Nr 2N. ZweittsÄirtt. Sonntag dell 4. Februar 1883
Amts- lind Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
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Erscheint täglich mit Ausnahme des MOMtags-
roth ober weiß sind. Diese Blutkörperchen dienen als ber Sauerstoff bem Blute burch bie Lungen nicht mehr
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Protokoll über die General-Versammlung des landwirlhschaftlichen Bwirks-Vereins Gießen vom 6. Vcccmber 1882 m Gießen.
tpuredii: Schulstraße 7.
sogenannten Spaltpilze (Lehirow^evtsa). Aber auch Schimmel-unb Sproßpilze erweisen sich zuweilen schäblich.
Die Sporen ber verschiebenen Pilze kommen in ber Natur in Unzahl vor. Mit jebcm Athemzuae nehmen wir eine Masse pflanzlicher Parasiten in uns aus, unb wenn der Körper nicht wiberstanbsfähig genug ist, werben sie nicht nur hasten bleiben, sonbern auch sich weiter entwickeln, namentlich sich vermehren unb burch Entziehung lebenswichtiger Stoffe bie Körpersäste, insbesonbere bas Blut, zersetzen unb baburch ben Körper krank machen, häufig sogar tobten. So entsteht z. B- auch Diphtherie, ber Rückfall- chphus (febrls recurren») rc. Auch hat man neuerbings bie Entbeckung gemacht, baß bie Ursache ber Perlsucht unb Tuberculose nichts ist, als ein uncnblich kleiner Pilz (Bacillus tuberculoßus), wonach also biese bctben Krankheisen bezüglich ihrer Ursachen mit einanber ibentisch sinb- Auch gewisse Hautausschläge, bie sogen. Kranzfleche, bas Teigmaul ber Kälber rc-, entstehen burch verschiebene Pilze in Haut und Haaren- Eine Krankheit des Kiesernknochens bei Ochsen, welche einen dicken Backen veranlaßt, der dann aufbricht, nicht wieder heilt und eine Art Knochenfraß darstellt, hat ebenfalls einen Pilz zur Ursache. Beim Milzbrand finden wir auch einen Pilz (Bacillus anthraci) in Form von Stäbchen oder Kügelchen im Blute- Im gesunden Blute schwimmen eine Menge kleinster Körperchen, die roth oder weiß sind. Diese Blutkörperchen bienen als Träger bes Sauerstoffs- Wenn ber Sauerstoff bem Blute burch bie Lungen nicht mehr zugeführt werben kann, ober ber Sauerstoff ben Blutzellen entzogen wirb, tritt eine Zersetzung bes Blutes, mehr ober weniger schwere Erkrankung, in höheren Graden ber Tob ein. Ter vorhin erwähnte Milzbrandpili entzieht den Blutkörperchen aber ben Sauerstoff, bie rothen Blutkörperchen zerfallen alsbann; Erkrankung unb Tod
Rach Begrüßung ber außergewöhnlich stark besuchten Versammlung burch ben Director machte berseloe zunächst verschiebene geschäftliche Mittheilungen.
Die Versammlung bewilligte hierauf eine Unterstützung 311111 Besuche eines Obstbaumwärtercursus unb schlug fobnnn auf eine Anfrage bes Präsibiums bes lanb- wirthschastlicken Provinzialvereins zu Ausschußmitgliebcrn desselben die seitherigen Mitglieder wieder vor und für ein abgegangenes Mitglied den Gutsverwalter Hermann 0011 Auf ein Schreiben des Centralausschusses der landwirthschastlichen Landesausstellung worin um eine Unterstützung zum Ersätze ber gezahlten Versicherungsprämien Gebeten würbe, erfolgte nach einer kurzen Discussion, an welcher sich Oeconomierath i)r Weib enhammer unb der «Sccretar betheiligten, eine Bewilligung von 50'Mark.
Hierauf erhält bas Wort zum angekünbigten Vortrage
über das Wesen und die Ursachen des Milzbrandes
Professor Dr. Pflug von Gießen.
Als vor kurzer Zeit im Deutschen Reiche ein Seuchengesetz erlassen würbe, ist basselbe nicht von allen Seiten willkommen geheißen worben unb zwar beshalb nicht, weil man fürchtete, es möchte baburch bas Interesse bes Einzelnen unb ber Viehzucht geschäbigl werben. Daß ber Einzelne mitunter burch ein neues Gesetz iu leiden und daß jedes Gesetz Mängel hat, ist bekannt- Wenn das Seuchengesetz aber auch Härten zeigt, so werden baburch doch die Seuchen verringert werden. Auch die Befürchtungen müssen schwinden, wenn man da Wesen der Seuchen genau kennt; denn das Gesetz dient nicht nur zum Schutze unseres Viehstandes und unseres Nationalvermögens, sondern auch zum Schutze der Gesundheit der Menschen und des menschlichen Lebens. Eine in dieser Hinsicht gefährliche Seuche ist der uns Allen aus eigener Erfahrung bekannte Milzbrand und deshalb besteht mit Recht für die Wetterau noch eine Verschärfung des Seuchen- gesetzes in einem besonderen Milzbrandregulativ.
Der Milzbrand kommt bei Pferden, Rindvieh, Schafen', Ziegen, Schweinen, Hunden und auch bei Vögeln vor und endet meist tödtlich. Unter den Schweinen grassirt von Zeil zu Zeit eine sehr schwere Seuche, Rothlauf, Bräune ic- genannt. In vielen Fällen wird dies eine Milzbrand-Form fein, mitunter scheint es aber eine Krankheit zu sein, bie bem Scharlach oder den Masern des Menschen ähnlich ist. Der Milzbrand geht von Thier zu Thier, auch auf den Menschen über unb ist baher eine anftecfenbe Krankheit unb oft eine Seuche, weil gleichzeitig viele Thiere baran erkranken können. Menschen, bie mit krankem ober gefallenem Vieh umgehen, ober Gewerbe mit thierischen Abfällen treiben, wie Thierärzte, Wasenmeister, Hirten, Gerber, Metzger rc-, werben nicht selten angesteckt. Es ist baher uerorbnet worben, baß Hirten unb Schäfer nicht als Wasenmeister verwenbet werden sollen, zumal sie auch die Krankheit verschleppen können. c
Redner theilt hierauf einen ihm vorgekommenen Fall mit, in dem von einem Viehverschnitter eine größere Anzahl Schweine durch ein pflanzliches Gift inficirt wurden unb gefallen sinb- Wer sich wahren will, muß sich hüten, Leute, bie mit krankem unb gefallenem Vieh in unvorsichtiger Weise umgehen, in feinen Stallungen verkehren au lassui^ Mihhranb hat verschiebene Namen unb tritt in gar verschiebenen Formen auf- Es kommen z. B- vor: Der sogen. Milzbrandschlag. Die Thiere stehen plötzlich still, lauschen, schütteln mit dem Kopfe, zittern, sallen zu Boden, bekommen Krämpfe, bluten aus Maul und Nase und verenden. Diese Art Krankheit tritt bei besser gehaltenem Vieh am häufigsten auf. t
Eine andere Form ist der Milzbrand-Karbunkel ober bie Beulenscuche, ebenfalls häufig beim Ninbvieh, rourbe aber auch bei Pferben unb bei Hunben der Schäfer beobachtet. Die Thiere bekommen heiße, schmerzhafte Anschwellungen im Tnll ober anberen Körpergegenben, leben mehrere Tage unb erliegen bann. Besoubers biese beiben Krankheitsformen sinb in Rußland, specicll da, wo das Rennthier gezüchtet wird und in den großen Flußthälern zu Hause- Der Viehbestand, Pferde, Rindvieh und Renn- thiere fallen wie die Mücken und dabei erliegen nicht selten auch Hirten und andere Menschen, vielleicht auch ganze Familien, welche von dem Fleische kranker Thiere genossen ober mit bereu Blut sich bejubelt haben. Bei den Pscrden unb dem Rindvieh tritt auch bas sogen. Milzbranb-Fieber auf. Das Thier zittert, schüttelt sich und ist halb über ben ganzen Körper falt, halb heiß- Aus Nase unb Maul tritt Blut- Die Haut bes Maules ist blaurot!). Die Thiere sinb sehr traurig und fressen nichts. Schüttelfröste wieberholen sich. Puls ist immer klein, häufig unb schwer fühlbar. In ben meisten Fällen erfolgt ber Tob.
Eine weitere Form ist ber Rauschbranb, ober bas fliegenbe Feuer. Die Haut schwillt an, unb wenn man barüber greift, knistert biefelbe wie Papier, beim unter ber Haut ist Luft. Häufig geht bie Krankheit von ben unteren Theileu ber Extremitäten unb von hinten nach vorn. Sie betrifft mitunter nur ein Hinterviertel, ober beibe unb wirb baher auch Hinterbranb genannt. Dieser Rauschbranb soll eine mit bem Milzbranb nicht ibentische Krankheit sein. 9!ad) neueren Beobachtungen gibt man an, baß es wohl eine bem Milzbranb ähnliche Infectionskrankheit sei, bie sich aber burch em spezifisches Krankheitsgift von ihm unterscheibe. Bei ben Schafen, unter welchen ber Milzbranb nicht selten sehr bcbeutenbe Verheerungen anrichtet, tritt der sogenannte Milzbranbblutschlag am häufigsten auf. Blut tritt aus Maul, Nase und Aster unb finbet sich auch im Darm-
Dieses sind bie gewöhnlichsten Formen bes Anthrax. Man unterscheidet aber auch noch eine Reihe weiterer Formen, die alle hier aufzuführen zu weit führen würde. Alle diese Milzbrandsormen haben aber das untereinander gemein, daß sie fämmtlid) sehr schwere Leiden barfteUen, gegen welche sich unser ganzer heutiger Heilapparat in den meisten Fällen ohnmächtig zeigt. Das Mittel, welches Rebner mit einigem Erfolge anroenbet, ist Carbolsäure, welche stark oerbünnt in mäßiger Menge, aber öfters eingeschüttet ober unter bie Haut eingespritzt wirb. Durch eine französische Commission würbe bicses Mittel ebenfalls als bas relativ beste gegen Milzbranb in einer Reihe von Versuchen erkannt.
Der Milzbranb hat vorzugsweise seinen Sitz im Blute- Man nannte bie Krankheit Milzbranb, weil bei ber Sectiou sich bie Milz geschwollen, knotig, schwarz unb stark blutig zeigt- In Folge einer bei Anthrax sich bald cinfteUenben Herzschwäche staut fick) bas Blut in benjenigeu Organen, welche große Mengen Blut aufnehmen können, unb ein solches Blut Reservoir ist bie Milz, beshalb diese MilzschweUuug. Ter Sitz des Krankheitsgiftes ist das Blut, das Gift Ist etgenthümlicher Art. Das Milzbranbgift kann ebensowohl von der Außenwelt, als and) durch Ansteckung entstehen- Es ist eine miasmatisch contagiöse Krankheit. Es gibt verschiedene Inseetionsstoffe- Manche Schädlichkeiten sind d)emijeher, manche thiersicher Natur, z- B. die Trichinose und die Krätze, weid) letztere von kleinen Thicrd)en, den Kratz Milben, herrührt. Es gibt aber and) Gitte aus Pflanzen und Gifte, welche selbst Pflanzen sind, nänilid) ittlze, unb unter biefen haben die größte Bebeiitiing als Ursache der Krankheit bie
treten ein.
Rebner läßt hierauf Abbilbungen ber "Blutkörperchen unb verschiebener pathogener Pilze in stark vergrößertem Maßstabe in ber Versammlung zur Einsicht circuhrcn.
Dieser Milzbranb-Pilz ist bas Milzbranbgist.
Tie Pilze würben 1849 von Dr. Pollenber, Preußischem Physikus in Wipperfürth, entbedt. Diese Entbeckung ist jeboch gleichgültig aufgenommen worben und erfolgte barauf zum zweiten Male burch einen Franzosen Tavaiue in Paris unb bem Deutschen Brauell, Professor am Thierarzneiinstitute zu Dorpat- In ber letzten Zeit hat man außer ben Stäbchen auch kleine Kügelchen gefunben- Diese Letzteren haben bie Eigen- schast ber Dauersporen. Sie sind sehr schwer zu zerstören, können vielleicht unendlid) lange im Erdboden liegen, bis sie sich wieder enttvickeln.
Das Milzbraubgift entsteht außerhalb des thierischen Körpers nicht überall auf der Erde. In manchen Gegenden kommt nicht ein einziger Milzbrandfall vor; in anderen ist die Krankheit sehr häufig, besonders, aber nicht ausschließlich in den wärmeren Jahreszeiten und zur Zeit eintretenden Thauwetters (Rußland, Sibirien). Mau nennt solche Tistricte, in welchen der Milzbrand zu Hause ist: Milzbranddistricte- Ein solcher District ist z- B- die Wetterau und zwar von der Gießener Gegend ange- fangen. Der Milzbraubpilz entwickelt sich in gewissen Oertttchkeiten, besonders wo eine sehr humusreiche Ackerkrume oder angeschwemmtes Land i|t, mit undurchlassendem Untergrund, wo alsdann das Grundwasser wechselt und der Oberboden bald feucht, bald trocken ist. Der Nttlzbrandpilz zeigt sich gern nach großen Ueberschwernrnungen in den Milzbranddistricten. Es ist leicht möglich, daß aus die letzten Uederschwemm- iingcn Milzbrand und Typhus in verheerender Weise folgen, wenn nicht rechtzeitige Vorkehrungen getroffen werden. Die Keime sind iu dem Erdboden vorhanden; fie werden von uns mit der Thierleiche in die Erde gegraben. In einem Gehöfte unserer Provinz herrscht der Milzbrand seit längerer Zeit in grausenhafter Weise. Dort wurden aber auch die gefallenen Thiere in der nächsten Nähe des Gehöftes unb nicht immer tief genug verscharrt. Das geschieht auch sonst nur zu häufig. Die Pilzsporen (Dauer- sporen) gehen bei ber Verscharrung nicht zu Grunde, sondern kommen wieder zur Hohe, so burd) das Grundwasser. Ueberschwemniungen, Umrobungen, Ausgrabungen re. (yii ben letzten Jahren ist bie Beobachtung gemacht worben, baß sich der Heupilz in den Milzbraubpilz unb umgekehrt dieser in jenen umzüchten läßt, daß also diese Pilze in einanber übergehen können. 'Nach ben Beobachtungen von Pasteur soll der Milzbrand- pttz and) burd) die Regenwürmer ans der Tiefe an die Oberfläche gebracht werben. Bollinger in München will burch ein Experiment bie Richtigkeit biefer Beobachtung bargethau haben. Kock) glaubt nicht recht an biese unb manche andere Pasteur scheu Angaben. t .
Von ben Regenwürmern behauptete man in der letzten Zeit ja Manches und dürften wir demnach nur froh fein, daß es Regenwürmer gibt. So sollen sie die Ackerkrume mürb machen und den Boden als Pftanzeniiahrung prewanreu. Diese Würmer sollen aber auch die Ungeheuerlichkeit begehen und das Ncilzbrandgifl vei- zehreu, ohne daß sie an einem Carbunkel oder einer Apoplexie erkranken; im Gegentbeil, sie sollen das Gift mit fick) nach der Erdoberfläche führen unb dort mit ihren licie- menten wieder absetzen- Hier mag sich ber bacillus wieder vermehren und gelegentlich mit dem Futter ober der Luft in ben Körper eines unserer pf 1 an3e 1 ifreIIenie 11 Hauj- thiere kommen. Es ist also eine niedere Pflanze, welche das 11 Ijbranbß 111 dar stellt, unb es kann dieselbe somit außerhalb eines Thierkörpers (eotogen) sich entwickeln, eie kann sich aber auch im Thierkörper vermehren (entogeu), unb dann kann eme Ansteckung von Thier zu Thier burch llebertraaung ber thierischen stattfinben. Auch gehen bie Ausscheibungen ber kranken Thiere m bie Erbe unb bfcibin tm etaU- boben; unter Umständen kann das Gift dann im Stall zur ^"lbiwuna und Milzbrandfälle treten in Stallungen auf, wo vor Jahren ein milzbrandkrankeS Il)Ur Da^sich über das gestellte Thema und über den Milzbrand.^erbaiipt 110^ manches Interessante mittheilen läßt, iianientlid) über die unb die Bedeutung ber Pasteur'schen Milzbraubimpfilng, wozu huiti du Zett mangelt, hält es Rebner für angezeigt, daß ihm von Seiten des Herrn Präsidenten des Provinzialvereins Gelegenheit gegeben werde, gelegentlich eine veilammlung in einem irte mitten in unserem Milzbranddistricte über ben heute besprochenen Gegenstand noch Weiteres^agen zu Gönnern Rabenau acceptirt als Präsident bes lanbivirth schastlichen Vereins der Provinz Obrrhessen dieses Anerbieten mit Lank unb tragt iweh an, wie die sogen. Daiiersporen am leichtesten unb am wenigsten gefahrbringend 311 Pflug: Die gefallenen Thiere müffen in eisernen Retorten uer
bräunt werden. Dadurch können die inficirten Gegenden wieder gefunden.
sJtad)bem bei Direetor bes Vereins dem Vorredner sür diesen äußerst interesfanten Vortrag gedankt hatte, erhält bas Wort
über Ovftbaumrnchl
Hofgärtner Noack von Beffungen: . .
Der Obstbau ist für ben Vanbwntb von der größten Wichttgkeit und fein Em-. fluft ist so bebentenb, daß man fidi wundern muß, warum ihm so wenig Aufmerksam


