Br. 266 Donnerstag den 15. November ISS*.
Meßmer Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureau: Schulstratzs 7.
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Politische Ueberstcht.
Gieße«, 14. November.
Die bevorstehende Reise des deutschen Kronprinzen nach Madrid bildet gegenwärtig in den politischen Kreisen des In- und Auslandes das Tagesgespräch. Sehr unangenehm findet man sich hiervon in den Pariser Regierungskreisen berührt, da man hier nicht mit Unrecht von dem Besuche des deutschen Kaisersohnes in Madrid eine festere Verknüpfung der Beziehungen zwischen Deutschland und Spanien befürchtet. In erklärlichem Gegensätze hierzu sieht man in der spanischen Hauptstadt der Ankunft des deutschen Kronprinzen mit Enthusiasmus entgegen, wie sich denn überhaupt seine ganze Fahrt von dem Landungsplätze Barcelona bis zu den Ufern des Manzanares zu einem wahren Triumphzuge gestalten wird. Der hohe Herr gedenkt sich auf dem „Prinz Adalbert", der größten und stärksten Panzer-Corvette der deutschen Kriegsmarine, einzuschiffen; außerdem werden, wie bekannt, die Panzer-Corvette „Sophie" und der Aviso „Loreley" den Kronprinzen von Genua aus nach den Küsten Spaniens begleiten.
Anläßlich der bevorstehenden Landtags-Session in Preußen wird vom Centrum auch wieder einmal die kirchenpolitische Saite angeschlagen werden. Die genannte Partei soll beabsichtigen, im Adgeordnetenhause eine Debatte über die Wiederherstellung der geordneten kirchlichen Verwaltung in den Diöcesen Köln, Posen, Limburg und Münster anzuregen. Daß die kirchen- politischen Verhältnisse hierbei in einer oder der andern Art wieder Gegenstand der Erörterungen werden, liegt auf der Hand. Schon der Umstand, daß am 1 April 1884 die discretionären Vollmachten des Gesetzes vom 31. Mai 1882, betr den Eid der Bisthumsverweser, die Gehaltssperre und die kirchliche Vermögensverwaltung in den erledigten Diöcesen ablaufen, wird dazu führen ; es bleibt abzuwarten, ob ' die Regierung die Erneuerung dieser Vollmachten verlangen, resp. ob sich eine Majorität für die nochmalige Gewährung derselben finden ^ird. wiener „Fremdenblatt" unterzieht in einer seiner
ünqsten Nummern das Verhäitniß Oesterreichs zu Rußland einer eingehenden Besprechung. Das Blatt führt hierbei aus, daß eine Gemeinsamkeit der politischen Ideen und Handlungen der Cabinete von Petersburg und Wien sehr wohl möglich sei und betont dann, wie sehr die österreichische Regierung bestrebt sei bedenklichen Controversen aus dem Weg zu gehen. Das „Fremdenblatt" geht hierauf auf die serbische und bulgarische Frage ein und meint, daß eine Nichteinmischung Oesterreichs und Rußlands in die Verhältnisse Bulgariens und Serbiens der beste Beweis für die friedlichen Absichten jener Staaten sein würde und habe sich Oesterreich tu dieser Beziehung bereits große Zurückhaltung auserlegt Sonst gebe es keine actuelle politische Frage, in welcher ein unwill- ommener Zusaininenstoß der russischen und der österreichischen Regierungs-Idee zu besorgen ei. Die Herrscher beider Staaten wünschten aufrichtig den Frieden und diesen Umstand hätten auch die beiderseitigen Regierungen in Betracht zu ziehen; Oesterreich werde es hierbei an Loyalität nicht fehlen lassen und erwarte von Rußland volle Gegenseitigkeit.
Die französische Deputirtenkammer hat am Samstag das Municipalgesetz mit 440 gegen 66 Stimmen angenommen. Es bedeutet dies einen neuen Erfolg, den das Ministerium Ferry diesmal in der innere Politik davongelragen hat, denn die Radikalen versuchten auch in dieser Angelegenheit dem Cabinet ein Bein zu stellen. Besonders handelte es sich um das von dem radikalen Deputirten Delafvrge gestellte Amendement, nach welchem für die Stadtverwaltung von Paris dasselbe Recht einzuführen ist, das für öie übrigen Städte gilt Der Minister des Innern, Waldeck-Rousseau, bekämpfte das radikale Amendement sehr entschieden und wurde dasselbe auch mit 201 gegen 206 Stimmen verworfen. , , ... .
Auch in England hat das Luther-Jubiläum zu bedeutsamen Kundgebungen geführt, von denen namentlich das am Samstag in Exeterhall zu London stattgefundene große Meeting hervorzuheben ist. Demselben präsidirte Lord Shaftesbury, der eifrige Vorkämpfer des Protestantismus in England und beschloß die Versammlung, folgendes Telegramm an Kaiser Wilhelm abzu- senden: „Geruhen Ew. Majestät die Mittheilung anzunehmen, daß das protestantische England sich heute von ganzem Herzen eins weiß mit Deutschland ui der Feier des vierhundertsten Jahrestages der Geburt Luther's, und es ernstlich erfleht, daß unter dem Segen des Allmächtigen Gottes beide Länder auch ferner im Stande sein mögen, die großen Grundsätze der Reformation aufrecht zu erhalten, welche stets einen so mächtigen Beschützer in Ew. 'Majestät gefunden haben. Möge Gott Ew. Majestät noch lange erhalten!"
Der russische Minister des Auswärtigen, Herr v. Giers, hat am Sonntag eine Reise in's Ausland angetreten. Das Ziel derselben ist die Schweiz, wo eine Tochter des Ministers aus Gesundheits-Rückjichten schon seit längerer Zeit ihren Aufenthalt genommen hat. Bekanntlich weilte Herr v. Giers bereits im vorigen Jahre zu gleichem Zivecke in der Schweiz, wobei er gelegentlich der Durchreise durch Deutschland auch dem Fürjteu Bismaick in Varzin einen Besuch abstaitete. Ob^ der russische Minister auch diesmal beim Fürsten Bismarck vorsprechen wird, ist noch nicht bekannt.
In der rumänischen Devutirtenkammer kam am Samstag die Reise des Königs Karl nach Berlin und Wien zur sprachen auch die Unterredungen des rumänischen Ministerpräsidenten Bratiano wurden mit r. oen Bereich der Debatte gezogen. Den Anlaß hierzu gab eine Interpellation des
Deputirten Stolajan, welcher die von Bratiano erzielten Resultate kennen zu erneu wünschte. Bratiano führte in feiner Erwiderung aus, daß die Reise des Königs und die Conferenzeu mit Bismarck und Kalnoky den hauptsächlichen Zweck gehabt hätten, zu beweisen, daß Rumänien keinerlei Agitationen im Orient Vorschub leiste und seien Rumäniens erste Interessen unzweifelhaft mit der Erhaltung des europäischen Friedens aufs Engste verknüpft. Die Kammer ging hierauf einstimmig zur Tagesordnung über.
Die Nachricht, daß Professor Gia a, der eigentliche Urheber der Revolte in Serbien, standrechtlich erschossen worden sei, hat sich als unwahr herausgestellt. Ebenso werden die Mittheilungen über die Gefangennahme des Divisionairs und Gerichtspersonen in Alexinatz vurch Insurgenten für unrichtig erklärt, da in Alexinatz überhaupt keine aufständische Bewegung stattgefunden habe. Die Truppen haben die Gebiete um Costobrodija und Banja von den Insurgenten gesäubert und gelte der Ausstand nunmehr als bewältigt.
Dfulichlund.
Darurstadt, 13. November. Se. König!. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 1. November den Staatsanwalt bei dem Landgerichte der Provinz Starkenburg, August Haller, zum Landrichter bei dem Landgerichte der Provinz Oberhessen,
am 2. November den provisorischen Reallehrer Dr. Ludwig Baur in Alzey zum Lehrer an der Realschule daselbst zu ernennen.
Berlin, 10. November. Die Nachrichren über das Befinden des Fürsten Bismarck, vor Kurz-m noch so erfreulich lautend, sind jetzt nicht günstig. Man spricht von einem erneuten Anfall von Gelbsucht, welcher den Kanzler belästigen soll, anderseits von den Folgen einer Erkältung und dergleichen mehr. Nach genauen Erkundigungen sind die schlimmen Nachrichten wohl etwas übertrieben, doch soll sich letzter Zeit immerhin einige Schwankung in dem Befinden des Kanzlers gezeigt haben, welche den Aerzten die Pfl cht auürtrgt hätte, ernstliche Schonung anzurathen. Es heißt, der Fürst werde frühestens gegen Weihnachten, wahrscheinlich erst zu Anfang des nächsten Jahres nach Berlin kommen. Aus seiner Umgebung verlautet, er gedenke sich möglichst rege an der nächsten Reichstagssession zu betheiligen.
Krankreich.
Paris, 10. November. Die heutigen Zeitungen sprechen noch wenig von der Reise des deutschen Kronprinzen nach Spanien. Einige Blätter erblicken darin jedoch eine „Drohung gegen Frankreich". Die „France" äußert: „Diese Drohung muß ernst genommen werden aber nicht tragisch. Indem Deutschland mit Alfons, getäuscht durch die Et-kette, u- terh andelt, könnte man wähnen, es unterhandle mit einem König, der von Grund aus Herr seiner Untertanen sei; das Ercigniß könnte ihm jedoch bald den Beweis liefern, daß es blos mit einem Ehrenoberst der Ulanen ohne Regiment zu thun hat." Der „Temps" meldet aus Madrid vom heutigen Tage: „Die Mehrzahl der hiesigen Blätter zeigt die Reise des kaiserlichen Prinzen und den glänzenden Empfang an, den der König ihm bereitet. Ein Ehrengeschwader wird nach Barcelona gehen, desgleichen der Krtegsmmister, um den Prinzen zu bewillkommnen." Die royalistischen Blätter schreiben der Reise des deutschen Kronprinzen eine große Bedeutung zu und erblicken darin die Bestätigung der Annäherung zwischen Spanien und den beiden Kaiserreichen Mitteleuropas. Die ministeriellen Organe äußern: „Die Re:se ist ein retner Schritt der Höflichkeit, der die Ansichten des Madrider Cabinets nicht ändern wird, welches eine wohlwollende Neutralität für Frankreich und für alle Länder Europas beobachten wird."
Spanien.
Madrid, 12. November. Zum Empfang Sr. K. K. Hoheit des Kronprinzen des deutschen Reichs werden sich der Oberstkämmerer und ein General- adjutant des Königs, sowie der Kriegsminister und der Minister des Auswärtigen nach Barcelona begeben, die Reise von Barcelona hierher erfolgt mittelst königlichen Hofzugs.
Telegraphische Depeschen.
Wolff's telegr. Korrespondenz-Bureau.
Berlin, 13. November. Der Kronprinz hat seine Abreise nach Genua und Madrid auf nächsten Samstag früh verschoben.
— Es wurden heute als Stadtverordnete gewählt: Im 11. Wahlbezirk Inner (Bürgerpartei), im 14. Tutzauer (Arbeiterpartei), im 15. Tutzauer (Arbeiterpartei), im 23. Namslau (Fortschritt), im 25. Krampf (Bürgerparteis , int 26. Limprecht sBürgerpartei), im 27. Straßburg (Fortschritt), im 29. Vite (Bürgerpartei), im 32. Böhme (Bürgerpartei), int 41. Schulz (Fortschritt).
Berlin, 13. November. Der russische Minister des Auswärtigen, v. Giers, hatte heute Vormittag eine längere Unterredung mit dem Staatssecretär Grafen v. Hatzfeldt - Wildenbruch, derselbe wurde Nachmittags vom Kronprinzen, später vom Kaiser empfangen und zur Tafel gezogen. Von Friedrichsruhe begibt sich der Minister direkt nach Montreux ohne vorerst nach Berlin zurückzukehren.
— Se. Majestät der Kaiser empfing Vormittags den Generalquartiermeister der Armee, Generallieutenant Grafen v. Waldersee, und den Chef der Admiralität Generallieutenant v. Caprivi. Um 12 Uhr folgte der Kaiser einer Einladung des Großfürsten und der Großfürstin Wladimir zum Dejeuner in der russischen Botschaft.
— Se. K. K. Hoheit empfing Nachmittags den Staatssecretär Grafen v. Hatz- feldt-Wildenbruch.
— Der „Deutsche Reichsanzeiger" meldet die Ernennung des Regierungsvice- präsidenten Freiberrn v. Berlepsch in Codlenz zum Regierungsvräsideuien in Düsseldorf, sowie des Oberpräsidialraths v. Sydow in Breslau zum Regieren gsvicepräsidenten n Coblenz.


