dem Reichstage und dem preußischen Abge­ordnetenhause ist ein für unser gesummtes parlamentarisches und politisches Leben hochbedeutsames Ereigniß eingetreten und die fortgesetzten lebhaften Erör­terungen, welche demselben von der Presse aller Parteirichtungen gewidmet wer­den, beweisen genugsam das Schwerwiegende dieser Thatsache. Was die Motive anbelangt, welche den hochverdienten Staatsmann und Politiker zu seinem folgenschweren Schritte veranlaßten, so wird allseitig versichert, daß Diffe­renzen zwischen Herrn v. Bennigsen und der nationalliberalen Fraktion über die Stellung der letzteren zur kirchenpolitischen Vorlage die nächste Ursache seiner Mandats-Niederlegung gewesen seien. Doch scheint es, daß auch unsere gegen­wärtige innere Lage und die unerquicklichen parlamentarischen Zustände in Herrn v. Bennigsen diesen bedauerlichen Entschluß schon seit längerer Zeit haben reifen lassen. Außerdem soll die letzte Zusammenkunft des nationalliberalen Führers mit dem Fürsten Bismarck trotz ihres äußerlich durchaus freundschaftlichen Charakters in ersterem den Eindruck zurückgelassen haben, daß die Differenz­punkte zwischen der Regierung und der nationalliberalen Partei sich gehäuft und verschärft hätten. Daß man den Rücktritt eines so hervorragenden Poli­tikers, wie Herr v. Bennigsen, aus dem parlamentarischen Leben allseitig tief empfindet und bedauert, beweist, welche maßgebende Stellung er in den Parla­menten einnahm; dem Vernehmen nach hat sich auch Fürst Bismarck über die Mandats-Niederlegung Bennigsen's in einer Weise geäußert, aus welcher her­vorgeht, wie unangenehm er von diesem Schritt betroffen worden ist. Die nationalliberalen Fraktionen des Reichstages und des preußischen Abgeordneten­hauses haben einstimmig beschlossen, eine Adresse an Herrn v. Bennigsen zu richten, worin ihm der lebhafte Dank seiner Parteigenossen sür seine bisherige politische Thätigkeit und die bestimmte Hoffnung ausgedrückt wird, daß er die­selbe unter günstigeren Verhältnissen wieder ausnehmen werde.

Ernst Sobbe, der Mörder des Geldbriefträgers Cossäth, ist am Mittwoch Morgen mittelst des Fallbeiles in Berlin hiugerichtet worden.

Die politische Welt Frankreichs beschäftigt sich augenblicklich weniger mit der Tongkingsrage, worüber absolut nichts Neues vorliegt, sondern mit verschiedenen interessantenEnthüllungen", 4n welche die Tongking-Expedition zum Theil allerdings mit hineinspielt. So veröffentlicht dieRöforme", ein republikanisches Blatt, einen angeblichen Briefwechsel zwischen Gambetta und einer Pariser Dame, Madame Valtesse de la Bigue, woraus hervorgeht, daß schon Gambetta die Tongking-Expedition geplant und daß ihn hierzu die genannte Dame bestimmt hat. Der ganze Artikel ist offenbar darauf angelegt, die Gäm- bettisten in der öffentlichen Meinung Frankreichs zu discreditiren. Noch mehr Aufsehen erregt ein Artikel desFigaro", in welchem dem ehemaligen Finanz­minister Leon Say unsaubere finanzielle Manipulationen vorgeworsen werden, ir r- >'che auch die Pariser Finanz-Aristokratie verwickelt sein soll, lieber die Wahrheit dieser Behauptungen und den Zweck ihrer Veröffentlichung sind die Meinungen noch sehr getheilt ; vorläufig giebt diese Angelegenheit der Pariser Presse Anlaß zu lebhaften Erörterungen.

Im englischen Unterhause führte am Montag die Berathung über die beiden Gesetzentwürfe, betr. die Dotation sür Admiral Seymour und Ge­neral Wolseley zu scharfen Angriffen einzelner oppositioneller Redner auf die Regierung. Derselben wurde u. A. der Vorwurf gemacht, sie prämiire hier­durch gleichsam die Jnbrandschießung Alexandrias; trotzdem wurden die beiden Gesetzentwürfe mit großer Majorität genehmigt.

Am Sonntag haben in Rom die Ergänzungswahlen zum Gemeinderath stattgefunden, welche diesmal durch die Betheiligung der Kleri­kalen eine besondere Bedeutung gewannen. Nach den nunmehr vorliegenden Ergebnissen wurden 14 Candidaten, die von allen Parteien gemeinsam aufge­stellt worden waren, 8, die sich ausschließlich auf der Liste der Liberalen befanden, 8, welche von den Klerikalen und den gemäßigt Liberalen gemeinsam aufgestellt worden waren, und 4 Candidaten, die ausschließlich auf der klerikalen Liste standen, gewählt. Die klerikale Partei kann mit diesem Wahlresultat immerhin zufrieden sein, um so mehr, als sie sich an den römischen Municipal- wahlen früher nie betheiligte.

Seit Anfang dieser Woche weilt nun der gekrönte Czar wieder aus seinem Lustschlosse Peterhof, sich von den Anstrengungen der Krönungsfeier erholend. Die sichtlich von Herzen kommenden Kundgebungen, mit denen Alexander III. bei seinem Erscheinen überall von der Moskauer Bevölkerung, wie von den ost viele Meilen weit zur Krönungsfeier hergekommenen Landleuten begrüßt wurde, werden ihren wohlthuenden Eindruck auf ihn nicht verfehlt haben und ihn vielleicht noch zu weiteren Gnadenbeweisen geneigt machen. Es heißt darum, daß noch eine Amnestie für Preßvergehen nachfolgen werde, doch hänge deren Verkündigung noch von weiteren Umständen ab.

In Alexandrien ist am 9. Juni Suleiman Sam: Daud hin- gerichtet worden, von welchem der Befehl zur Einäscherung der Stadt Alexan­drien ausgegangen ist. Er hatte unter den englischen Conservatwen noch in letzter Stunde unerwartete Fürsprecher gefunden, welche Alles verbuchten, Daud seiner wohlverdienten Strase zu entreißen._______

Deutschland.

SDdtittfidbt / 14. Juni. Se. Königl. Hoheit der Großherzog hüben

^Am^2. Jun/ die Hauptstaatskasse-Calculatoren 2. Klafft Wilh. Zieger und Ludw. Göttmann 5auptftttat8fn^^e^a^cu^atorßn 1. ^affe $u ernennen.

Se Königl. Hoheit der Grobherzog haben Allergnadigst geruht.

Am 6 Juni den Oberförster der Obersörsterei Eudorf Ludwig Frey zum Vortragenden Rath bei der Abtheilung für Forst- und des Ministeriums der Finanzen unter Verleihung des AmtstitelsOberforst- rath" zu verleihen. r, en V2 , m

IQ c.Uni Die im jüngsten Regierungsblatt verkündigte Vcr- orbnun? beutmn?uur Ausführung des bekanntlich zu Anfang des nächsten Jahres in Krimtretenden Re'chsgesetzes über die Bezeichnung des Raumgehaltetz der Schank- aefäfre in her Hauptsache Folgendes: Den Wirthen ist freigestellt, die Bezeichnung bei Raumgehalts ihrer Schankgefäße selbst vorzunchmen oder durch Wen immer vor. nehinen zu lassen. Sie sind für deren Richtigkeit verantwortlich. Gast- und Schank-