Str 184 Erstes Blatt. Sonntag den 12. August 1888.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureau t Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MOttztagO.
Preis vrertelMrlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlshn.
Durch die Poft bezogen vierteljährlich 2 Matt 50 Pf.
Amtlicher Hl-ei L
Bekanntmachung.
3[e^marf^e^tI”ben 2 1 Äinberf($u()' 1 Coupon, 1 Schultasche, 1 Notizbuch, 1 Sackmesser, 1 Uhrkette, 1 Bleifederhalter, mehrere Schlüssel und Hunde- Zugelaufen: 1 Hund.
(liegen, den 11. August 1883. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.
___________________________________Fresenius.____________________________________
Bekanntmachung.
Während der Beurlaubung des Unterzeichneten wird Herr Finanz-Accessist Nispel die Verwaltung des Steuer-Commiffariats Gießen übernehmen.
Greß en, den 11. August 1883. Großherzogliches Steuer-Commissariat Gießen.
____________________________________________________________________________Süffert._______________________________________________________________________________
Durch kriegsgerichtliches Erkenntniß vom 30. Juli, bestätigt am 6. August d. I., ist
der am 4. Februar 1861 zu Oppenrod, Kreis Gießen, geborene Rekrut Ludwig Jakob Hahn des 2. Bataillons 2. Badischen Landwehr-Regiments Rr. 110
in contumaciam für fahnenflüchtig erklärt und in eine Geldbuße von 160 Mark verurtheilt worden.
Karlsruhe, den 9. August 1883. Königliches Gericht der 28. Division.
m. Darmstadt, 10 August. Der Gesetzesentwurf, betr. die Erhaltung der kirchlichen Oibnung m Bezug auf Trauung, Taufe und Eonfirmalion, bestimmt in S 2, btc kirchliche Trauung von den Ge'stl'chen zu versagen rst ber Ehen z-v.schen Christen und Nichtchristen und bei g^m schien Ehen, vor deren Umgehung der eoang lische Mann die Erziehung der sämmll;chen Kinder in einer nicht evangelischen Religionsgemeinschaft vertragsmäßig zugesagt hat. Der Ausschuß der Landessynode billigt diese Bestimmungen, doch will eine Majorität desselben die kirchliche Trauung auch bei Ehen versagt wissen, die zw scheu etmm wegen Ehebruchs geschiedenen Ehe- ootten und seiner M tschuidigen abgeschlossen werden soll. Die drei letzten Absätze des S 2 gestatten die Möglichkeit, auch in anderen Fällen die kirchliche Trauung zu ver- irgen und legen die Entscheidung hierüber in die Hände des Kirchenvorstandes. Das Eislere billigt der Ausschuß, findtt aber das Letztere bedenklich und schlägt darum unter Zustimmung des Ober-Consistoriums an Stelle der 3 letzren Absätze bcs § 2 folgende v^ssung vor: „Die ktrchl che Trauung kann versagt werden, wenn nach den besonderen umstanden des Falles die Mitwirkung der Kirche bei der Eheschließung als eine Entwürdigung der begehrten kirchlichen Handlung erscheinen, insbesonde-e zum öff.nllichen Lergerniß gereichen müßte. Die Entscheidung hierüber steht nach Anhörung des Kirchenvorstandes der obersten Kirchenbehörde zu."
Nach § 9 des Gesetzentwurfs ist es nach Ablauf der in den vorhergehenden Paragraphen festgesetzten Fristen in das Belieben des Kirchenvorstandes gestellt, ob er nach dem Gesetze gegen ein seine kirchlichen Pflichten vernachlässigendes Gemerndemit- gl'ed Vorgehen will oder nicht. Hierdurch nrrb nach Ansicht des Ausschusses das ganze Asch illusorisch gemacht. Die Kirchenoorstände werden unter diesen Umständen den
zur Anwendung desselben meist nicht haben; versuchen sie aber, das Gesetz in -Mkksamkeil treten zu lassen, so erscheine ihr Vorgehen nur zu leicht als ein persön- l'ü)ts. Der Ausschuß ist daher einstimmig der Meinung, daß es geboten ist, die An- windung des Gesetzes den Klrchenvol ständen zur Pflicht zu machen, damit ihr Vorgehen Character der Willkür verliert und als eine gesetzliche Nothwendigkeit erscheint, ferner glaubt der Ausschuß, daß auch Denen, welchen die kirchliche Trauung versagt werden mußte, das Recht ber Wählbarkeit und das Stimmrecht bei kirchlichen Wahlen M entziehen und daß eine Auseinanderhaltung dieser Rechte nicht tndicirt sei.
. , ,Iür S 9 wird hiernach folgende Fassung norgeschlagen: „Der Kirchenvorstand t alsvann durch Mehrheitsbeschluß den die kirchliche Trauung nicht^egehrenden viann, bezw. den Vater, w-lcher die Taufe oder Eonfirmalion seines Kindes, resp.
Vorbereitung zur Confirmation verweigert, des Rechtes der Wählbarke't zu kirch- ucoen Gemeindeämtern und des Stimmrechts bei kirchlichen Wahlen verlustig zu er- ^oren. Die gleiche Aberkennung i,t auch über Diejenigen auszusprechen, welche eine mit einem Nichtch.isten abgeschlossen haben, sowie über Diejenigen, welche bei Umgehung einer gemischten Eh- die Erziehung sämmtlicher Kinder in einer nicht ^^'^^Religionsgemeinschaft zugesagt haben, sowie gegen Die, welchen aus einem vnoern Munde die kirchliche Trauung versagt werden mußte. Kirchengliedcrn, welche die ^aute eines unter ihrer Gewalt stehenden Kindes verweigern, ist außerdem auch das Oircht der Pathenschaft zu entziehen."
_..a ®,n Mitglied des Ausschusses ist für Beibehaltung der Bestimmung des Ent- uris, wonach das Recht der Tauspathenschaft aberkannt werden kann, aber nicht OhX’ . Stimme spricht sich gegen die Folgen aus, die hier an die Ehe eines ^^Üten mit einem Nichtchrtstcn geknüpft werden.
Berlin, 10. August. Der hiesige Magistrat beschloß heute, eine Samm- jung sur Ischia zu veranstalten.
Telegraphische Depeschen.
Wolffs telegr. Correspondenz-Bureau.
D.nr ®tD|?bceren, 10. August. Se. Majestät der Kaiser ist heute früh m r wohlbehalten hier eingetroffen und hat sich von hier zu Wagen "llch Babelsberg begeben.
« . 10. August. Die „Post" veröffentlicht eine Erklärung des
Evers des Profeffors v. Putlitz, besagend: Der Verstorbene gebe in hinter- Wenen Briefen, deren Wortlaut einzusehen sei, als Grund seines gewaltsamen es ein amerikanisches Duell, welches er am Ausgang vorigen Winters in W ge eines Conflictes über die Judenfrage mit einem jüdischen Referendar ein- gSgangen sei, an. Alles andere sei unwahr.
Die „Rordd. Allg. Ztg." theilt mit, daß, nachdem die EntschädigungS- hfflr gestrandete und von den Eingeborenen der Pescadores-Jnseln
Schiff „August" aus Apenrade bereits im October ausgezahlt worden, Zh xÄ’Tr ^Sierung jetzt auch 38 bei der Plünderung Betheiligte bestraft eZahl der Strandmächter auf den Pescadores-Jnseln vermehrt hat.
nmm ^Eesbaden. 10. August. Officielles Resultat der Reichstagswahl - o. Mts. Von 12,509 im Ganzen abgegebenen Stimmen erhielt Rechts
anwalt Schenk (Fortschr.) 7014, Frhr. v. Spies-Büllesheim (Centr.) 3250, Contre^Admiral a. D. Werner (cons.) 886, Schreiner Franz Joest (Sociald.) 1338 Stimmen. Schenk ist sonach gewählt.
Eisenach, 10. August. Die gestrige Lutherfeier schloß, nachdem die Witterung sich gebeffert hatte, mit dem im Programme vorgesehenen Fackelzug. Bei dem Commers wurden auf Se. Maj. den Kaiser und auf den Großherzog stürmische Hochs ausgebracht, Sr. Maj. dem Kaiser wurde der Ausdruck treuester Ergebenheit in einem Telegramm noch besonders übermittelt. Zur Erricktung einer Stiftung für italienische Studirende der evangelischen Theologie wurde eine Sammlung veranstaltet.
Wien, 10. August. Heute Abend fand eine größere Ansammlung von Arbeitern vor dem Polizeigebäude statt, wie es heißt, zum Zweck der Demonstration wegen der Confiscation eines Arbeiterblattes. Durch energisches Einschreiten der Sicherheitswache, welche von der blanken Waffe Gebrauch machte, wurde die Menge sofort zerstreut. Viele Verhaftungen sind vorgenommen.
— Bei der Arbeiter-Demonstration wurden 38 Verhaftungen vorgenommen, wobei 11 Arbeiter verwundet, 4 Wachorgane verletzt wurden. Der Polizeipräsident und der die Wache commandirende Polizeibeamte wurden mit einem Steinhagel empfangen. Um 10 Uhr zog die Wachmannschaft und das ausgerückte Militär ab.
Paris, 10. August. „Telegraphe" meldet, Tricon erbat aus Gesundheitsrücksichten seine Rückberufung nach Frankreich
— Eine Depesche des „Telegraphe" ans Barcelona von heute früh besagt: In den Vorstädten Barcelonas revoltirte eine Anzahl Arbeiter, rufend: „Es lebe die Republik!" Die Fabriken wurden deßhalb geschlossen. Es heißt, bie Anführer hätten sich in der Richtung nach Vallesbruch entfernt und würden von zwei Regimentern verfolgt. Die Provinz Katalonien ist in Belagerungszustand erklärt. Hier circultren Gerüchte, daß auch die Garnison in Lerida gemeutert. Die Nachricht, daß in Valenc-a aufständische Bewegungen stattgefunden, wobei die Bevölkerung mit den Truppen fra- ternisirt hätte, ist bisher unbestätigt geblieben.
— Nach einer Meldung der „Agence Havas" sollen zur Verstärkung der Garnison von Tamatave demnächst 600 Marinesoldaten abgehen. Eine Aenderuvg der ursprünglichen Pläne ist damit nicht beabsichtigt. Gegen Tannanarive soll durchaus nichts unternommen werden. Als Nachfolger Pierre's auf Madagaskar wird der Contreadmiral Galiber genannt.
Barcelona, 10. August. In Seu de Urgel ist gleichfalls ein Pro- nunciamento der Aufständischen erschienen. Zehn Bataillone, resp. Escadrons, und sechs Batterien sind gegen die Insurgenten von Seu de Urgel gesandt morden, auch die Garnison von Barcelona ist in großer Erregung. Nachrichten aus Santander melden von einer unbedeutenden Nkevolte unter den Strafgefangenen in Santona, welche sofort unterdrückt wurde. Der Gouverneur von Santander habe 250 Gensd'armen um sich versammelt, für den Fall einer Erhebung der Garnison. Der General Querada besetzt die Hauptstraßen der Provinz Logrono, in welcher das Erscheinen carltstischer Emmiffäre signa- lisirt wird.
— Abends 8 Uhr war die Stadt ruhig und wurde das Kriegsrecht verkündet. In Seu de Urgel ist die Ruhe wieder hergestellt.
Alexandrien, 10. August. In den letzten 24 Stunden bis heute früh sind hier 22 Personen, meist Eingeborene, an der Cholera gestorben.
Rom, 10. August. Das „Amtsblatt" meldet: Kaiser Wilhelm drückte König Humbert seine herzliche Theilnahme wegen des Unglücks auf Ischia in einem Telegramm von Gastein aus und fügte hinzu, die Seelengröße und das Mitgefühl des Königs zeigten sich in größtem Glanze, als er sich selbst auf den Schauplatz des Unglückes begab. Gott werde ihn dafür segnen. Der König antwortete telegraphisch, das Wort des Kaisers tröste und stärke ihn und knüpfe die Bande der Bewunderung und Freundschaft noch enger, die ihn mit dem deutschen Kaiser verbänden.
Lokales.
Gießen, 11. August. Nach uns gewordener zuverlässiger Mittheilung trifft Seine Kaiserliche Hoheit der Kronprinz des deutschen Reichs am 24 d. M., Vormittags 9 Uhr 39 Min. hier ein, fährt in einem Wagen nach dem Exercierplatz (Trieb), halt


