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29.10.1882 Zweites Blatt
 
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2SS. Zweites Blatt Sonntag den 29. Oktober 1882.

Meßmer Anzeiger

Amis- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureau: lSchulstrahe 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des MorrlagS.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohv.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

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Wochenschau.

Gießen, 28. October.

Der Herbst-Aufenthalt des Kaisers in Baden-Baden hat in dieser Woche sein Ende erreicht und ist der Kaiser im besten Wohlsein am ver- qanaenen Mittwoch wieder in Berlin eingetroffen. Obwohl das leichte Unwohl­sein , von welchem der greise Monarch noch während der letzten Tage feines Aufenthaltes in Baden-Baden befallen worden war, gänzlich wieder gehoben ift, so haben die Aerzte dennoch einige Schonung angerathen; trotzdem war aber der Kaiser gesonnen, den Hofjagden bei Ludwigslust am 27. und 28. o. Mts. beizuwohnen.

Mit den in dieser Woche, am 26. d. Mts., stattgefundenen Abge- ordneten-Wahlen ist nunmehr die Landtags-Campagne in Preußen beendigt und es werden sich nun die Gewinne und Verluste der einzelnen Parteien m der Wahlschlacht bald ziffernläßig nachweisen lassen. Nach den strs heute kundgewordenen Resultaten werden die Fractionen im neuen preußischen Ab- geordnetenhause ungefähr in ihrer alten Stärke wieder erscheinen; die meisten Vortheile haben jedenfalls die Deutsch-Conservativen errungen, und zwar auf Kosten der Nationalliberalen. Die Zusammensetzung des preußischen Abgeordnetenhauses dürfte demnach keine großen Veränderungen erleiden, so daß also auch die äußere Repräsentation deffelben die alte bleiben wird, wonach die Präsidentenstelle wieder durch die Conservativen, die erste Vice-Präsidentenstelle durch das Centrum und der Posten des zweiten Vice-Präsidenten durch die Freiconservativen besetzt werden wird.

Die Welfen haben bei der in Hannover bereits stattgefundenen Wahl des Stadtdirectors gesiegt. Senator Haltenhoff, der Candidat der wölfischen Partei, wurde mit 14 Stimmen zum Stadtdirector gewählt, während der Can­didat des Magistrats, Schatzrath Hugenberg, 12 Stimmen erhielt. Die Wahl scheint demnach einer politischen Bedeutung nicht zu entbehren.

In dieser Woche ist die Session der österreichischen Landtage die im Allgemeinen einen ruhigen Verlauf genommen hat zu Ende gegangen und folgte ihr auf dem Fuße die neue Session der ungarischen Delegationen nach. Dieselbe wurde am vergangenen Mittwoch in Pesch eröffnet; die Reichs­raths-Delegation wählte einstimmig Smolka zu ihrem Präsidenten. Den Dele­gationen ist zunächst das gemeinsame Budget pro 1883 vorgelegt worden, welches eine Gesammtausgabe von 117,910,768 Fl. aufweist, wovon nach Abzug der Deckung und verschiedener Ueberschüsse ein Gesammt-Erforderniß von 99,991,763 Fl. verbleibt. Eine stehende Position in dem gemeinsamen Budget Oesterreich-Ungarns bllden die Ausgaben für die in den occupirten Provinzen stehenden Truppen und auch jetzt beträgt die außerordentliche Ersorderniß für das Occupationsheer über den Friedensetat wieder 8,988,000 Fl. Da die occupirten Provinzen nicht im Entferntesten im Stande sind, diese Summe selbst aufzubringen, so wird die erwähnte Position wohl noch längere Zeit als unangenehme, aber unvermeidliche Zugabe im gemeinsamen Budget des öster­reichischen Staates figuriren.

In Frankreich bildeten die umfangreichen Verhaftungen der Persön­lichkeiten, welche als die Urheber der Unruhen in Montceau-les-Mines bezeichnet werden, das Ereigniß der Woche. Bei mehreren Verhafteten sind äußerst com- promittirende Papiere gefunden worden, welche die französische Regierung in den Besitz aller Fäden einer großen revolutionären Organisation gesetzt haben sollen, die, wie es heißt, durch Bezirksverbände über ganz Frankreich verbreitet ist und deren leitendes Comitö in Genf seinen Sitz hat. Jedenfalls ist die in Nontceau-les-Mines, wie es scheint, vorzeitig zum Ausbruche gelangte anar- Histische Bewegung ernster, als man in den Pariser Regierungskreisen sich an- sänglich träumen ließ und die Regierung des Herrn Grövy wird hoffentlich nichts versäumen, um dem Umsichgreifen dieser socialistischen Revolution en miniature energisch entgegenzutreten. Ob die Bomben - Affaire im Theater Bellecourt mit den socialistischen Umtrieben in Verbindung steht, wird wohl die über diese ganzen Vorgänge eingeleitete gerichtliche Untersuchung ergeben. Ein Resultat ist indessen hiervon noch nicht so bald zu erwarten, da, wie aus Paris gemeldet, der richterliche Spruch in dieser Angelegenheit wegen der den Ge­schworenen zugegangenen Drohungen erst in der nächsten Geschworenen-Session .gefällt werden wird.

Das englische Parlament ist am vergangenen Dienstag zu seiner neuen und wichtigen Session zusammengetreten. Dieselbe wird deshalb von besonderer Bedeutung sein, weil verschiedene wichtige Fragen vor das Forum des Parlaments gelangen werden. Die hervorragendste Rolle werden natürlich die egpptischen Angelegenheiten spielen und hat der Premier Gladstone am Er­öffnungstage im Unterhause bereits erklärt, daß der diplomatische Schriftwechsel bezüglich Egyptens dem Hause in nächster Zeit vorgelegt werden würde. Aus den weiteren Mittheilungen des leitenden Ministers über den Stand der egyp- tischen Angelegenheiten ist namentlich die Erklärung hervorzuheben, daß zwar England in Egypten jetzt eine freiere Hand habe als vor 6 Monaten, trotzdem seien aber die bestehenden Beziehungen noch höchst delicater und schwieriger Natur, auch könne die Regierung einen systematischen Plan bezüglich der Reor- ga.nisalion Egyptens vor Ablauf der Session nicht vorlegen. Das Unterhaus wird sich ferner mit der irischen Frage und auch mit der Reform der Geschäfts­ordnung zu beschäftigen haben; was letzteren Punkt anbelangt, so will bekannt­

lich die englische Regierung im Parlamente den Antrag auf Schluß der Debatte einführen, um hierdurch der von den irischen Deputirten mit Vorliebe ange­wandten Politik der Verschleppung der Debatten ein Ende zu machen. Noch am Dienstag nahm das Unterhaus einen Antrag Gladstones auf Priorität der Reform der Geschäftsordnung mit 98 gegen 47 Stimmen an, was als eine günstige Vorbedeutung für die Regelung dieser Angelegenheit im Smne der Regierung aufzufassen ist, trotz des zu erwartenden heftigen Widerstandes der irischen Deputirten und wohl auch der Conservativen.

In Belgrad, der serbischen Hauptstadt, bildet der Mordversuch auf König Milan das Tagesgespräch. Neber die Motive des Attentates werden verschiedene Gerüchte laut. Einmal heißt es, die Wittwe Markomc habe denn ersten Verhöre gestanden, die That aus persönlichen Gründen begangen zu haben, dann wieder heißt es, die Frau habe in einem Anfälle von Geistesgestörtheit das Attentat unternommen, eine dritte Version will endlich wissen, daß die Mar- kovic eine Agentin der revolutionären großserbischen Partei sei, welche darauf hinarbeite, König Milan um jeden Preis zu beseitigen, welcher Ansicht namentlich die Wiener Blätter sind. Die eingeleitete Untersuckung hat noch kerne dieser im Umlauf befindlichen Gerüchte bestätigt, doch ist es nicht unmöglrch, daß auch politische Motive unter den Urfachen des Attentates auf den serbrschen Herrscher eine Rolle spielen.

In dem Proceß gegen Arabi Pascha ist ein neues bemerkens- werthes Moment zu verzeichnen, indem die gesammte Correspondenz, welche der gefangene Ex-Dictator seit 2 Jahren führte, aufgefunden und von oen Englän­dern mit Beschlag belegt worden ist. Dieselbe wird möglrcherwerse von höchster Wichtigkeit sein, da sie u. A. Correspondenzen zwischen hohen türkrfchen Wür­denträgern und Arabi enthält, welche vielleicht über die eigenthümlrchen Bezre i- unqen Arabi's zur Pforte Licht verbreiten werden. Der Khedive hat die egyp- tischen Oificiere, welche am Aufstande theilgenommen haben, vom Hauptmann abwärts bedingungsweise begnadigt.

Manila, die blühende Hauptstadt der den Spaniern gehö­renden Philippinen-Inseln im ostindischen Archipel, ist zu Anfang dreier Woche von einem furchtbaren Typhon (Wirbelsturm) heimgesucht worden. Der ^turm verheerte einen großen Theil der Stadt und richtete auch un Hafm große Ver­wüstungen an, wodurch viele Schiffe, darunter auch mehrere deutsche, therls zer­trümmert wurden oder starke Beschädigungen erhielten.

Vermischtes.

Newyork, 23. Oktober. Ein Locomotioführer auf der Pennsylvania-Eisenbahn rettete gestern das Leben von 600 Menschen ourch einen bewunderungswürdigen Akt von Heroismus. Die Thüre des Feuerraumes wurde durch den Heizer geöffnet, um das Feuer besser anzufachen. Der Luftzug trieb die Flamme zuruck, so daß der Wagen der Locomotive Feuer fing, welches in dem Maße wuchs, daß ber Locomotioführer und der Heizer gezwungen wurden, über den Tender sich in den nächsten Personenwagen zurückzuziehen und die Maschine ohne Controle zu lassen. Der Zug brauste mit immer mehr wachsender Schnelligkeit dahin; die Flamme wurde immer großer und eo war Gefahr vorhanden, daß sämmtliche Passagierwagen von ihr ergriffen würden. Die Passagiere waren, wie man sich denken kann, von Schrecken vollständig gelahmt, da sie eine Entgleisung oder den Trd in den Flammen befürchten mußten. Es gab nur einen Weg zur Rettung: die Maschine zum Stillstand zu bringen. Das erkannte der Locomotioführer und that seine Pflicht. Er stürzte sich in die Flammen, kletterte über den Tender und brachte die Maschine zum Stillstand. Als man sich umsah, fand man ihn in dem Wasserbehälter. Seine Kleidungsstücke waren vollständig verbrannt, sein Gesicht entstellt, seine Hände gleichsam gebraten. Bewußtlos wurde er msi Hospital gebracht und man zweifelt an seinem Aufkommen. Der Name des Braven ist Zofepy A- Sieg-

Eine BerlinerFiorara" - Blumenverkäuferin - hatte siK am 12. Oktober in der Person der 56jährigen Signora Augusta Lehmann vor dem Schoffengerichr z verantworten. Sicheren Schrittes beschritt sie die Anklagebank, resoluter Pofe sie dem Gerichtshof gegenüber Stellung. Man sieht es ihr °uf den ersten B , daß ihre Wiege weitab von derBella Venezia - ber..,l8taIht^1ÄeiL poesieumflossenen Berufsschwestern gestanden - man merk s, daß sie mit Sp aster getauft. Auch ihre Toilette steht in gar unsauberem Contrast -u ihrem farrenrttchm Gerufe. Was sie verbrochen hat, diese moderne Wegelagerm? Nun die Anklage lauter auf das schlechterdings prosaische Delict der Unterschlagung. Herr Feo % .

Dandy der Passage, trat eines Abends in Geschäftsverbindung mit der ,,o 9 . '

wie diese Blumen-Donna unter Ihresgleichen genannt wlrd^.Für seindecoratons- bedürft'ges Knopfloch bedurfte er einer frischerblühten Rose. Er -rwarb eine^olch^von der Angeklagten und drückte ihr als Entgelt dafür 10 Pf- in die Han , 0 '

in Wirklichkeit waren es aber 10 Mark. DerJrrhumwurdevn^ bemerkt, als er das Brandenburger Thor erreicht hatte. Er

der Erfolg seiner Umkehr war ein sehr^problematischer Angeklag e

steif und fest, nicht meyr als 10 Pf. empfangen zu haben. - Präs. . Angeklagte ^zenn Sie das begangen haben, was Ihnen die Anklage hiervorwirft, dann thun S^^gut, wenn Sie es offen und reumüth'g emgestehen. Sie kommen heianaen haben

SnnefI Ack wat besser fort' Wat soll ick denn um Jotteswillen belangen yaoen, f>err Gerichtshof^' Bei mir sind se tut mal nich billiger die fnsche ^^rosens un -MS S ÄS4 5.KÄ1: SgÄ«

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