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1O6, Erstes Blatt. Donnerstag den IO. Mai 1883.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Erscheint täglich mit Ausnahme deS MKUtaO».
Schulstraße 7.
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genannte Vorlage und somit gegen die Regierung votirten, so kann man allerdings Vas Gleichniß von den Ratten, welche das sinkende Schiff verlassen, anwenden und die nächsten Tage werden vielleicht die parlamentarische Jsolirung des Cabinets Gladstone in noch drastischerer Weise zeigen.
Bei den kürzlich in Rumänien vollzogenen Neuwahlen zur Depu- tirtenkammer hat die Regierung einen entschiedenen Ersolg zu verzeichnen. Die große Mehrzahl des neuen Parlaments besteht aus Anhängern des Cabinets Bratiano, während die radikale Opposition aus ein kleines Häuslein zusammengeschrumpft ist. Die Regierung hat demnach eine unzweifelhafte Stärkung erfahren und dies kann dem Lande nur zum Vortheil gereichen, denn Rumänien hat seit dem nun einjährigen Bestände des Cabinets Bratiano auf allen Gebieten die entschiedensten Fortschritte gemacht.
Die türkische Regierung schwebt in ernstlicher Unruhe wegen des in ihren Truppen herrschenden meuterischen Geistes. Hauptsächlich macht sich derselbe in den Garnisonen der Grenzbezirke geltend; so kam es in Suleimame, an der persisch-türkischen Grenze in vergangener Woche zu emem förmlrchen Zusammenstoß zwischen dein Militär und den Einwohnern, da ersteres den Versuch machte, die Läden zu plündern. In Mekka revoltirte ein Bataillon offen gegen seine Ofstciere, da es d en monatlichen Sold nicht ausgezahlt bekommen hati^ und auch aus andern türkischen Garnisonen kommen Berichte von einer sich immer mehrenden Unzufriedenheit in den Reihen ihrer Truppen. Unter allen Umständen ist dies ein Moment, das die -Pforte nicht aus dem Auge lassen darf. ~
Zwischen Chile und Peru ist zwar ein Waffenstillstand abgeschlossen .worden, aber die Waffen ruhen trotzdem nicht. Die Reibereien zwischen ven chilenischen Truppen, welche Peru besetzt halten, und den Peruanern dauern fort und nehmen nicht selten einen ernsthaften Charakter an. Erst kürzlich sand ein Kamps zwischen chilenischen und peruanischen Truppen-Abtheilungen statt, welcher damit endete, daß die Peruaner aus ihren Stellungen herausgeschlagen wurden Die Peruaner ließen 59 Tobte und eine größere Anzahl Verwundete ans dem Schlachtfelde zurück; die Chilenen hatten einen Verlust von 4 Tobten und 12 Verwundeten. Es ist sehr fraglich, ob unter dem Eindrücke derartiger „Zwischenfälle" die zwischen Peru und Chile eingeleiteten Friedensverhandlungen eine Förderung erfahren werden. ____
Politische Ueberfkcht. !
GieHen, 9. Mai.
Der parlamentarische Strike, welchen die Fortschrittspartei in der Sonnabend-Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses in Scene gefetzt hat, ist recht bezeichnend für die Zustände, die gegenwärtig bei uns aus parlamentarischem Gebiete herrschen. Die Art und Weise, wie die genannte Partei und ihr secessionistischer Anhang gegen die Verlängerung der Session des Abgeordnetenhauses demonstrirt, läßt sich zwar durchaus mcht vertheidigen, aber daß das längere Nebeneinandertagen von Reichstag und Landtag nicht mehr angeht, muß doch zugegeben werden. Trotz des fortschrittlichen Protestes ist die dritte Lesung der Verwaltungs-Vorlage am genannten Tage nach den Wünschen der Regierung zu Ende geführt worden. Nachdem nun diese wichtige Vorlage erledigt ist, liegt unserm Bedünken nach kein Grund mehr vor, die Session des Abgeordnetenhauses zu verlängern, umsomehr nicht, als die noch übrigen Vorlagen keineswegs sehr dringlicher Natur sind. Wie es heißt, soll denn auch im Lause dieser Woche der Schluß der Session des Abgeordnetenhauses erfolgen.
Die Beschlußunfähligkeit des Reichstages am Freitag hat in die Dispositionen bezüglich seines weitem Arbeitsprogramms em Loch gemacht. Gemäß den Beschlüssen des Senioren-Conventes sollte am Freitag und Sonnabend die erste resp. zweite Lesung des Etats pro 1884/85 erledigt werden, aber es wurde am Sonnabend mit Mühe und Noth nur die Generaldiscussion zu Ende geführt, so daß dieser Gegenstand das Haus auch in dieser Woche noch mit beschäftigen wird. Es ist daher fraglich, ob der Reichstag noch vor den Pfingstferien, die am Donnerstag oder Freitag beginnen sollen, zur defim- tiven Erledigung des Krankenkaffen-Gesetzes und der Holzzoll-Vorlage (stehe jedoch den Reichstagsbericht im heutigen Blatte) gelangen wird, besonders wenn die Fahnenflucht der Abgeordneten m der bisherigen Weife fortdauert. In letzterer Beziehung haben sich eigentlich die Parteien gegenseitig nichts vorzuwerfen, denn in den Reihen der Liberalen, rote auf den Bänken des Centrums und der Conservativen — ganz abgesehen von den kleineren Fraktionen — wurden in den letzten Tagen die Lücken immer bedenk- ticher Angesichts der wichtigen Entscheidungen, welche in diesen Tagen im Reichstage stattfinden, dürfte daher für keine Partei die Mahnung überflüssig sein sich noch einmal möglichst vollständig am Platze einzufinden, denn andernfalls würden die Geschäfte wie das Ansehen des Reichstages in empfindlicher Weise Schaden leiden.
Nach einer officiösen Mittheilung aus dem Vatikan wird dem preußischen Gesandten v. Schlözer binnen Kurzem die Antwort auf die letzte Note des Vatikans zugehen. Die Antwort wäre iin Princip den Wünschen des heiligen Stuhles günstig, obgleich sie mehr zu einer Aufhebung der Strafbestimmungen, als zu einer Revision der organischen Gesetze hmzuneigen scheine.
Die Genesung Königs Karl von Württemberg hat in der letzten Zeit erfreuliche Fortschritte gemacht. Appetit und Schlaf sind besser geworden und in entsprechender Weise hat sich der Kräftezustand so gehoben, daß am 2. Mai zum ersten Male ein Ausgang in's Freie möglich war. Wie schwer übrigens der Anfall war, geht ebenso aus dem doch nur langsamen Fortschreiten der Erholung, wie auch daraus hervor, daß jetzt noch nicht alle Krankheitserscheinungen verschwunden sind. Der König wird daher noch längere Zeit der größten Schonung bedürfen.
Die Stimmung in Oesterreich steht noch immer unter dem Eindrücke der Reichsraths-Verhandlungen über das Schulgesetz. Der vereinigten Linken kommen für ihre mannhafte Haltung in dem erbitterten, wenngleich für sie fruchtlosen Kampfe, fast täglich Zustimmungs-Erklärungen aus allen Theilen des Landes zu und liegen namentlich aus Böhmen Kundgebungen in diesem Sinne vor. Auch die liberale Bürgerschaft Wiens hatte den Beschluß gefaßt, dem Club der vereinigten Linken eine Zustimmungs-Adresse zu überreichen, doch ehe letztere noch zur Ueberreichung gelangte, wurde sie polizeilich confiscirt, gegen welches Verfahren der Abg. Löbich als Vertreter der Stadt Wien in der Sonnabend-Sitzung des Reichsrathes Verwahrung einlegte. Irgend eine Dis- cussion zog diese Angelegenheit nicht nach sich.
In den Kreisen der französischen Landbevölkerung und in den kleinen Städten herrscht vielfach eine gewisse Panik, welche die Bürger und Bauern antreibt, ihre Einlagen aus den Sparkassen zurückzunehmen. Der Anstoß hierzu ist durch die klerikale Presse gegeben worden, die durch allarmi- rende Insinuationen über die Finanzlage des Staates das Publikum zur Zurücknahme der Spareinlagen antreibt, offenbar, um der Regierung hierdurch Verlegenheiten zu bereiten. Da diese Manöver meistentheils ihren Zweck erreichten und die öffentliche Meinung tatsächlich stark beeinflußten, so hat die Regierung ein gerichtliches Einschreiten gegen jene Blätter wegen Verbreitung falscher Nachrichten zur Gefährdung des öffentlichen Friedens beschlossen.
Die Situation des Ministeriums Gladstone ist in Folge der für die Regierung ungünstigen Abstimmung bezüglich der Eidesbill eine ziemlich preeäre geworden. Indessen fehlen bis zur Stunde noch bestimmte Nachrichten darüber, ob durch diese Niederlage die Stellung des Cabinets Gladstone in der Thal sich zu einer unhaltbaren gestaltet hat, aber wenn man nach dem immer siegeszewisseren Auftreten der Opposition urtheilen soll, so werden die Zweifel, ob sich die Negierung nach dem „Echec" in der Eidesbill wird erholen können, immer stärker. Da in der entscheidenden Sitzung auch viele Liberale gegen die
Deutschland.
Berlin, 7. Mat. Der Kronprinz und Prinz Wilhelm werden am 10. Novem der dss. Js. der zu E i s l e b e n stattfindenden Enthüllung des Lutherdenkmals bei m06ne- Der General-Feldmmschall Gras Moltke Hai am Himmelfahrttag -Inen längeren Urlaub angetreten und stch in Begleitung seines Adjutanten, des Hauptmanns v. Moltke vom Großen Generalstab, zunächst nach der Schweiz begeben Nach der Rückreise von dort beabsichtigt der Feldmarschall einen längeren A^enthalt auf seiner Besitzung Greisau in Schlesien zu nehmen. Das Bepnden des Grafen ME ist nach seinen eigenen Aeußerungen ein ganz vortreffliches; das letzte Unwohlsein.ist ein so leichtes und schnell vorübergehendes gewesen, daß es cntf leine ^iten unfe Lebensgewohnheiten gar keinen Einfluß geübt yat. Der Feldmarsckall steht alleMorgen sehr slüh auf, nimmt bald daraus ein kaltes Bad und geht dann an die Arbeit, bis die Morgenzeitungen erscheinen, die er eingehend studirt. Wahrend dieser Lectü^ »ündet er sich eine Cigarre an, die er dann wieder fortlegt, sobald er von Neuem sich der Arbeit widmet- Er lebt also auch in ferner Häuslichkeit streng militärisch, da er jede Arbeit als im Dienste betrachtet und das Rauchen im Dienste verboten ist. Ein merkwürdiger Zufall ist es, daß der Feldmarschall bereits 4 Jahre nacheinander seinen Urlaub^stUs^m @patenft|d, e, für ben
Welthandel uns Dölkerv-rk-hr gi'cich wichtigen neuen „M-"bahnlmi- getha^ Französische Ingen,eure sind in der persischen Stadt ReM angekommen und"wo . den Bau einer Eisenbahn von dem kaspischen Meere nach Teheran in"die Hand nehmen. An der überaus großen politischen, strategischen und c°mm°rc,-ll-r
Linie ist gar nicht zu zweifeln. Nach erfolgter Fertigstellung dc kasviscüen
besteht schon jetzt directe Schi-nenv-rbindung zwischenEuropa und dem k sp"sch Meere, naiürl.ch mit der kurzen Unterbrechung durch, das schwarze^f/'zyAnghrung Jahren wird auch hier Wandel geschaffen i'ln, da russische Tch alsdann in
der Wladikawkas-Ltnie nach Baku in's Auge gefaßt Haden, " ... Meeres gelangen,
ununterbrochener Eisenbahnfahrt bis an die Küste des kaspfichen ^eE ge ang Die eben erwähnte L.nie, für welche eine französische Gesellschaft Concemon^^ worben hat, soll nun vom kaspischen Meere nach Teheran^geh Teheran
bei Enzeli, dem Hafenplatze von Rescht, beginnen “ b UD Berlin bis nach führen, etwa 219 englische Meilen langwerden und«Pastag^e einzige Unter,
der Hauptstadt Persiens in etwa fünf bis fec£8 Safl T @nie[t, indeß ist
brechung der Ueberlandfahrt wäre die Dampfbootsah-t^on * ^^ssen und ihre Aus- bereits die Erbauung einer Eisenbahn von ^aku nach esw Mittelasien ein Zuführung erscheint auch gesichert da der russische an dem Nutzen
tereffe an diesem Bau besitzt- Überhaupt düst^d dem Russenthum zu Gute der projectirten Bahnbauten in den Kaspig g
kommen. . et".,, sehr prekären Zukunft entgegen.
- Die amerikanische Eisknindustrie geht in^ bcr (Zjsenbranche, ab-
Der entscheidende Kampf dürste sich'in^hnherabsetzung zum 1. Juni geplant, spielen. Seitens der Arbeitgeber wird e yne zwischen den streitenden
wogegen die Arbeitnehmer natürlich Fror verlaufen, so daß man einen lang- Parteien stattgehabte Konferenz ist «s attos Arbeiter theilnehmen dürften.
k.:°brMsch7'J^u's!'rte''bezüg? tr-vsa.lant.sch-n Absatzg-b.-.-s, vorüb-rg-h.nb wentgstms etn-günsttg^ConiuMur ev ick^^a fortwährend Eingaben
deutsck^Änd-lskänimern ein in welchen die Zustimmung zu dem^Antrage des Vereins deutscher Tabaksabrikanten und Händler, betr. die Verlängerung der I dreimonatlichen Zollkreditfrist auf neun event. sechs Monate, ausgesprochen wird.


