61* Mittwoch den 14. März 1883.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureaur Schulstraße 7.
Erscheint ILglich mit Ausnahme des Montags.
Preis viertelstthrlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlshn.
Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
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Amtlicher Hpeit.
Nr. 2 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 8. t. M., enthält: .
(Nr. 1484.) Verordnung, betreffend die Außerkraftsetzung der §§ 2 und 3 der Verordnung vom 1. Ntai 1882 über bte Verwendung giftiger
Farben. Vom 5. Atärz 1883. „ m __ , QQQ
(Itr 1485) Bekanntmachung, betreffend die Einlösung der Banknoten der Chemnitzer Stadtbank. Vom 2<. Februar 1883.
Gießen, den. 13. März 1883. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Politische Uebersicht.
Gießen, 13. März.
In den maßgebenden militärischen Kreisen der Reichshaupt- ftadt scheinen sich gegenwärtig gewiffe Vorgänge zu vollziehen, die sich zwar der «llgemeinen Kenntniß noch entziehen, deren Vorbandensein sich aber durch unverkennbare Symptome äußert. Ein derartiges Symptom ist der Wechsel in der obersten Leitung des Kriegsministeriums, womit jedoch die Veränderungen in - hohen militärischen Stellungen noch nicht abgeschlossen sind, es stehen vielmehr sowohl im Kriegsministerium, als auch in der Militärkanzlei des Kaisers weitere Personalwechsel' in bestimmter Aussicht. Eine Klärung der Lage wird jedenfalls in den nächsten Tagen eintreten.
Das „Militär-Wochenblatt" vom 9. März enthält die Mitthei- lung, daß das Abschiedsgesuch des Kriegsministers v. Kameke bewilligt worden und daß derselbe mit der gesetzlichen Pension zur Disposition gestellt worden ist; v. Kameke verbleibt a la suite des Ingenieur-Corps, sowie in dem Berhältniß «lr Ches des 2. Hannover'schcn Jnsanlerie-Regiments Nr. 77 und soll auch in den Listen der activen Generalität der Armee weitergesührt werden. Ferner meldet das genannte Blatt die Ernennung des General-Lteutenants Bronsart v. Schellendorff zum Staats- und Kriegsminister. Letzterer Hal sich in seiner neuen Eigenschaft am Freitag dem Kaiser und dann dem Kronprinzen vorge- stellt. Was die bisherige Carriöre des neuen KriegStninisters anbelangt, so bietet dieselbe, trotz ihrer verhältnißmäßigen Raschheit, wenig Bemerkcnswerthes dar. Geboren am 25. Januar 1832 zu Danzig, wo jein Vater Chef im Oeconomie- Departement des Kriegsministeriums war, trat Bronsart v. Schellendorff 1849 als Ossicier in das Kaiser-Franz-Garde-Grenadier-Regiment ein. Dem Feldzug »on 1870/71 wohnte er als Oberstlieutenant und Chef des Generalstabes des Garde-Corps bei, erhielt bald nach Beendigung des Krieges das Cominando »er 1. Garde-Jnsanterie-Brigade und 1881 feine Ernennung zum General- Lieutenant und Commandeur der 2. Garde-Jnfanterie-Division. Man rühmt dem neuen Kriegsminister Schneidigkeit, Energie und Gewandtheit in Beherrschung des Wortes nach und an Gelegenheit, diese Eigenschaften zu erproben, wirb es ihm weder im Reichstage noch im Abgeordnetenhause fehlen.
Die Nachricht von der Ernennung desPrinzen von Wales zum preußischen Feldmarschall, die von Berliner Blättern als irrig bezeichnet 1 worden war, bestätigt sich vollkommen. In einem Schreiben des Privatsecre- tärs des englischen Thronfolgers, Herrn Francis Knollys, wird die Mittheilung »on dieser dem Prinzen zu Theil gewordenen Auszeichnung für durchaus begründet erklärt.
Das ungarische Unterhaus hat die ganze vorige Woche mit der Berathung des Mittelschulgesetzes, welches die Axt an die Wurzel des sieben- bürgischen Deutschthums legt, zugebracht. Die Verhandlungen haben das Eine klar gezeigt, daß die siebenbürger Sachsen im Kampfe um die nationale Selbstständigkeit ihrer Schule von keiner Partei Ungarns Unterstützung zu erwarten haben und der Ausgang des gesummten Kampfes, den das Magyarenthum gegen den ifolirten deutschen Aolksstamm im Südosten der habsburgischen Monarchie führt, erscheint nicht im Geringsten mehr zweifelhaft. Vergebens trat das Häuflein der sächsischen Abgeordneten im Unterhause unerschrocken für die verbürgten Rechte ihrer Landsleute ein, vergebens wiesen sie die Verdächtigungen und Verleumdungen gegen die Sachsen mit Entrüstung zurück — die Stimmung »es Hauses war gegen die Sachsen. Auch die Petition derselben beim Kaiser, »em Mittelschulgesetze die Sanction zu versagen, gleicht einem Schlage in's Wasser und so ist zur Stunde der betr. Entwurf vom ungarischen Parlamente wahrscheinlich schon angenommen.
In Frankreich scheint das Centrum der anarchistischen Bewegung, deren Zuckungen gegenwärtig in Belgien und in Spanien zu verspüren sind, zu liegen. ' Für vergangenen Freitag hatten die geheimen Leiter des anarchistischen Feldzuges gegen die bestehende staatliche und gesellschaftliche Ordnung eine große Protestkundgebung beabsichtigt, zu der alle stellenlosen Arbeiter der französischen Hauptstadt eingeladen waren und welche auf der Esplanade des Invalides statt- rinben sollte. Es fand sich auch am Nachmittag des genannten Tages auf dem , bezeichneten Platze eine Menschenmenge von ca. 5000 Kopsen ein, aber als die Polizei einschritt und etwa 15 Verhaftungen vorgenommen hatte, zerstreute sich die Menge ohne Widerstand zu leisten. Ein Haufe von 500 Personen zog nach dem Elyjöe, der Amtswohnung des Präsidenten der Republik, zerstreute sich aber aus freien Stücken, sobald sie die zahlreichen Polizisten gewahrte, welche dm Platz vor dem Elyfte beivachten. Die ganze, ebenso lächerliche wie unnütze Demonstration der Radikalen ist demnach kläglich in's Wasser gefallen. — Die französische Regierung hat den verhafteten Secretär der irischen Landliga, Bryne, dessen Verhastung England »erlangt hatte, wieder in Freiheit gesetzt.
Die conservative Opposition des englische» Unterhauses unter
Führung Sir Stafford Northcote's rüstet sich zu einem Feldzuge gegen das Cabinet Gladstone. Die Conservativen scheinen nur die Rückkehr des Premiers nach London abgewartet zu haben, um ihren Ansturm zu eröffnen. Der Anlaß hierzu bietet die s. Z. von der Regierung verfügte Freilaffung Parnell's und seiner Genossen aus dem Gesängnil,e von Kilmainham, und wünschte der Oppo- sitionssührer in der Donnerstags-Sitzung des Unterhauses einen Tag zur Be- rathung seines Antrages auf Besprechung dieser Angelegenheit sestgestellt zu sehen. Herr Gladstone, der offenbar die unangenehme Erinnerung an den „Pact von Kilmainham" sürchtet, lehnte es ab, aus die Forderung Northcote's einzugehen, was diesen zu einem scharfen Angriff auf die Regierung veranlaßte. Auch die Politik der englischen Regierung in Transvaal gedenkt die conservative Partei mit zu einem Zielpunkte ihrer Kritik zu machen, denn der conservative Deputirte Gorst kündigte am Freitag die Einbringung eines Tadelsvotums in der Transvaal-Angelegenheit an. — Im Bassin'eines Dubliner Docks sind von der Polizei acht Dolche von der Form aufgesunden worden, rote sie der Kutscher Kavanuagh in den Händen der Mörder von Cavendish und Bourke gesehen
haben roill.
Der Conflict zwischen Regierung und Volksvertretung in Norwegen besteht noch in seiner ganzen Spannung. Jetzt erfährt man auch die Grunde, welche die Majorität des Protokoll-Ausschusses des Storthiug bewogen haben, beim Adelsthing den Antrag einzubringen, die Regierung in den Anklagezustand zu versetzen. In erster Linie ist es die Verweigerung der Sanc- tion zu verschicbencu Beschlüssen des Storthiug, was den Hellen Zorn der norwegischen Radikalen gegen die RegierungSverlreter erregt hat. Es sollen daher zunächst alle diejenigen Staatsräthe (Minister), welche die Verweigerung der Sanction angerathen haben, in den Anklagestand versetzt werden.
lieber die socialistisch-revolutionäre Bewegung in Süd- Spanien bringen die Madrider Blätter interessante Details. Die durch die bisherigen Erhebungen festgestellte Müglieberzahl des „Bundes von der schwarzen Hand" beläuft sich auf über 100,000. Die Bande recrutirt sich zu einem nickt geringen Theile aus unzufriedenen kleinen Eigentümern Andalusiens, auch zählt sie zu ihren Mitgliedern eine größere Anzahl von Frauen, welche namentlich zu Agitationszwecken verwendet werden. Die „Schwarze Hand" hat sich hauptsächlich die Gegend von Xeres und Arcos zum Felde ihrer Thätigkeit erkoren und soll im Utbrigen nur ein Theil des über ganz Spanien verbreiteten anarchistischen Geheimbundes sein. Der deutsche Vicekonsul in Xeres ist von seiner Regierung mit Erhebung von Daten über die Organisation und Thätigkeit der „Schivarzen Hand" beauftragt worden.
Von bett egyptifchen Angelegenheiten ist es auffallend still geworden und wenn dieselben nicht manchmal in den Parlamenten, wie in diesen Tagen im englischen Unterhause und in der italienischen Deputirtenkarnmer zur Sprache gebracht würden, so könnte mau glauben, daß die egyptische Frage gar nicht mehr existirte. Auch über den Aufstand im Sudan ist immer noch nichts Näheres zu erfahren; die letzten Nachrichten melden bekanntlich die Besetzung von Obeid, die Hauptstadt von Cordosa», durch die Schaareu des „falschen Propheten." Die Wiedereroberung dieses Platzes scheint den viceköiugltchen Truppen noch nicht gelungen zu sein. __________
Darmstadt, 10. März. In der Nr. 106 be8 .Berliner Tageblatft- findet sich unter der tKuunt „Denkwürdigkeiten des (Metmen WefliKunfl«MtW
Chefs der Feidpol zei im deutsch.sranzdsischen Kriege, wörtlich folgende Auslastung.
„Aus gaulqucmont, einem kleinen Orte von 3000 Einwohnern, waren faft all Einwohner bei dem Herannahen der deuifchen Truppen entflohen und es °igossen sich über diesen Ort an 120,000 Mann, darunter die Hes sen-Dar m fl a dter, "3»- so fort zu plündern anstngen. „Bon allen Selten", chri-d Stüber an^settw Frau, „strömten die Armeekoipö herein und sperrten sehr bald die Pst g DtTimeifeIt die VäDen, alle Communication war ousqehoden- Der Maire ® t f Gedärmen
zu Fübem Ick konnte aber bet aller Mühe und obwohl ick Meist°n 50 reqmrirte, nur oberflächlich Ordnung schaffen,und ich ® «toolner niederzuschietzen. der,Ide Marketender, welche Nicht gehorchen wollten, m .demRevolver «»«zuich Namentlich der Riese Kun.ng (e.n, ;Ä ^r Ä-W
trches geleistet. Prinz Earl hat selbst s. ) H 0 gilündern vermeiden wollten Ich
der preussischen Armee ausrecht erhalten unba« WgM -(ferlc
habe nachher die Sache nicht. wei eran. die °b O <^0 X tad)ti9e Soldaten, sie sonst erschossen worden. Diese Wien jino wuy aeleaen big sie in die ver-
hotten auch drei Nächte in den Fe bern Im R ge.noafse^ g-.°g n dt H t laffene Stadt kan n. „D'r König MU stck ba6 td) nachfuhr,
ZoÄn Äinschte daß lch .wch etwa» Ordnung schaffen sollte, eS war aber
„Neuen Hessischen VolkSblätter" bemerken mit Recht zu vorstehendem ®rtl,<Iißlr i)utten diese giftig boshafte Auslastung in dem „Berliner Tugelflait" gänz- IM. Ilh7ri,hr„ ba uns die Stieber'schen Memoiren von Anbeginn an anetelteu und ww Mefen6»u8laffunaen des unS im höchsten Grade unsympathischen unb auch durch - unalaubwQrblfli-n Autobiographen keinerlei Beachtung schenkten. Erst von brittcr Teste wurden wir heute auf die soeben eitirten Sätze aufmerksam gemacht und da ist


