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Ar. 182 Donnerstag den 9. August ISS8*

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzngeblatt für den Kreis Gießen.

vureaur Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montagö.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlstz't.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Ps.

Amtlicher Hheit.

Betreffend: Die Wahlen der Bürgermeister.

Bekanntmachung.

Nachdem auch im Kreise Gießen die irrige Ansicht verbreitet worden ist, daß die Bürgermeister der Landgemeinden im Falle ihrer Wiederwahl pensionsberechtigt würden, erklären wir hiermit, daß die Bürgermeister der Landgemeinden überhaupt nie eine Pensionsberechtigung erlangen können.

Gießen, den 6. August 1883. Großherzogliches KreiSamt Gießen.

I. V.: Dr. Hoffmann, Regierungsrath.____________________________________________________

Gießen, am 6. August 1883.

Betreffend: Die Ausführung der allgemeinen Bauordnung, hier: die Gebühren der Bauverständigen für Vornahme von Rauhbaurevisionen.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Großherzoglichen Bürgermeistereien und Lokalpolizeibeamten des Kreises.

Es haben sich mehrfache Anstände und Zweifel ergeben über die Höhe der von den Visitatoren für die Rauhbaurevision genehmigungspflichtiger Bauten und Feuerungsanlagen nach § 102 der Ausführungsverordnung zur allgemeinen Bauordnung in solchen Fällen zu beziehenden Gebühren, in welchen die Visitatoren (Bezirksbauaufseher, beziehungsweise diese in Gemeinschaft mit dem Kaminfeger) in einer Gemeinde außerhalb ihres Wohnortes mehrere Revisionen an einem Tage vornehmen. Wir bemerken Ihnen darum unter Hinweis auf unser ftüheres Ausschreiben vom 17. Mai 1882, Anzeiger Nr. 117 und auf das Amtsblatt Nr. 5 des Ministeriums des Innern vom 17. Februar 1874, mitgetheilt durch unser Amtsblatt vom 11. März 1874, Nr. 4, daß die betreffenden Gebühren Zeitgebühren und keine solche für die einzelne Revision sind, und daß sonach der Visitator, wenn derselbe mehrere Revisionen (einschl. der Hin- und Herreise) an einem halben Tag erledigt, für diese zusammen 2 «X 50 und desgleichen bei Aufwendung eines ganzen Tages zusammen 5 Jt. zu beanspruchen hat. t , . .

Im Uebrigen wiederholen wir den für solche Fälle maßgebenden Theil des genannten Amtsblattes. Danach haben die Sachverständigen mit dem Befundbericht ein Verzeichniß ihrer Gebühren, in welchen der Tag der Vornahme des Geschäfts, die betreffenden Hauseigenthümer und die Zahl der Revisionen anzugeben sind, bei der Ortspolizeibehörde einzureichen, welche dasselbe zu prüfen und, nach erfolgter Attestation resp. Berichtigung der Gebührenansätze, zu veranlassen hat, daß deren Betrag zur vorlagsweisen Auszahlung aus der Gemeindekaffe angewiesen, auf die betreffenden Hauseigenthümer nach der Zahl der an demselben Tag untersuchten Anlagen gleichmäßig repartirt und von denselben zurückerhoben wird. Werden Nachvisitationen angeordnet, so haben die Sach­verständigen dieselben Gebühren, wie in den Fällen einer ersten Untersuchung zu beziehen.

___________I. V.: vr. Hoffmann, Regierungsrath.

Betreffend: Die Viehpreisvertheilung zu Büdingen am 29. August o. I.

Bekanntmachung.

Der Unterzeichnete bringt hiermit zur öffentlichen Kenntniß, daß nach Maßgabe der Prämiirungsordnung von der betreffenden Commission nachträglich noch festgesetzt worden ist, daß bei der Viehpreisvertheilung zu Büdingen auch Auchtschafe um Preise concurriren können.

Friedelhausen, am 5. August 1883. Der Präsident des landwirthschaftlichen Vereins von Oberheßen.

Adalbert Freiherr Nordeck zur Rabenau.

Potitifcbe Ueberficbt.

Gießen, 8. August.

Ueber die wiederholten Audienzen, welche Graf Kalnoky wäh­rend seiner Anwesenheit in Gastein beim Kaiser Wilhelm hatte, coursiren noch immer verschiedene Gerüchte. Das halbosficiöse WienerFremdenblatt" ver­sichert nun gegenüber den verschiedenen Combinationen über die Audienzen des Grafen Kalnoky bei Kaiser Wilhelm auf Grund von competenter Seite erhal- tener Informationen, daß es sich in der gedachten Unterredung weder darum gehandelt habe, Bedenken zu zerstreuen, noch darum, die innere Politik Oester­reichs zu besprechen. Graf Kalnoky sei vielmehr nach Wildbad Gastein gereift, weil ihm die Anwesenheit Kaiser Wilhelms auf österreichischem Boden einen willkommenen Anlaß bot, dem Kaiser nach längerer Zeit wieder seine Aufwar- tung zu machen.

Obwohl bis zur Stunde das definitive Resultat der Stichwahl im Reichstags'wahlkreise Kiel-Rendsburg noch nicht bekannt ist, so unterliegt es doch keinem Zweifel, daß Professor Hänel, der Candidat der Fortschrittspartei, mit bedeutender Majorität gewählt worden ist. Im Vergleich zur ersten Wahl haben beide Gegner ein bedeutendes Plus an Stimmen errungen und nament­lich Hänel hat das (einige der verstärkten Betheiligung der liberalen Wähler zu 'verdanken, indessen .scheinen auch viele Conservative für Hänel gestimmt M haben. (Siehe Depeschen.)

Das Ausscheiden des Vice-Admirals Bätsch und des Contre- Admirals Berger aus dem actioen Dienst hat zu dem Gerücht Veranlassung toben, daß sich auch der Chef der Admiralität, General-Lieutenant v. Caprivi, mit Rücktritts-Gedanken trage. Er soll sich dahin geäußert haben, daß er aus einem Gebiete, welches er so sicher und gut beherrschte, wie wenig Andere, in ein anderes gerückt sei, auf welchem in vielen Punkten seine Untergebenen be­wanderter seien, als er selbst. Es klingt indessen nicht sehr wahrscheinlich, daß General-Lieutenant v. Caprivi schon wieder von seinem neuen Posten zurück- tteten sollte.

In Betreff des Todes des Abg. Stoll spricht eine Correspondenz desWests. Volksbl." aus Schalcke geradezu von einem Raubmorde. Es heißt dort:Die Famllie H. hierselbst, welche vor Kurzem durch den Besuch eines Verwandten aus G. erfreut worden war, wurde nach Abreife deffelben in nicht geringe Aufregung versetzt, als sie erfuhr, derselbe sei an dem Ziele seiner Reise nicht angelangt. Das sofortige Nachreifen und die weiteren Nachforschun­gen des Herrn H. waren ohne Erfolg, bis heute das Verschwinden des Ver­wandten durch eingetroffene Nachricht aus Köln in schrecklicher Weise aufgeklärt wurde. Danach ist derselbe in Köln, woselbst er eine nicht geringe Erbschaft

zu erheben hatte, nach Empfang derselben von Raubmördern seines Geldes be­raubt, ermordet und daraus in den Rhein geworfen worden, woselbst er dieser Tage als Leiche aufgefischt wurde."

Das freisprechende Urtheil im Proceß von Trsza-Eszlar scheint den in den unteren Schichten des ungarischen Volkes gegen die Juden herrschenden Haß nur noch verstärkt zu haben. In Preßburg, wo sich schon vor einiger Zeit Excesse gegen die Juden abspielten, haben am Sonnabend aber­mals derartige Ausschreitungen stattgefunden. Unter Eljenrufen auf den be­kannten Antisemiten-Führer Jstoczy rottete sich ein Pöbelhausen auf der Pro­menade zusammen und zog, hier vom Militär vertrieben, nach dem Fischerthor ab, wobei er unterwegs am Fruchtplatz in von Juden bewohnten Häusern die Fensterscheiben einschlug. Die excessirende Menge wurde schließlich vom Militär auseinandergetrieben, wobei 4 Personen verhaftet wurden. Der Magistrat hat einen Aufruf erlassen, in welchem er jede Menschenansammlung mit Waffenge­walt zu verhindern droht. ,

Die französischen Radikalen wittern wieder einmal eine legiti- mistische Verschwörung. Es heißt, daß man einer Verbindung hervorragender Legitimisten auf der Spur sei, die nichts Geringeres als den Sturz der Republik und die Wiederaufrichtung des legitimistischen Königsthrones bezwecke und sollen sogar verschiedene Anhänger des Grasen Chambord verhaftet worden fein. Die Aussichten für eine anti - republikanische Schilderhebung )ind aber in Frankreich zur Zeit dermaßen ungünstig, daß wohl selbst der eingefleischteste Legitimist nicht erwarten wird, im Handumdrehen der Republik den Garaus gemacht und das weiße Lilienbanner der Bourbonen wieder aufgepflanzt zu sehen. Die Gerüchte von einer legitimistischen Verschwörung klingen daher sehr unwahrscheinlich und werden von republikanischer Sette wohl nur deshalb aus- gestreut, um die Legitimisten in den Augen des franzofiscyen Volkes noch mehr zu d-savouiren. - Der Thronwechsel in Anarn wird von den sranzostschen Blättern als ein für Frankreich günstiges Ereigniß hingestellt. Der neue Kaiser Phüdac soll im Gegensatz zu seinem Vorgänger Tuduc den Franzosen mcht un- freundlich gesinnt sein, doch ist etwas Positives über d.e Gesinnung des neuen Herrschers noch nicht bekannt. Im übrigen lasten sich bte Franzosen durch dieses Ereigniß in ihren Operationen gegen dieSchwarzen Flaggen nicht stören, sie beabsichtigen dieselben vielmehr jetzt mit vollster Energie aufzunehmen.

Das englische Parlament steht nun ebenfalls am Ende semer langen und angestrengten Thätigkeit, da der Schluß der Session m der vor­letzten Woche des August erfolgen soll. Jrn Gegensatz zu den langwierigen Verhandlungen der letzten Wochen hat das Unterhaus am Sonnabend flott gearbeitet und mit einer ganzen Anzahl von Vorlagen aufgeräumt. Zunächst wurde die Regierungs-Vorlage, betr. die Errichtung eines Localverwaltungs-