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Ex 28. Samstag den 3. Februar 1883.
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
-----------------------——------------ PreiS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. tritt Bringerlohn. !t Dtcttü : Schulstraße 7. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag». Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Hheil.
ffletreffenb: D-- IM» ft» 1883. »“»'”• " L *883'
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Grotzherzo glichen Bürgermeistereien des Kreises.
Wir forbent Sie auf, nunmehr mit der Aufstellung der Stammrollen sofort zu beginnen und dieselben mit denMrgen für 1881 und 1882 W”6ef䔓be?nempfet[en wir Ihnen, die dem Formular oorgedruckte Anmerkung genau zu beachten, insbesondere alle Bestrafungen 2c. unter Rubrik „®eme g Reclanmtionen sind möglichst bald einzureichen, bezw. die aus früheren Jahren zu erneuern.
Dr. Boekmann.
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Es sollen e Hülfsschutzmänner für hiesige Stadt angenommen werden, hauptsächlich zur Verstärkung des Nachtwachedienstes und zur Bechülfe bei Ueberwachung der Einnahmen des Marktstandgeldes auf den Viehmärkten.
Zur Annahme als Hülfsschntzmann sind in der Regel erforderlich:
° 1) ein Alter von mindestens 2t> und höchstens 35 Jahren,
2) körperliche Gewandheit und völlige Gesundheit,
3) guter Ruf und günstige Zeugnifle über seitherige Führung,
4) Kenntniß im Lesen und Schreiben,
Bewerber um eine dieser unter Beifiigung der betreffenden Zeugnisse zu 1. 2 3 und5 oben, nnt einer selbst-
.eschriebenen Vorstellung bei der unterzeichneten Behörde, binnen 8 Tagen von dem r.age des Erfchemens in diefem Blatte an gerechnet, melden.
9 W Gießen am 29. Januar 1883. Großherzogliches Poli.zeiamt Gießen.
F r e s e n i u s. __
Politische Ueberstcht.
Gießen, 2. Februar.
Eine Frage von allgemeinerem Interesse wurde in der Dienstags-Sitzung des Reichstages bei der Berathung des Post- und Telegra- phen-Etats berührt. Der Abg. Lingens (Centrum) befürwortete die möglichste Einschränkung des postalischen Sonntagsverkehrs, worauf der Staatssecretäc des Reichspostamtes, Dr. Stephan, ausfuhrte, daß dies mit den berechtigten Interessen unvereinbar sei und aus einer Reihe ergangener Verfügungen nachwies, daß die Postverwaltung stets bemüht gewesen sei, zwischen den Anforderungen des Publikums und dem Ruhebedürfniß der Beamten den richtigen Ausgleich zu finden Dr. Stephan hob unter Anderm sehr treffend hervor, welch' einen gewaltigen Eingriff es in den Verkehr bedeuten würde, wenn man die Geld- Sendungen Sonntags ganz verhindern wollte, da an den 52 Sonntagen des Jahres 5 Millionen Sendungen mit 255 Mill. JL vermittelt würden. Dem Wunsche, den vielgeplagten Postbeamten eine größere Sonntagsruhe als bisher zu ermöglichen, kann man nur beistimmen, aber seine Ausführbarkeit erscheint unter den obwaltenden Verhältnissen kaum möglich.
Der Brief des Kaisers an den Papst bildet fortdauernd den Gegenstand der lebhaftesten Erörterungen in der Presse. Das Schreiben hat durch die Gegenzeichnung des Reichskanzlers den Charakter eines amtlichen Actenstückes erhalten und seine Veröffentlichung in der „Nordd. Allg. Ztg." bestätigt diese Auffassung. Eine Wirkung hat Letzteres bereits zur Folge gehabt: Der Führer des Centrums, Herr Windthorst, bat in der Dienstags-Sitzung des Reichstages, seinen Antrag auf Aufhebung des sog. Expatrürungs-Gesetzes von der Tagesordnung abzusetzen. ES deutet dies unzweifelhaft auf eine Aende- rung in der Taktik der CentrumSpartei hin, welche mit dem ermähnten Anträge wieder in ihre alte Frontstellung gegen die Regierung einrücken wollte; es scheint, daß sich jetzt das Centrum wieder auf die Methode des Abwarteus verlegen will. Hoffentlich fallen die milden Worte, welche unser Kaiser in seinem Schreiben ausgesprochen hat, auf keinen tobten Boden, sondern bewegen die Kurie zu einer entgegenkommenderen Haltung als bisher.
Der ungewöhnlich lange Aufenthalt, den Großsürst Nicolaus (der Aeltere) von Rußland als Vertreter des Kaisers Alexander Hl. bei den Trauerseierlichkeiten sür den Prinzen Karl am Berliner Hofe genommen hat, ist nicht unbemerkt geblieben. Es erscheint daher die Annahme nicht ungerecht- sertigt, daß die Anwesenheit des Großfürsten Nicolaus in Berlin auch einen politischen Hintergrund gehabt hat, zumal dieselbe mit dem Wiener Besuche des Herrn v. Giers, des leitenden russischen Ministers, genau zusammensällt. — Von Berlin hat sich der Großfürst nach Stuttgart zu einem mehrtägigen Besuche -es württembergischen Königspaares begeben und kehrt von dort aus, dem Vernehmen nach, birect nach St. Petersburg zurück.
Die nächste Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses findet nach den nunmehr feststehenden Dispositionen am Dienstag, den 6. Febr., statt; aus der Tagesordnung stehen die Vorlage bezüglich Lauenburgü, sowie die erste Lesung der SubhastationS-Ordnung und der brandenburgischen Land-
aüter-Ordnung. #, ... .
Der fünftägige Besuch, welchen Herr v. Giers der Hauptstadt Oesterreichs abgestattet hat, findet in der Wiener Presse noch immer zahlreiche Kommentare. Indessen sind dieselben wenig mehr als bloße Vermuthungen, da man noch heute über den Ausenthalt des russischen Staatsmannes in Wien so
wenig im Klaren ist, wie über die ganze mehrwöchentliche Reise des IHerrn v Giers Man kann allerdings aus naheliegenden Gründen vermuthen, daß et sich bei den Besprechungen zwischen dem Grafen Kalnoky, dem Leiter der auswärtigen österreichischen Politik, imb Herrn v. Giers in erster Lime um die Regelung des Verhältnisses zwischen Rußland und Oesterreich auf der Balkanhalbinsel gehandelt hat; ob hierbei aber ganz bestimmte „Abmachungen, qetroffen worden sind, von denen die „Reue Fr. Pr." zu berichten weiß, mutz denn doch erst die Zukunft lehren. - Zwei Wiener Blättern oppositioneller Richtung, dem „Reuen Wiener Tagebl." und der „Constitut. Vorstadts-Zeitung', ist plötzlich der Vertrieb in den öffentlichen Localen entzogen worden, was auf die Preßfreiheit in Oesterreich gerade kein günstiges Licht wirft.
Das gegenwärtige Entwickelungs-Stadium der franzöiifchen Republik stellt an die Arbeitskraft ihrer leitenden Politiker ungewöhnlich hohe Anforderungen. An dem Leiden des zurückgetretenen Ministerpräsidenten Duckerc sind die vielfachen Sorgen und Mühen seines verantwortlichen Postens nicht unschuldig, und kaum hat Herr de Fälliges seinen früheren Conjells-Ches abgelöst, so verfällt auch er dem Schicksal, unter der Wucht des auf ihm lasten- den Arbeits-Pensums zusainmen zu brechen. Es herrscht unstreitig in der politischen Atmosphäre Frankreichs eine ganz enorme Spannung, denn unter normalen Verhältnissen hätte der Zustand permanenter Allarmbereitschast, den die französische Negierung über sich zu verhängen für rathsam befunden hat, um auf alle Eventualitäten vorbereitet zu fein, weder Sinn noch Verstand. Die nioinentane Situation ist eben keine normale; sie krankt an dem liebel,tand, daß ihr Schwerpunkt sich ans der Executive in die Legislative verschoben hat, und daß letzterer alle Bedingungen für eine kräftige, zielbewusste politische Aktion fehlen. Hierin Wandel zu schaffen, wird die nächste und vornehmste Sorge jedes Ministeriums sein müffen, welches mehr fein will, als das nnllenlose Werkzeug einer von blinder Leidenschaft beherrschten, m sich selbst gespaltenen
Deputirten-Majorität. t ,
In den politischen Kreisen Petersburg« beschäftigt man sich gegen,värtig angelegentlichst mit der Frage der Neubesetzung de« General- Gouverneur-Postens von Warschau, dessen seitheriger Inhaber, G-neralM dinski, zurückgetreten ist. Der Posten eine« General-GouvemeurSvon War^au ist einer der wichtigsten in ganz Rußland, da er seinem Inhaber «^lonmt licke Machtbefuamffe verleiht und es ist darum nicht gleichgültig, mit wacher Persönlichkeit derselbe neu besetzt werden soll. Von auswärtigen Blättern wurde mehrfach Graf Jgnalieff als Nachfolger AlbedinSki's
Meldungen bezeichnen zwar diese« Gerücht al« absurd, md, ffen, in R ßland ist Alle« möglich, warum also nicht auch der ehemals ,o_ mächtige Ministir bi« Innern General-Gouverneur von Warschau! — Der verzog und bie Herzogin von Edinburgh sind, von Berlin kommend, am Dienstag Rachmittag m Petersburg istngctwffen und von der kaiserlichen Familie aus da« Herzlichste empfangen worben. ' Am gleichen Tage kehrte auch der Minister de« Auswärtigen, Hin v. Giers, wieder nach Petersburg zurück.
Dec König von Belgien ist au einer Erkaltung Nicht unerheblich erkrankt. lSDcr hohe Herr muß da« Ziininer hüteii und haben ihm die Aerzte absolute Ruhe anempfohlen. .... .... ,
Die eauvtifche Frage ist durch die bekannte englische Circularnote zwar wieder in Fluß geralhen, aber sie bewegt sich nur sehr langsam vorwärt«. Die Note ist noch von keiner 'Macht beantwortet worden, was säst aus eine


