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jjr< 77. Donnerstag den 5. April 1883.

Keßener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

PreiO vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags-

Bureaur Schulstraße 7.

der brutalen Gewalt der Thatsachen nicht hat Stand halten können. Heute dürsten englische Staatsmänner kann, Lust verspüren, etwa wiederholte Anre­gungen des Auslandes, betr. ein gemeinsames Vorgehen wider die Bestrebungen der internationalen Mordverbrüderungen, in ihrer hochmüthigen Manier zu be­scheiden ; haben sie doch schon aus eigener Initiative Sondirungen beim Washingtoner Cabinet vorgenommen, allerdings, wie es scheint, mit fragwürdi­gem Erfolge. Wie indessen die Sachen für das Cabinet Glavstone stehen, wird es durch die kühle Aufnahme feiner Intentionen jenseits des Oceans sich nicht abhalten lassen dürfen, nach wirksameren Bekämpfungs-Maßregeln gegen seine einheimischen Revolutionäre zu suchen, und es ist bezeichnend, daß die Lon­doner Presse ganz offen von der projectirten Errichtung einer politischen Ge- heimpolizei als einer vorbereitenden Stufe einer von England zu unternehmenden internationalen diplomatischen Action spricht. Neuerdings wird übrigens aus London der Rücktritt Gladstones als nahe bevorstehend bezeichnet, doch liegen positiv sichere Angaben hierüber noch nicht vor.

Die Maßregelung der liberalen Presse Rußlands dauert fort. Neuerdings ist auch derMoskauer Telegraph" unterdrückt worden, und zwar auf gemeinsamen Beschluß der Minister des Innern und der Justiz, des Unterrichts, sowie des Oberprocurators des heiligen Synods. Als Grund für die Unterdrückung des genannten Blattes wird dessenschädliche" Richtung bezeichnet.

Der Protokoll-Ausschuß des norwegischen Storthing hat nunmehr dem Adelsthing die Anklageschrift gegen die Minister überreicht. Nach diesem Schritt ist ein Ausgleich zwischen der Regierung und der Linken des Storthing kaum mehr möglich und es wird ersterer daher nichts weiter übrig bleiben, als die so wenig loyale Gesinnung zeigende Kammer aufzulösen. Im Adelsthing sollte die Berathung des Antrages des Protokoll-Ausschusses, alle Mitglieder des Staatsrathes in Anklagezustand zu versetzen, am Dienstag stalt- finden; aber selbst wenn der Antrag, wie vorauszusehen, abgelehnt werden sollte, so würde doch die Anflösung des Storthing als geboten erscheinen.

Der bereits stark bezweifelte Zusammentritt der Konstan­tinopeler Conserenz zur Regelung der Libanonfrage ist nun doch erfolgt, und zn>ar am vergangenen Sonnabend. Die Vertreter der Mächte waren vollzählig. Die Botschafter Oesterreichs, Frankreichs, Deutschlands und Italiens erklärten ihre Zustimmung zur Wahl des Miriditen-Fürsten Prenk Bib Doda zum Gou­verneur des Libanon. Der rnssische Botschafter und der englische Geschäfts- träger wollten hierüber jedoch erst an ihre Regierungen berichten.

Politische Ueberficht.

Gießen, 4. April.

Der Bundesrath hat am Moniag seine Thätigkeit wieder ausge­nommen. Die Hauptthätigkeit desselben wird sich für die nächste Zeit wohl ans Verwaltungs-Angelegenheiten beziehen, da, abgesehen von dem Etat pro 1884/8o, gesetzgeberisches Material, welches für den Reichstag vorzubereiten wäre, nicht vorliegt. Man wünfcht auch die ohnehin schon so umsangreichen Arbeiten des Reichsta-es nicht noch ohne Roth zu erweitern.

Die Verhandlungen über den deutsch-spanische^ Handels- vertrag werden zur Zeit noch fortgesetzt und es soll in der Thal Aussicht auf das Zustandekommen eines neuen Vertrages vorhanden sein. Rur über einige Punkte bestehen noch Schmierigkeiten, doch hofft man, dieselben bei einiger Bereitwilligkeit der spanischen Regierung zu überwinden. Die angeblich in Folge desZollkrieges" in Aussicht genommene Abberufung der beiderseitigen Ge­sandten ist natürlich niemals ernsthaft in Erwägung gezogen worden.

In Kiel sand am Sonntag die Weihe der dem Seebataillon vom Kaffer verliehenen Fahne statt. Dem feierlichen Akte wohnten das Officier- Corps des Seebataillons, Deputationen der Matrosen- und Werst-Division, die Spitzen der Civildehörden und ein zahlreiches Publikum bei. Den Weiheakt vollzog der Marinepsarrer Langheld, während 21 Salutschüsse abgegeben wur­den ; Viceadmiral Bätsch brachte das Hoch auf den Kaiser ans.

In Berlin erwartet man in diesen Tagen die Ankunst des Ministerial-Dtrectors Jagerrnann behufs Fortsetzung der Verhandlungen über die Literatur-Convention zwischen Deutschland und Frankreich. Für den neuen Entwurf dieses Vertrages wird nicht der Schutz des geschäftlichen Unternehmens, wofür eine kürzer bemessene Frist genügen würde, sondern der dauernde Schutz des geistigen Eigenthums die Hauptsache zu bilden haben. Der Autor soll durch die Convention gegen unbefugte Verbreitung und Veröffentlichung seiner Werke dauernd geschützt werden. Die Nothwendigkeit eines solchen Vertrages zwischen zwei Culturländeri, von so hervorragender Bedeutung wie Deutschland und Frankreich hat sich schon längst fühlbar gemacht und es ist deshalb drin- gend zu wünschen, daß derselbe zu Staude komme.

Bei der im Wahlkreis Rügen-Stralsund-Franzburg statt­gefundenen Ersatzwahl znrn Reichstag ist der Candidat der Liberalen, Kausmann Samin, gewählt worden. Sein Gegen-Candidat war der bisherige Vertreter des Kreises, Graf Behr-Negendank, durch dessen Beförderung vom Regierungs- Präsidenten zum Oberpräsidenten der Provinz Pommern sich eine Neuwahl nothwendig gemacht hatte. Das Wahlresultat erscheint insofern beachtenswerth, als der genannte Wahlkreis, mit einer einzigen Ausnahme, ununterbrochen con- servative Vertreter in den Reichstag entsendet hat.

In Ungarn macht sich in letzter Zeit eine eigenthümliche Be­wegung geltend. Es handelt sich um die Agitation zu Gunsten der sog. Repa- triirung der Csango-Magyaren, d. h. der in der Bukowina angeblichunter dem deutschen Joche schmachtenden Stammesbrüder." Letztere sind vor etwa hundert Jahren nach Cisleithanien ausgewandert, um sich vor Gewaltthätigkeiteu in der Heimath zu sichern. Etwa 10,000 derartige Csangos befinden sich in der Bukowina, für deren Rückführung nach Ungarn bereits 25,000 Gulden gesammelt sind. Die ungarische Regierung nimmt der Frage gegenüber_ eine reservirte, aber immerhin ziemlich wohlwollende Haltung ein; bisher ist die Agitation ledialich eine private, sie wird aber so intensiv betrieben und den zum größten Theile unbemittelten Csangos werden so verlockende Versicherungen gemacht, daß an der Repatriirung wenigstens der ärmeren unter ihnen nicht zu zweifeln ist. Seitens der cisleithanischen Regierung werden den Ausivauderern keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt.

Der französische Krieg s minifter, General Thibaudin, hat durch eine von ihm angeordnete Maßregel einen gewaltigen ©türm der Ent­rüstung in einem Theile der französischen Presse heraufbeschworen. Thibaudin ordnete an, daß Anfangs Juni große Kavallerie-Manöver zwischen Mvntmedy, Luneville und Epinal stattzufinden hätten. Das Commando bei diesen Uebun- geu, zu welchem ein großer Theil der französischen Reiterei beigezogen wird, wurde dem Marquis v. Galliffet, bekannt durch seine Niederwerfung des Pariser Commune-Aufstandes, anvertraut. Diese Ernennung wird von dein Milstär- FachblattProgrös" hestig angegriffen. Nie habe in einer Monarchie ein Prinz diejenige Stellung im Heere gehabt, sagt derProgrös", welche die Re­publik dem General Galliffet einräume, man stelle für ihn den Rang eines römischen magister equitum wieder her, indem man ihm die ganze Kavallerie in die Hand gebe. Derselbe Ton wird von einer Anzahl republikanischer Blätter angeschlagen, nur dieRöpublique franpaise" vertheidigt Thibaudin und Galliffet. Uebrigeus soll Thibaudin die erwähnte Maßregel wieder zurückgenommen haben.

Das englische Cabinet befindet sich in der Sage, mit seiner irischen Reformpolitik Erfahrungen zu machen, die es noch vor einem halben Jahre für unmöglich gehalten hätte. Wir sehen die staatlichen Autoritäten Großbritanniens allerorten von den irischen Geheünbünden bedroht und in die Defensive zurück- gedrängt und das bisherige Regierungssystem zu thatsächlicher Machtlosigkeit verurtheilt. Wenn Gladstone und seine Minister-Collegen jetzt zur Nachahmung gewisser contmentaler Polizei-Organisationen schreiten, so thun sie dies unter dem Drucke der bittersten Nothwendigkeit und dem für sie in hohem Grade demü- thigenden Bewußtsein, daß ihr früheres Pochen auffreie Institutionen" vor

Deutschland.

Darmstadt, 2. April. Das Großherzogliche Regierungsblatt (Beilage Nr. 4) enthält:

1. Oeffentliche Anerkennung einer edlen That:

Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben dem Schiffsbauer Kasp. Ruhl zu Castet, in Anerkennung der von ihm am 17. November v. Js. mit Muth und eigener Lebensgefahr vollbrachten Rettung des 4 Jahre alten Söhnchens beä glofeineifter^ Adam (Sfyrift von Stiftel vom Tobe bes (Sttrinfcn§ int Oujein, eine angemessene Geldprämie Allergnädigst zu bewilligen geruht. _

2/ Summarische Ueberficht der Rechnung Großh. Landes-Waisen-Anstalt zu Darmstadt für 1881/82.

3. Bekanntmachung Großh. Provinzial-Direction Rhemheffen, den Ausschlag des Gehalts des Rabbinen zu Bingen für das Jahr 1882 betreffend

4 Bekanntmachung Großh. Provinzial-Direction Oberheffen, das Ausbrin­gen der Mittel zur Bestreitung der Bedürsniffe der Landjudenschaft der Provinz Oberheffen für 1883/84 betreffend. , ,

5. Bekanntmachung Großh. Kreisamts Alzey, Beitrag der Israeliten der Landgemeinden des Rabbinats Alzey zuin Gehalte des Rabbinen zu Alzey für das Jahr 1883 betreffend. ,

6. Ueberficht der von Großh. 3Jiim|tenum des Innern und der Justiz für das Rechnungsjahr 1883/84 zur Bestreitung der Communal - Bedurfniste der israelitischen Religions-Gemeinden des Kreises Schotten genehmigten UmlaS^". ueberficht der von Großh. Ministerium des Innern und der Justiz für das Jahr 1883 zur Bestreitung der Communal-Bedurfulsse der israelitischc Religions-Gemeinden des Kreise« Alsfeld genehmigten Umlagen.

8. Ueberficht der non Großh. Ministerium be« 3nnern unb ibei W für bas Jahr 1883 zur Bestreitung ber Communal-Bebiirftuffe bei iSiaetiti chen Neligions-Gemeinben beö Kreises Oppenheim genehmigten Umlagen

10. Promotionen an ber Grotzh. LanbeS-Unwerfttat oietzen.

11. Namensvercinberungen.

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Iwo- V J it ber Stelle ist Orgaiutendlenst verbunben.

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