L882.
Mx. L8O. Erstes Blatt. Donnerstag den 30. November
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AranKreich.
Paris, 27. Novbr. Der chauvinistische Paroxismus wüthet jetzt gegen die Engländer und sogar gegen die Amerikaner, die in allen Meeren umherschleichen und die französischen „Interessen" zu schmälern suchen. Da ist Madagaskar, da ist Congo, da ist Tonkin, wo der Kaiser der Chinesen sogar Souveränetätsrechte gegen das Recht des französischen Degens erhebt, während doch Frankreich aller Welt verkündigt hat, daß es resolut seine neue Colonialpolitik durchsetzen will. So klagt die „France", prophezeit aber, daß diese Opposition verschwinden werde, denn es sei durchaus nothwendig, daß — man höre und merke es sich — „Frankreich weithin strahlen muß; es muß, koste es, was es wolle, in allen noch jungfräulichen Ländern eine Speise für die französische Marine, Handel und Industrie juchen." Frankreich braucht eine „Compensation." Der Congo, Tonkin und Madagaskar sind laut der „France" „ein fruchtbares Arbeitsfeld"; dabei erinnert sie an die Verluste, die wieder einzubringen seien: „San Domingo, Canada, Louisiana, Jsle de France und Indien, das wir den Engländern streitig machten." In Betreff Madagaskars macht die „France" Rechte auf die Ostküste geltend; am Congo soll eine „nouvelle France“ gegründet werden, wohin die jungen Leute vom Handel I „ausschwärmen", während die Regierung mit Depeschen und Kanonen „die heiligen Interessen Frankreichs schützt." Man wird zugestehen, daß diese Sprache ungemein naiv ist; aber man hat doch seinen „Paul et Virginie“ und seine Atala gelesen und vor Bernardiu de Saint Pierre und Chateaubriand muß denn doch selbst der Brite, Iankee, Chinese und Howa Respect bekommen; also!. . . Der „Tölögraphe" klagt über die Ränke der anglikanischen Rasse gegen die lateinische bei dem Bau des Canals von Panama. Auch die Con- cessionshändler, die in der Rue de Lancry monatliche Versammlungen mit Vorträgen halten, haben sich der Eroberung Tonkins angenommen: Tonkin ist, wie der „Temps" nach einem Vortrage, der gehalten wurde, meint, „das Polen des Orients, seine Bevölkerung streckt uns die Arme entgegen." Und nun werden die vielen Ausstände geschildert, die dieses Polen des Ostens bereits geleistet hat: 1858, 1861, 1874 ; das Kaiserthum Anam ist eine Monarchie, bie aus dem Leime geht, und „es ist Beruf der Regierung der Republik, am chinesischen Meere Frankreich das Reich zu verschaffen, das Dupleix an den Gestaden des indrschen Oceans zu gründen gedachte." Den nächsten Nachbarn Frankreichs kann es nur angenehm sein, wenn der französische Größenwahn am Congo und im chinesischen Meere auf Abenteuer ausgeht und sich einmal wieder austobt, nur sollten die Heißsporne in der Presse" nicht täglich über die schlechte Welt klagen, die ihnen nichts gönne und überall Fallen lege.
Paris, 27. Novbr. Gambetta hat sich heute Morgen bei der Uebung mit einem Revolver die Hand verletzt. Die Kugel hat nur eine Fleischwunde gemacht, die Verwundung ist ohne Bedeutung.
England.
London, 27. Novbr. In Aberdeenshire ist eine Eisenbahnbrücke, als gerade ein Eisenbahnzug dieselbe passirte, zusammengebrochen, es haben dabei 14 Personen das Leben eingebüßt.
Spanien.
Ddadrid, 26. Novbr. Die von Genf aus geleitete anarchistische Propaganda scheint auch auf spanischem Boden neue Wurzeln geschlagen zu haben. Aus verschiedenen andalusischen Ortschaften werden Verhaftungen socialistischer Agitatoren signalisirt. Andalusien und namentlich auch das industriereiche Cata- lonien bieten solchen subversiven Bestrebungen nur zu viel Spielraum; feierte doch gerade in jenen Gegenden der Communismus zu Anfang der sechziger Jahre seine Orgien.
Rumänien.
Bukarest, 27. Novbr. Wie dem „Romanul" gemeldet wird, wurde der ehemalige bulgarische Minister des Auswärtigen, Zankoff, gestern Abend bei seiner Rückkehr aus dem Auslande in Rustschuck bei dem Betreten bes bulgarischen Gebietes von Gensd'armen verhaftet, den Händen derselben aber von der Volksmenge, welche ihn am Landungsplätze erwartet hatte, wieder entrissen und im Triumphe nach seiner Wohnung gebracht. Wie der „Romanul" hinzufügt, sollen ernste Unruhen zu befürchten sein.
Aegypten.
Kairo, 27. November. Dem Vernehmen nach würden morgen gegen 60 Untersuchungs-Gefangene zweiter Kategorie gegen Caution auf freien Fuß gesetzt werden. — Auf der Eisenbahn-Route von Kafre-Dowar fand ein Eisenbahn-Unfall statt, bei welchem glücklicher Weise nur wenig Personen verletzt wurden. Unter den Getödteten befindet sich kein Europäer; man vermuihet, daß der Unfall durch Bosheit herbeigeführt wurde.
Telegraphische Depeschen.
Wolff'S telegr. Eorresporrdenz-Brrre-u.
Berlin, 28. Novbr. Der Kaiser ließ den Vicepräsidenten des Ministeriums v. Puttkamer auf heute Nachmittag um 4 Uhr zu einer Audienz entbieten.
Berlin, 28. November. Abgeordnetenhaus. Etat der Lotterieverwaltung. Abg. Peters wünschl eine Vermehrung der Loose, empfiehlt wettere Thetlung derselben und beklagt die ungerechte Vertheilung der Collecten. Regterungs-Commissar Rüdorff erklärt, über die Vermehrung der Loose liege kein Antrag vor. Betreffs der Vertheilung der Collecten erwidert er, es werde seit jeher danach verfahren, daß Personen ausgewählt würden, welche durch chre Vermögenslage und die sonstigen Verhältnisse eine Garantie für die Wahrung der Interessen des Fiscus und des Publikums bieten, andere Tendenzen walteten nicht ob. Der Etat wird unverändert bewilligt. Beim Etat der Seehandlung antwortete Regierungs-Commissar Meinecke auf eine Anfrage, die meisten Anleihen seien tn neuester Zelt durch die Seehandlung unter Ausschluß von Consortien negoziirt, das frühere Consortium sei aufgelöst. Die Seehandl/ng verkaufe die Consols an der Börse an Jeden, der sie wolle. Minister Puttkamer erklärte auf eine Anregung Bachem's, die Regierung habe die durch das Steigen des Rheins und der Mosel geschaffenen Verhältnisse eingehend erörtert. Nach einer Depesche des Re- gierungspräsident>'n von Coblenz hätten der Rhein und die Mosel den höchsten Wasser st and des Jahrhunderts erreicht, er erwarte weitere Nachricht und werde im Falle einer ernsten Gefahr sich selbst an Ort und Stelle begeben, bis zur Stunde aber sei eine ernste Gefahr nicht zu befürchten. Man möge mit Ruh? die weiteren Nachrichten und Maßnahmen der Regierung erwarten. Im weiteren Verlaufe der Sitzung therlt der Minister Puttkamer eine ihm eben vom Kaiser Übersandte Depesche der Kaiserin in Coblenz mit, wonach der Rhein seit gestern Abend noch um 2 Fuß gestiegen, in der Maingegend sei ein Wolkenbruch niedergegangen, das Wasser dringe jetzt von allen Seiten in den Schloßgarten ein, die Schiffbrücken seien zur Hälfte fortgerissen. Die Orangerie im Generalkommando stehe unter Wasser und eS fei kein Ende abzusehen. Der Verkehr komme immer mehr in's Stocken. Der Minister fügt hinzu, danach ist die Situation allerdings ernst, er werde nach Schluß der Sitzung eine Audienz beim Kaiser nachsuchen, um seine Befehle entgegenzunehmen. Sollte es nöthig fein, fo werde er sich an die Stätte der Gefahr begeben. Das Haus werde bann hoffentlich die Berathung des Etats des Ministeriums des Innern bis nach feiner Rückkehr ausfetzen. (Allseitiger Beifall.) Zum Schluß beschäftigt sich das Haus mit der Frage wegen Beseitigung des Vagabondenthums. An der Debatte beiheiligen sich Graf Posadowski, Minister Puttkamer, Windthorst, Schorlemer-Alst, Strosser und Hansen-
Forifetzung morgen.
— Der Großfürst und die Großfürstin Wladimir treffen morgen Abend hier ein, um übermorgen nach Petersburg zurückzukehren.
— Der Botschafter v. Schweinitz tritt m orgen die Rückreise nach Petersburg an.
Wiesbaden 28. Novbr. Der Verkehr auf der Taunusbahn ist heute gänzlich unterbrochen, da auch die Strecke Höchst-Frankfurt a. M. überschwemmt ist. Bei Nüdesheim beträgt die Höhe des Wasserstandes jetzt 636 Ctm.; das Wasser steigt langsamer. Der Neckar ist gefallen.
Köln, 28. Novbr. Das Wasser des Rheins steigt noch immer. In Koblenz sind heute früh einige Joche der dortigen Schiffbrücke durch die Gewalt des Wassers gesprengt und abgetrieben worden, der hiesigen Schiffbrücke droht danach gleiche Gefahr und sind deshalb entsprechende Vorsichtsmaßregeln getroffen. Die vom Wasser bedrohten Forts, welche Kriegsmunition enthalten, werden vom Militär geräumt.
— Der Pegel am Rhein zeigte um 2^2 Uhr 940 Ctm. Vom Oberrhein und der Mosel wird Stillstand, bez. Fallen des Wassers gemeldet, das Barometer steigt, das Wetter ist kälter und aufklärend.
Bonn, 28. Novbr. Der Wasserstand des Rheins hat denjenigen des Jahres 1876 überschritten und den hohen Stand vom Jahre 1845 nahezu erreicht. Die benachbarten Ortschaften sind überschwemmt, desgleichen der untere Theil der Stadt Bonn, wo der Verkehr nur noch per Nachen in die oberen Etagen der Häuser vermittelt wird. Das Wasser steht nur noch 4 Zoll unter der Feuerung der Dampfpumpe des städtischen Wasserwerks. Da das Wasser fortdauernd steigt, so wird das Wasserwerk heute Abend seine Funktionen einstellen müssen. Unter Vorsitz des Landraths und des Oberbürgermeisters hat sich ein Hülfs-Comite gebildet, um dem sehr großen Elend abzuhelfen.
Frankfurt, 28. Novbr. Der Main hat in Folge heftiger Regengüsse bei Lohr auf's Neue zu steigen begonnen.
London, 28. Novbr. Bei dem Eisenbahnunfall in Aberdeenshire wurden nur 5 Personen getödtet und 11 schwer verletzt.
Köln, 29. Nov. (Privat-Depesche). Höchster Wasserstand Mittwoch früh 5 Uhr 952 Ctm.; seitdem ist das Wasser wieder 1 Ctm. gefallen, auch tft das Wetter ziemlich hell und kälter geworden. In Frankfurt fit heute Vormittag der Main, langsam fallend, gegen den höchsten Stand um 92 Ctm. zurückgegangen. Die alte Brücke mußte wegen bedenklicher Beschädigungen abgesperrt werden, auch die neueste obere Brücke zeigt an einem Pfeiler einige Risse. Der Bahndamm der Ludwigsbahn unterhalb Bischofsheim zwischen Frankfurt und Mainz ist zweimal durchbrochen; ebenso hat der Rheindamm zwischen Nackenherm und Bodenheim einen Durchbruch erlitten. ________
^Rutschten
des
ärztlichen Central-Ausschusses im Großherzogthum Hessen
über ben
Schuch der Sehkraft der Schüler und Schülerinnen,
befchloffen in feiner Sitzung zu Darmstadt am 20. November 1882.
der Sitzung des ärztlichen Central-Ausschusses im Großherzogthum Hessen vom 13. December 1880 hatte Herr Geh. Mebicinalrath Dr. Aböls Weber zu Darm- ftabt unter Aufstellung einiger Thesen tn ausführlicher Weise über bie von ihm in Gemeinschaft mit Herrn Ober-Medicinalrath Dr. Pfeiffer während der letzten Jahre in den höheren Schulen zu Darmstadt vorgenommenen Erhebungen über die Sehkraft der Schüler und Schülerinnen referirt
Die damalige Versammlung erklärte sich im Allgemeinen damit einverstanden, daß eine Erweiterung des ophthalmologischen Schutzes der Schüler in den von dem Referenten angegebenen Richtungen erwünscht sei, beschloß indeß, in das Detail der


