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Mx. S7. Freitag den 9. März 1883.
Keßener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureau r Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Mautags
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlshn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Politische Ueberfkcht.
Gießen, 8. März.
Das wichtigste Ereigniß in unfern innern Angelegenheiten ist augenblicklich die nunmehr zur Thatsache gewordene Demission des preußischen Kriegsministers v. Kameke, welche Kaiser Wilhelm nun doch angenommen hat. Es müssen allerdings schwerwiegende Gründe gewesen sein, welche den greisen Monarchen bestimmt haben, sich von einem so alten Diener zu trennen; wahrscheinlich ist es jedoch die Haltung des Herrn v. Kameke in den Debatten des Reichstages über den Militäretat, welche in erster Linie bei seiner Demission mitwirkte, denn es wird versichert, daß der Kaiser selbst mit dem sich nicht entschieden genug äußernden Auftreten des Kriegsministers gegenüber den Dppo1 sitions-Rednern unzufrieden gewesen sei.
In letzter Zeit tauchen Gerüchte über erneute Unterhandlungen zwischen der preußischen Regierung und dem Herzog von Cumberland, dem wölfischen Thron-Prätendenten auf Hannover und Braunschweig, wieder auf. Die „Daily-News", die Quelle dieser Gerüchte, wollen wissen, Preußen habe dem Herzog unter der Bedingung, daß er seine Ansprüche aus Hannover aufgebe, die Garantie der Erbnachfolge in Braunschweig, Erhebung dieses Herzogthums zum Großherzogthum, sowie Zahlung einer Entschädigung von 24 Mill. <AL. angeboten. Diese Gerüchte klingen indessen zu phantastisch, als daß man ihnen eine ernstlichere Bedeutung zuerkennen sollte.
Der greise russische Reichskanzler, Fürst Gortschakosf, welcher schon seit längerer Zeit in Baden-Baden weilt, ist dort vor einigen Tagen nicht unbedenklich erkrankt. Der Sohn des Reichskanzlers, Fürst Michael Gortschakoff, ist von Nizza an das Krankenlager seines Vaters geeilt.
Die Frage der siebenbürgischen Sachsen kam in der Montags- Sitzung des ungarischen Unterhauses wieder einmal zur Sprache. Anlaß gab hierzu die Position der siebenbürgischen evangelischen Superintendenz, die sich hauptsächlich dagegen wendet, daß die ungarische Sprache an den sächsischen Schulen Siebenbürgens als obligatorischer Unterrichts-Gegenstand eingesührt werden soll. Der Unterrichts-Minister Trefort erklärte, die deutsche Sprache sei an den ungarischen Gymnasien obligatorisch und die Sachsen dürften sich daher nicht beklagen, wenn man in ihren Schulen die gleiche Begünstigung auch für die ungarische Sprache verlange. Ferner meinte Herr Tresort, daß man im Auslande von den sächsischen Schulen eine zu hohe Meinung habe, wenn auch dieselben in einzelnen Fächern Vorzügliches leisteten- Die Sachsen fürchteten, von den sie umgebenden Rumänen verschlungen zu werden, diesem Schicksal würden sie aber nicht durch eine Agitation gegen Ungarn entgehen, sondern am sichersten, wenn sie ihre Superorität auf volkswirthfchaftlichem Gebiete bethätigten und die Aneignung der ungarischen Sprache zur Qualification für die höheren Lehrämter erwerben würden. Schließlich empfahl der Minister die Annahme der Gesetzvorlage über die einheitliche Gestaltung der Mittel- Schulen.
In dem Feldzuge der französischen Negierung gegen die Thron-Prätendenten ist eine augenblickliche Pause eingetreten. Derselbe dürste erst nach Beendigung der Debatte in der Deputirtenkammer über den Barodet- jchen Antrag aus Revision der Verfassung wieder ausgenommen werden; die Diöcussion über den erwähnten Antrag hat am Montag begonnen. Der Ministerpräsident Ferry sprach sich formell gegen eine Revision der Verfassung aus, da dieselbe zu einem scharfen Conflict zwischen beiden Häusern des französischen Parlaments führen könne, jedenfalls müsse aber vorher das Einverständniß beider Kammern wieder hergestellt und eine durch eine solide Majorität dauerhaft unterstützte Negierung errichtet werden. Die Regierung erkläre sich daher für jetzt gegen eine Verfassungs-Revision.
Papst Leo XIII. hat am vorigen Freitag anläßlich der Doppelseier seines Geburtsfestes und des Jahrestages seiner Krönung eine Rede vor dem versammelten Kardinal-Collegium gehalten, welcher man unter Berücksichtigung der jüngsten Verhandlungen zwischen Preußen und dem Vatikan mit Spannung entgegensetzen konnte. Auffallender Weise hat aber der Papst Deutschlands mit keinem Worte Erwähnung gethan, seine Rede enthält nur die bereits bekannten Klagen über die Vergewaltigung der katholischen Kirche im Allgemeinen, im Speciellen aber über die Erschütterung der weltlichen Stellung des Papstthums, was gegen die italienische Negierung gemünzt ist, wie sich unschwer erkennen läßt.
lieber den Tag, an welchem die feierliche Krönung des Czarenpaaree im historischen Kremelschlosse zu Moskau stattfinden soll, ist noch immer nichts bekannt. Verschiedene Blätter nennen den 27. Mai als den Krönungstag, doch ist dies noch von keiner Seite her bestätigt worden. Mitt- lerweile ist Graf Pahlen, der frühere russische Justizminister und jetzige Ober- Ceremonienmeister am Petersburger Hose, mit der Leitung der Krönungs- Feierlichkeiten betraut worden. Trotz dieser mit einer gewissen Ostentation in's Werk gesetzten Vorbereitungen zur Krönung erhalten sich die Gerüchte über beabsichtigte nihilistische Attentate. Die Umsturzpartei soll dem Minister des Innern, Grasen Tolstoi, einen Brief zugesandt haben, in welchem angekündigt wird, daß er fein Werk des Rückschrittes nicht vollenden werde und daß man von einer Regentschaft des Großfürsten Wladimir eine Umkehr erwarte. Der Minister de- Innern wird nunmehr von einer zahlreichen Polizei - Wachmaminschaft bewacht.
Der in Norwegen zwischen Regierung und Storthing (Abgeordneten
haus) schon längere Zeit spielende Conflict hat jetzt eine acute Gestalt angenommen. Mit 6 gegen 3 Stimmen soll vom Protokoll-Ausschuß des Storthing beschlossen worden sein, bei dem Odelsthing oder Herrenhaus zu beantragen, die Mitglieder der Regierung in den Anklagestand vor dem Staats-Gerichtshof (Riksrät) zu versetzen. Es ist nun nicht wahrscheinlich, daß der überwiegend monarchistisch gesinnte Odelsthing diesem Antrag stattgeben wird, aber bezeichnend ist letzterer für die in dem Storthing herrschende Stimmung doch. Der ganze Kampf zwischen dem norwegischen Storthing, in welchem der Radicalis- mus vorherrscht, und der Krone dreht sich um die wenigen Vetorechte, welche dem Königthume hier noch geblieben sind und die Volksvertretung scheint diesen Kampf bis in seine letzten Consequenzen durchführen zu wollen.
lieber die Londoner Donau-Conferenz hat sich die Berichterstattung in einem Netz von Widersprüchen gefangen. Sowohl die Mittheilungen über die Dauer der Conferenz, wie über die Verhandlungen selbst widersprachen einander oft in geradezu auffälliger Weise; bald sollten Rußland Concessionen in der Kilia-Frage gemacht worden sein, bald eine Vereinbarung hierüber noch in weiter Ferne liegen und was dergleichen Nachrichten mehr waren. Jetzt weiß nun wiederum die „Times" zu melden, daß in der für Mittwoch, den 7. März, anberaumten Conferenz-Sitzung die englischen Bevollmächtigten einen Vorschlag machen würden, der für Rußland annehmbar sei und die Beendigung der Conferenz-Arbeiten gestatten würde.
Der amerikanische Congreß hat sich am Sonntag vertagt, nachdem am vorhergegangenen Tage die vielbestrittene Tax- und Taris-Bill vom Repräsentantenhause mit 152 gegen 115 Stimmen angenommen worden war. Die Bill erhöht die Zollsätze theilweise nicht unbedeutend; trotzdem wird aber von der Freihandelspartei behauptet, daß die Staatseinkünfte durch die Bill eine wesentliche Reducirung erfahren würden. Die New-Doiker Blätter meinen, daß die Tax- und Tarif-Bill in ihrer jetzigen Fassung keine Partei befriedige. — Der ehemalige Vicepräsident der Conföderation der Südstaaten, Andrew Stephens, ist gestorben.
Deutschland.
Darmstadt, 7. März. Seine Königliche Hoheit der Großherzog nahmen heute militärische Mclvungen entgegen und empfingen den Obersten v. Seebeck, den Major v. Capliot, die Premterlieutenants v Krane und Herpel, die Lieutenants Perrot und Mootz, sowie die mit der VerdtenstmedatUe decortrten Unterosficure und Mannschaften des Leibgarde-Regiments Nr. 115; zum Vortrag den Staatsminister Frhrn. v. Starck, den Ministerialpräsidenten Schle>ermacher, den Ordenskanzler Generallieutenant v. Grol- man, der Hoftägermetster v. Werner, den Hostheater-Director Wünzer.
— Seine Königliche Hoheit der Großherzog, sowie Ihre Großherzoglichcn Hoheiten die Prinzessinnen Victoria und Elisabeth nebst Gefolge sind gestern Abend 9 Uhr 15 M'n. in erwünschtem Wohlbesinden dahier wieder etngetroffen.
— Ihre Königlichen Hoheiten der Herzog und die Herzogin von Edinburg treffen heute Nachmittag ,5 Uhr zum Besuch d.s Großherzoglichen Hofes von Stuttgart ein. Die Höchsten Herrschaften reisen morgen Nachmittag 5 Uhr 12 Mtn. nach London weiter.
Aus dem Großherzogthum Heften, 6. März. Nachdem in Folge der Verhandlungen über die Frage der Ueberbüroung der Schüler höherer Lehranstalten das griechische Scriptum als Aufgabe der Maturitätsprüfung in den Gymnasien weggefallen ist, hat das Ministerium neuerdings angeordnet, daß auch die sog. Extmporalia und Domestika tn der griechischen Sprache nicht mehr zu verlangen und andere Hebungen nur in beschränktem Maße und zur Einübung der grammatischen Formen und Regeln zulässig sind. Aehnliches gilt beim Unterricht in der lateinischen Sprache, Uedersetzungen sind vorzugsweise während der Unterrichtsstunden zu fertigen und sollen sich der Klassen- leklüre anschlteßen. In den übrigen Unterrichtsgegenständen sollen solche schriftlichen Arbeiten soweit sie bisher üblich, als Uebungsmiitel der Schüler, wie als Hülfsmittel des Lehrers zulässig bleiben, jedoch unter dem ausdrücklichen Vorbehalt, daß denselben bet Beurtheilung der Reife der Schüler kein entscheidender Einfluß zum Nachthetl des Schülers beigelegt werden darf. V
Berlin. 6. März. Der jetzt von seinem Posten zurücktretende Krtegsmtnister General v. Kameke, der 66 Jahre alt ist, war seit 1873 Kriegsmin'ster, nachdem er hauptsächlich im Jngenieurkorps seine militärische Laufbahn zurückgelegt, auch vorübergehend M l'tär-Attache in Wien und 9lbtbeilun0§: W r
war; sowohl im Kriege von 1866 hatte er sich — als Gmeralstabschef des 3®eiten Armeekorps — ausgezeichnet, als auch in dem von 1870--71, tn welchem er zuerst die 14. Infanterie-Division kommandirte und später bte Belagerung^rbetten von Parts leitete. Am 9. November 1873 wurde General v. Kameke als Nachfolger Roon s zum Kriegsmintster ernannt Als solcher — so bemerkt die „N.-Z. ^tte ersich ebenso als Organisator und Verwalter bewährt, wie er es verstand, mit demNetchstag aus Sn geB’nüVer'ber11 ffioVtToer™etuen9en^nn<^es’ererei^t, wa« einem barfd) auftretenben Minister vielleicht verweigert worden wäre. h„r
ß <rnxrl Die dem deutschen Exporthandel durch Erostnung der i. 01L- , Berlin, t>. März. Me vem mui,ev ^n Mittelmeer Märkten hat sich
hardbahn zu Thell gewordene neue Verkehrsltr 8 « Güteraustausch errungen,
schon letzt e ne hervorrageade Bedeutung im 'Me^nar o,. an Hrer
und geht einer n0*n .gr, Leistungssähtgkeit den gegebenen resp. den tn Prosperität tnieresstrten Faktoren h l, « entwich lt haben werden. Von Herausbildung be^stftnm Verhältnisten^^ Gotthardbahn erscheinen die
nicht unterschätzendem W bcnbcnftt,roetjertf»en Kreisen dem Unternehmen
Sympathien, welch von allen M°v^ > fflr die Schwei, selbst die Lime
dauernd entgegengebracht werdende ^z'^ansitlinie in Bet rächt kommt, und diesem ?tern9oL^ar^bh6mnnU'e8d)iif»relben müssen, datz die neuerlichen Projeete, dem Levante- Umstande wird man , f mittc|beulf^,n Reichsstädten während de« Mittelalter« 6"nb£ ^>^ende Ver?ode materiellen Gedeihen« brachte, ihre damaligen Verkehrswege L«' ü er!M esten in erster Linie mittelst der Ortentdabn-Anschlüffe, selten« der ?akn5l^rtt»en Gottbardbahn-Jnteressenten nicht mit übermätzigein Wohlwollen besprochen i^erdei^ Indessen ist man vernünstig genug, um den thatsächlichen Verhältnissen Rechnung zu tragen und sinnt schon jetzt daraus, der dem Gottharddahn-Transtl


