Mr. 289. Mittwoch den 12. December 1883.
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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r Schulstraße 7.
Erscheint tLgLich mit Ausnahme des MontagS.
Preiö vierteljährlich 2 Mar? 20 Pf. mit BringerLohrr. Durch die Tost bezogen vierteljährlich 2 Mark £>U Pf.
Amtlicher Hhei l.
Nr. 26 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben am 4. d. M. enthält:
(Nr. 1521.) Allerhöchster Erlaß, betreffend die Aufnahme einer Anleihe auf Grund der Gesetze vom 16. Februar 1882 (Reichs-Gesetzblatt S. 39} «nd vom 2. März 1883 (Reichs-Gesetzblatt S. 29). Vom 26. November 1883.
Gießen, den 10. December 1883. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr. Voekmann.
Bekanntmachung.
In Gemäßheit des § 9 des Gesetzes vom 13. Februar 1875 über die Naturalleistungen für die bewaffnete Macht im Frieden werden hiermit nachstehende Durchschnittsmarktpreise vom Monat November 1883 veröffentlicht:
Hafer <AL 16.—, Heu 6.50, Stroh 6.20 per 100 Kllogramm.
Gießen, am 8. December 1883. Großherzogliches Kreisamt Gießen.
Dr, Boekmann.
Politische Ueberficht.
Gießen, 11. December.
Am Freitag Abend hat Kronprinz Friedrich Wilhelm das gastfreie Madrid wieder verlassen und seine andalusische Reise angetreten, welche Äen Beschluß seines Besuches im Lande der Kastanien bildet. Die überaus Herzliche Ausnahme, welche der deutsche Kronprinz sowohl beim Hose, als auch Lei der Bevölkerung der spanischen Hauptstadt gesunden, entspricht dem begeisterten Empfang, der dem hohen Gaste König Alfonso's auch an den andern Orten Spaniens, die er mit seinem Besuche beehrte, zu Theil geworden ist und Der deutsche Kaisersohn wird nur mit den angenehmsten Erinnerungen von der -Königsstadt am Manzanares geschieden sein. Am Samstag Bormittag ist der Kronprinz in Sevilla eingetroffen, von wo aus er sich über Utrera, Granada, -Cordova, Alcazar, Valencia und Tarragona nach Barcelona begiebt, in welcher Stadt er sich nach Genua einschifft. Es heißt, daß der Kronprinz von Genua ÄUs nicht direct nach Deutschland zurückreisen, sondern einen Abstecher nach Rom unternehmen werde, um dem Papste einen Besuch zu machen; die officwse Bestätigung dieser höchst sensationellen Nachricht bleibt jedoch noch abzuwarten.
Das preußische Abgeordnetenhaus hat am Donnerstag nach Zweitägigen erregten Verhandlungen den Antrag des Abg. Stern auf Einführung des geheimen Wahlmodus bei den preußischen Landtags- und Communalmahlen abgelehnt, und zwar mit 202 gegen 163 Stimmen. Gegen denselben stimmten .geschloffen die beiden conservativen Fraktionen und die Nationalliberalen, für denselben ebenso geschloffen die andern Parteien. Aus der Debatte, die zum Theil in einem Tone geführt wurde, wie er glücklicherweise in den Räumen des preußischen Abgeordnetenhauses nur selten zu hören ist, ist am meisten die -Erklärung oder vielmehr die Drohung des Ministers v. Puttkamer hervorzu- hcben, die preußische Negierung würde unter Umständen beim Bundesrathe die Einführung des öffentlichen Wahlmoduö auch für die Reichötagswahlen beantragen. Wir fürchten, daß Herr v. Puttkamer hiermit eine Waffe der radi- .falen Agitation in die Hand gedrückt hat, welche bestens gegen die Negierung gebraucht werden wird, wie denn überhaupt in Deutschland diese Worte des Ministers vielfach großes Befremden erregt haben. Am Freitag lenkten die Verhandlungen nach den vorhergegangenen erregten Debatten wieder in das ruhigere Fahrwasser der Budgetberathung ein. Ohne wesentliche Discusnon wurden das Extraordinarium der Forst- und Domänen-Verwaltung und die Einnahmen der landwirthschastlichen Verwaltung genehmigt. Eine längere Debatte , die wieder sämmtliche Gebiete der Landwirthschast streifte, wurde bei der Berathung der dauernden Ausgaben, 8,150,538 JL, verursacht, doch wurden schließlich die sämmtlichen hierauf bezüglichen Capitel bewilligt. Am Samstag •fiel wegen des katholischen Feiertages (Maria Empfängniß) die Sitzung aus.
Der seines Amtes entlassene Bischof von Limburg, Dr. Blum, ift laut Allerhöchster Ordre vom 3. December d. Js. begnadigt worden. In Folge deffen ist die commiffarische Vermögensverwaltung in der Diöcese Limburg aufgehoben worden und die Wiederaufnahme der eingestellten Leistungen des Staates für diese Diöcese, und zwar vom 1. October d. Js. ab, erfolgt.
Laut amtlicher Feststellung sind bei der im Reichstagswahlkreise Forchüeim-Culmbach stattgesundenen Neuwahl 11,650 Stimmen abgegeben roor= 5en von denen 6510 auf den freiconservativen Freiherrn v. Auffeß in Berlin fielen. Derselbe ist sonach gewählt und der Fortschrittspartei somit wiederum em'Wahlkreis verloren gegangen
c?n der französischen Deputrrtenkammer ist am Freitag die seit Wochen erwartete große Haupt- und Staatsaction, die Debatte über die Tonakina-Kreditvorlage, in Scene gegangen. Der Wortführer der Radikalen, Miv8re griff die Regierung wegen der Tongkingfrage lebhaft an und wurde in seinen Ausführungen von Charmes (linkes Centrum) secundirt. Schließlich rvurde die Debatte auf den nächsten Tag vertagt und unterliegt es keinem Zweifel daß der Kredit im Betrage von 9 Mill. Frcs. genehmigt worden ist. Anläßlich Der Tongking-Debatte hieß es, daß die Radikalen am Freitag große antiministerielle Demonstrationen veranstalten wollten, doch ist nichts dergleichen geschehen; jedoch waren die Zugänge zum Kammergebäude und zum Stadthause, um allen Eventualitäten zu begegnen, polizeilich stark besetzt. Auf dem Börsenplatz, welcher am Freitag Nachmittag von einer großen Anzahl von Neugierigen belebt war, wurden einige Verhaftungen vorgenommen. Aus ?tongtmg
lagen bis vorigen Samstag keine Nachrichten von Belang vor. Die Dampf- Schaluppen auf den Kanälen zwischen Hanoi, Sontay und Bacninh sind vom Admiral Courbet angewiesen worden, die Operationen der französtschen Truppen zu unterstützen.
Aus der italienischen Deputirtenkammer wird ein scandalöser Vorfall gemeldet. Nicotera, einer der Wortführer der Opposition, insultirte während der Donnerstags-Sitzung in der? Couloirs zuerst den Unterrichteminister Baccolli und spuckte dann dem Generalsecretär des Innern, Lovito, in's Gesicht. Der häßliche Vorgang hat bereits ein Säbel-Duell zwischen Nicotera und Lovito zur Folge gehabt, in welchem beide Duellanten verwundet wurden. Es ist im tiefsten Grade bedauernswerth, daß sich ein Deputirter durch seine politische Gegnerschaft zur Negierung zu solchen Insulten gegen ihre angesehensten Vertreter hat hinreißen lassen und kann die Sache der Linken durch ein derartiges Vorgehen Nicotera's unmöglich gewinnen.
Die'offtciöse Petersburger Presse dementirt mit einem fast ..,'erdächtigen Effer die Mittheilungen ausländischer Blätter über ein angebliches ResormproM für Rußland und über die zur Prüfung deffelben eingesetzte Commission. Inwiefern die Meinung Berliner Blätter, daß man es hier nur mit Phrasen zu thun habe, die auf Irreleitung der öffentlichen Meinung berechnet seien, den thatsächlichen Verhältnissen entspricht, läßt sich noch nicht übersehen. Wenn man aber das bekannte Widerstreben des Czaren, der liberalen Partei Rußlands größere Concessionen zu machen, in Betracht zieht, so scheint es allerdings mit ber Realisirung der angeblichen Reformen noch gute Wege zu haben.
Der Schweizer Bundesrath hat in seiner Sitzung vom 7. Decbr. den bisherigen Viceprästdenten Welti (liberal) zum Bundes-Präsidenten für das Jahr 1884 und Schenk (radikal) zum Vice-Präsidenten gewählt.
In Belgrad haben Ende voriger Woche die gerichtlichen Verhandlungen gegen die Mitglieder des radikalen Central-Comit^s, welches den Aufstand int Süden Serbiens leitete, begonnen; man sieht einem raschen Gange Der Verhandlungen entgegen. Dem Vernehmen nach dürften die meisten Angeklagten begnaDigt werden, wie dies bereits bei vier verurthellten Mitgliedern des Kuja- schevazer Resolutions-Comitö der Fall gewesen ist.
An die europäischen Mächte tritt immer mehr die Nothwendig- keit heran, gemeinsame Vorkehrungen zum Schutze des Lebens und Eigenthums der in China wohnenden Ausländer zu treffen. Daß dieselben im Falle eines französisch-chinesischen Krieges ernstlich bedroht wären, geht aus einem neuerlichen Vorfälle hervor, der für den Fanatismus des chinesischen Pöbels zeugt. Ein. Pöbelhaufen zerstörte die christliche Kapelle in Kanton und erst durch das Einschreiten des chinesischen Militärs wurden die Tumultuanten zerstreut und von weiteren Exceffen abgehalten. Indessen variiren die Nachrichten über die angekündigte gemeinschaftliche Action der Mächte in den chinesischen Gewässern noch immer, daß eine solche aber nothwendig ist, beweist der aus Kanton gemeldete Vorfall. Die italienische Regierung hat in dieser Angelegenheit bereits die Initiative ergriffen und die Kriegsschiffe „Christofore Colombo" und „Carac- ciolo" nach ihrer Vereinigung in Singapore nach der chinesischen Küste beordert.
Aeutfchkand.
Berlin, 6. Dtcember. Aus den MtttheUungen der soeben außgezebenen Rang« und Quartierlrste der Kaiserlichen Marine für daS Jahr 1884 ist bezüglich der Ver- theilung deutscher Krtegsschffe auf die auswärtigen Stationen zu ersehen, daß die australische Station diesmal nur mit; 2 Kanonenbooten („Nautilus", welches Befehl erhalten, nach China abzugehen, und „Hyäne") besetzt ist. Auf der ostameri- kantschen Station befinden sich diesmal zwei Corvetten und an Kanonenboot, auf der weftamerikanischen eine Corvette, im nördlichen atlantischen Ocean eine Coroette (gegenwärtig nach dem Mittelmeer entsandt) und im Mittelmeer ist ein Avtss („Loreley"),, hauptsächlich mit der Bestimmung, zur Verfügung der Botschaft in Konstantrnopel zu
— In d-m preußischen StaaiShaushalt-Etat pro 1884/85 sind auch die Mittel für die Errichtung einer Masch'nistenschule in Flensburg ausgeworfen. Die Eröffnung dieser Unterrichts-Anstalt wüd in den Kreisen unserer Rhederet und Handelsmarine mit großer Sympathie begrüßt werden. Bei der stetig anwachsenden Zahl unserer Dampferflotte steigt auch die Nachfrage nach Maschinisten, namentlich solchen 1. und 2. Klaffe, indeß bas Angebot von Arbeitskräften dieser Art mit dem hervortretenden Bedarf keineswegs gleichen Schritt halt. Man wird diesen Mangel an Maschinisten der höheren Klaffen dem Umstande zuschreiben müssen, daß die große Mehrzahl der Schiffsmaschtnisten sich eu3 dem gewöhnlichen Arbeiterstande ergänzt, der tn seiner Jugend Mw andere Bildung als diejenige unserer Volksschulen grossen hat. Bislans


