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28.5.1882 Zweites Blatt
 
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srr >23 Zweites Blatt. Sonntag den 28. Mai 1882

ießener Anzeiaer

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Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureau: Schulstraße B. 18. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Preis vierteljährlich 2 Mar! 20 Ps. mit Bringcrlohn.

. . ______________Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Marl Ö0 Pf.

Wochenschau.

Gießen, 27. Mai.

Das liebliche Pfingstfest ist im vollsten Blüthenschmuck des Früh­lings wieder in die Lande eingezogen, Millionen von Herzen mit neuer Lull und neuer Wonne erfüllend. Festliche Stimmung lagert über Berg und Thal und frohbeivegte Schaaren wallen hinaus in die frischgrünende Natur, um hier einmal Erholung von all den kleinen und großen Sorgen zu suchen, die sich zu jeder Zeit an den Fuß des Menschen heften. Auch die Politik feiert im Allgemeinen, da der Weltfriede nicht bedroht erscheint, wenn auch nicht zu leugnen ist, daß der politische Himinel gegenwärtig nicht völlig fleckenlos sich darstellt. Namentlich ist es die immer verwickelter werdende egyptische Frage, welche die Aufmerksamkeit der europäischen Cabinete mehr als je auf sich zieht und das ernstere Stadium, in welches neuerdings die Dinge am Nil wieder getreten st»d, erweckt fast die Befürchtung, als ob die egyptischen Wirren nur durch Blut und Eisen zu klären seien. Trotzdem steht nicht zu befürchten, daß sich hieraus ernstliche Differenzen zwischen den Mächten ergeben könnten, denn abge­sehen von abweichenden Meinungen über vereinzelte Punkte sind die Mächte bis jetzt der Hauptsache nach in der Behandlung der egyptischen Frage einig, näm­lich darin, den Status quo in Egypten aufrecht zu erhalten und alle Versuche der arabischen Partei, Egypten die vollste Selbstständigkeit zu verschaffen, energisch niederzudrücken. Die Besorgniß, daß sich aus dein egyptischen Funken ein allgemeiner Weltbrand entwickeln könnte, erscheint daher unbegründet, so daß wir unbesorgten Herzens uns den Freuden des Pfingstfestes hingeben können.

Neber die in Ausficht genommene Sommer reife des Kaisers sind nach derProv-Corresp." einige vorläufige Bestimmungen getroffen. Dar­nach wird die Abreise nach Ems in die Zeit zwischen dem 12. und 18. Juni fallen. Nach dreiwöchigem Kurgebrauche daselbst ist wiederum ein mehrtägiger Aufenthalt auf der Insel Mainau im Bodensee beabsichtigt, so daß, wenn die gleichfalls auf drei Wochen berechnete Kur in Wildbad Gastein beendigt sein wird, die Rückkehr nach Berlin mnerhalb der ersten Hälfte des August erfol­gen würde.

Nach Mittheilungen aus Friedrichsruhe soll der Reichskanzler Fürst Bismarck in keiner Weise durch die ablehnenden Beschlüsse der Tabak- monopol-Coinmisfion des Reichstages überrascht worden sein. DerKreuz-Zta " zufolge war Fürst Bisinarck auf die Ablehnung des Monopol-Entwurfes gefaßt und hatte auch die Annahme der AltSfeld'schen jetzt Lwgensschen Reso­lution vorausgesehen. Da der Kanzler genötigt ist, seines körperlichen Zustan­des wegen die größte Schonung seiner Kräfte eintreten zu lassen, und weil zu seiner völligen Wiederherstellung ein mehrwöchentlicher Aufenthalt in Friedrichs- mhe geboten ist, so wird Fürst Bismarck der zweiten Lesung des Monopol- Entwurfes im Plenum vorausfichtlich ebenfalls fern bleiben und in die Reichs­tagsverhandlungen überhaupt nicht eiugreifen.

Die im siebenten süchslschen Wahlkreise (Meißen-Großenhainl stattgefundene Ersatzwahl zum Reichstage für Prof. Richter-Tharandt welcher zurückgetreten ist hat abermals einen Beweis für die nach Links gehende Strömung gebracht. Nach den bis jetzt bekannten Ergebnissen sind auf Den fortschrittlichen Candidaten Kämpffer 3585, auf den socialdemokratischen Candi- daten Geyer 2392 und auf den Candidaten der Freiconservativen Schickert 4390 Stimmen gefallen. Da bei der Wahl von 1881 im genannten Wahl­kreise der fortschrittliche Zähl-Candidat nur 190 Stimmen erhielt so ist das Anwachsen der fortschrittlichen Stimmen allerdings höchst frappirend

Die Befürchtung, daß Oesterreich den Aufstand in der Crivoscie auch noch in die Pfingsttage hineinfchleppen werde, scheint sich nicht zu bestä­tigen. Wie aus Ragufa gemeldet wird, sind die Insurgenten der Crivoscie sowie diejenigen von Ledenice und Ubli aus allen ihren Schlupfwinkeln durch die streifenden Truppen vertrieben worden und auf das montenegrinische Gebiet übergetreten. Die in sehr verwahrlostem Zustande befindlichen Insurgenten sind von den montenegrinischen Cordon-Truppen nach einigem Sträuben entwaffnet und in der Nähe von Grahovo intenürt worden. Das Herrenhaus hat die Reichsraths-Wahlordnung in namentlicher Abstimmung mit 68 gegen 53 Stimmen abgelehnt.

Die im französischen Cabinet drohende Krisis ist nicht zum Aus­bruch gelangt, da der Finanzminister Löon Say feine Demission in Folge des ihm von der Deputirtenkammer ertheilten Vertrauensvotums wieder zurückge­zogen hat. Die Kammer nahm am Dienstag eine, auch von Leon Say accep- tirte, Tagesordnung mit 302 gegen 36 Stimmen an, welche dem Vertrauen 'u dem Finanzminister Ausoruck giebt, so daß Say keinen Grund mehr hatte, auf seiner Demission zu beharren. Allseitig wird, höchstens mit Ausnahme der Gambettisten, dieser Ausgang mit Befriedigung begrüßt und hat der Zwischen­fall nur dazu beigetragen, die Stellung Say's im Cabinet zu stärken

Im englischen Unterhaufe haben in Den letzten Tagen sehr lange und zum Thell sehr bewegte Debatten über die neue irische Zwanasbill io wie Uber die Pachtrückstands-Vorlage ftattgefunDen. Letztere wu?de von GlaDstone gegenüber den heftigen Angriffen, die sie von conservativer Seite erfuhr in glanzender Weise vertheidigt und der englische Premier hatte denn auch die Ge- ÄÄ U HE am Dienstag die Rückstandsbill in der Mgierungs- fS Fl b Sttmmen m ^ster Lesung annahm. Unmittelbar herauf trat das Haus in die zweite Lesung der irischen Zwangsbill ein, welche

Tn n '"'chen Deputirten heftig angegriffen wurde. Glad- Idone vertherdtgte indessen m überzeugender und fesselnder Weise die Regierungs­

Vorlage, so daß seine Ausführungen nicht verfehlten, im Hause einen großen Eindruck zu machen.

In Mailand sand am vergangenen Dienstag der feierliche Empfang der anläßlich der Gotthardtbahn dort eingetroffenen deutschen und schweizerischen Festgäste statt. In seiner Begrüßungsrede äußerte Mancini, der italienische SRimster des Aeußem, daß das große Ereigniß der Eröffnung der Gotthardt­bahn bestimmt sei, die BanDe der Freundschaft und die Gemeinsamkeit der In­teressen der drei Nationen, welche diesen glänzenden Tribut der Civilisation entrichten, noch enger zu knüpfen und unauflöslich zu machen.

Die rusfische Regierung hat plötzlich sehr rigorose Vorschriften gegen die Juden erlassen. Darnach ist 1) den Juden verboten, sich außerhalb der Städte und Dörfer niederzulassen; 2) sind alle Kauf- und Pachtabschlüsse mit Juden zu fiftiren; 3) ist den Juden verboten, an Sonn- und Feiertagen, an denen die christlichen Geschäfte geschlossen sind, Handel zu treiben; 4) sind der dritte und erste Punkt nur in den Gouvernements anzuwenden, in welchen Juden ständig ansässig sind. Diese Bestimmungen erscheinen nur als die natiir- liche Folge der unter dem Jgnatieffscheu Regime gegen die russischen Juden infcenirten Gewaltmaßregeln und beweisen, daß der Einfluß dieses Mannes wieder mehr als je beim Czaren maßgebend geworden ist.

Die egyptische Krisis hat über Nacht ein recht kriegerisches Aussehen erhalten. Die Verhandlungen zwischen den Vertretern Englands und Frankreichs in Kairo mit dem egyptischen Ministerium sind von letzterem abgebrochen wor­den und trifft dasselbe bereits kriegerische Vorkehrungen gegen eine eventuelle Landung fremder Truppen in Egypten. Nach Alexandrien wurden 400, nach Damiette 200 Manu Artilleristen geschickt, auch werden an der Küste eine Reihe Torpillos gelegt. Entgegen anderen Gerüchten wird jetzs versichert, daß zwischen den Westmächten und den übrigen Mächten bezüglich der egyptischen Angelegen­heiten vollständiges Einvernehmen herrsche; Frankreich und England beabsich­tigen, die Entscheidung über die weiterhin zur Wiederherstellung der Ordnung in Egypten zu ergreifenden Mittel den andern Mächten zu unterbreiten.

Leffentltchc Sitzungen des Provinzial-Ansschnfles der Provinz Over- h essen.

Zn Folge eines Versehens wurde über die am 1. März v. I. stattgesundene Verhandlung m Betreff des Ansinnens Gr. Kreisamtes Friedberg an die Gemeinden Nieder- und Ober-Eschbach wegen Ausbringung her lieft en zur Herstellung von Einfriedigungen junger Schläge im Gemeinde­te a Id ein Referat nicht erstattet. Nachdem nunmehr Gr. Verwaltungsgerichtshof end­gültig entschieden hat, erscheint es mit Rücksicht auf die prinripielle Wichtigkeit dieser Entscheidung für die Gemeindeverwaltung als angemessen, das Versäumte nachzuholen und aus den früheren Verhandlungen Dasjenige zusammenzustellen, was sich für die von dem Verwaltungs-Gerichtshofe allem entschiedene Competenzfrage als wesentlich erweist.

Am 25. August 1880 richtete Gr. Kreisamt Friedberg an die Ortsoorstände zu Ober- und Nieder-Eschbach das Ansinnen, die Mittel aufzubringen zur Her­stellung von Einfriedigungen, welche nach Ansicht der Forstdehörde zum Schutze einzelner junger Schläge m den Gemeindewaldungen gegen das in außergewöhnlicher Anzahl vorhandene Roihwild unbedingt nothwendig seien. Nachdem die beiden Ortsvorstände sich gesteigert hatten, diesem Ansinnen zu entsprechen, pronocirte das Kreisamt die Entscheidung des Kreisausschuffes. Dieser erkannte unterm 23. December 1880 dahin, daß die Gemeinden Ober- und Nieder-Eschbach nicht schuldig zu erachten feien, dem Ansinnen Gr. Kreisamies Friedberg vom 25. August d. I. auf Aufbringung von 892,27 M. bezw. 840 M. zur Einfriedigung von jungen Hegen in den bezüglichen Taunuswaldungen zu entsprechen.

Die Entscheidungsgründe lauten wie folgt:

Der Kretsansschuß konnte in Folge der in der öffentlichen Sitzung gemachten Ausführungen der Bürgermeister von Ober- und Nieder-Eschbach und des Vertreters letzterer Gemeinde die Ueberzeugung nicht gewinnen, daß ein übermäßiger Bestand des Rothwildes vorhanden oder daß dieser die hauptsächliche oder auch nur wesentliche Ursache ist, daß neue Bestandgründungen in der Obersörsterei Nieder-Eschbach nicht aufgebracht werden können und deshalb Einfriedigung der jungen Hegen erforderlich ist, eventuell ist er der Ansicht, daß selbst in dem Falle, daß zugegeben wäre, daß das Roihwild dem Walde erheblichen Schaden zusügt, nicht erwiesen ist, baß die zu Gebote stehenden, gesetzlichen Schutzmittel genügend angewendet, beziehungsweise erschopit worden sind und darum erst wenn dieses geschehen und erfolglos geblieben sein laute,

außerordentliche Maßregeln zu beantragen wären. ,

Gegen diese Entscheidung verfolgte das Kreisamt denRerurs an bett Provinz an Ausschuß. Die öffentliche Verhandlung vom 1. März °. 3-, in welcher baä i ÄtetSamt durch den Gr. Kreis-Assessor Küchler und die Gemeinden durchi deniRech s°nwalt vr. Osann vertreten waren, gewann insbesondere durch die aussithrltchen D .8 8 der Sachverständigen, des Professors Dr. Heß und des Oberförsters Muhl e,n hohes Interesse.

Der Provinzialausschuß entschied in Erwägung mit anderen weniaer

1. daß die jungen Schläge gegen das Wild allerdings noch mit anderen weniger kostspieligen Mitteln, Theeren, Erheben der Wildschadensklagen re. g ch tz konnern Qud) bjc Einfriedigung von ungefähr Vf beMabn^

Waldes sehr viel eischeint, umsomehr, da nach Ang er Sach^^ ^g^^^ sich"^Mlerdürgs"^auchE'oer^ von^den'Gr^Lchörden abgelehnte Vermittelungsvorschlag, kleine Thelle ^uJ"eb'8«^ aber von den Gemeinden in Ab­

rede gestellte1 abnorme Wildstand Es^°^° andere Ursachen, wie sie von , ba6 ebenso memgn epg $ ba§ ,u lichte Stellen des Waldes und die d7du?ch"veranlaßte Dürre'und Unstuchtbarkeit des Waldbodens, das entsprechende Auf­kommen der jungen Schlageenrb bir Sachverständigen zunächst auf Unter­

suchungen und Beobachtungen der bett. Thatsachen und Umstände an Ort und Stelle beruhen worauf es zunächst ankommt,

6 daß dagegen ein Sachverständiger ausdrücklich das Auskommen junger Schläge ohne Einfriedigung in jener Gegend des Taunus behauptet hat;