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103. Zweites Blatt. Svlllltag dM 6. Mai 1883.
Aießmer Anzeiger
Amts- und Anzeigeblati für den Kreis Gießen.
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Wochenschau^
Gießen, 5. Mai.
Der Kaiser hat seine vom besten Erfolge begleitet gewesene Frühjahrs- Kur in Wiesbaden beendet und ist am vorigen Dienstag wohlbehalten wieder in Berlin eingetroffen. In der Begleitung des Kaisers befand sich dessen erlauchte Tochter, die Großherzogin von Baden, welche einen längeren Aufenthalt in Berlin zu nehmen gedenkt.
Der Reichstag führte in dieser Woche — und zwar am Montag — zunächst die zweite Berathung des Krankenkassen-Gesetzes zu Ende; sämmtliche noch restirende Bestimmungen der betr. Vorlage wurden im Allgemeinen nach den Commisstons-Beschlüffen angenommen. Am folgenden Tage beschäftigte sich das Haus mit Wahlprüfungen und verwies sodann den von socialdemokratischer Seite gestellten Antrag, gegen diejenigen Polizeibeamten, welche vor Kurzem verschiedene socialdemokratische Reichstags-Abgeordnete in Kiel verhafteten, an die Geschäftsordnungs-Comnlission. Ein weiterer, ungleich wichtigerer Antrag aus der Mitte des Hauses, derjenigen des secessionistischen Abg. Rickert, die ersten 14 Paragraphen des Unfallversicherungs-Gesetzes im Plenum, und zwar sobald als möglich, berathen zu wollen, ging nach lebhafter Debatte an die „Unfall-Commission." Am Mittwoch nahm der Reichstag vor Eintritt in die Tagesordnung den Vortrag eines Schreibens des Reichskanzlers entgegen, welches sich auf den Antrag des Abg. Richter-Hagen bezüglich des Gewerbebetriebes der Militärwerkstätten bezieht. Der Kanzler legt im Namen des Kaisers Verwahrung dagegen ein, daß der Reichstag an die Militärver- waltung directe Aufforderungen ergehen lassen könne, derartige Aufforderungen sei die Militärverwaltung des Reiches weder verpflichtet noch berechtigt, zu befolgen oder auch nur amtlich entgegenzunehmen. Da der Inhalt des Schreibens sich auf den ersten Gegenstand der Tagesordnung, Berathung der zur Gewerbeordnungs-Novelle gestellten Anträge Richter, Baumbach und Genossen, bezog, so entspann sich eine animirte Debatte über beide Gegenstände zugleich. Nachdem Abg. Richter die Adresse seines Antrages an den Reichskanzler anstatt an die Militärverwaltung gerichtet, ergriff der Kriegsminister Bronsart v. Schellendorf das Wort, um darzuthun, daß die den bürgerlichen Gewerben gegenüber von den Oeconomie-Handwerkern gemachte Concurrenz überaus unbedeutend sei und erklärte im Uebrigen den Antrag Richter als einen directen Eingriff in die Machtbefugniß des Kaisers. Im Sinne des Kriegsministers Drachen auch die Abgg. Windthorst, v. Kleist-Retzow und Heydemann, während die Abgg. Goldschmidt und Richter-Hagen den Antrag des Letzteren vertheidigten. Es kam hierbei zu einer ziemlich scharfen Auseinandersetzung zwischen dem fortschrittlichen Führer und dem Kriegsminister und fand die elegante Schneidigkeit, mit welcher Herr v. Bronsart den Richter'schen Angriffen gegenübertrat, lebhaften Beifall auf der rechten Seite des Hauses. Nach einer kurzen Geschäftsordnungs-Debatte wurde alsdann ein gleichfalls von fortschrittlicher Seite eingebrachter Antrag auf Bildung besonderer Gesellen-Jnnungen mit großer Majorität abgelehnt.
Der Senioren-Convent hat sich über folgende Arbeits-Eintheilung in nächster Woche geeinigt: Montag kleinere Gegenstände, Dienstag Holzzoll- Vorlage, Mittwoch und Donnerstag dritte Lesung des Krankenkassen-Gesetzes, woraus die Vertagung des Reichstages bis zum 22. d. Mts. eintritt.
In Oesterreich zieht man auf beiden Seiten das Facit aus den heißen parlamentarischen Kämpfen um die Novelle zum Volksschul-Gesetze. Die Wahrheit zu sagen, ist keine der Parteien von dem Resultate der langen Wortschlacht befriedigt. Die Rechte hat allerdings gesiegt, aber es war sozusagen ein Pyrrhussieg, denn die Annahme der Novelle erfolgte mit nur 3 Stimmen Majorität und Graf Taaffe könnte da wohl ausrufen: Noch ein solcher Sieg und ich bin verloren; kein Wunder daher, daß die Siegesstimmung unter den Fraktionen der Rechten des Abgeordnetenhauses keine allzugroße ist. Auf der linken Seite des Hauses ist man begreiflicherweise über den Ausgang der Debatten auch keineswegs erbaut und es hieß sogar, daß die Liberalen einen parlamentarischen Strike in Scene setzen wollten, doch haben die besonneneren Elemente in den Reihen der Verfassungspartei die Linke von diesem bedenklichen Vorhaben wieder abgebracht. Jedenfalls hat aber der erbitterte Meinungsaustausch im Reichsrathe über die Volksschulgesetz-Novelle nicht dazu beigetragen, die Ge- müther einander zu nähern.
Nachdem die .deutsch-österreichisch-italienische .Tripel- Allianz bereits in verschiedenen Parlamenten des Langen und Breiten erörtert worden ist, kommen nun auch die Franzosen nachgehinkt. Inder Dienstags- Sitzung des Senats interpellirte der Herzog v. Broglie, der Wortführer der Orleanisten, den Minister des Auswärtigen über diese Angelegenheit, doch wußte Herr Challemel-Lacour absolut nichts Neues hierin vorzubringen. Indessen, seinen Unmuth über die Verständigung der drei Mächte und über seine mangelhaften Informationen konnte der Minister nicht verhehlen, was allerdings nicht sehr diplomatisch erscheint. Im Großen und Ganzen war die Erwiederung Challemel-Lacour's herzlich schwach und der Herzog v. Broglie unterließ es denn natürlich auch nicht, an den Aussührungen des Regierungs-Vertreters eine scharfe Kritik auszuüben und am Schluffe seiner Rede der Negierung sein entschiedenes Mißtrauen auszusprechen. Irgend ein praktisches Ergebn'iß hat die Anfrage des Herzogs v. Broglie somit nicht aufzuweisen und wird nun hoffentlich die Tripel-Allianz von der Bildfläche der parlamentarischen und sonstigen Erörterungen endlich verschwinden.
Der Dubliner Gerichtshof hat in dieser Woche im weiteren Verlaufe des großen Mordprocesses neue Todesurtheile gefällt. Es sind dies die Angeklagten Delaney und Caffrey, welche sich der Theilnahme an der Ermordung Lord Cavendish' und Sir Thomas Bourke's schuldig bekannten und in Folge dessen zum Tode verurtheilt wurden; ein Anderer Angeklagter dagegen, der Kutscher Fitz Harris, wurde freigesprochen. Im Uebrigen tauchen jenseits des Kanals abermals unheimliche Gerüchte über geplante Attentate auf; mehreren Firmen in der Nähe der Londoner Pauls-Kathedrale sind anonyme Schreiben zugegangen, in denen die Mittheilung enthalten ist, daß es beabsichtigt sei, die Kathedrale und andere öffentliche Gebäude in die Luft zu sprengen, um das Blut irischer Patrioten zu rächen. Also selbst vor der Zerstörung eines so herrlichen und altehrwürdigen Bauwerkes, wie es die Londoner Paulskirche ist, scheint die fenisch-irische Dynamitpartei nicht zurückzuschrecken.
Das Programm der Krönungs-Feierlichkeiten in Moskau ist nunmehr bekannt gegeben und man legt daher die letzte Hand an die Vorbereitungen zu dem Krönungsfeste. Als eine ziemlich schwierige Frage erweist sich diejenige, wo alle die eingeladenen Gäste und herbeiströmenden. Fremden in der alten Czarenstadt Unterkommen finden sollen und es ist bezeichnend, daß jetzt sogar Kellerwohnungen zu exorbitanten Preisen an die Fremden vermiethet werden. In den letzten Tagen haben sich ferner auch noch recht interessante Gäste zur Krönungsfeier angemeldet, nämlich der Chan von Chiwa und ein Vertreter des Königs von Hawai, letzterer ist von New-Iork aus bereits unterwegs. — Am Dienstag fand bei den kaiserlichen Majestäten im Winterpalais zu Petersburg der Osterempfang statt, zu welchem die höheren Ossiciere vom Regiments-Commandeur an und die ältesten Chargirten der in Petersburg garnisonirenden Truppentheile befohlen waren.
Die Thätigkeit des Vertreters Englands in Egypten,.Lord Dufferin's, hat in dieser Woche ihr Ende erreicht. Am Mittwoch ist derselbe von Kairo nach Alexandrien abgereist, um sich von da nach Konstantinopel einzuschiffen. Bor seiner Abreise richtete Lord Dufferin ein Schreiben an Scherif Pascha, den egyptischen Ministerpräsidenten, in welchem gesagt wird, Egypten gehe, Dank den gemeinsam und in gegenseitigem Einvernehmen getroffenen Maßregeln, seiner Wiedergeburt entgegen. In seiner Erwiederung that Scherff Pascha des Berichtes Lord Dufferin's an die englische Negierung lobende Erwähnung, sicherte die Mitwirkung der egyptischen Regierung bei Ausführung der Maßnahmen, zu denen Lord Dufferin den Grund gelegt, zu und sagte schließlich, daß Egypten auf die Unterstützung Englands und die Sympathie Europas rechne. _______________________________________
Vermischtes.
Alsfeld, 1. Mai. Einzelne Knochentheile von dem in dem Brande zu Renzendorf umgekommenen braven Bübchen sind aufgefunden worden. Noch am späten Nachmittage vor der schrecklichen Nacht hatte dasselbe einen Laib Brod m Rainrod für sich und die Großmutter geholt. Ob es wohl noch ein Stückchen davon gegessen haben mag? Möglich, daß es auf den anderen Morgen vertröstet worden. (Krsbl.)
— In Kassel ist seit einigen Tagen eine Kaffeestube eingerichtet, in welcher Arbeitern, Dienstmännern, Droschkenkutschern rc. in einem warmen und behaglichen Lokal gegen billige Preise Kaffee gereicht wird. Die Tasse mit Milch kostet 5 Pf., mit einem Wecke dazu 8 Pf. und mit Zucker und Wecke 10 Pf. Wenn sich die von dem Lokalverein zur Bekämpfung des Mißbrauchs geistiger Getränke ausgehende Einrichtung bewährt, sollen weitere Lokale dieser Art eingerichtet werden- Zu bemerken ist noch, daß eine Zeitung aufliegt und Schreibmaterial in der Kaffeestube zur $Qni) Aus der Pfalz, 1. Mai. Die Explosion im Postwagen auf der Bahn Neustadt- Zweibrück'n wird wahrscheinlich ihr Opfer fordern- Der betreffende Postschaffner Wachter ist ein Mann von 32 Jahren, verheirathet und Vater von drei Kindern- Das eine Auqe Wächters ist ausgeschlagen, die eine Backensette mit Bart abgerissen, er hat ferner Wunden von Holzsplittern in Brust und Leib und wird wahrscheinlich fernen Verletzungen erliegen müssen. — Wachter wurde übrigens schon mehrfach vom Mißgeschick verfolgt. Als Ulanen-Trompeter in Speyer widerfuhr ihm das Malheur daß !hm sein Pferd durch Zurückbäumen des Kopfes wahrend des Blasens die Trompete so heftig in den Gaumen schlug, daß er sich einer Operation unterztehen diese war es allein möglich, ihm das Sprachvermogenwiederzugebn. Dpateram Neujahrstage, welcher zugleich seines Vaters Geburtstag ist, als er Freudenschüsse abgab, zersprang ihm die Pistole und zerriß ihm die Hand. her Maller-
Frankfurt! 1. Mau Andas Biefige Bomtie zur Unterstützung der Wasser, beschädigten wendete sich auch der hiesige Ruderveretn undfMotnüUe diesen Schritt^ damit/daß er einen Schaden von mehr denn 10,000 X «Srtt 6«be darausi
daß der Verein reiche Leute unter seinen Mitgliedern zahlt, die E etwas thun dürsten und mit Rücksicht daraus, daß noch bedürstlgere Petenten zu unterstützen waren, w de dasÄesuch °bschlagt^bE-d-w^ fafi eine Mttw- beim Nachtessen,
während zwei Freunde ihres Sohnes, der nicht S'mmcr »ar, an d-ms-tti-n^Ttsche sich damit unterhielten, zwei Revolver zu vergleiichen._ ®. offenbar von dem Me- Unterschiede der beiden Waffen auseinander, wobei Letzt , «Raffe drückte worauf
chantsmus desselben nichts verstand, an^d-m Sahne d- / neu Wasi dttlck e woraus diese sich entlud, Dt- Äugel, ging hem Wnübe M'»}« 'n "^r schort herbei- Verletzte brach mit bem Rufe : „Ich ’n 0e! off f "fei„e Anordnung wurde der Ver- SS ä'UÄ ’S
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