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1883.
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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
srr. 133. Zweites Blatt. Sonntag den 8. Juli
Erscheint täglich mit Ausnahme des Morrtag-.
Nurearrr Sjchulstraße t.
Seit Ende voriger Woche wird ein Thonwaaren-Brenner Knoth, der hier an Kunverr Maaren ablteferte und Außen-
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Hanau, 3. Juli, von Wittgenborn, Namens stände einkassirte, vermißt.
hätte, die Conservativen zu beruhigen und die Katholiken zufrieden zu stellen. — Die „Libertö" will wissen, Graf Chambord habe den Herzog und die Herzogin von Madrid zu sich beschieden und mehrere Klauseln seines Testaments modificirt.
Die englische Regierung hat sich bisher der Choleragefahr gegenüber ziemlich phlegmatisch verhalten und erst vor einigen Tagen ist in Malta eine zehntägige Quarantäne für aus Egypten kommende Provenienzen angeordnet worden. Gegen die allgemeine Annahme, daß die Cholera aus Indien nach Egypten eingeschleppt worden sei, protestirte Lord Granville, der Minister des Auswärtigen, in der Dienstags-Sitzung des Oberhauses ganz energisch und in den sumpfigen Niederungen Unter-Egyptens kann die Cholera allerdings auch ganz gut entstehen. Der Minister theilte ferner mit, daß auch in Gibraltar und auf Cypern Quarantänen angeordnet und in England selbst Vorsichtsmaßregeln getroffen worden seien. Die Engländer haben sich demnach, wohl mit unter dem Drucke der europäischen Meinung, genöthigt gesehen, ihre Handels- Jntereffen endlich denen der allgemeinen Gesundheitspflege unterzuordnen.
Gießen, 7. Juli.
Durch eine gnädige Fügung des Allerhöchsten ist einer der Edelsten im Rathe der deutschen Fürsten vor einem jähen und schrecklichen Ende seiner ruhmvollen Laufbahn bewahrt geblieben. König Albert von Sachsen, auf einer Reise durch die Jndustriebezirke des Voigtlandes begriffen, besichtigte am Mittwoch Nachmittag das Fabrik-Etablissement von Georgi u. Comp. in Mylau; plötzlich löste sich beim Niedergehen des Fahrstuhls, auf welchem sich der König in Begleitung des Zwickauer Kreishauptmanns Dr. Hübel und des Fabrikdirector Clad befand, ein Stück Eisen los, welches beim Fallen Dr..Hübel sofort tödtete und den Fabrikdirector schwer verletzte. König Albert, welcher unversehrt blieb, ordnete tief erschüttert die Einstellung aller weiteren Festlichkeiten an und reiste mittelst Extrazuges nach Dresden zurück. Die sofort eingeleitete Untersuchung wird ergeben, wem dieser tragische Vorfall zur Last zu legen ist.
Die Aufmerksamkeit der europäischen Regierungen ist zur Zeit aus die in Unter-Egypten mit unverminderter Heftigkeit fortwüthende Cholera gerichtet. Es sind die umfaffendsten Maßregeln getroffen, um den ungebetenen Gast von den Grenzen Europas fern zu halten und auch die deutsche Reichsregierung ist dieser Angelegenheit näher getreten. Am Dienstag hat in Berlin eine Conferenz der beteiligten Behörden unter dem Vorsitze des Staats- ministers v. Bötticher und unter Betheiligung des Ministers v. Goßler stattgefunden, in welcher gegenüber der Choleragefahr die regelmäßige Veröffentlichung der Cholera-Nachrichten beschlossen wurde. Ferner faßte die Conferenz den Beschluß, darauf hinzuwirken, daß neue inficirte Transporte nach Egypten, wie die Abreise von choleraverdächtigen Personen aus diesem Lande gehindert werde '^nd endlich anzuregen, daß Seitens der deutcheu Seeufer-Staaten schleunigst die ärztliche Controle aller Schiffe von verdächtiger Provenienz herbeigeführt werde.
Mit dem am Montag erfolgten Schluff des preußischen Landtages haben die politischen Sommerferien in ihrem vollen Umfange begonnen, was vollständig im Einklang mit der gegenwärtig herrschenden geradezu tropischen Hitze steht. Fürst Bismarck scheint nur auf den Schluß der parlamentarischen Verhandlungen gewartet zu haben, um der schwülen Atmosphäre der Reichshauptstadt ebenfalls zu entrinnen, denn er hat am gleichen Tage Berlin verlassen und sich zunächst nach Friedrichsruhe begeben. ^Wahrscheinlich wird aber der Reichskanzler schon in den nächsten Tagen die ländliche Zurückgezogenheit von Friedrichsruhe mit dem Aufenthalt in Kisstngen vertauschen, wenigstens ist in dem fränkischen Badeorte bereits das Gepäck des Fürsten eingetroffen, woraus man mit Sicherheit auf den baldigen Antritt seiner Badereise schließen kann. Es steht nicht zu erwarten, daß große Ereignisse die Kur des Kanzlers unterbrechen werden, denn sowohl auf dem Gebiete der hohen Politik, wie in unseren inneren Angelegenheiten ist vollständige sommerliche Ruhe eingetreten; nur klingen bei uns die kirchenpolitischen Debatten des Abgeordnetenhauses noch in den Erörterungen der Presse über die jüngste vaticanische Note nach. Der Ton der Note ist ein derartiger, daß trotz der neuen kirchenpolitischen Vorlage das Ende des „Culturkampfes" als noch im weiten Felde stehend zu bezeichnen ist, denn in der Note verhält sich der Vatikan der Vorlage gegenüber geradezu ablehnend und tritt mit Forderungen auf, welche eine Verständigung zwischen Rom und Preußen vorläufig fast als unmöglich erscheinen lassen. Bis jetzt hat sich die Berliner osficiöse Presse über die Note noch nicht specieller geäußert, man darf aber begierig fein, wie sich die preußische Regierung zu dieser jüngsten Kundgebung des Vatikans stellen wird, die ihres peinlichen Eindrucks in weiten Kreisen des deutschen Volkes nicht verfehlt.
In Hamburg, wo in dieser Woche auch das erste allgemeine deutsche Kriegersest stattfand, ist am Mittwoch die internationale Thier-Aus- stellung eröffnet worden, wobei der Vorsitzende der Ausstellungs - Direction, v. Ohlendorff, und der Hamburger Bürgermeister, Dr. Kirchenpaur, sprachen.
Der Tisza-Eszlarer Mordproceß fördert immer schönere Dinge zu Tage! Der Zeuge Flößer Matei, welcher bei dem Leichenschmuggel bethei- ligt gewesen fein solle, hat sich in große Widersprüche verwickelt und ergiebt sich aus den Verhandlungen, daß seine Aussagen durch Drohungen und Mißhandlungen erpreßt worden sind. Die Vertheidigung verlangt die Versetzung Verhaftung ^Eagezustand wegen falscher Zeugenaussage, sowie seine sofortige
In Frankreich sieht man stündlich dem Ableben des Grafen Chambord entgegen, mit welchem der letzte Sproffe des älteren Zweiges der Bourbonen in'S Grab sinken würde. Die möglichen politischen Consequenzen des wahrscheinlichen Todes des „Roy" bilden jetzt in Paris das vorherrschende Thema der Unterhaltung; daß durch dieses Ereigniß die Aussichten der Orleans erheblich gewinnen würden, ist gewiß und die orleanistischen Blätter tragen barum schon jetzt eine zuversichtliche Haltung zur Schau. Der Ministerrath beschäftigte sich am Dienstag mit den zu ergreifenden eventuellen Maßnahmen gegen die Prinzen von Orleans im Falle Graf Chambord stirbt und der Graf von Paris dessen politische Erbschaft antrU. Heber die gefaßten Beschlüsse wirb strenges Stillschweigen beobachtet, doch darf man aus osficiösen Andeu- timgen schließen, daß die sofortige Ausweisung die Folge eines jeden Präten- denten-Actes sein würde. Wie das Journal „Le Pays" wissen will, würde demnächst eine Kundgebung des Prinzen Napoleon erfolgen, welche den Zweck
— (Vorhistorisches Bauwerks Aus Vic in Lothringen wird geschrieben: „Zwischen Vic und Marsal, im entlegensten Theile Lothringens, gibt es ein gewaltiges, wahrscheinlich vorhistorisches Bauwerk, welches in seiner Art wohl einzig daftehen büifte: die sogenannte Briquetage. Dieselbe besteht aus einem ein bis zwei Meter mächtigen und drei bis vier Meter hoch mit Alluvialboden bedeckten Mauerwerk, das sich als eine gewaltige Decke über dem unergründlichen Sumpfboden des Setllethales ausbreitet. Ausgeführt ist der Bau aus kunstlos mit der Hand geformten kleinen Ziegelsteinen; die Ausdehnung des unterirdischen Baues beträgt, soweit bis jetzt fest- gestellt ist, mehrere Quadrat-Kilometer. Die Zahl der Ziegelsteine berechnet man auf viele Millionen und stellt die Bauten in Bezug auf Mächtigkeit über die egyptischen Pyramiden. Nach Alter und Zweck scheinen sie den Pfahlbauten nahezustehen. Leiber hat bis jetzt noch kern berufener Archäologe der Neuzeit die Briquetage zum Gegenstände wissenschaftlicher Forschungen gemacht, trotzdem solche für die Geschichte Lothringens äußerst interessante Aufschlüsse erwarten lassen. In der deutschen Gelehrtenwelt scheint die Sache überhaupt so gut wie unbekannt zu sein."
— lftber amerikanische Speck- und Butterbereitung bringt die Chicagoer Times folgende drastische Schilderung: „2hi§ Untersuchungen, die gegenwärtig am hiesigen Orte (Chicago) angeftellt werden, erhellt, daß es zwar Speck gibt, der aus Schweinefett besteht, aber auch solchen, in dem das Fett von Baumwollsamen, von Ochsen. Schafen und wer weiß was noch enthalten ist. Es wird bezeugt, daß eine umfangreiche Speckraffinerie hiesiger Stadt ein ganzes System von Kesseln, Röhren, Kübeln, Bottichen und anderen „Paraphernalien" zum „Rassiniren" des Speckes besitzt, deren effective Leistungen verzweifelte Aehnlichkeit mit der patentirten Wurstfabrikationsmaschine jenes Vankees haben, welche man mit dem einen Ende blos in der Nähe einer Hundehütte aufzustellen braucht, um aus dem andern alsbald „echt importirte" Bologneser Bratwurst zum Vorschein kommen zu sehen. Ein Mann, welcher eine der geheimnißvollen Speckleitungsröhren beaufsichtigte, sagte, daß der Inhalt ans dem Kessel Nr. 4 dec Raffinerie in den Speckraum des Packhauses liefe und daß besagter Kessel mit Talg und Baumwollsamenöl gefüllt wäre. An der Röhre waren Verschlußklappen derart angebracht, daß der Kesselinhalt nach Belieben entweder in die Raffinerie oder in einen der Bottiche geleitet werden konnte, wo der zur Versendung bestimmte Speck fabricirt wurde. Ein anderer Zeuge, welcher in den Dampfräumen der Raffinerie gearbeitet hatte, sagte aus, daß in jenen Räumen der ranzig gewordene Speck eingeschmolzen und wieder nach der Raffinerie geleitet wurde, Kessel Nr. 4 wurde außerdem zur Dämpfung des Rinder- und Hammeltalges und des Baumwollsamenöles benutzt. — Chemische Analysen der Chicagoer „Schwetnefett"-Waaren ergaben, daß in den untersuchten Objecten sechsmal so viel Stearin steckte, als in reinem Speck cn^alten ist; ferner wurde das Vorhandensein von nicht weniger als 100pCt. Talg oder' Baumwollsamenöl oder anderen Pflanzenölen constatirt — Bezüglich der Butterfabrikation heißt es: „Butter, einst eine durch Schütteln von Sahne oder Milch erzeugte Fettsubstanz, deren Erzeugung man an die Existenz der Kuh geknüpft glaubte, hangt jetzt von der Verwendung von Talg, Baumwollsamen, terra alba und anderer Färbemittel ad. Um der gesteigerten Nachfrage zu genügen, bedarf es keiner Vermehrung des Kuhbestandes. Man braucht nur das nöthtge Quantum von Gerätschaften, als da find: Kessel, Röhren, Bottiche rc. . . . Gleich den Wunderflaschen, aus welchen ^ahrmarktsgaukler alle möglichen Flüssigkeiten ausschenken, gibt der Inhalt eines und dessHben Kessels, aus einer Mischung von Talg und Baumwollsamenol bestehend, ft nachdem Butter oder Speck jedes gewünschten Grades und Qualität. Wollt ihr ^>eck, so dreht ihr an dem Abzugshahn so, daß das genannte mixtum compositum nach dem Speckraum flieht; wollt ihr Butter, dann dreht ihn fo, daß die Masse nach dem Butterraum geleitet wird. Das Verfahren zeichnet sich durch seine Einfachheit aus und erspart gegenüber den alten Methoden zur Herstellung dieser angenehmen Consumtilien viele Arbeit."
- (Wie ein Geizhals stirbt.) Seit einer Reihe von Jahren, so erzählt die „Libertö", bewohnte ein gewisser Lemeneur e n Stübchen im 5 Stoawerke eines im Durchgang Lascrriöre in Parks gelegenen Hauses. Vor 3 Monaten wurde dieser Mann krank und ließ sich im Hotel-Dieu verpflegen und als er daraus entlassen wurde, war er noch in leidendem Zustande. Er hütete darauf se^ Zimmerchen, in das er sich jeden Tag durch den Concierge etwas Wein, em Stück Brod und eine Suppe bringen ließ die er diesem bei halbgeöffneter Thür abnahm und sofort bezahlte. Eines Tages, als er sich ganz hergestcllt glaubte, ging er wieder aus. Am dritten Tage nachher hielt eine Kutsch vor der Thüre seiner Wohnung und Lemeneur, von einem SicherheitS- agenten unterstützt, setzte sich in der Loge des Concierge nieder. — „Ihr Miethsherr,"
... Ein Maurer Schaub von hier, der zuletzt mit dem Ver
schwundenen verkehrt haben soll, wurde gestern verhaftet, aber wieder auf freien Fuß gesetzt. Heute Morgen wurde Schaub erhängt im Dörnigheimer Walde aufgefunden. Die Vermuthung, daß er nicht nur den Knoth, sondern auch den im November vorigen Jahres mit einer größeren, zur Auszahlung von Wochenlohnen bestimmten Geldsumme spurlos verschwundenen Maurerlehrling aus Niederrodenbach ermordet habe, gewinnt Raum durch eine soeben im Hause seines Arbeitgebers gehaltene gerichtliche Haussuchung. Man fand daselbst in dem Hohlraum zwischen dem gewölbten Pferdestall und dem Fußboden des darüber belegenen Heuschobers bis jetzt eine mit Kalk und Sand verdeckte menschliche Leiche. Die gerichtliche Untersuchung ist noch in vollem Gange. Allgemein herrscht die größte Aufregung und Entrüstung. Der Thatort ist von Hunderten umlagert.


