Erstes Blatt
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Politische Neberficht.
Gi«H«n, 10. Dctober.
Mit dem 7. October hat die Reihe jener großen Erinnerungstage bigonitcn, weiche auf das 25jährige Jubiläum Kaifev Wilhelms ais mußischer Regent Bezug haben. Am 7. October 1858 erschien der Brief Wnig Friedrich Wilhelms IV. an den Prinzen von Preußen, unfern jetzigen Kaiser, in welchem derselbe definitiv um Nebernahme der Regentschaft ersucht mrde' Bald darauf trat König Friedrich Wilhelm feine Reise nach Italien tut und am 23. October unterbreitete der Prinz-Regent in der Thronrede, mit Mer die außerordentliche Session des Landtages eröffnet wurde, der Volks- mtretung die Uebernahme der Regentschaft; die hierauf bezügliche Vorlage wurde am 25. October vom Landtage einstimmig angenommen und am folgen» dm Tage leistete der Prinz - Regent den Eid. Von diesem Tage an datirt die ruhmreiche Regierung Kaiser Wilhelms als König von Preußen und es ist sehr mlürlich daß sich das preußische Volk, und mit ihm alle andern Stämme Deutschlands, anschickte, die 25. Wiederkehr dieses hochbedeutsamen historischen Momentes in festlichster Weise zu begehen. Kaiser Wilhelm hat indessen in [«em einfachen Sinne bekanntlich angeordnet, daß alle öffentlichen Feierlich- (eiten anläßlich seines 25iährigen Regenten-Jubiläums zu unterbleiben haben md so wird denn Deutschland nur in der Stille die Erinnerung an diesen großen Tag feiern, dessen mächtige Eindrücke aber trotzdem bestehen bleiben.
In vergangener Woche haben im Großherzogthum Baden die Abge- iidnetenwahlen zum Landtage Seitens der kürzlich nominirten Wahlmänner ßütgejunden. Der Ausfall der Urwahlen ließ an dem Siege der Liberalen feinen Zweifel und die definitive Wahl der Abgeordneten hat dies bestätigt, beim die nationalliberale Partei in der badischen Abgeordnetenkammer ist hrer- dmch um 4 Stimmen verstärkt worden und hat sonach in derselben die absolute Majorität erlangt. Sie gewann von den Ultramontanen die Wahlkreise Breisach, Gernsbach, Baden-Baden und St. Blasien, von den Conservativen die Kreise Bezirksamt Karlsruhe und Mosbach, dagegen hat sie Bruchsal und Pforzheim an die Demokraten verloren. Es werden demnach in der neuen Kammer 35 Nationalliberale, 18 Ultramontane, 9 Demokraten und 1 Confer- Mtioer sitzen und unter der Mitwirkung der liberalen Landtags-Mehrheit wird dem auch ferner die Politik der badifchen Regierung sich in den Bahnen des gmäßigten Liberalismus bewegen.
Fürstbischof Robert von Breslau ist am Samstag in Rom eingetroffen und dürfte die Anwesenheit des genannten Kirchenfllrsten im Vatikan mit den kirchenpolitischen Verhandlungen zwischen Preußen und der Kurie in Verbindung stehen.
Die Verhaftung des Reichstags-Abgeordneten für Metz, Herrn Antoine's, hat in den protestlerifchen Kreisen und selbstverständlich auch in der französischen Presse große Entrüstung hervorgerusen. Herr Antoine selbst bestreitet entschieden, daß die deutsche Regierung aus seinen Handlungen und, namentlich aus seiner von der „Nordd. Allg. Ztg." veröffentlichten Correspon- dmz mit Herrn Kablö, dem Reichstags-Abgeordneten für Straßburg, die Be- sngniß zu einem strafrechtlichen Vorgehen gegen ihn unv namentlich zu seiner Verhaftung herleiten könne. Vorläufig scheint der Antrag des Herrn Antoine, ihn gegen Caution auf freien Fuß zu setzen, bei der deutschen Regierung kein Entgegenkommen gesunden zu haben, da man aus Metz schreibt, daß in etwa zwei Wochen die Uebersührung Antoine's nach Leipzig behufs Verhandlung seiner Sache vor dem Reichsgericht stattfinden werde.
Aus Krain ist ein bemerkenswerther Vorgang zu verzeichnen, welcher darauf hindeutet, daß zwischen Slovenen und Deutschen eine versöhnlichere Stimmung Platz gegriffen hat. In der Samstag-Sitznng des Kramer Landtages fanden die Mandate der verfaffungstreuen Abgeordneten des Großgrundbesitzes die Zustimmung des Hauses und stimmte die Mehrzahl der Mitglieder der slovenifchen Majorität mit den Deutschen für die Giltigkeit der betreffenden Mandate. r . ......
Die Demission des Kriegsministers Thibaudin bildet m Paris das Tagesgespräch. Die ministeriellen Blätter erklären den Rücktritt Thibaudin's dadurch, daß Thibaudin mit seinen Anschauungen nicht auf dein Boden der „republikanischen Vereinigung" gestanden habe, wie dre übrigen Minister. Im Interesse der von der Constitution verlangten Homogenität des Cabinets sei das Ausscheiden des Kriegsministers Thibaudin nothwendig geworden. Die „Röpublique frandaise" und der „Soir" deuten auch an, daß »on spanischer Seite die Demission des Kriegsministers verlangt worden sei. Seitens des Organs Clemenceau's, der „Justice", wird der Rücktritt des Knegs- iwinisters für eine Revanche des Grafen von Paris erklärt (?). Andere radikale Blätter deuten darauf hin, daß es den Jntriguen des Generals Gallfffet gelegen fei, den General Thibaudin zu stürzen, und zeigen sich besorgt über die Mgen dieses Ereignisses. Als Nachfolger des Generals Thlbaudm's ift, den n euesten Nachrichten zufolge, General Campenon zum KriegSmmrster ernannt. Aus Madrid wird gemeldet, daß daselbst die Demission des KnegSmunsters Thibaudin einen günstigen Eindruck hervorgerufen habe.
In Petersburg hat unter zahlreicher Betheiligung der Bevölkerung «m Dienstag das Leichenbegängniß Turgenieff's, des berühmten russischen Schriftstellers, stattgesunden. Speciell nahmen an der Feier 176 Deputationen ®>n Vereinen, gelehrten und wissenschaftlichen Gesellschaften und Lehranstalten
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Telegraphische Depeschen.
Wolff s telegr. Correspondenz-Bureau.
Breslau, 9. October. Die Stadtverordneten-Versammlung berieth gestern die Vorlage des Magistrats wegen Ablösung des städtischen Patronats über die evangelischen Kirchen und beschloß gemäß dem Antrag des Ausschusses die Ablösung gegen eine einmalige Abfindung von IV2 .
München, 9. October. Ihre Kgl. Hoheit die Prmzesstn Wilhelm von Preußen, welche gestern Abend im strengsten Jncognito hier emgetrosten und im Hütel Leinfelder abgestiegen ist, wird bis morgen Abend hier verweuen.
Paris, 9. October. Nach den Informationen des „Figaro hatte sich Frankreich, da es mit China zu keiner Verständigung gelangen könne , mit den „Schwarzen Flaggen" durch Zahlung des rückständigen soldes an d eselb n und durch Freigebung des Besitzes des zwischen Saokai und Honghoa siegenden Gebietes verständigt. Das Uebereinkommen sei durch Vermittelung anaimsi cher Mandarinen zu Stande gekommen. Gerüchtweise verlautet, die französischen Truppen seien bereits in Sontay eingerückt, welches die Schwarzen Flaggen geräumt hätten. Oberst Badens soll bei Bacnimea reguläre chinesische Streck- kräfte, denen die Rückzugslinie durch Kanonenboote abgeschnckten worden, geschlagen habens @rnetmung beä G^erals Campenon zum Kriegsminister wird bestätigt^ ^^pesche des Gouverneurs von Cochinchina aus Saigon
von heute soll sich die Lage in Tongking in Folge der Ankunft der anamiti- schen Bevollmächtigten und der Unterwerfung der Mandarinen des Rothen-Fluß- Deltas merklich verbessert haben. Zahlreiche Desertionen sollen unter den durch Krankheiten decimirten „Schwarz-Flaggen" stattgefunden haben Der Femd scheine eine Rückzugsbewegung nach Laokai zu beabsichtigen und habe SoMau theilweise geräunlk. Oberst Vichol habe bei seiner Recognoscirung biv Dai) keinen Feind angetroffen.
immer zu ver-- eltersweg 1. ethen.
Brandgasse, ^Hausdesi irburgcrftr. 65)0 en wollen sich« Weinbergen
zu vcmichn. Flügclsgasse.
236. Erstes Vttatt. Donnerstag den 11 October 18SS.
Hießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Theil. Auch die Petersburger deutschen Lehranstalten, sowie die Preffe, darunter Correspondenten deutscher und ausländischer Blätter, und ständische Corpora- tionen waren dabei vertreten. (Iwan Turgenieff wurde am 9. November zu Drei geboren, studirte in Moskau, Petersburg und Berlin Philosophie und Geschichte und lebte seit 1852 im Auslande. Von seinen in fast alle europäischen Sprachen übersetzten Werken sind hervorzuheben: „Tagebuch eines Jägers", „Am Vorabend", „Neuland", „Das adelige Nest", „Ein König Lear der Steppe", „Frühlingswogen" u. s. w. Turgenieff's Werke geben das treueste Spiegelbild der Zustände und Bewegungen in Rußland und zeichnen sich hauptsächlich durch eine wunderbare Meisterschaft in der Zeichnung der Charaktere aus).
Das griechische Königspaar hat am Samstag Kopenhagen wieder verlassen und von Selsingör aus über Lübeck und Wien die Rückreise nach Athen angetreten. Der Kaiser von Rußland und der Prinz von Wales folgten am Sonntag einer Einladung des Grafen Tornerhzeln zur Jagd in der Umgegend von Helsingborg (Schweden).,
Berlin, 8. October. Das schweizerische Militär-Departement beabsichtigt für das eidgenössische Heerwesen die Einführung eines neuen Trommel- Modells. Es hat zu diesem Behufe in Preußen vierzig neue Trommeln nach dem in der deutschen Armee üblichen Muster bestellt, welche auf die verschiedenen Waffenplätze vertheilt werden sollen, um damit Versuche anzustellen. Bewähren sie sich, so kann dann der ganze Bedarf für die schweizerische Armee nach dem deutschen Vorbilde angesertigt werden.
Berlin, 8. Octodec. Dem Vern-Hmen nach dürften die Ausjührungs- beftlmmungen zum NahrungSmsttelgesetz b-zügckch des Wernes binnen Kurzem fest- acstellt werden. Bekanntlich war vor einiger Zeil im Reichsaml des Innern eine Sachverständigen - Commission zusammengetreten, welche sich mit dre,em Gegenstände befaßte. In ot-ser Commission stunden sich, wie man hott, zwei Richtungen gegenüber, die eme vertrat die Ansicht, daß man den Namen „Wetn" nur für das ganz reine Naturprodukt anzuwenden habe, alles andere aber als Kunstwein auszuschUeßeN fei; doch konnte diese Ansicht die Majorität in der Commission nicht finden. Vielmehr entschied man sich mit großer Mehrheit für die andere Anschauung, daß unter der gem- rellen Bezeichnung „Wttn" Alles verlaust werden darf, was nicht durch schädliche Mittel hergestellt ist, daß aber, sobald der Wein mit einer speciellen Etikette bezeichnet werde, wie z. B. Rüdesheimer Hinterhäuser, diese specielle Bezeichnung auch die Ver- inlwortung dafür involvire, daß es durchwegs reiner Wem jenes Gewächses ohne rrumd welchen Zusatzes ist. Man ging augenscheinlich von dem Bestreben aus die geschäftlichen Jnleressen der Wetnproducenlen bet Rücksichtnahme auf die samtaren Vorschriften nicht unnölhigerweise zu schädigen. Es ist bekannt, daß die Weinproducenten nicht selten gezwungen sind, aus Mosten schlechter Jahrgänge, die sich sonst nur zu Essig eignen würden, genießbare und effectiv bessere Weine herzustellen. So lange dies nicht durch der Gesundheit schädliche Ingredienzien geschieht kanr, von einer Gefahr oder Uebervorlheilung des Weintrtnkers kaum die Rede fein. Es scheint, daß man in Kreisen der Reichsregierung sich zur letzteren Anstcht neigt unb die Aus- sührungsbeftimmungen über den Wein sich den Ansichlen anschließen würden, welche in der oben erwähnten Commission die Majorität gesunden haben.
Es dürfte dabei von Interesse sein, von einer Entscheidung des bayerischen Staatsministeriums Kenntniß zu nehmen, welle von dem Zusatz von reinem Zucker rur Verbeüeruna des vorjährigen Weines handelt und ausdrücklich besagt. „Werden b“i der Kelterung eingeherbsteter Trauben durch den Weinbauer (Winzer) Vorkehrungen getroffen, welche nichts anderes bezwecken, als den Most schlechter Jahrgange durch Entziehung eines Theiles seiner Säure und durch Zusätze von reiner Zuckerlosung zu verbessern, beziehungsweise markt- oder verkausssähiger zu machen, so em Derartiges Verfahren nicht als unter dm Begriff der Herstellung künstlicher Weine fallend zu erachten."


