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drv. 228. Samstag den 30. September 1882,

Meßmer Anzeiger

Amts- und Anzeigkblntt für den Kreis Gießen.

Bureaur Schulstraste 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Deutschland.

Darmstadt, 28. Septbr. Ihre Großh. Hoheiten die Prinzessinnen Victoria, Elisabeth und Irene sind heute Vormittag im strengsten Jncognito zu einem längeren Aufenthalt nach der Schweiz und Italien abgereist. Im Ge­folge befinden sich Miß Jackson und Oberstlieutenant v. Herff.

Darmstadt, 27. September. Die landwirthschaftltche Landesausstellung ift am gestrigen Tage geschlossen worden. Die Ausstellung kann als eine in jeder Beziehung gelungene bezeichnet werden. Mit großem Eifer und Interesse seitens der betheiligten Kreise in's Werk gesetzt, war die Ausstellung trotz der ungünstigen Witterung im Ganzen gut besucht. Das finanzielle Ergebniß soll ein befriedigendes sein, trotz der Ungunst des Wetters, wodurch Viele vom Besuche abgchalten worden sind, und trotz der kurzen Dauer der Ausstellung. Der Dank dafür, daß alles so wohl verlaufen ist, gebührt in erster Vnie den Bemühungen des Centralcomtte's, das alles so zweckmäßig angeordnet und für Unterhaltungen aller Art hinlänglich Sorge getragen hatte. Dank gebührt ferner den Herren Ausstellern, die durchschnittlich nur Vorzügliches vorgeführt haben und deßhalb die Schaulust aller Kreise, besonders die der Landleute, stets rege hielten. Dank gebührt auch den landwirthschastltchen Vereinen Hessens, die wesentlich dazu beigetragen Haden, bfc Landwirtschaft in unserem engeren Vaterlande aus eine so hohe Stufe der Entwickelung zu bringen. Die Ausstellung hat uns ein klares Bild von dem derzeitigen Stand ber Lanbwirthschaft in Hessen und aller mit derselben in Beziehung stehenden Industrien und Gewerbe geliefert. Sie hat b.'wiesen, daß die Landwirtschaft in unserem Großherzogthum auf der Höhe der Zeit steht. Die hessischen Landwirthe können stolz sein auf die erzielten Resultate und den landwirtschaftlichen Vereinen Hessens ist zu tbren Erfolgen nur Glück zu wünschen. Ihre fünfzigjährige Jubelfeier konnte nicht würdiger begangen werden, als durch eine allgemeine land- wirthschaftliche Ausstellung, welche sicher noch lange in der Erinnerung unserer Land- wirihe fortleben wird.

In dem Jahre 1881 sind im Großherzogthum 61 Ehescheidungen vorge­kommen, davon entfallen mehr als die Hälfte auf Rheinhessen, nämlich 39, 16 auf Starkenburg und nur 6 auf Oberhessen. In den letzten 10 Jahren, von 18711881, betrug in Hessen die Zahl der Ehescheidungen 441, davon kommen auf Rheinhessen 191, Starkenburg 167 und Oberhessen 83. Rheinhessen zeigte, namentlich noch in Berück­sichtigung seiner geringeren Bevölkerungszahl, ein äußerst ungünstiges Verhältniß.

Seit dem Jahre 1870 hat das Einkommensteuerkapital in unserem Groß­herzogthum um 3,118,155 sl. oder 41,9 Proc. zugenommen, die größte Zunahme fällt auf Rheinhessen mit 1,394,270 fl. oder 46,9 Proc., Starkenburg mit 1,177,005 fl. oder 40.7 Procent und Oberhessen mit 546,880 fl. ober 31,2 Proc- Der Kreis Mainz weift mit 914,805 fl. ober 83,7 Proc. die größte Zunahme im ganzen Großherzogthum auf. Dieselbe beträgt beinahe so viel wie in der ganzen Provinz Starkenburg, und viel mehr, wie in der ganzen Provinz Oberhessen. Darmstadt hat nur um 39 Proc-, Offenbach aber um 83 Proc. und Gießen 83,4 Proc. zugenommen. Bezüglich der Zu­nahme der Steuerkapitalien in den Gemeinden steht die Gemeinde Weisenau oben an. Das Steuerkapital dieser Gemeinde hat sich seit 1870 nahezu verdoppelt. Damals be­trug dasselbe 13,745 fl, jetzt 26 565 fl., was eine Zunahme von 193,3 Proc. ergibt. Dann kommt Kastel mit einer Zunahme von 109,3, Mainz spcctell hat seit 1870 eine Zunahme von 746,575 fl. ober 84,7 Proc. erfahren. Dies entspricht immer noch einem Mehr von netto 200,000 fl. wie die ganze Provinz Oberhessen. (Hess. Ldztg.)

Berlin, 26. September. Auch im Reichslande Elsaß-Lothringen sind dle Herbst- manover nunmehr beendet und die Truppen bereits von dem Manöverterrain auf dem lothringischen Hochplateau in ihre Garnisonen zurückgekehrt. Mit vollkommenster Genugthuung erfahren wir von dem guten Einvernehmen, welches während der ganzen Manöverzeit zwischen der Civilbevölkerung uud dem Militär bestanden hat. Wahr­scheinlich in Erinnerung an Vorgänge aus der Zeitvor dem Kriege" hatte die Be­völkerung gefürchtet, auch die deutschen Truppen würden das Obst als gute Beute er­klären und es ist den deutschen Truppen von der alt-elsässischen Bevölkerung besonders hoch angerechnet und allgemein als ein bewundernswertes Zeichen des deutschen Geistes und der deutschen Manneszucht anerkannt worden, daß "kein deutscher Soldat sich an den Früchten vergriffen hat. Man war nicht minder bange gewesen für den großen Schaden, den die Mannschaften und Pferde in den nassen Feldern anrickten würden, aber die Population, welche massenhaft den Uehungen beiwohnte konnte mit Freuden fonftotiren, wie sorgfältig bie Vorgesetzten jedes noch angepflanzte Grundstück möglichst zu schonen Mtem Die rerchsländische Bevölkerung hat es sich denn auch nicht nebmen laften, Ihren Dank und Ihre Anerkennung uuszudrücken und die Haus­mutter wetteifern darin, chr«, Saldaten" Zwetschenkuchen zu backen. Vielfach wurden Familien gefunden, d,e Nch Betten in die Nebenzimmer aus dem Boden machten und die ihrigen der Einquartierung zue Verfügung stellten, zahlreich waren aber auch die Soldaten, dre müde von den U-bungcn und Strapazen, nachdem sie alles geputzt, Bserde und sich selber in Ordnung gebracht hatten, Abends mit ihren Quartiergebern aus s Feld fuhren und denselben geholten haben, Futter zu holen, schwer- Kartoffelsäcke ,u laden u. s w. Allgemein und überall hat das beste Einverständniß geherrscht und die eben beendeten Truppenübung-N haben einen neuen und schönen Beweis dafür ge- l -f-rt, w,e sehr sich beretis die elsaßck°thr,ng,sche Bevölkerung mit dem D-utschthum eins und etntg fühlt und weiß.

. als das Weltblatt par exellence.. Das weiß

Niemand bester, als ^re Herausgeber selbst, und sie hegen eme außerordentlich hohe UZeinung Don der Unerschütterlichkeit des Times"-Renommees, wenigstens sündigen sie ^ouL^al daraufhin mit einer Unger>rtheit, welche nur durch bie Intensität eben jenes SelbstgefüM begreiflich wird. Das ist heute einmal roieber in außergewöhnlichem Maße ber Fall. Das Eliyb alt lancir einen Artikel, der nichts Geringeres bezweckt, als eine m,rh,n ^ Q deutschen Polft'k an die Adresse Frankreichs Deutschland sei, so werden dle Leser berTimes" belehrt, daraus aus um den Preis Egyptens, dessen )fmnni6 C?.r5n5Cr ($sIhanbs ^gestanden werden würde, dieses de^r französischen ^^«nffremden und der deutschen Interessensphäre zuzuführen. Gegen dieses lelbstgeschaffene Phantom zieht nun berTimes"-Artikelschreiber mit Argumenten in's Feld die genau ebenso fadcnscheimg sind und ein mehr als naives Lesepublikum vor- m r. ln Resume des widersinnigenTimes"-Artikels

mitlheilt, bemerkt sehr richtig, daß deutscherseits in London niemals auch nur die ge­lösten Versuche 6emacht worden find, das dortige Cabinet wegen seiner egyptlschen oabiren. daß dle Berliner Politik vielmehr nach wie vor in der sllerftrengsten Zurückhaltung verharrt, und dieTimes" mit ihren famosen Ausführungen ganz und gar auf falscher Fährte wandelt. Es ist aber bezeichnend, daß, während von Eröffnung on<n* Verhandlungen wegen Egypten noch nicht das Geringste verlautbar, >chon Versuche und zwar solch plumpe Versuche gemacht werden, das gegenseitige vertrauen zu stören.

,,, ... Auch die «Revue politique et litteraire", eine der angesehensten periodischen Zeit- 'chrfft, zieht Deutschland in die egyptische Frage hinein, indem sie die Frage stellt, -welche Verwickelungen Frankreich von Seiten Deutschlands zu besorgen haben könnte, Falls die Republik sich zu einer Intervention am Nil bewogen finden sollte.Keine",

I antwortet dieRevue" selber in höchst verständiger Weise In der That gehört ein gutes Theil Unverstand ober böser Wille dazu, der deutschen Politik einen solchen Schwabenstreich zuzutrauen, als die Ausspielung des egyptischen Trumpfes in einer Parthie, an welcher Deutschland als directer Mitspieler gar nicht beteiligt ist. So selbstverständlich das erscheint, so nothwendig bleibt die periodische Wiederholung auch dieser einfachen Wahrheit.

Berlin, 271 Septbr.' Wie demSchwab. Merkur" von hier geschrie­ben wird, hat der wegen seiner Opposition gegen die jetzige Berliner Verwaltung vielgenannte Stadtverordnete Limprecht den verzweifelten Schritt unternommen, gegen den Oberbürgermeister Forckenbeck, den Stadtverordneten-Vorsteher Straß­mann und das Mitglied Ludwig Löwe die Anklage aus Meineid zu erheben. Limprecht war vor einiger Zeit zur gerichtlichen Verantwortung gezogen worden wegen seiner die städtische Verwaltung schwer belastenden öffentlichen Aussagen, und es war bei dieser Gelegenheit von den oben genannten Herren auf ihren Amtseid erklärt worden, daß die Limprecht'schen Aussagen in den Thalsachen, bezm. in den amtlichen Protokollen keinen Halt finden. Gegen diese Behauptung richtet sich nun die Anklage.

Nach einer dem Neichspostamte zugegangenen Benachrichtigung der österreichischen obersten Poftverwaltung wird auf der Brennerbahn der regel­mäßige Betrieb, welcher seit Kurzem in Folge eingetretenen Hochwassers auf der Strecke Innsbruck-Ala unterbrochen ist, voraussichtlich erst in einiger Zeit wieder ausgenommen werden. Demnach kann zu der Postbeförderung nach Ita­lien der Weg über Ala einstweilen nicht benutzt werden. Insbesondere sind Päckereisendungen nach Italien, sofern nicht vom Absender die Leitung durch die Schweiz verlangt wird, bis auf Weiteres nur zur Beförderung über Görz oder Pontasel von den deutschen Reichspost-Anstalten anzunehmen und zu taxiren.

Dortmund, 28. Septbr. Heute Nachmittag fand ein Grubenunglück durch schlagende Wetter auf der ZecheColonia" (Mansfelder Bergbau) bei Langendreer statt. Wahrscheinlich sind bis jetzt 18 Mann verletzt, 1 ist tobt.

Straßburg, 26. Septbr. Es kann jetzt nicht mehr bezweifelt werden daß der Ausgang des Streckert'jchen Processes von den schwerstwiegendsten Fol­gen sein wird. Wie gestern schon hier und da verlautete und heute zur Gewiß­heit" wurve, ist der administrative Director der kaiserlichen Tabakmanufaktur, Dr. Roller, von seinem Amte susdendirt worden durch einen Beschluß des Ministeriums. Ob dieser mit großer Genugthuung im hiesigen Publikum, dem Dr. Roller im Allgemeinen sehr unsympathisch war, aufgenommene Beschluß noch eine förmliche Disciplinirung des Herrn Roller nach sich ziehen wird, ist einstweilen noch nicht als sicher anzunehmen, obwohl es im Bereiche der Wahr­scheinlichkeit liegt, daß es geschieht, da er nach dem Reichsbeamtengesetze von seinem Amte dauernd nicht entfernt werden kann, ohne Beschluß der Disciplinar- kammer. Mit der Leitung der Tabakmanufaktur ist der Negierungsrath in der Verwaltung der Zölle und indirecten Steuern, Stahl, einstwellen beauftragt worden. Stahl ift Hessen-Darmstädter. Er gilt für einen sehr fähigen Be­amten. Die weiteren Reformen in der Leitung und im Betrieb der Tabak­manufaktur werden jetzt nicht mehr lange aus sich warten lassen, da es der Regierung darum zu thun sein wird, vor Eröffnung der diesjährigen Herbst- session des Landesausschusses, die vermuthlich Ende November stattfinden wird, eine Reorganisation in's Leben gerufen zu haben, die geeignet ist, die Landes­vertretung etwas milder zu stimmen bezüglich der Verwaltung der Staatsan­stalt. Wenn nicht alle Zeichen trügen, wird es ohnehin schon in der Session des Landesausschuffes scharf hergehen bezüglich der Leitung der Tabakmanufaktur, des Lieblingskindes der Alt-Elsässer. ' (Fr. Journ.)

Krankreich.

Paris, 26. Septbr. Frankreich verwendet für Hafenarbeiten nach dem Freycinet'schen Arbeitsentwurfe 385 Millionen. Die Arbeiten sind im, vollen Gange. DieAgence Havas" bringt eine amtliche Aufstellung der Leistungen, woraus erhellt, daß an 40 Häfen gearbeitet wird. Für Dünkirchen sino 50 Millionen ausgesetzt, wovon bis Ende dieses Jahres 11,430,000fr verwen­det sein werden, für Calais 18,700,000, wovon 800,000 verwendet, für Bou- logne 17 Mill., für St. Malo 10 Mill., für Cette 24,250,000, wovon 3,750,000 verwendet, für Marseille 63,860,000, wovon 5,950,000fr bis Ende 1882 ver­wendet sein werden.

Ilußkand.

Petersburg, 26. Septbr. Wie der Telegraph schon verkündet hat, ist die kaiserliche Familie bereits wohlbehalten aus Moskau wieder in Peterhof eingetroffen. Die Majestäten sind sehr leutselig in Moskau aufgetreten und überall mit ungeheurem Jubel empfangen worden. Die Kaiserin hat die vor­nehmen Mädchenstifte besucht und an alle Mädchen-Institute eine Menge Nasch­werks übersenden lassen. Der Kaiser hat sich durch Katkow die Zöglinge des Nikolai-Lyceums vorstellen lassen und war gegen sie, sowie überhaupt nach allen Seiten hin äußerst huldvoll. Auch von dem sonst so streng gehandhabten Sperr­system ist auf des Kaisers Befehl diesmal klugerweise abgewichen worden. Die Mannschaften, die an der großen Parade auf dem Chodynskischen Felde theil- nahmen, erhielten pro Kopf 50 Kopeken Extralöhnung, die Inhaber des Gold- Chevrons und des Mllitär-Verdienstkreuzes sogar 3 Rubel, und den sämmtlichen Officieren wurde eine Gratification im Doppelbetrage der Dtonatsgage ausge­zahlt (für den Lieutenant ungefähr 80 Rubel). Solche Geschenke sind fürstlich und sehr dazu angethan, die schlecht bezahlten, nicht immer gut behandelten und eine ganz andere gesellschaftliche Stellung wie bei uns einnehmenden Armee-