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Donnerstag den 15. März
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gieße»
Bureau r Echulstraße 7.
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Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Durch bie ^pjt bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Mx. 62. Zweites Blatt.
Politische Ueberficht.
Gießen, 14. März.
Der russische Reichskanzler Fürst Gortschakoff ist in der Nacht vom Sonntag zum Montag in Baden-Baden, wo er schon seit längerer Zeit weilte, gestorben. Fürst Alexander Michaelowitsch Gortschakoff wurde am 10. Juli 1798 geboren und trat schon früh in den diplomatischen Dienst Rußlands ein. Als Gesandter am deutschen Bundestage und später am Wiener Hofe leistete Fürst Gortschakoff so hervorragende Dienste, daß Kaiser Alexander II. ihn 1856 zum Reichskanzler ernannte. Die zweideutige Haltung Oesterreichs während des Krimkrieges bewog Gortschkoff zu seiner entschieden sich gegen Oesterreich kehrenden auswärtigen Politik, welche sich erst mit Eintritt des als Drei-Kaiser-Bündniß bezeichneten Verhältnisses änderte. Daß der Berliner Vertrag die Bestimmungen des Friedensvertrages wesentlich zu Ungunsten Rußlands abänderte, empfand Fürst Gortschakoff als eine persönliche Niederlage und erfüllte chn mit Groll gegen Deutschland und Fürst Bismarck, den Vertreter der deutschen Politik. Seitdem galt der russische Reichskanzler als Führer oder Werkzeug der besonders gegen Deutschland und Oesterreich gerichteten panslavistischen Politik und der vielfach mit dieser verbündeten und zusammen- laujenden national'-russischen Bestrebungen. Der im Jahre 1882 erfolgte Rück- tntt Gortschakoff^ von der Leitung der auswärtigen Angelegenheiten Rußlands und seine Ersetzung durch Herrn v. Giers wurde denn auch als ein Beweis dafür angesehen, daß die russische Negierung entschlossen sei, sich in ihren auswärtigen Beziehungen von dem Einflüsse der ultra-nationalen Partei frei zu machen.
Gegen das Mitglied des österreichischen Reichsrathes, Schönerer, ist das strafrechtliche Verfahren wegen einer Rede, welche der genannte Abgeordnete auf dein Wagner-Commerse der Wiener Studentenschaft gehalten hat, eingeleitet worden. Das Landgericht in Wien hat bereits das Präsidium des Abgeordnetenhauses um die Bewilligung des strafrechtlichen Verfahrens gegen den Abg. Schönerer ersucht. Auch sonst dürfte der Wagner-Commers seinen Theil- nehmern noch unangenehme Consequenzen einbringen; der Rector der Wiener Universität will gegen die Studenten, welche durch „nationale" Reden „demon- strirten", disciplinarisch vorgehen; es weht eben zur Zeit in Wien für diejenigen, die ihren deutsch-nationalen Standpunkt vertreten, em scharfer Wind.
Die große Kundgebung, welche bie Pariser Radikalen auf der Esplanade des Invalides in Scene setzten wollten, ist kläglich in'S Wasser gefallen. Die umfassenden Vorsichtsmaßregeln, welche die Behörden getroffen hatten, haben sich zum Theile als überflüssig erwiesen, denn die in den Kasernen con- signirt gewesenen Regimenter brauchten nicht einzugreifen, da es den ausgebotenen Polizeimannschaften gelang, die Ordnung aujrechtzuerhalten. Es mögen zwar gegen 12,000 Menschen auf der Esplanade des Invalides und in den angrenzenden Straßen versammelt gewesen sein, doch bestand mindestens die Hälfte aus Neugierigen und die andere Hälfte waren nichts weniger als blutdürstig gesinnt. Zwar wurden einige Bäckerläden geplündert und ein paar Droschken attaquirt, doch machte die Polizei diesem Unfug bald ein Ende. Für Sonntag war eine Wiederholung des Scandals angekündigt, aber die Polizei verhinderte jede Zusammenrottung, wobei sie von einigen Kavallerie-Piquets unterstützt wurde; letztere rückten bald wieder in ihre Kasernen ein. Es sind nur wenige Verhaftungen vorgenommen worden.
In der italienischen Deputirtenkammer war die auswärtige Politik Gegenstand einer sehr eingehenden Debatte. Bedeutungsvoll war namentlich die Rede des Deputirten Minghetti, des früheren Leiters der auswärtigen Angelegenheiten Italiens. Der genannte Deputirte bedauerte, daß Italien feit einigen Jahren an Prestige und Einfluß eingebüßt habe und untersuchte die Frage, ob hieran das Ministerium oder die Umstände Schuld seien, wo ei er unzweideutig dem ersteren die Verantwortung zuschob. Hauptsächlich kritisirte Minghetti die Politik Mancini's in der egyptischen Frage, denn Italien hätte das unverhoffte Anerbieten, mit England in Egypten zu interveniren, unter keiner Bedingung zurückweisen dürfen. Der Minister des Innern, Mancini, ließ sich hierauf gar nicht näher ein, sondern wandte sich nur gegen die Behauptung des Deputirten Sonnino Sidny, daß Italien militärisch gar nicht in der Lage gewesen sei, zu interveniren. In militärischer wie finanzieller Beziehung sei Alles zur raschen Expedition eines Armee-Corps von 20- bis 25,000 Mann bereit gewesen, was vom Kriegsminister bestätigt wurde. Auf weitere Bemerkungen Sidny's behielt sich der Minister vor, am Montag zu erwiedern.
Die Frage der cubanischen-Flüchtlinge spielt noch immer zwischen Spanien und England. Trotz aller Bemühungen der englffchen Regierung, den cubanischen Flüchtlingen die Freiheit zu verschaffen, schmachten dieselben noch in den spanischen Gefängnissen und scheint die spanische Negierung gefährliche Staatsverbrecher in ihnen zu erblicken. Erst jüngst hat der englische Minister des Auswärtigen, Lord Granville, wieder einen derartigen Wunsch gegenüber dem Madrider Cabinet geäußert, wobei er an die Großmuth der spanischen Nation appellirte. Spanien hat sich indessen wiederum geweigert, dem Wunsche Englands auf Freilassung der cubanischen Flüchtlinge Folge zu leisten.
Die Londoner Donau-Conserenz hat endlich in voriger Woche ihre Arbeiten geschlossen. Am Sonnabend trat die Conserenz zu ihrer letzten Sitzung zusammen, in welcher sicherem Vernehmen nach alle Protokolle unter» zeichnet worden sind. Wie es ferner heißt, ist tu dem neuen Donauvertrag der Barröre'sche Entwurf, welcher der Hauptsache nach Oesterreich den Vorsitz in der gemischten Donau-Commission überträgt, angenommen worden. Die Befug
nisse der internationalen Donau-Commission sind auf 21 Jahre verlängert worden. Die Jurisdiction derselben erstreckt sich bis nach Braila. Der Lauf der Donau von Braila bis zum eisernen Thore ist einer gemischten Commission unterstellt, welche aus Vertretern Oesterreichs, Rumäniens, Serbiens, Bulgariens und aus Vertretern der europäischen Donau-Commission besteht.
Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei in Berlin
Die Errichtung einer landwirthschaftlichen Hochschule in Berlin und der damit in Verbindung stehende Bau eines landwirthschaftlichen Museums haben nach einem achtjährigen Provisorium zunächst zu einer würdigen und guten Einrichtung der Versuchsstation des Vereins der Spirituosenfabrikanten geführt. In der neuerrrchtelrn landwirthschaftlichen Hochschule wurden nämlich dem Verein der Zuckerfabrikanten und dem Verein der Spiritusfabrikanten schöne Laboratorien zugewtefen. Als Leiter dieser Laboratorien sind die Herren Dr. P. Degener (Zuckerfablikatwn) und Pros. Dr. Delbrück (Spirstusfabrikatwn), zugleich Professoren der landwirthschaftlichen Hochschule) und trägt der Letztere über Brennerei, Brauerei, Stärke- und Stärkezuckerfabrikation, Müllerei, Bäckersvor^^ ben Greifen der Brauindustrie Wünsche laut geworden, daß auch
dies wichtige Gewerbe durch eine besondere Versuchs- und Lehranstalt an der Komgl. landwirthschaftlichen Hochschule vertreten sein möge. Diesem Verlangen tst der Minister für Landwirthschait gerne entgegengekommen und die beiden Hauser des Landtags haben die nöihigen Mittel zur Erreichung dieses Zweckes bewilligt. Um dem gleichzeitig hervorget'etenen Bedürfn>ß des Spirituosenfabr kanten-Vereins nach nmen und größeren Localitäten besonders für Lehrzwecke gerecht zu werden, rst der Plan entstanden und nunmehr zur Durchführung gelangt, ein eigenes neues Gebäude ZU errichten für die Gäh.ungsgewerbe und den sick bildenden oder bestehenden technischen Vereinen zur Erreichung ihrer Ziele zur Verfügung zu stellen Dabei find die verwandten Gewerbe, wie Essigfabrikut-on, Stärketabrikaiion, Müllerei, Backerei rc. durchaus nicht ausgeschlossen. Es wird im Gegenthetl gewünscht, daß diese an maßgebender Stelle entsprechende Anträge stellen. w _ Q „ o o
Das Institut für Gährungsgewerbe, ein zweistöckiges Haus mit 8 Fenftnn Front, befindet sich auf dem Grundstück der kgl. landwirthschaftlichen Hochschule^ Berlin K, ^noalideustraße 42; es ist mit Ausnahme der inneren Einrichtung, also Dielung, Anbringung von Gas- und Wasserleitung rc. vollständig fertiggestellc, so daß es mit Sicherheit am 1. April 1883 seiner Bestimmung übergeben werden kann.
Die ganze Einrichtung des Gebäudes ist nun so getroffen, daß nicht jebem Gewerbe ein vollständig selbstständiges Laboratorium zugewiefen wird sondern derart, daß sowohl die Bureau-Räume als die Unterrichtslocale, sowie die Laboratorien für wissenschaftliche Untersuchungen im Wesentlichen gemeinschaftlich benutzt werden. Zu dieser Organ sation ist man gekommen, weil die anzuwendenden Untersuchungsmethodcn, bi- Gegenstände wissenschaftlicher Forschung im W-fentl-chen für alle bktheil.gten Ge- werbe die gleichen sind. All- lheoieiischen Untersuchungen über Mälzerei, Dialiase und Diastase Wirkung, über Hefener ährung, Wachsthum und Gahrwnkung d-r Hefe, über die Kennrnß der mit Hefe concurrirenben Spaltpilze und sonstigen Feinde: — alle diese Untersuchurgen sind den Gähiungs Gewerben
Nur die technische Verwendung der erhaltenen Rrsultate wird sich verschieden aestalten, so daß sich folgender Gesichtspunkt herausschält:
Die General Dircction wird einer Person zu übertragen sein, welche im Wesentliten bie wissenschaftliche Richtung des Gesammt-Jnstituts vertritt: bie Behandlung der speciellen technischen Fragen wird einzelnen Subdii ektoren zufallen, welche sich allo th<ilen würden in Sp^clalisten für Brauerei, Brennerei, Hefenfadrikation, Essig- und Starkefadrikation,
Die Plän^sind' affo^weitgehende und, soweit sich bisher übersehen läßt, vielleicht auch iheilweise real-si'bar, denn die Brauer und SpirituSfabrikanten haben schon letzt en vorläufiges Abkommen geb offen, an w.lcheS sich bei der Uebersiedelung in das neue Gebäude hoffentlich ein definitives schließen wird. , ,
Die Versuchsstation für Brennerei besteht bereits; die Brauer haben sich deßhalb entschloss n und der Voistand des Spiritusfabr'kanlen-Vereins Hot sich emv'.rstanden erklärt, schon jetzt in die Mitbenutzung des bestehenden Laboratoriums er^ treten durch bie dren Tnrkclor Goldschmidt, Brauer., FltebrichShohe, Dir-ktor Rosik«, Brauerei Schullhe fj. A Knoblauch, Bobm. Brauhaus würbe schon Dec.mb-r v. I die Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei zu Berlin eröffnet. Die Directwn
ist fvrrn Pi c»f Dr. M- Delbrück, sowie Herrn Dr. M Hayduck Übertragen. Zunächst ^ÄbTe0»™ auf b“ '*un8 wlssenschas.l.cher und --«n scher Untersuchungen besch.änken, während bk @i Öffnung von Speclal-Lehrkursen s^""r Z* t, vlellelcht b-m Jahr- 1884, überlassen bleibt. Auch von der V°r°usstabe e,n-r elgenen Zeltschrlit ist abgesehen, ba Deutschland hervorragende Fachblülter für Brauerei besitzt, von denen man gewiß annehmen kann, daß sie das lunge und elnzusührende Unter- nehmen nach Kräften zu Heden suchen werden. ryhemifer refo.
Eine complete höhere Lehranstalt als
Techniker, welche eine Hochschule besuchen wollen, um sich für Nach
speelell aüszubstben, wirb also schon mit dem ^ommer-S«w st-r 1883 -roffnet, dem m Aussicht genommenen Lehrplan würde sich das Studiu-. t t 0
0tfl“UL'Ausbilbung von Chemikern, Ausnah.n-bebingung: AbsolvirttS, Swdium^der Chemie. Vorlesungen: Physiologische ^bemie resp. Pfl nzen un ^renneret 2C., Mykologie, Gährungschemie; Specialvorlesung über Brauerei,
Uebungen im Laboratorium fü** Gährungschemie. Kckulbilduna
^II. Ausbildung ?onAußerdem wo- mlnbestens Z.ugnlß, welches zur einjährigen> Dienst Studium 4 S-mest-r.
möglich K-nninch der Praxi» einer der b-treff-nben Gew-r--. gZat,onaL,
1. Semester: Anorganische Chemie, B^^'n sche" Chemie, Pflanzen- unb Thicr- O.konomie, Buchführung, - 2. •. 1*' gaboratortum. - 3, Semester:
pbtzsiologie, U-bungen im chemflchen und Mikroskop ^"guerei, Brennerei rc„ Uebungen jenigen welche bereits an b‘r la"^® t“ im*, die Vorlesungen über Gährungschemie
Es unterliegt tetnem BmeiM daß ^die .nemrncynie^ dne ftflatlid)e ^xmKV9 entspricht, nach für bie gesammten Gährungsgewerbe bisher
'L'g-Ltt bat' Es .»'barum^auch zu wünschen, baß bk neue Hochschule in Berlin sich dneS regen Besuches zu erfreuen habe.


