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26O Erstes Blatt. Tmnerstag den 8. November 1888.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureau r Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Amtlicher Hheil.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohr,.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Nr. 25 des Reichs-Gesetzblatts, ausgegeben den 3. d. M., enthält:
(Nr. 1520.) Bekanntmachung, betreffend die Einfuhr von Pflanzen und sonstigen Gegenständen des Gartenbaues. Vom 1. November 1883.
Gießen, den 6. November 1883. Großherzogliches Krewamt Gießen.
Dr. Boekmann.
Gießen, am 6. November 1883.
Betr eff.end: Reichsgesetz über die Krankenversicherung der Arbeiter.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Groß Herzs glich en Bürgermeistereien des Kreises.
Wir erinnen Sie, soweit Sie noch im Rückstände ssind, an Erledigung der Verfügung vom 4. October 1883 binnen acht Tagen.
Dr. Boekmann.
Darmstadt, 6. November. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Uergnädigst geruht s
Am 27. October den von dem Herrn Fürsten zu Dsenburg-Brrstem prä- sentirten provisorischen ReaLehrer Ludwig Roth zu Offenbach zum Lehrer an der Realschule daselbst,
am 4. November den Polizeicommiffariats-Aspiranten Philipp Old aus Hainstadt zum Polizeicommiffär 3. Klaffe bei der Polizeiverwaltung der Stadt Kastel, im Kreise Mainz, zu ernennen.
Dresden, 6. Rovbr. Im Auftrage der englischen Regierung machten heute der Geschäftsträger Strachey und der Admiral Lord Clanwilliam mit dem Erfinder des Hydromotor-Schiffes eine Fahrt auf demselben. Auch Vertreter anderer Seemächte haben sich zu einer solchen angemeldet.
Lokales.
G. Gieken, 7. November. ^Sterblichkeit in (Stegen.] Die Zahl der Todesfälle in Gkßen während der Woche vom 28. October bis 3. November belief sich im Ganzen auf 14 wovon 3 bei Kindern vorkamen. Eins dieser Letzteren, noch nicht ein Jahr alt, ftarban Krämpfen, ein neunjähriges Kind an Diphtherie bei einem anderen, das picht ärztlich beobachtet worden war, konnte eine bestimmte Todesursache nicht angegeben werden- Von erwachsenen Personen starben 2 an Krebs, je e.ne an Lungenschwindsucht, Lungenentzündung, Bronchienentzündung, Harnruhr, Leberentartung, Altersschwäche. Ein Mann erlag den Verletzungen, die er durch unglücklichen Zufall beim Eisenbahnbetrieb erlitten, ein Monn wurde hmgerichtet und die Leiche eines auswärts wohnenden Mannes wurde aus der Lahn gelandet. „
©ieften. 7. November. Am gestrigen Tage waren 50 Jahre verfloßen, seit der hichge Rechtsanwalt Herr C. Dornsetff die Universität verlas,en und in die gerichtliche Praxis eingetreten ist. Die Gießener Jimstenfaeultat anerkannte die Verdienste dis Jubilars, der nunmehr Mitglied der ersten Kammer der evangelischen Landessynode und Vorstand der Anwaliskammer ist, dadurch, daß sre ihn zum vr.zur. honorig causa ereilte und am Tage des Jubiläums demselben durch den derze ttgen Dekan der juristischen Facultät, Herrn Professor vr. GareiS, das Doetor-Drplom
Telegraphische Depeschen.
Wolst'S telegr. Corresporrsenr-Bueenrr.
Berlin, 6. November. Se. Maj. der Kaiser hatte gestern Abend eine Längere Conferenz mit dem Staatsminister Grafen v. Hatzfeldt-Wildenbruch und heute mit dem Kriegsminister Bronsart v. Schellendorff.
Trier, 6. November. Bei den Stadtrathswahlen 3. Klaffe siegten die drei liberalen Candidaten.
Wien, 6. November. Einige Blätter besprechen die durch die Umtriebe von radikalen und panslavistischen Elementen in Serbien hervorgerufene Bewegung und billigen es durchaus, daß die Regierung alle Kraft aufbietc, um eine drohende revolutionäre Erhebung niederzuwerfen; gleichzeitig wird von denselben über auch betont, daß die Bekämpfung der Revolution sich nicht zu einem Kampf gegen d-ie Freiheit gestalten und daß dem Absolutismus nicht Vorschub geleistet werden dürfe. Nach einer Meldung der „Presse" wäre übrigens die Bewegung bis jetzt localisirt, in allen übrigen Theilen Serbiens herrsche die vollständigste Ruhe.
Roubaix, 6. November. Heute Abend brach in einer hiesigen Fabrik Feuer aus, wodurch eine Benzin-Explosion herbeigeführt wurde, in Folge dessen 10 Personen getödtet und gegen 20 Personen verwundet wurden.
London, 6. November. Der „Times" zufolge soll die chinesische Regierung beabsichtigen, eine Mittheilung an die französische Regierung zu richten, in welcher dieselbe ihrem Erstaunen über die Depesche Tricou's Ausdruck geben und den Inhalt der letzteren dementiren werde, gleichzeitig mit der Erklärung, daß sie das Verhalten des Marquis Tseng vollständig billige.
Madrid, 6. November. Wie die „Correspondencta" wissen will, wäre der Marschall Serrano zum Botschafter in Paris ernannt, und hat derselbe dem Vernehmen nach diesen Posten angenommen.
Konstantinopel, 6. November. Admiral Hay wurde mit seinem Stabe heute vom Sultan empfangen und darauf mit Dufferin zur Tafel gezogen.
Alexandrien, 6. November. Gestern sind wiederum einige Cholera- Todesfälle hier vorgekommen.
Rew-Uork, 6. November. Für die Städte Richmond und Danville sind militärische Vorsichtsmaßregeln getroffen worden, um etwaigen Ruhestörungen bei Gelegenheit der heute im Staate Virginia stattfindenden Wahlen vorzubeugen.
— Wie uns mitgetheilt wird, ist bfe Frequenz unserer Hochschule im Wintersemester von Seiten neuer Studirender ein sehr erfreulicher zu nennen und srll namentlich die medieintsche Facultät einen ganz ungewöhnlichen Zuwachs erhalffn haben.
Vermischtes.
Aus der Wetterau» 3. November. Eine schlimme Plage unseres Ackerbaues zeigt sich wieder allenthalben — die Feldmäuse. Wohin wir jetzt unsere Schritte lenken, hauptsächlich aber in den frisch bestellten Aeckern, an den Rainen der Fttdwegr, in den Kleeäckern, da wimmelt es wahrhaft von diesem gefräßigen Ungeziefer und gar mancher Landwirth wird mr Fiühjahr mit Erstaunen den regelrecht etngesäten und gut gedüngten Acker betrachten, der eine so mangelhaft und dünn aufgegangene Saat ergeben hat. Er hat eben mchts gegen die Mäuse gethan. Jetzt ist es noch Zeit dazu. Schon Haden einzelne einsichisvolle Landwirthe mit Vertilgung der Mäuse auf ihren Grundstücken begonnen, aber der Er olg wird und kann nur dann ein durchgreifender sein, wenn, wie es verschiedene Gemeinden unserer Umgebung thun, systematisch das ganze Saatfeld zu gleicher Zeit in Angriff genommen und unter Leitung des Ortsvorstandes ober gewiffeuhaftcr Ortsbürger sorgfältig eine gründliche Vergiftung angeordnet wird. Zu beugten .ft dabei, daß die Giftkörner recht tief in die Mauselöcher eingelegt und darauf diese l'.lbfi leicht mit dem Fuße zugescharrt werden. Dann wird dem vorgebeugt, daß kleinere nützliche Vögel durch verstreutes Gift umkommen.
Oestrich, 1. November. Ein tragisches Ende fand der frühere Bäcker uni Winzer Peter Josef Dornbach und feine Ehefrau dahier, welche man heute Abend 10 Uhr im Keller ihres Hauses in einem kaum 3 Fuß tiefen Brunnen tobt vorfand. Nähere Details hierüber find bis jetzt nicht bekannt, jedoch dürsten nach dem „M. 81." folgende Umstände mit der Katastrophe in Zusammenhang stehen. Dornbach unterhielt seit längerer Zeit ein intimes Verhältniß mit einem in Coblenz wohnenden Frauenzimmer zweifelhaften Rufes, mit welcher er nach Amerika auszuwandern beabsichtigte. In der Ausführung dieses Vorhabens stand ihm jedoch seine Frau im Wege, welche sich deshalb auch keiner besonders guten Behandlung zu erfreuen hatte. Im Hinblick auf die mit derselben vorher gehabten Austritte und Zwistigkeiten wild nun vermuihet, daß er in vielleicht unzurechnungsfähigem Zustande beabsichtigte, seine Frau aus dem Wege zu räumen und in den Brunnen zu stürzen, habet aber selbst mit ums Leben kam- Bei Auffindung der Leichen ergab sich ein seltsames Bild. Die Frau wurde in sitzender Stellung, ihren Mann an der Brust fassend, dessen Haupt auf der Brust derselben ruhte, in dem 3 Fuß tiefen Brunnen vorgefunden, ein Zeichen, daß hier ein Kampf auf Leben und Tod vorher stattgefunden hatte.
Rudolstadt, 1. November. Ein als durchaus nüchtern und zuverlässig bekannter Gensdaim vom Walde bekam den Auftrag, einen Arrestanten über Schwarza hierher zu bringen- Er machte sich mit ihm auf den Weg und alles ging gut, bis man oberhalb des Dorffs Schwarza angekommen war. Dort packte an der Stelle, wo die Schwarza in die Saale fließt, plötzlich der Gefangene den nichts ahnenden Gensdarm und warf den durch den plötzlichen Angriff Ueberrafcbten das steile Ufer hinab in die Schwarza, welche an dieser Stelle eine ziemliche Tiefe besitzt. Der Gensdarm ist jedenfalls ertrunken, wenn auch feine Leiche bis jetzt noch nicht aufgefunden werden konnte. Der Verbrecher ist entflohen und es ist bisher leider nicht gelungen, den gefährlichen Menschen, der sich wohl in die Wälder geflüchtet haben mag, wieder einzusangen.
(Sera, 30. October. Im vorigen Monat wurde von dem Schwurgericht der 60jährige frühere Oeconom Adam Hieronymus, genannt Pulver, aus Schöten, welcher am Abend vor Pfingsten d. I. den Rentier Geyer in Apolda (Sachsen-Weimar) ermordete und beraubte, zum Tode verurthetlt. Wie jetzt gemeldet wird, hat der Landes- sürst, bet Großherzog von Sachsen-Weimar, von dem Begnadigungsrecht keinen Gebrauch gemacht, es sollte daher das TodeSurtheil am 1. November früh 7 Uhr gegen den Raubmörder vollstreckt werden. t
Straßburg, 4. November. Gleich einem schweren Alp liegen die Ereignisse der Mordnacht vom 22 v. Mts. auf der Bevölkerung Straßburgs und des Elsasses überhaupt; 12 kostbare Tage sind vorübergegangen und von den Mordgesellen ist noch keiner soweit dingfest gemacht, daß man auf Grund ausreichender Verdachtsmomente ihm den Proceß machen könnte. Die Polizei hat trotz aller Anstrengungen anerkennens- werther Art in der ganzen Angelegenheit eine wenig glückliche Hand gezeigt Mancherlei scheint auch gleich zu Anfang versäumt worden zu fein; so war am 23. ». Mts, 3 Uhr Morgens, der Bahnhof Kehl polizeilich besetzt, von den übrigen Straßburg benachbarten Stationen Jllkirch-Grafenstaden, Fegersheim, V-ndenheim und Bischheim erhielten aber manche erst um 3 Uhr Nachmittags Kunde von dem in der benachbarten Großstadt vor 14 Stunden Geschehenen. Die seither fast allnächtlich ausgesührten Razzias der Polizei in der Stadt und deren Umgebung waren ohne Erfolg; obgleich man bisher über 350 Personen verhaftete und verhörte, fand man recht wenig an gravtrendem Material. So v.el hat man allerdings entziffert, daß der Name auf dem in der Storchen-Apoiheke gefundenen Rec-pt nicht Schuster, sondern Dr. Schulthes beißt. Doktoren Schulthes gibt es aber sowohl in Zürich als in Hamburg. Tagtäglich laufen bei der Polijeidtrektion berghohe Massen schriftlicher Mittheiluugen, Rath- fchläge und Muthmaßungen ein. Seitdem man vollends einen Preis von zusammen 4000 und noch mehr Mark für den glücklichen Entdecker der Mörder Lienhardt's und Adel's aussetzte, regt sich auch schon em ziemlicher Zug in den dunklen Massen: barocke und freche Denunciationen mehren sich; das Protokolliren und Untersuchen gegenüber Leuten, deren Unschuld sonnenklar ist, wird zur allgemeinen Kalamität, wenn man diese am Hellen Tage polizeilich abholt, in Hast nimmt, um sie nach 60 ober 80 Stunden wieder laufen zu lassen. (F- Z.)
Bafel, 3. November. Ein Unglücksfall, der die gefammte Einwohnerschaft aufregt, hat sich gestern Vormittag zugetragen und ist gegenwärtig, 30 volle Stunden nach dem Eintritt des Ereignisses, noch nicht zu Ende. Bei der Reparatur eines Eis-


