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15.7.1883 Zweites Blatt
 
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Nr. 161. Zweites Sonntag den 15. Juli L88S.

Wchmer Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis

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Erscheint täglich mit Ausnahme des Msmtag».

PreiO viertelführlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerin, Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mar! 50 Pf.

Amtlicher Hheil.

Betreffend: Abhaltung des XIV. mittelrheinischen Turnfestes.

Bekanntmachung.

Während der Dauer des XIV. mittelrheinischen Turnfestes vom 14. bis 17. l. Mts. haben wir zur größeren Bequemlichkeit des den Festplatz besuchenden Publikums und zur wirksameren Handhabung des Polizeischutzes in dem rech-seitigen Thorhause des Neustädter Thores eine ständige Polizeistation errichtet. Es können bei dieser Station während der Zeit von Morgens 8 Uhr bis Nachts 12 Uhr Anzeigen jeder Art, welche polizeiliches Interesse haben und insbesondere sofortiges polizeiliches Einschreiten erfordern, gemacht werden.

Gießen, den 13. Juli 1883. Grobherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Betreffend: Den Remonte-Ankauf pro 1883.

Berlin den 1. März 1883.

Bekanntmachung.

Zum Ankauf von Remonten im Alter von vorzugsweise drei, und ausnahmsweise vier Jahren sind im Bereich des Großherzogthums Hessen für dieses Jahr nachstehende, Morgens 8 Uhr beginnende Märkte anberaumt worden und zwar:

den 10. Juli in Alsfeld,

12. Nidda,

27. Butzbach,

28. Nied er-Wöll stad t, 20. August in Groß-Bieberau,

den 21. August in Bickenbach,

22. Lampertheim,

23. Gernsheim,

24. Groß-Gerau.

Die von der Remonte-Ankaufs-Kommission erkauften Pferde werden zur Stelle abgenommen und sofort gegen Quittung baar bezahlt.

Pferde mit solchen Fehlern, welche nach den Landesgesetzen den Kauf rückgängig machen, sind vom Verkäufer gegen Erstattung des Kaufpreises und der Unkosten zurückzunehmen, auch sind Krippensetzer (Köpper) ooni Ankauf ausgeschlossen und wird es sich empfehlen, hierauf besonders zu achten, damit die Zurückgabe derjenigen Pferde, welche sich innerhalb der ersten 8 Tage nach dem Eintreffen in den Depots mit diesem Fehler behaftet zeigen, vermieden wird. Die Verkäufer sind ferner verpflichtet, jedem verkauften Pferde eine neue starke, rindlederne Trense mit starkem Gebiß und eine Kopshalster von Leder oder Hanf mit 2 mindestens zwei Meter langen, starken hänfenen Stricken ohne besondere Vergütung mitzugeben.

Um die Abstammung der vorgeführten Pferde feststellen zu können, ist es erwünscht, daß die Deckscheine möglichst mitgebracht werden. Königlich Preußisches Kriegsministerium, Abtheilung für das Remonte-Wesen.

gez. von Rauch. Gr. von Klinckowstroeny ___________________________________________

Wochenschau.

Gießen, 14. Juli.

Der Kaiser hat bekanntlich während seines Aufenthaltes in Karls­ruhe seinen Enkel, den Prinzen Ludwig Wilhelm von Baden, zmeitältesten Sohn des Großherzogs von Baden, zum Seconde-Lieutenant im badischen Leibgrenadier- Regiment Nr. 109 ernannt und ihm den Schwarzen Adlerorden verliehen. Der Kaiser hat aus diesem Anlaß ein Schreiben an den Prinzen gelichtet, in welchem der Letztere auf die Bedeutung seines Eintrittes in die Armee aufmerksam gemacht wird; aus gleichem Anlaß hat der Kaiser auch an den Großherzog von Baden ein Beglückwünschungs-Schreiben gerichtet.

Der Reichskanzler Fürst Bismarck wird-wieder von neuralgi­schen Schmerzen geplagt und hat deshalb Friedrichsruhe noch nicht verlassen können, so daß der Beginn seiner Kur in Kissingen wieder verschoben worden ist.

DasReichsgesetzblatt" veröffentlicht das Gesetz, betr.dieFeststellung des Reichshaushalts-Etats für das Jahr 1884/85 und das dazu gehörige Anleihegesetz. Fast 9 Monate vor Beginn des neuen Etatsjahres wird damit das Etatsgesetz veröffentlicht. Das lange und aus verschiedenen Wegen erstrebte Ziel der Herstellung zweier Budgets in einer. einzigen Session ist somit erreicht und in der kommenden Wintersession wird die Probe aus dieses ungewöhnliche Experiment gemacht werden; hoffentlich wird dieselbe befriedigend ausfallen.

Der Staatssecretär im Reichsschatzamt, Burchard, ist nebst seinem Bruder, dem Obersten und Director der Artillerie- und Ingenieurschule, Burchard, vom Kaiser in den Adelsstand erhoben worden.

Herr v. Puttkamer, der preußische Minister des Innern, hat sich nach der Eifel begeben, um die hier herrschende Nothlage autz eigener An­schauung kennen zu lernen. Der Minister, in dessen Begleitung sich der Ober­präsident der Nheinprovinz, Dr. v. Bardeleben, Geh. Ober-Negierungsrath Haase aus Berlin, Negierungs-Präsident v. Berlepsch und andere hochgestellte Beamte befinden, besuchte bereits verschiedene Ortschaften der Eifel und prüfte deren wirthschaftltche Verhältnisse auf das Eingehendste.

In Oesterreich beschäftigte man sich in dieser Woche hauptsächlich mit dem rumänischen Zwischenfall, welcher durch die Satissactivns-Note der Bukarester Regierung nunmehr definitiv beigelegt worden ist. Für den Augenblick ist hier­mit die neueste Trübung zwischen Wien und Bukarest wieder beseitigt, trotzdem wird aber das Vertrauen des Wiener Cabinets in die Loyalität der leitenden rumä­nischen Staatsmänner nur ein sehr bedingtes bleiben, so lange die osficiellen Persönlichkeiten in Bukarest dem Treiben der rumänischen Irredentisten durch die Finger sehen. Die aufmerksamste Controle dieses Treibens wird auch in Zukunft mit zu den vornehmsten Pflichten der rumänischen Negierung gehören müssen. Was die inneren Angelegenheiten des Donuureiches anbelangt, so ist die auf dem Prager Landtage sich anscheinend vollziehende Versöhnung zwischen Deutschen und Czechen von Interesse. Als Zeichen ihrer versöhnlichen Gesinnung haben die Czechen den Deutschen das Anerbieten einer dritten Landesausschuß- Stelle gemacht, welches Anerbieten vom Prager deutschen VertrauenSmänner- Club mit Dreiviertels-Majorität trotz des energischen Widerspruches des Ver­treters der Egerer Handelskammer, Abg. Plener, auch genehmigt worden ist.

Man darf begierig sein, wie lange bei den Czechen diese Anwandlung von Großmuth anhalten wird. Die Nachrichten über das Befinden des Grafen Chambord lauten jeden Tag anders, so daß man hierüber sehr im Unklaren ist; nach den neuesten Mittheilungen aus Frohsdorf hat sich der Zustand des Kranken wieder verschlimmert.

Das französische Ministerium Ferry hat in der Dienstags- Sitzung der Deputirtenkammer ein glänzendes Vertrauensvotum bezüglich der Tongking-Angelegenheit erhalten. Mit 371 gegen 82 Stimmen genehmigte die Kammer, nachdem der Minister des Auswärtigen, Challemel-Lacour, klar und bündig die gegenwärtige Lage in Tongking geschildert hatte, eine Tagesordnung, welche Vertrauen auf die feste und kluge Politik der Negierung ausdrückt. Von bonapartistischer Seite hatte der bekannte Abg. de Cassagnac in heftigster Weise die Politik der Regierung critisirt und den Conseilpräsidenten Ferry sogar den Feigsten der Feigen genannt, wofür die Kammer die temporäre Censur über den unverbesserlichen Störenfried verhängte. Für Donnerstag, den 12. Juli, stand die Berathung der mit den großen französischen Eisenbahn-Gesellschaften abgeschlossenen Verträge auf der Tagesordnung der Deputirtenkammer. Bis zur Stunde lag hierüber noch kein Bericht vor; indessen dürften die Debatten über diesen Gegenstand nicht ganz glatt verlaufen sein, denn die Eisenbahn- Conventionen haben selbst unter den Republikanern zahlreiche Gegner gefunden, da die Conventionen den Eisenbahn-Gesellschaften große finanzielle Vortheile auf Kosten des Staates gewähren. Von dem Ausgange der Donnerstags-Debatten hängt das Schicksal des Cabinets Ferry ab. denn Herr Ferry hat.erklärt, mit den Conventionen stehen und fallen zu wollen und eine Ablehnung derselben müßte demnach den Rücktritt des Cabinets zur Folge haben.

Die unergründliche Weisheit der englischen Regierungs­männer hat in diesen Tagen die Welt wiederum mit einem sonderbaren Be­schluß überrascht. Eines der Mitglieder des Londoner Cabinets, £sir Charles Dille, erklärte am Montag im Unterhause, daß die englische Negierung keinerlei Quarantäne-Maßregeln gegen choleraverdächtige Schiffe zu ergreifen gedenke, weil die Quarantäne in den Cholerajahren 1832 und 1833 auch nichts genutzt habe. Das ist stark! Also weil einmal vor 50 Jahren die Quarantäne aus irgend einem Grunde wirkungslos geblieben ist, will England heute von dieser allerersten und einfachsten Maßregel gegen die Verschleppung der furchtbaren Krankheit absehen. Dieser Vorgang charakterisirt wieder einmal tchlagmd die Unverfrorenheit, mit welcher sich die Engländer über allgemeine europäische In­teressen hinwegzusetzen pflegen; ein Commentar hierzu erscheint uberflustig. Im Unterhause legte der Schatzkanzler Childers das von der englischen Siegte- rung mit der Suezkanal-Gesellschaft getroffene provisorische Abkommen wegen Erbauung eines zweiten Kanals vor. Childers bemer ke daß die Regierung die »um Bau erforderlichen 8 Mill. Pfund durch eine Anleihe aufzubr.ngen ge­denke und daß der diesbezügliche Antrag zur Diseusston des mit Lesseps getroffe­nen Arrangements geeignet erscheine.

Aus Bulgarien erschallen immer lauter die Klagen über die ilcht russische Wirtbschast oder vielmehr Mißwirthschaft, welche die Generale Sabolew und Kaulbars dort vollsllhren. Die genannten Generäle begünstigen das russische Element in allen Zweigen der bulgarischen Verwaltung und im Heere in auf­fallender Weise und auch ihre sonstigen Maßregeln erfreuen sich durchaus nicht