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Samstag den 8. December

Nr. 286

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Bnreanr Schulstraße 7.

kürzester Frist weitere 6000 Mann nach Tongking absenden zu können. Die chinesische Regierung ihrerseits ist auch nicht müßig, sie concentrirt in und um Kanton ein starkes Armee-Corps und sind erst in diesen Tagen in Kanton 1100 Mann chinesische Truppen ^von Shanghai eingetrossen, denen andere Truppensendungen folgen sollen. Trotz dieser Rüstungen scheint aber China noch immer keine Neigung zu haben, ernstlich den Waffentanz mit Frankreich zu wagen, da die chinesischen Truppen Sontay und Bacninh geräumt haben sollen, während es doch hieß, daß sie diese Positionen aus's Aeußerste verthei- digen wollten. In Anbetracht der Gefahren, welche den in China wohnenden Ar.rländern im Falle eines französisch-chinesischen Krieges drohen, wollen Eng­land, Deutschland, Frankreich, Rußland und Nord-Amerika eine gemeinsame Flotille von Kanonenbooten nach den chinesischen Gewässern entsenden und die­selbe bei Kanton starioniren. Den Oberbefehl über das Geschwader soll die­jenige Macht erhalten, welche über die meisten Seestreitkräfte in den chinesischen Gewaffern verfügt. Dagegen werden die Nachrichten über eine Collectiv-Ler- mittelung in der Tongking-Angelegenheit sowobl von Berlin wie von Peters­burg aus für durchaus unbegründet erklärt.

Die in zahlreiche Blätter des Auslandes von einem Peters­burger Blatte übergegangene Mittheilung von bevorstehenden Reformen in Rußland ist nur ein schöner Traum gewesen. Das osficiöseJournal de St. P^tersbourg" versichert auf das Bestimmteste, daß das Project einer poli­tischen Reorganisation Rußlands-ebensowenig existire, als die angeblich zu seiner Prüfung eingesetzte Commission.

Die zwischen der Schweiz und Frankreich spielende nord- savoyische Neutralitätsfrage hat jetzt ihre befriedigende Lösung gesunden. Frank­reich verzichtet aus die Befestigung des Mont Nuache und läßt die schon ange­legten Befestigungen, wieder schleifen, womit diese Frage in einfacher Weise ge- löst worden ist.

Heber das Schicksal der egpptischen Armee unter Hicks Pascha im Sudan kreuzen sich wunderliche Nachrichten. Jetzt heißt es plötzlich, der größere Theil des Expeditions-Corps sei dem Gemetzel bei El Obeid entronnen und lagere bei Nahad, um Verstärkungen zu erhalten. Eine ojficielle Bestäti­gung dieser für die Regierung des Khedive etwas tröstlicher klingende Mitthei­lung ist aber in Kairo noch nicht eingetroffen, dieselbe ist nur dem dortigen österreichischen diplomatischen Agenten privatim zugegangen.

Die Weltausstellung in Kalkutta, der politischen Hauptstadt In­diens, ist am Dienstag vom Vicckonig von Indien, Lord Lytton, feierlich eröffnet worden.

Hesterreich.

Prag, 6. December. Eine stark besuchte Versammlung deutscher Un'versitäl?- Hörer beschloß, eine Petition an den deulschen Bundesrath zu richten, daß die Be­stimmung, wonach den deutschen Medicinern nur ausnahmsweise das Studium aa.

Aeutschland.

Berlin, 4. December. Der Pariser£etrp8Ä, der gestern seinen Lisern mit- theilte, daß ttn deutscher Marineoificier sich mit Bewilligung des Reichskanzlers nach Tientsin begeben habe, um den Chinesen Unterricht zu erthellrn in der Kunst, Torpedos zu verwenden, läßt sich am 3. dS. aus Berlin telegraphiren, der hiesige chinesische Ge­sandte mache hier täglich bedeutende Einkäufe von Kriegsmaterial, das sodann in un­berechenbaren Massen nach China abgesandt werde. Auch diese Nachricht, mit der augenscheinlich bezweckt wird, Deutschland den Franzosen gegenüber als diejenige Macht darzustellen, welche den Chinesen Waffen gegen Frankreich in die Hande gebe, ist voll­ständig aus der Luft gegriffen. R'cht anders vrrhalt es sich mit dem Gerüchte, wonach Deutschland im Verein m t England bemüht sei, einen Druck auf Frankreich auszu- üben und cs zu veranlassen, die englische Vermittelung in dem Zerwürfniß mit China anzunehmen. Es ist allgemein bekannt, daß Deutschland die Wiederherstellung sitt­licher Beziehungen mit China wünscht, aber von irgendeiner thatsächlichen Einmischung in den französischen Streit mit China ist nicht die Rede. Auch die Absendung deutscher Kriegsschiffe nach China tonn mit dem chinesisch französischen Strett nur mit Unrecht derart in Verbindung gebracht werden, als ob die Maßregel eine Spitze gegen eine^ der beiden Länder hätte. Dieselbe bezweckt zunächst nur, den deutschen Interessen in China denjenigen Schutz angrdeihm zu lassen, auf den alle deutschen Reichsangehorigen im Ausland berechtigt sind, Anspruch zu erheben. ätßL

Berlin, 5. December. Von dem Vorsitzenden der deutschen Cholera-Cow- mission, Gehrimerath Dr. Koch, ist neuerdings wieder ein Bericht über die Tbätigk-rt der Commission in Egypten hier eingetroffen. Derselbe ist aus Suez batirt Zur Zett dürfte die Commsision bereits in Kalkutta etngetroffen fein. , -

Der französische Weinhandel wird in seinem gegenwärtige« Umfange, nach­dem durch die Reblaus hunderttausende von Hektaren deS inländischen Weinbauterrams brach gelegt sind. nur durch die entsprechende Einfuhr italienischer, resp. spanischer Traubensäfte erhalten. In den ersten neun Monaten dieses Jahres erreichte die Aus­fuhr von Weinen aus Italien nach Frankreich 1,537/708 Hl. geßcn nur 564,744 Hl. im Vorjahre. Rechnet man hierzu die vierfache Einfuhr von spanischen Wem-n noch Frankreich, so kann man sich ungefähr denken, wie v cl des in die Welt gehenden .Bordeaux" undBurgunder" dicfls Jahr in Spanien und Italien gewachsen ist.

lieber die Vertheilung des Grundbesitzes in Großbritannien und Irland geben nachstehende Daten ein recht anschauliches Bild. In England und Wales be­sitzen 4500 Eigenthümer 17V- Millionen Acres; in Schottland kommen auf 1700 Per­sonen 17 Millionen; in Irland auf 1942 über 12 Millionen; zusammen also nennen 8142 Individuen innerhalb des Vereinigten Königreichs 46Vr Millionen Acres ihr eigen. Die Besitzungen dieser 8142 Landlords übersteigen um 9 Millionen Acres die Gelamntt- oberfläche von England und Walls oder um 6 Millionen Acres das Doppelte der- Größe Irlands oder um 8 Millionen das Doppelte der Große Schottlands. SDtefer Complrx von Ländereien bringt rach mäßiger Schätzung jährlich pro Acre 15 Shilltnge ein, was für die obige kleine Klasse von Begüterten, die man mit dem Collectwoamen derupper ten* zu bezeichnen pflegt, daS kolossale Jahreseinkommen von 35 Mill. Lstrl. = 706 Mill. X bedeutet.

Politische Ueberficht.

Gieße«, 7. December.

Der Aufenthalt der deutschen Kronprinzen in Spanien hat neuerlichen Depeschen zufolge abermals eine Verlängerung erfahren. In Barce­lona , von wo aus der hohe Herr die Rückreise nach Deutschland antreten wird, ist aus Madrid die osficiöse Nachricht eingegangen, daß der Kronprinz nicht vor dem 14. oder 15. December in der genannten Hasenstadt eint reffen werde. Derselbe gedenkt vorher noch dem Süden Spaniens, in erster Linie der Pro­vinz Andalufien, einen Besuch abzustatten, welcher voraussichtlich mehrere Tage bauern dürste. Od der Kronprinz ven diesem Ausflug erst wieder nach Madrid zurückkehrt oder sich birect nach Barcelona begiebt, scheint noch nicht festzustehen.

Seit vorigen Samstag refibirt die Kaiserin nach längerem Aufenthalte in Baden-Baden und Koblenz wieder in der Reichshauptstadt an der Seite ihres erlauchten Gemahls. Das Befinden der hohen Frau ist erfreu­licherweise ein erheblich besseres, als vor Beginn ihrer diesjährigen Sommer- Reisen und sällt ihr jetzt besonders das Gehen bedeutend leichter.

Im preußischen Abgeordiieterihause hat am Montag die Special- berathung des Etats mit der Discusfion über den Etat der Domänen-Verwaltung ihren Anfang genommen. Die zweitägige Debatte über diesen Gegenstand war eine ungemein weitschweifige und hätte füglich ohne Schaden für die verhandelte Sache bedeutend abgekürzt werden können. Die Kernpunkte der Verhand- hingen bildeten die Lage der deutschen Landwirihschaft im Allgemeinen und die Parzellirung der Domänen und die Kredit-Verhältnisse auf dem Lande im Spe- ciellen. Daß sich die Sage der landwirthschastlichen Bevölkerung, wenn auch nur auf einzelnen Gebieten, gebessert habe, wurde von allen, Rednern der Moutagssitzung anerkannt, dagegen führte Der Minister .für Landwirthschast, Dr. Lucius, in einer längeren Rede aus, daß der Grundbesitz auf dem Lande zu hoch mit (Sommunal- und Schulsteuern belastet fei und sprach sich ferner entschieden gegen eine Vermehrung der Domänen-Parcellirung aus. Am Diens­tag kamen hauptsächlich die landwirthschastlichen Krebit-Verhältnisse zur Sprache und nahm die Debatte durch das Hineinziehen der Jubensrage zeitweilig einen äußerst animirten Charakter an. Die conservativen Adgg. Wagner unb v. Lud­wig vertraten die Ansicht, baß bie Mißverhältnisse des ländlichen Kredits dem jüdischen Wucher zur Last gelegt werden müßten, während die fortschrittlichen Abgg. Dirichlet, Dr. ©selig unb Büchtemann bas Vorwiegen bes jübischen Elementes unter den Wucherern auf bem Lande bestritten. Auch Minister Dr. Lucius nahm wiederholt Gelegenheit, in die Debatte einzugreisen und werth­volle Jnsormalionen über den Staub ber Domänen im Regierungsbezirke ©trat- funb zu geben. Schließlich würbe bas Orbinarium ber Domänen-Verwaltung in Einnahmen unb Ausgaben unb nach unerheblicher Debatte auch ber Etat der Forstverwaltung genehmigt. Für Mittwoch stand ber Antrag bes demokra­tischen Abg. Stern (Frankfurt a. M.) auf Einführung bes birecten Wahlmobus bei den preußischen Lanbtagswahlen auf ber Tagcsorbnung, welcher am Mrtt- woch unb Donnerstag eine äußerst lebhafte Debatte veranlaßte. Der Antrag wurde mit 202 gegen 163 Stimmen abgelehnt.

®er Kaiser hat bas Abschiebsgesuch bes commanbirenben Ge­nerals bes 6 Armee-CorvS (Schlesien), v. Tümpling, in einer Cabinetsorbre genehmigt welche bie Verbimste des Generals in einer 17jahrigen Commanbo- sührung sveciell um bas schlesische Armee-CorpS in herrlichen Worten anerkennt; als Ausdruck des kaiserlichen Dankes ist Herrn v. Tümpling ber Schwarze Ablerorden mit Brillanten verliehen worben. Zu seinem Nachfolger im (Som- manbo bes 6. Armee-Corps ist Generallieutenant v. Wichmann ernannt worben, seither (Sommanbeur ber 16. Division.

Das parlamentarische Leben rm cisleithamschen Oesterreich hat durch den am Dienstag erfolgten Zusammentritt bes Neichsrathes einen neuen Aufschwung erhalten. Die Session würbe burch ein Exposö bes Fmanzmimsters y. DunajewSki über bas Budget pro 1884 eröffnet, welches ben österreichischen Steuerzahlern bas wenig erfreuliche Gestänbniß macht, baß em Deficit von 38 700 000 Sfl vorhanben sei, wobei aber Dunaiewski tröfienb anfuhrte, daß das Deficit von 1884 Demjenigen von 1883 um 4,700,000 Fl. nachstehe. Nach seinen Ausführungen ist bas Deficit burch außerorbeniliche Ausgaben probucti- ver Natur, durch bis Mehrkosten beim Bau ber Arlberg-Bahn und der galizi­schen Transversal-Bahn u. s. w. hervorgerusen worben unb hofft bet Finanz- Minister das bedenkliche Manco durch bie strengste Sparsamkeit sowie durch die Mehrerträgnisse der Zölle unb Steuern großtcntheils zu decken. Die aus Ezechm, Polen, Slovenm, Klerikalen unb Fenbalen bunt genug Rammens? icMe Majorität nahm bas Exposö Dunazewskr S nut lebhaftem Beifall auf, während bie Linke ihre Meinung über die österreichische Finanzlage durch Schweigen kundgab. Unter ben zahlreich eingegangenen Vorlagen befindet sich mich ein Gesetzentwurf über bie Unfallversicherung ber Arbeiter.

Mit Spannung sieht alle Welt bem enblichen Ausgange bes französisch - chinesischen Eonflictes entgegen, ba in ber £fjat bas Zünglein ber Waage sich mehr nach ber Kriegs- als nach ber Frrebensschaale juneigt Die sranröfische Regierung ist im Begriff, sich von der Deputirtenkammer 9 Mill, ür Tanakina bMMqen zu lassen unb baß bie Kammer-Majorität sich in ber für diesen Freitag angesetzten Töngking-Krebitbebatte im Sinne der Regierung eutsch ben wirb, bezweisclt Niemand. Daneben gehen bie nnlitarischm Vor- Jrungen ihn» Gang weiter unb sind alle Anstalten getroffen, um binnen