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Ar. 180. Dienstag den 7. August 1888.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

vureaur Schulstraßc 7. «WH" ,BIMr

Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.

PreLs v»ert«ljÄhrlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringeriohm Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher Hheit.

Brehpreisvertheilung zu Büdingen.

Nachdem laut Bekanntmachung Großherzoglichen Kreisamtes Büdingen im dortigen Kreise die Milzbrandseuche als vollständig erloschen zu betrachten ist, wird die BiehpreiSvertheilung des landwirthschastlichen Vereins von Oberheffen nunmehr bestimmt am 29. l. M. abgehalten werden.

Friedelhausen, am 2. August 1883. Der Präsident des landwirthschastlichen Vereins von Oberhessen.

Adalbert Freiherr Nordeck zur Rabenau.

Deutschland.

Berlin, 4. August. DerReichs-Anz." veröffentlicht die Ernennung des Regierungs-Präsidenten v. Hagemeister zum Vicepräsidenten von Westfalen.

Berlin. Aus den Provinzen West- und Mittel-Rußlands häufen sich die Klagen über das maßlose Fortschreiten der Waldoerwüstung. Der Ruin des Waldes hält mit dem Flor des Holz - Exporthandels gleichen Schritt. Russische Notional- Oefonomen bezeichnen den schleunigsten Einhalt des Verwüstungswerkes als eine Lebensfrage für die betreffenden Landestheile und vroph.eze'hen den baldigen Eintritt gänzlicher Entwaldung und aller damit verbundenen Calamitäten, wenn nicht die Gesetz­gebung ungesäumt zur Regelung der Waldfrage die Hand biete.

Auch China besitzt seine Steinkohlenschätze, doch ist zur Zeit nur ein einziges fildfo im Abbau begriffen. Dasselbe liegt bei Knping, unweit Peking, und hat die kohlenführende Formation daselbst eine Mächtigkeit von etwa 1000 Fuß. In Ver- bivdung mit dem Kohlenbergwerk ist auch eine Eisenbahn angelegt worden, die einzige Ihrer Art, von nur 6*/r ( ngllsche) Meilen Länge, auf welcher die Kohlen bis zum nächsten Kanal befördert werden, um dann auf den natürlichen Wasserweg überzugehen. Den projcctirten Anlagen von Eisenwerken in der Nähe der Kohlengruben stehen bis jetzt abergläubische Bedenken im Wege, da unweit des für tue Anlage in's Auge ge­faßten TerrainS die Grabstätten der kaiserlichen Dynastie sich b.finden und die Hof aftrologen für jene geheiligten Stätten in Folge eines so profanen Industriebetriebes geomantische Störungen u. dgl. besorgen. So wird die Eisenindustrie sich schon um eine andere Heimstätte bemühen mOff'n.

Kiel, 4. August. Reichstags-Stichwahl. Bis jetzt sind für Hänel 12,659, für Heinzel 8744 Stimmen gezählt, aus 21 Wahlbezirken ist das Wahlergebniß noch nicht bekannt.

Bromberg, 4. August. Die anderweite Wahl eines Landtagü-Abge- j ordneten an Stelle des Ober-Regierungsraths Hahr, dessen Mandat für erlösche».-: erklärt wurde, ist auf den 5. September anberaumt.

Frankreich.

Paris, 3. August. Wir entnehmen denBerl.. Polit. Nachr." : Die vielköpfige parlamentarische Vormundschaft der französischen Republik hat ihre Funktionen zeitweilig eingestellt und ihr Mündel sich selbst, unter der fürsorg­lichen Oberaussicht des Ministeriums überlassen. Die Kammern haben heute ihre Ferien angetreten. Sie hatten in den letzten Wochen ihre liebe Noth, Mes das zu bewilligen, was von ihnenzuni Heile der Republik" verlangt wurde. Jetzt ist das große Werk vollbracht und die Zeit der parlamentarischen Nüße beginnt. Ob sie für das Land zugleich eine Zeit der Ruhe sein wird? Aeußerlich gewiß, aber unter dem trügerisch glatten Spiegel arbeiten die stets regen Gewalten des politif'chen und socialen Umsturzes mit verdoppeltem Eifer an der Zerstörung des Bestehenden. In den tonangebenden republikanischen Mttern ist aber nicht die leiseste Spur einer Andeutung davon zu finden, daß die glänzende Medaille, deren Schimmer durch die Capitulation des Staates vor der Uebermacht des in den Privatbahnen angelegten Großkapitals eigenthümlich beleuchtet wird, auch eine Kehrseite habe, eine Kehrseite, welche in häßlicher Schwärze das Bild der Korruption malt, von der die classes dirigeantes er­griffen worden sind. Hin und wieder laut werdende Tadels stimmen machen nur nebensächliche Dinge zum Gegenstände ihrer kritisirenden Bemerkungen; aber die Hauptsache geht man mit schweigendem Einverständnis hinweg. Und doch verdient es der absolute wirthschastliche Stillstand, ja Rückgang, dem Frank­reich unter dem Regiment seiner heutigen Machthaber verfallen scheint, wohl, daß ihm die allerernsteste Beachtung zu Theil würde, so lange es noch an der Zeit ist. Die Lebenskraft der französischen Production ist nicht unerschöpflich. Ohne Murren hat das Volk seit nunmehr 13 Jahren die schwersten Lasten ge- lragen, die größten finanziellen Opfer gebracht. Es handelte so in dem Bewußt­en, daß es seine Steuerkraft in den Dienst des, das Gesammt-Jnteresse der Nation repräsentirenden Staates stellte, und ermüdete nicht, trotzdem die Aus­gaben für unproductive Zwecke rapide anwuchsen und endlich einen Betrag ^reichten, besten Deckung im regelmäßigen Wege sich als unmöglich erwies. Zlatt nun in die Bahnen solider, sparsamer Verwaltung einzulenken, haben die herrschenden Persönlichkeiten, im Einvernehmen mit der Kammer, das Abkommen mit den Privatbahnen getroffen, das letztere zu der Macht eines Staates im Süaate erhebt. Factisch ist damit die Republik aus einem Regimefür Alle" eim solches für wenige Auserwählte geworden. Man wirst der großen Menge dis Schale der Nuß hin und behält den Kern für sich. Die von den Kammern in den letzten Wochen gefaßten Beschlüffe haben den Feinden der Republik ein ge fährliches Agitationsmittel in die Hände geliefert, das sicherlich voll und ganz msgenutzt werden wird.

Paris, 4. August. Auf die Klagen derRövue Militaire" über die umzulänglichen Grenzbefestigungen Frankreichs schreibtParlament" :Das Land famn ruhig sein. Unser militärisches Eisenbahnnetz wird mit Weisheit und Wugheit seiner Vollendung entgegengesührt. Es steht dem Netz auf deutscher T-eite nicht nach. Unsere Grenzfestungen sind im Stande, die Aufgabe zu

erfüllen, für welche sie gebaut worden sind, und wir plaudern kein Staats- geheimniß aus, wenn wir sagen, daß zwischen Verdun und Belfort acht doppel­geleisige Linien ausmünden, von welchen sechs zwischen Verdun und (Spinat sich befinden, währenddem unsere etwaigen Gegner auf der nämlichen Strecke nur drei doppelgeleisige und vier eingeleisige aufmeisen können. Man kann somit schon jetzt schließen, daß, wenn unsere Mobilmachung richtig ausgeführt, wenn unsere Transportmittel dazu gut vorbereitet werden, wir im Stande sind, unsere Streitkräfte wenigstens ebenso schnell auf den Grenzen zu concentriren, als unsere Feinde. Wiewohl unser Eisenbahn-Material der Vervollkommnung fähig ist, so genügt es dennoch allen gerechten Ansprüchen."

Der Gambetta'scheVoltaire" theilt mit, daß von dentheils in den annectirten Provinzen, theils in den hauptsächlichsten Städten Frankreichs und im Auslande wohnenden Elsaß-Lothringern" 124,000 fr für das im Namen Elsaß- Lothringens zu errichtende Gambetta-Denkmal gesammelt worden seien. Der ,/Figaro" meldetvon der elsässischen Grenze":

Letzte Woche stiegen zwei preußische Edelleute, die sehr unvollkommen französisch sprachen, in Girardmer (Vogesen) imHotel de la Poste" ab, wo eine große Anzahl französischer, der hohen Elsässer Gesellschaft angehörenden Familien die Gewohnheit haben, den Sommer zu verbringen. Mit einer blechernen Büchse, Büchern und Karten versehen, besuchten dieAgents touristes die schöne Umgegend von Geradmer und gaben sich keineswegs die Mühe, ihre Nationalität zu verbergen. Der Aelteste begrüßte die Besitzerin desHotel de la Poste" mit den Worten:Lieber Gott, wie Ihr Töchterchen feit 1870 groß geworden ist!" Es dünkt uns, daß das Berliner Kriegsministerium zur Besichtigung unserer Grenzen und gewister Orte andere Herren als die wählen sollte, welche früher diese nämlichen Orte mit den Waffen in der Hand besetzt hielten.

Man muß eben der leichtsinnigeFigaro" sein, um annehmen zu können, daß das Berliner Kriegsministerium Spione nach Frankreich schicke, die sehr unvollkommen französisch sprechen.

Paris, 4. August. Der Senator Foucher de Careil ist zum französi­schen Botschafter in Wien ernannt worden. Einem amtlichen Telegramm aus Saigun von gestern Abend zufolge bestätigen die dort aus Tongking ein­gelaufenen Nachrichten, daß der Ausfall der französischen Truppen aus Nam- Dinh am 19. Juli von Erfolg gewesen sei. Der Feind habe ausschließlich aus Anamiten bestanden und gegen 700 Todte und Verwundete gehabt, auch ein anamitischer General soll getödtet sein. Die französischen Truppen hätten eine große Anzahl von Waffen und 7 Kanonen erbeutet, aber die von ihnen genom­menen Positionen seien alsbald nach dem Abzug der Franzosen wieder von den Anamiten besetzt worden. Auf französischer Seite betrage der Verlust 12 Todte oder Verwundete. Die Hitze sei drückend. Die französifche Schiffsabtheilung in den Gewässern Chinas habe Halong verlaffen und befinde sich auf der Fahrt nach Hongkong.

Stuften.

Rom, 4. August. Das Gerücht, daß mehrere Sicherheits-Wachmänner in Ischia wegen Diebstahls verhaftet worden seien, entbehrt jeder Begründung. Allseitig wird das Verhalten aller dortigen Executivbeamten als musterhaft und vollste Anerkennung verdienend bezeichnet. . ,

Durch Dekret des Königs ist tn Neapel ein Central-Coimtö unter dem Vorsitze des Präfekten eingesetzt worden, welches die Spenden für Ischia in Empfang nehmen und vertheilen soll. Das Comitö hat zugleich tue zweck­mäßigste Art der Räumung der verschütteten Straßen zu erörtern.

Die Königin von England drückte in einem Telegrarnm an den König ihre lebhafte Theilnahme an dem Unglücke auf Ischia aus. Der Kömg dankte mit der Versicherung beständiger Sympathie Italiens für tue britische Nation.

Neapel, 4 August. Gerettet noch: Dr. Malbrank, Bildhauer Som­mer, Frau Lewin, Frau Mannewitz, Herzogin Acquamva Wagner. Verun­glückt wahrscheinlich der taubstumme Maler Ginsber aus Berlin.

- Professor Palmieri erklärt das Gerücht, daß er em Erdbeben m Neapel befürchte, für unbegründet.

Mßfuvd.

£i&au, 4. August. Der Majoratsherr v. Nolde ist auf der Fahrt nach Libau im Walde meuchlings erschossen worden.

»tterSbiird. 4 Auauft. In einem Regierungs-Commun-que wird mitgetheilt, daß am 2. b. M. in Jekaterinoßlaw ein Pöbelhaufen einen thätlichen Angriff auf die jüdische Bevölkerung der Stadt gemacht hat. und dazu durch eine schwere thatliche Beleidiauna aufaereizt wurde, welche an demselben Tage einer Bauernfrau von einem Juden zuaffügt worden war! Um den Exceß niederzuschlagen, sei Militär requir'rt worden welchen zur Wiederherstellung der Ordnung von den Waffen habe Gebrauch machen'müsseu. Von den Tumultuanten, die größtenthrilS aus fremden, beim Eisen-