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Politische Ueberstcht.
Gießen, 1. Mai.
Die herzlichen Beziehungen, welche zwischen den Kaiserfamilien Deutschlands und Oesterreichs herrschen und die der politischen Freundschaft zwischen beiden Ländern durchaus entsprechen, haben schon des Oestern durch die Zusammenkünfte und gegenseitigen Besuche von Mitgliedern beider Herrscherhäuser ihren Ausdruck gefunden. Auch jetzt wellt wieder ein Mitglied unserer Kaiserfamilie, Prinz Wilhelm von Preußen, der Erbe des deutschen Kaiserthrones, als Gast am Wiener Hofe, wo Prinz Wilhelm am Freitag eingetroffen ist. Kaiser Franz Josef war selbst beim Einpfange des Prinzen auf dem Bahnhofe anwesend und begrüßte denselben aufls Herzlichste. Von Wien aus wird sich Prinz Wilhelm auch nach Prag begeben, wo bekanntlich Kronprinz Rudolf und seine jugendliche Gemahlin residiren.
Die weiteren parlamentarischen Dispositionen sind nun in der am Donnerstag stattgesundenen Sitzung des Senioren-Convents des Reichstages, welcher auch der Präsident des preußischen Abgeordnetenhauses, Herr v. Köller, beiwohnte, dahin getroffen worden, daß vorläufig die Sitzungen des Reichstages täglich um 12 Uhr beginnen, während das Abgeordnetenhaus mit seinen Berathungen um 10 Uhr anfangen wird. Herr v. Köller gab zu dieser Vereinbarung seine Zustimmung, jedoch unter dem Vorbehalt, nach Bedürfniß für das Abgeordnetenhaus Abendsitzungen vorzuschlagen. Diese vorläufigen Vereinbarungen werden voraussichtlich bis zu den Pfingstferien Geltung haben, welche für den Reichstag am Donnerstag vor Pfingsten beginnen und am zweiten Dienstag nach dem Feste enden werden. Weitere Vereinbarungen zu treffen, hielt man nicht für angezeigt, da angenommen wurde, daß das Abgeordnetenhaus nach Pfingsten nicht wieder zusammentreten, sich vielmehr mit der Durchberathung der Verwaltungs-Gesetze begnügen wird.
Der Reichstag beging am Freitag einen merkwürdigen Gedenktag; an diesem Tage ist nämlich genau ein Jahr verflossen, seit die laufende Session eröffnet wurde, so daß der Foyerscherz vom „langen Parlament" nicht ohne Berechtigung erscheint.
Die Verhandlung des preußischen Abgeordnetenhauses über die Anträge Windthorst's, betr. die Freigebung des Messelesens und Sacra- mentespendens, hat über die augenblickliche kirchenpolitische Situation nicht allzuviel Licht verbreitet. Dennoch war die Debatte dadurch von Interesse, daß sie den Parteien wieder einmal Gelegenheit bot, ihre Stellung zur kirchenpolitischen Frage darzulegen. Auf der extremen linken wie rechten Seite des Haufes haben die Forderungen des Centrums entschiedenes Entgegenkommen gefunden und wenn auch trotz dieses Umstandes die Anträge Windthorst abgelehnt wurden, so hat die Annahme der bekannten Resolution der Conservativen praktisch doch ungefähr dieselbe Wirkung. Jedenfalls hat das Centrum alle Ursache, mit der entgegenkommenden Haltung der Conservativen zufrieden zu sein und kann darum das Resultat der Verhandlung vom vorigen Mittwoch im Großen und Ganzen als einen Triumph der von ihm vertretenen Sache betrachten.
Die schon f o vielfach erörterte Angelegenheit der Straßburger Tabaksmanusaktur bildete am Donnerstag den Gegenstand mehrstündiger Verhandlungen des elsaß-lothringischen Landesausschusses. Im Verlaufe derselben trat Unterstaatssecretär v. Mayr den Angriffen, welche der Abg. Zorn v. Bulach gegen die Leistungen und Verwaltung der Manufaktur gerichtet hatte, in entschiedener Weise entgegen. Wohl hauptsächlich unter dem Eindrücke dieser Erklärungen des Regierungsvertreters nahm der Landesausschuß am Schluß der Debatte den Antrag der Commission auf Beibehaltung der Manufaktur mit allen Stimmen gegen diejenige des Abg. Bulach an.
In Frankreich hat die Rentenconvertirungs - Angelegenheit einen für das Cabinet Ferry und speciell für den Finanzminister Tirard durchaus günstigen Verlauf genommen. Senat wie Deputirtenkammer haben der Conver- tirunzs-Vorlage Tirard's mit großer Majorität zugestimmt und hat die Vorlage durch ihre Veröffentlichung im „Journal officiel" bereits Gesetzeskraft erlangt. Ob die Kammer bei Bewilligung des anläßlich der Tongking-Expedition geforderten Fünf-Millronen-Creoits dieselbe Bereitwilligkeit zeigen wird, muß abgewartet werden. Jedenfalls zweifelt aber die Negierung nicht hieran, denn sie würde sonst schwerlich in den Vorbereitungen zur Tongking-Expedition einen solchen Eifer entwickeln, wie gegenwärtig geschieht.
Der große Mordproceß in Dublin nähert sich seinem Ausgang, der für die Angeklagten, soweit sie nicht schon verurtheilt sind, ein verhängniß- voller werden dürfte. Bereits vor zwei Wochen wurden zwei der Theilnahme an dem entsetzlichen Doppelmorde im Phönixparke Ueberführte zum Tode ver- nrthellt und am Freitag hat das Gericht auch über einen dritten der Angeklagten, Fagan, das Todesurtheil gefällt. Bezüglich eines Vierten, Timothy Kelly, vermochten sich die Geschworenen nicht zu einigen, obwohl sie zwei lange Sitzungen betreffs seiner Person abhielten. Das Verfahren gegen Kelly ist in Folge dessen am Montag aufs Reue ausgenommen worden. In der vor dem Landgerichte zu Bowstreet am Donnerstag stattgefundenen Verhandlung wegen des Whiteheadffchen Dynamit-Complottes bezeugten die Vertreter von vier Fabri- kanten-Firmen, daß Whitehead sehr große Quantitäten Salpetersäure, Schwefelsäure und Glycerin von ihnen bezogen habe. — In Rorthampton ist eine geheime Nitroglycerin-Fabrik entdeckt worden.
Die Krönung des russischen Kaiserpaares wird nunmehr, wie aus einer dem päpstlichen „Moniteur de Rome" aus Petersburg übermit-
। telten und anscheinend ofsicwsen Meldung hervorgeht, am 27. Mai stattfinden. Das kaiserliche Manifest, welches bei den Krönungs-Feierlichkeiten unter die Volksmenge vertheilt werden soll, wird gegenwärtig in Hunderttausenden von Exemplaren in Moskau gedruckt und ist ver Text von buntgemalten Rändern umrahmt, eine Concession an den Geschmack des russischen Volkes. Ein Thell des dirigirenden. Senats wird sich auf speciellen Befehl des Kaisers yach Moskau begeben, um während der Krönungszeit zur Promulgirung von Manifesten, Ukasen und Allerhöchsten Anordnungen, wie auch zur Erledigung der laufenden Angelegenheiten zugegen zu sein.
Wie neuere Nachrichte naus Konstantinopel besagen, ist Dänisch Effendi jetzt als Gouverneur des Libanon in Aussicht genommen. Seine Ernennung soll bei keiner der Mächte auf Widerspruch stoßen und steht man derselben in diesen Tagen entgegen.
Der in voriger Woche zu Philadelphia abgehaltene irische „Convent" hat die Welt mit einer neuen Schöpfung beglückt. Auf briefliche Anregung Parnell's hin ist die Gründung einer amerikanischen Landliga beschlossen worden, zu deren Präsidenten Mornley gewählt wurde. Die neue Liga hat indessen durchaus keinen „Dynamit-Charakter", vielmehr mitt sie auf gesetzmäßigem Wege vorgehen, um ihr Programm — Volksvertretung für Irland, Schaffung eines besitzenden Bauernstandes u. s. w. — durchzuführen, woraus man wohl den erfreulichen Schluß ziehen darf, daß die gemäßigten Elemente in der irisch-fenischen Partei die Oberhand gewonnen haben.
Deutschland.
Darmstadt, 30. April. Se. Königl. Hoheit der Großherzog werden Sich, begleitet von dem Hofjägermeister v. Werner, heute Nachmittag 4 Uhr für mehrere Tage zur Auerhahn-Balz nach Alsfeld und Grabenau in Oberhessen begeben.
Darmstadt, 28. April. Erkrankungen an Menschenblattern sind seit Anfang dieses James bis jetzt aus dem Großherzogthum angezetgt zusammen 95 lJanuar 5, Februar 22, März 24, April 39). Damit ist der Krankenstand des ganzen wahres 1881 (72) bereits überschritten und der von 1882 (96) nahezu erreicht. Bon den 95 Fällen kommen auf Darmstadt 1, Bensheim 1, Dieburg 7, Heppenheim 1, Offenbach 10, Gießen 4, Groß-Linden 9, Friedberg 3, Bruchenbrücken 7, Södel 2, Ilbenstadt 3, Fauerbach b. F. 1, Schlitz 1, Wetterfeld (Kreis Schotten) 4, Matuz- Castel 22, Finthen 2, Burgen 5, Kempten 5, Gau-Algesheim 1, Hetdenfahrt 1, Oppenheim 1, Nierstein 1, Wörrstadt 1, Worms 2.
Die Betheiligung der seßhaften Bevölkerung an den Erkrankungen ist bis fetzt sehr gering, beiläufig die Hälfte aller Erkrankten besteht aus vagirenden Elementen. Es handelt sich zum Theil um Leute, die arbeitsuchend umherziehen und die gefundene Arbeit in der Regel nach wenigen Tagen wieder verlassen, meistens aber um mittellose Landstreicher, welche am Tage betteln, Nachts in irgend einer Herberge logtren, wenn sie nicht eine kurze Haftstrafe abzubüßen haben und zu einem ständigeren Aufenthalt nur durch Uebe-Weisung an die Landespolizetbehörde gelangen. Diese Leute setzen das Betteln und den fortwährenden Wechsel des Aufenthalts noch fort, wenn sie bereits krank sind, stecken auf diese Weise andere Menschen an und sind längst verschollen und vergessen, wenn bei den letzteren die Krankheit ausbricht. Woher die ersten Erkrankungen im Januar, welche gleichfalls Vaganten betrafen, gekommen sind, ist nicht ganz sicher, wahrscheinlich vom Niederrhein oder aus der Gegend von Saarbrücken. Eine spätere Quelle der Einschleppung scheint das Gefängniß zu Wiesbaden gewesen zu sein, dessen Insassen wegen des Ausbruchs der Blattern in der Anstalt zum Theil ohne vorhergegangene Impfung entlassen und über die Grenze gewiesen worden sein sollen. Die nöthigen Ermittelungen zur Klarstellung dieser Angaben sind eingeleitet.
Von unseren Gefängnissen sind im Haftlokal zu Mainz, im Provtnztalarrefthaus zu Gießen und im Arbeitshaus zu Dieburg Blaiternfälle vorgekommen; es ist aber wahrscheinlich, daß noch in einigen anderen Haftlokalen Erkrankungen, die wegen ihrer Leichtigkeit übersehen wurden, zu Ansteckungen von Personen Veranlassung gaben, welche später nach ihrer Entlassung an ganz anderen Orten erkrankten. Bei der Eon- statirung der Blattern in den Gefängnissen wurden sofort die sämmtlichm Insassen geimpft und, wenn es irgend angtng, so lange nicht entlassen, bis der Verdacht, daß sie schon vor der Impfung hätten erkrankt sein können, beseitigt war. Nur rn einem Falle, in dem diese Frist zu kurz (auf nur 9 Tage) bemessen war, wurde die Krankheit aus dem Arbeitshause zu Dieburg nach Wetterfeld (Kreis Schotten)
Die Hauptquelle der Verbreitung bei uns waren aber die in sanitätspolizeilicher Beziehung so überaus schwer zu controltrenden Herbergen und zwar außer einigen solchen Etablissements in Mainz vorzugsweise eine Herberge in Offenbach, ferner me zu Kempten, zu Groß-Linden und zu Ilbenstadt. Aus ber Offenbarer die Krankheit nach Darmstadt, Heppenheim und Friedberg, aus der Kemptener nach Bingen und Gau-Algeshetm, aus der Jlbenftädter, welche von jeher iin ^demtologischer Beziehung eine Rolle gespielt hat, nach $riitient)rü(fen unb Homburg v. d. H. und Hanau übertragen- In allen
der zu Ilbenstadt, konnte die Person, welche zuerst in b6e?Äeraen
nicht mehr ermittelt werden. Die Bekämpfung der Krankhe tsherdin^den Herbergen ist für die Sanitätsbeamten mit großen Schwierigkeiten verbunden,
Publikum ist den Tag über nicht zu finden und, wenn es Abends etntrifft,
zum Eingehen auf sanitatspolizeiliche Anordnungen uur sch ) verschiedenen Kranken, welche kurz vor ihrer Entdeckungden^
hatten, war es nöthig, die Anordnungen wegen eines einzelnen Falles auf mehrere Herbergen vuszudehnen. ba§ unter einem im wahren Sinne des Wortes
flottanten The^l ber Bevölkerung, nämlich den Flößern auf dem Rhein, verhältnißmäßig
S, -in 7 Monate altes Kind und 8 «r-
SmÄr rri waren unter den Erkrankten 87 Erwachsene (darunter ein St) ein Kind von 13 und -ins von 7 Jahren ib-ide niemals^aeimvit weil "er^Vater keinen seften Wohnsitz hatte), zwei von5und8Jahren svo?Kurrein^ugezogene ungeimpste Kinder eines principiellen Jmpsgegners in Offenbach), »wci tm L Lebensjahre, davon das -in- noch gar nicht, das andere im Vorjahr ohne Erlola aetmvft und zwei im ersten Jahre, das eine ungeimpft tg-storb-n), das andere ÄVÄ °on seinem blatternkranken Vater schon angesteckt war. Mit Erfolg
Ne. 1OO» Mittwoch den S. Mai 1883»
ießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.


