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26Z Mittwoch dm 14. November 1883
^i. 11 »oilior
Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Mreaur Schulstraße 7.
Erscheint tätlich mit Ausnahme des Montags.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Theit.
Leheer-Confevenz
des Conferenzbezirks Grünberg: Montag den 19. November, Vormittags 10 Uhr, in Grünberg.
des Conferenzbezirks Großen-Bufeck: Mittwoch den 21. November, Vormittags 19 Uhr, in Großen-Buseck.
Gießen, den 12. November 1883. Büchner, Kreisschulinspector.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S teleg«. Corresvondenz-Bure»«.
Berlin, 12. November. Wie nunmehr bestimmt ist, wird Se. K. K. Hoheit der Kronprinz am nächsten Donnerstag früh die Reise nach Genua über München antreten und in Genua sich am 17. ds., Mittags, nach Barcelona einschiffen. Die Uebersahrt des Kronprinzen und seiner Adjutanten erfolgt auf dem „Prinz Adalbert", die Uebersahrt der Generäle v. Blumenthal und v. Mischte auf der „Sophie" und die Uederfahrt des übrigen Gefolges auf der „Loreley." Bis Genua wird Se. K. K. Hoheit der Kronprinz incognito reisen.
Koblenz, 12. November. Ihre Maj. die Kaiserin ist heute Abend um 6'/z Uhr hier eingetroffen.
Straßburg, 12. November. Außer dem Kriegsminister, Generallieutenant v. Bronsact, wird auch der General-Quartiermeister, Generallieutenant Gras Waldersee, zur Jnspicirung der Grenzfestungen in den Reichslanden eintreffen.
Wien, 12. November. Dem „Fremdenblatt" zufolge ist von einer durch verschiedene Blätter gemeldeten Reise des österreichischen Gesandten in Belgrad, Grafen Khevenhüller, nach Wien, in unterrichteten Kreisen bisher nichts bekannt geworden.
Die österreichische Delegation nahm das ordentliche und außerordentliche Heeresbudget ohne Debatte an und verblieb bezüglich des Marinebudgets bei den früheren Beschlüssen. Der bosnische Occupations-Credit wurde nach den Anträgen des Ausschusses angenommen, nachdem der Reichs-Finanzminister v. Kallay die Beschwerde des Delegirten Pslügel über die Vernachlässigung der katholischen Kirche in Bosnien ein gehend widerlegt hatte.
Loudon, 12. November. Der gestrige Luthertag ist im ganzen Königreiche von den Protestanten aller Richtungen feierlichst begangen worden. In der Westminster-Abtei hielt der Erzbischof von Jork die Festrede.
Einem Correspondenten des „Standard" gegenüber äußerte der chinesische Botschafter Tseng, die Unterhandlungen mit Frankreich seien bis dahin unterbrochen , wo Frankreich die chinesische Note vom 5. November beantwortet haben werde. Der Ausbruch des Krieges fei wahrscheinlich, sobald die Franzosen gegen Bacninh vorgehen sollten; in diesem Falle erscheine auch die Sicherheit der Fremden in China bedroht.
Christiania, 12. November. Das Lutherfest wurde am 10. ds. in allen Schulen und am 11. ds. in allen Kirchen des Reiches gefeiert.
Madrid, 12. November. Die in den hiesigen protestantischen Bethäu- sern veranstaltete Lutherfeier war außerordentlich zahlreich besucht.
Festrede
bei der Pflanzung einer Lutherlinde auf dem Ludwigsplatz zu Gießen am 10. Novbr. 1883 zur Feier des 400 Geburtstags Dr. Martin Luthers,
gehalten von Dr. Earl Naumann, 1. Pfarrer zu Gießen- Hochgeehrte Festversammlung!
Heute vor 400 Jahren wurde Martin Luther geboren als Sohn geringer Bauersund Bergwerksleute In Eislcben.
Welch ein bedeutungsvoller Zeitraum sind diese 400 Jahre geworden dm ch den Mann, zu dem nach Gottes Rath dieses Knäblein heranwuchs!
Wie hat er mit gewaltiger Hand die alte, verweltlichte Kirche erschüttert und eine neue gebaut aus den lebendigen Steinen des ewigen, selig machenden Evangeliums! Wie hat er mit seinem reichen Geiste die Völker durchdrungen und auf all n Gebieten des Lebens neue, bildungski ästige Grundsätze, tiefe, evangelische Wahrheiisgidanken zu segensvollster Geltung gebracht! Ja, wie hat er die ganze Welt bewegt durch fein Wirken mit Wort und Schrift, das in des Herzens verborgenem Grund beginnend in alle Höhen, Tiefen und Weiten des ganzen Menschenlebens seine Hellsamen Spuren hineintrug 1
Darum feiert heute billig die gesammte evangelische Christenheit und Jedermann sonst, der Luthers Wirken zu schätzen weiß, den Geburtstag des großen Mannes. Vor ollem steigt heute aus der evangelischen Kirche Deutschlands ein vicliauseudstimmiger Lobgesang empor zu dem allmächtigen Gott im Himmel für all das Gute, das er durch Martin Luther an uns gethan hat. An zahllosen Orten wird in mannigfaltiger Weise on diesem 400. Geburtstag des großen Reformators die Wahrheit bewährt: DaS Gedächtniß deS Gerechten bleibt im Segen!
Auch wir bringen dem Andenken des Reformators den Zoll dankbarer Verehrung. Insbesondere soll heute unser Festzug eS bekunden, daß wir zu Luther und seinem Werk uns bekennen, daß wir dankbar der Segnungen der Resormatin uns bewußt sind, und daß wir die Güter, die sie uns gebracht hat, treu wahren und behalten wollen.
Als besonderes Zeugntß hiervon und Erinnerungszeichen hieran pflanzen wir heute an dieser Stätte .ine Lut her linde.
Dort auf der Höhe haben unsere Väter im Jahre 1817 eine Luthereiche gepflanzt. Jener Baum, gepflanzt am 300 Gedächtnißtage der Reformation, mute natürlich trotz seines Namens mehr an die Sache, die Reformation, als an die Person Luthers erinnern; und die Eiche selbst, die ihrer Art nach weniger einzeln stehend als zu Hain und Wald vereinigt gedeiht, stellt naturgemäß mehr eine Gemeinschaft, die »angel sche Kirche, har, als eine einzelne Person.
Diese Linde aber soll, neben jener Eiche, heute an Luthers 400. Geburtstag, ouf diesem von Wohnhäusern umringten Platze gepflanzt, «ns ein Bild und Erinnerungs- Michen werden für den Reformator selbst. Ist doch die Linde, vor anderen Bäumen
der vielgepriesene, urdeuische Baum, in dessen Neste, Zweige und Blätter hinein die altgermarusche Götter- un» Menschensage, Kriegs- und Friedensgeschichte reichlich verflochten ist, der Baum, der in gute Erde gesetzt unter des Himmels Sonnenschein und Regen für sich allein gedeiht und heute noch in so mancher Stadt und manchem Dorf hochragend über Straße und Haus die Menschen in seinem Schatten zu Lust und Klage, zu ernstem und heiterem Rath v-rsammelt!
In solchem Lichte soll diese Linde uns ein Bild werden von unserem theuren Martin Luihcr.
Noch ist sie jung und zart, gleichsam im Kindesalter als ein gesundes, schönes Bäumchen an diesen ihren Bestimmungsort gebracht. Dadurch erinnert sie uns an das Kind, den Knaben Luther. Reich begabt mit herrlichen Geisteskräften, ausgerüstet mit einem beharrlichen Willen und genügsamen Sinn, mit Grobheit des Wesens und k ndl ch frohem Goitverirauen, durchlevte er gottesfürchtig und rechtschaffen seine Kirderjahre unter harter Erziehung des Elternhauses und mehr noch nach der -Zeiten Sitte unter rauher Zucht der Schule. Als er zum Manne heran- gereift war, stand über ihm das Wort: „Es ist em köstliches Ding einem Manne, daß er das Joch in seiner Jugend trage." Aber als er em Mann un» durch seines Gottes Liebe und Erbarmen esn Gotteskmd geworben war, da trieb ihn herzliche Liebe auch zum Wirken für das Wohl der K nder, der Jugend, deren Leidwesen ihm zu Herzen ging. Ja, Ihr Kinder alle, die Ihr 'heute Luthers Geburtstag feiert, wisset, dieser Baum soll Euch den Mann darstellen, der nicht nur Euch zum guten Vorbild em frommes, gehorsames Kind war, sondern der auch für Euch die Liebe, die heilige, herzliche Liebe zu den Kindern, wieder in das Haus und in die Schule hineiugepflanzt hat, dec wohl der Ruche Nicht entbehren konnte, aber neben sieden Apfel legte. Darum bestrebt Euch heule und so oft Euch der Anblick dieser Linde an Euren Luther erinnert, solche gottesfürchtige, gottoertrauknde Kinder zu werden, um deren willen einst Lutbcr selbst, in schwerer Zeit, seinem zagenden Melanchthon tröstend zurief: „Muth, Muth, die Kinder beten noch für uns!"
Diese Linde wird heranwachftn, zum Himmel streben mit ihren Besten und Zweigen • .und damit dies um so stchec-r geschehe, werden ihr die Beste, die mehr die (Srbe für1»«, rmggeichnitten. Sie kommt gleichsam in das Jünglingsalter, und als Lutherlinde soll sie uns auch ein Bild des Jünglings Martin Luther werden
Luther im Jünglingsalter zeigt uns in allen Zügen seines Wffens den erhabenen, hirnmelanstrebend-n Sinn, dem doch auch wiederum nichts Menschliches fremd ist. Ihn b-seelt glühende Begeisterung für alles Wahre, Schöne und Gute, die immer klarer und bewußter nach her Seele höchsten, himmlischen Gütern trachtet. Als fröhlicher junger Geselle hatte er an sich, was später die Burschenschaften ihr Ideal nannten, und worin heute unsere Turner ihren Wahlspruch haben - frisch, fromm, fröhlich, frei! Gern trug er die Wehr an seiner Seite, er übte sich als Jäger, Schütze und Reiter; h-fter sche-tte und sang er in froher Freunde Gesellschaft; ja, Gesang und Lautenspiel war seine besondere Lust. Aber niemals hat er es dabei mit der Sünde leicht genommen, nie hat er mit dem Tode Scherz getrieben. Vielmehr hielt er sich unbefleckt und tadellos in seinem Jugendleben. Und über allem Irdischen war ihm einzig theuer das Heil feiner unsterblichen Seele. In Gott und mit Gott leben, das war das Ideal dem sein jugendlicher (Seift zustrebte. Und als er ein Mann geworden war, als er, nicht getäuscht in feinem Streben wegen der Wahrheit seiner ewiger. Ideale, feinen Gott und Heiland gefunden hatte und in ihm feines Herzens Frieden, seines Lebens Krone wie lag es ihm da am Herzen, als Lehrer und Professor die Jünglmge anzueifern zum edelsten Streben und fleißigem Schaffen, sie emporzuheben über olles Niedrige und Gemeine und ihr Gemütb hinzurichten zu den höchsten, himmlischen ©üttrn be>- Seele! Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang, das war ihm der selhstersahrene Wahrhe.tssotz für die frohe Jugend; bet’ und arbeit', so hilft Gott allezeit' das war feine treue Mahnung. Und wie er einst in gewaltiger Schrift den Rathsherrn deutscher Städte zurief: „So lieb uns das Evangelium ist, so hart lasset uns über den Svrachen halten!" so hat er wiederum seine Studenten aus eigenster fiMrhriria versickert: Fleißig gebetet ist halb studirt!
y Darum Du frisch.-, frohe Jugend, die Du heute den Geburtstag Luther's feierst, denke daran, wie der Jüngling Luther Dir em leuchtend Vorbild ist auf allen Deinen Wegen, und wie der Jugendlehrer Luther treulich Dir den Weg gewiesen hat, auf dem Du unsträfl ch wandeln und die höchsten Güter Dir erringen sollst. Darum hinweg, wie mit den zur Erde neig-nden Besten eines Baumes, hinweg mit der Geist fesselnden Smnl.ckkeit, fort mit dem staubgeborenen und staubverloremir Materialismus, der Dir Deine Ideale verdirbt! Dieser Festtag und diese Lutherlinde stelle D.r Demen Luthe- lebendig vor die Seele, der Deinem Geist die schönsten Ideale verkündigt, der Dich zu ewigen Gütern, zu ewigem Ziele führen will!
Diese Linde wird heranwachsen zu einem mächtigen Baume, der zum Himm.l fein Hanoi erhebt, der feine Beste und Zweige ringsum ausbrettet, der fernen Schatten weithin über diesen Platz wirft und her zugleich feine Wurzeln tief die Erde senkt. Der Baum tritt gleichsam in fein Mannesalter, und also ist er uns das Bild des Mannes Luther, der ein Menschenalter hindurch mannhaft und unermüdlA in der ihm befohlenen Lebensaufgabe gewirkt hat. Ein Baum ist gesund wenn des Stammes Mark gesund ist und von ihm au8 gesunde Safte in alle Allste steigen. So war Piitber in kämvk-reicher Entwickelung ein kerngesunder Mann geworden, und seines Ledens frisches Mark war sein religiöser Sinn, sein christlicher Charakter. Als er de?gotttsiürchtige. streng sittliche Christ, nach Gottes gnädiger Führung binein- a^orfen wurde in die Nach! tiefster Sündenschmerzen: da ging ihm nach heißem RMaenu^d Flehen das Licht des Evangeliums auf, und in diesem Lickt die gewisse Zuversicht daß der Sünder, der Christi Verdienst im Glanb-n ergreift, gerechtfertigt roirb nor (Sott Von da an war die Losung un° das Centrum feines Lebens die Wahrtest. Der Gne-bte wird feines Glaubens leben. Damit hatte er zugleich - üeaenüber b« Maffenrettung durch das Werk der Kttche - die Erlösung des einzelnen B&en der v ftönllch feinem Gotte sicht oder fällt, verkündigt, und damit hatte er da? G wissen der Einzelperson frei und verantwortlich gemacht. Mit dieser tief rliaiöfen GM-smacki wurde Luther der gewaltige Reformator, der mit dem Worte ffiottefi als d r 'einzigen Norm und Richtschnur aller Wahrheit und alles Lebens, die Kirche reinigte von allem unevangeliscken Wesen und, als ihre Häupter diese Reinigung n-rdammten sie umgestaltete zu einer neuen, evangelischen Kirche.
Aus diesem religiösen Sinn und kirchlichen Wirken Luther's erwuchsen, wie des Baumes Beste aus dem Stamm, unmittelbar seine religiösen Schriften, die dem


