Mittwoch den 29. November 5S@2*
>» Gießener Anzeiger
Amts- und Anzngeblatt für den Kreis Gießen.
k
Bnreau: Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
P K
Monarchie, daß der Tyroler Landtag zu einer außerordentlichen Session zusammengetreten ist, um über eine Anleihe von 3^2 Millionen Gulden zu berathen, wodurch die ungeheuren Wasserschäden, welche das unglückliche Tyrol erlitten, einigermaßen gemildert und reparirt werden sollen. — Im ungarischen Abgeordnetenhause wurde eine Vorlage, betr. die Einstellung ungarischer Bataillone in österreichische Regimenter mit großer Mehrheit angenommen.
In der französischen Deputirtenkammer beschäftigte man sich in den letzten Tagen vorwiegend mit der Reform der richterlichen Funktionen. Der Deputirte Lepere verlas das Gutachten, welches die Gerichtsreform- Commission der Deputirtenkammer in dieser Angelegenheit abgegeben hat. Danach sollen die Gehälter der Richter erhöht und ihre Unabsetzbarkeit, sowie ihre Wahl gesetzlich geregelt werden. Die Funktionen der Richter sollen unvereinbar sein mit jedem anderen Wahlamte und die Competenz der Friedensrichter soll beträchtlich erweitert werden, die Apellhöfe werden aufgehoben und nach der Wahl der Parteien durch gewöhnliche Gerichtshöfe ersetzt.
Ganz Italien schwimmt in Wonne über die Lobpreisungen und Schmeicheleien, welche der König Humbert in feiner Thronrede bei der Eröffnung der Kammern denselben und dem ganzen italienischen Volke gesagt hat, denn in würdevoller Sprache bekundete der König selbst, daß seine Italiener eine für die Freiheit reife Nation geworden seien und ihr Schicksal selbst in den Händen hätten. Augenscheinlich bekennt sich König Humbert selbst rückhaltslos zu den liberalsten Regierungs-Prinzipien und in seinem Lande, wo die Liberalen noch em Schutzdamm gegen die Radikalen und Republikaner sind, thut er offenbar sehr recht daran.
Hervorragende russische Zeitungen geben jetzt selbst zu, daß die Reise des Ministers v. Giers nach Deutschland den Zweck gehabt habe, m einigen Fragen noch ein besseres Einvernehmen zwischen der deutschen und ruft r- schen Regierung herzustellen. — In russischen Regierungskrisen, sowie in der
russischen Geschäftswelt ist man in hohem Maße darüber besorgt, daß die russische Valuta noch immer mehr sinkt und der Papierrubel noch werter an seinem ohnedies schon sehr niedrigen Werthe verloren hat. Es ist dies offenbar ein beredtes Zeichen dafür, in welcher schweren wirthschastlichen Krisis sich Rußland befindet. , ,
Das englische Parlament hat sich am 24. November wieder einmal mit der egyptischen Frage beschäftigt, doch haben die betr. Debatten so gut wie nichts ergeben. Auf Bourke's Anfrage erklärte Gladstone, daß England mit Egypten noch keinerlei Vereinbarung abgeschlossen habe und daß auch iveder von England, noch von irgend einer anderen Großmacht eine Conferenz zur Regelung der egyptischen Frage bis jetzt vorgeschlagen worden sei. Auch Lawsen's Anfrage, ob die egyptifche Regierung der englischen im Procefte gegen Arabi Pascha die Entscheidung überlassen habe, antwortete der Staatssecretar Ditke ebenfalls verneinend. . .
Im Nillande scheinen die Rehabilitirungs-Bestrebungen ui em bedenkliches Stocken gerathen zu sein, denn alle auf dieselben bezüglichen Reformplane werden widerrufen, und wie es mit dem Aufstande des „falschen Propheten in Ober-Egyvten steht, weiß auch Niemand. Sollte dieser verworrene Zustand in Egypten vielleicht gar den Engländern Gelegenheit geben, das Nllland förmlich zu annectiren?!
Politische Ueberfkcht.
Gießen, 28. November.
Die General-Debatte im preußischen Abgeordnetenhause über den Etat am Mittwoch und Donnerstag ist ohne besondere Überraschungen zu Ende gegangen. Die Redner der verschiedenen Fraktionen legten ihren Standpunkt namentlich bezüglich des Steuer-Eilasses in maßvoller Weise dar; baß Herr Büchtemann, der Sprecher der Fortschrittspartei, und Herr Rickert, als Redner der Secessionisten, sich entschieden gegen den Steuer-Erlaß äußerten, durfte m Anbetracht der stritten Opposition, welche der vorgeschrittene Liberalismus der Regierung macht, nicht überraschen. Die Redner der beiden conservativen Parteien, v. Tiedemann und v. Minnigerode, erklärten dagegen sich ebenso entschieden für die Aufhebung der vier untersten Klassensteuerstufen, der Sprecher des Centrums, Herr v. Schorlemer-Alst, meinte, daß vor allen Dingen die politischen Rechte der von der Steuer zu Befreienden gewahrt werden müßten. Sehr reservirt äußerte sich Herr v. Benda Namens der Nationalliberalen über den - Steuer-Erlaß, doch konnte man seiner Rede entnehmen, daß die nationalliberale Partei eine Aenderung des bisherigen Steuersystems nicht wünscht nnd einer solchen nur im Falle der unbedingten Nothmendigkeit zustimmen würde. Im Uebrigen endete die General-Debatte über den Etat mit der Ueberweisung verschiedener Positionen an die Budget-Commission, wie dies seit Jahren gebräuchlich ist. Am Donnerstag gelangte ferner noch die Vorlage, betr. die Vertretung des Lauenburgifchen Communal-Verbandes, zur Berathung; die Debatte hierüber wurde am Freitag fortgesetzt; schließlich überwies das Haus die Vorlage an eine Commission von 14 Mitgliedern. Am Sonnbend trat das Haus in die zweite Berathung des Etats ein, deren Erörterungen von den bereits bei der erften Berathung bekannt gewordenen Gesichtspunkten nicht wesentlich abweichen. In den späteren Budget-Debatten ist als ganz besonders bedeutsam noch die Rede des neuen Abgeordneten Professor Wagner hervorzuheben, indem Prof. Wagner die Steuerreform durchaus von keinem Parteistandpunkte, sondern vom nationalen aus dahin iveitergesührt zu sehen wünschte, daß die indirecten Steuern zur Hebung der Reichseinnahmen und Verbesserung des Looses der ärmeren Klassen verwahrt, im Uebrigen aber die Steuerreform eine organische, auch das dirette Steuersystem in Anspruch nehinende Umgestaltung sein soll.
Die Thätigkeit des Bundesrathes wird zur Zett in hohem Maße durch die Vorbereitung der Specialetats des Reichsbudgets in Anspruch genommen, da bekanntlich der Reichstag am 30. November seine Berathungen wieder ausnimmt. Dazwischen widmet der Bundesrath seine Thätigkeit aber auch anderen wichtigen Gegenständen. So stand in den letzten Tagen wieder die Vorlage einer neuen Prüfungsordnung für die Aerzte auf der Tagesordnung des Bundesrathes und wird diese schwierige, schon seit einigen Jahren schwebende Neuordnung wahrscheinlich während der Dauer der bevorstehenden Reichstagssession ihre Erledigung finden.
Nach Berliner Nachrichten sind die langwierigen Verhandlungen m Sachen des Kirchenkampfes zwischen der preußischen Regierung und der päpstlichen Kurie wieder einmal in's Stocken gerathen und scheint die erstere eine sehr reservirte Stellung wieder eingenommen zu haben.
Das maßgebende parlamentarische Leben in Oesterreich wird, wie die kaiserliche Verordnung bestimmt, am 1. December durch die Eröffnung des Reichsraths beginnen und wird man bald Gelegenheit haben, zu constatiren, welche weitere Fortschritte die vielberufene Ausgleichspolitik des Grafen Taaffe unter den buntscheckigen Nationalitäten Oesterreichs gemacht ,hat. — Von kleineren Begebenheiten melden wir aus der österreichisch-ungarischen
Arankreich.
Paris, 26. November. Frankreich hat Italien gegenüber kein reines Gewissen Seitdem in Tunesien die blau-weiß-rothe Trikolore flattert, verfolgt man an der Seine jeden Schritt der italienischen Politik mit regstem Mißtrauen. Es ist daher kein Wunder, daß die Thronrede des Königs Humbert und insbesondere der für Deutschland so zuvorkommende Passus, der auf die Heirath des Herzogs von Genua anspielt, in Paris mit sehr gemischten Empfindungen zur Kenntniß genommen wird. Die kürzliche Wiederanknüpfung der diplomatischen Beziehungen zwischen Rom und Paris kann über die ^hatsache nicht hm- weatäuschen, daß die Republik sich mit der Erwerbung. Tunesiens die Sympathien Italiens dauernd entfremdet hat, daß den Politikern des Qmrmat die Augen über den wahren.Werth der französifchen Gönnerschaft aufgegangen Pi. und daß alle öffentlichen Kundgebungen jüngsten Datums der leitenden italienischen Staatsmänner den Entschluß verrathen, die Bedingungen der internationalen Macht und Größe ihres Landes gänzlich neu zu formuliren.
Telegraphische DepejHen.
Wolff'S telegr. Correspondenz'Brrrearr.
Berlin, 27. November. Der Kaiser empfing heute den deutschen Botschafter General v. Schweinitz, welcher nunmehr nach Petersburg zurückkehrt.
— Das Abgeordnetenhaus genehmigte sämmtliche auf d>e Tagesordnung gestellte Tbeile des Etats in unerheblicher Debatte. Dem Abg. Büchtemann gegenüber bezeichnete Minister Lucius rohes und bearbeitetes Nutzholz (nicht Brennbolz) als dasjenige Holz, bei welchem der bisherige zu niedrige Zoll eine weitere Erhöhung erfahren müße. Zu der Position für die Gesandtschaft bet der Kune bemerkt Abg. v. Eynern, er werde diesmal für die Bewilligung stimmen, weil die Thronrede die Hoffnung ausgesprochen habe, datz die Verhandlungen mit Rom zu einem Ergebniß führen würden, er hoffe aber die Verhandlungen würden in dem Sinne gefördert, daß ffe den Papst bestimmten, die staatliche Autorität in Preußen in derselben Weife anzuerkennen, wie er dies ander, n Staaten a.genüber thue, ohne daß er dadurch die Interessen der katholischen Kirche für gefährdet halte. Wmdhorst erwidert, er werde erst beim Kultusetat weiter aus die Sache eingehen. Fortsetzung morgen. , „ .
— Bezüglich der Meldung der Neuen Zeit, Feldmarschall Moltke werde zur 50jährigen Jubelfeier der Nikolaiakademie des russischen Generalstabes, deren Ehrenmitglied er sei, am 10. December in Petersburg erwartet, wird. der Nordd. Allg Ztg. von zuverlässiger Seite mitgetheilt, Graf Moltke habe die Einladung dankend abgelehnt. ^ordd. Allg. Ztg. bespricht die Wagner'sche Etatsrede auf das Anerkennendste und vermag die glänzenden Ausführungen desselbennur' bezüglich dir Beweglichkeit der Einkommensteuer, die doch nut: at§
werden könne, nicht ohne Vorbehalt 0^11^^611. Jöie @tnfommenfteu^^^ große Thetle der Erträge, die mit der Grund- und Ha"sersteuerDrecks ei^ seien. Man dürfe die Grund- und Häusersteuerpflichtigen in der daneben zu Einkommensteuer nicht höher belasten, ohne gleichzeitig den Erhöhungen der Grund- und Häus-rst-u-r durch di- Zuschläge ein Ziel zu setzen. Dl-Erwägungen verwick-u-r Natur fügten weit über Ne nächste R.gi-rungsvorlag- bbraus, nur d-r ^all der letzteren sei vorauszusehen, wenn ihr- Annahme der Durchführung der vollendeten idealen Reform aller direclen Steuern untergeordnet würbe
fiöln, 27. Novbr. Der Rhem und seine Nebenflüsse steigen noch anhaltend; der Wasserstand hat bereits die Hohe vom Jahre 187«I „nö
beträgt hier und bei Koblenz 880 Ctm., bet Bingerbrück 5o6 Der Waffer- stand der Mosel bei Trier betragt 730. Der Regen dauert allenthalben fort,
8* b-t «I6W«
habten Wolkenbruchs stieg der Mam sortdauernd; die an_ bau M°tnuser grenzenden Straßen sind überschwemmt Der Pegel, welcher gestern Mittag 475 Ctm ^eiate reictte heute Vormittag um 10 Uhr o~o Ctm.
' Biebrich, 27. Novbr. Die Pegelhöhe des Rheins beträgt 602 Ctm., nur 11 Ctm. weniger, als im Jahre 1862. Der Bahnhof von Kastel i|t uberschwMint ^br. Wegen Ueberschwemmung des Geleises bei
Hochheim ist der Bahnverkehr zwischen Wiesbaden und Franksurt a. M. emge- stellt. Der Rhein steigt immer weiter, alle Rhemorte smd überschwemmt, die
is 8 Mr,
Nicolay. Wei dl Strauss, iuhn. äizet.
Wenzel, Seltersatz, ausgegeben,
Herzog Ernst Krausse.
Dressner. Klauer.
C. M. v. Weber.
Mendelssohn- bissiger. Li chn er. Liebig. Kreutzer.
ilt sich zum An- um auf von Staats n etc. '
SchMr- unb
»streichen Miseren«
S'L'r eren 8** N
1
sKr-t m (Li Ml- M


