Ausgabe 
28.5.1882 Erstes Blatt
 
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Ar. 123. Erstes Blatt Sonntag den 28. Mai 1882.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Bureau: Schulstraße B. 18. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf mit Brinflerlchn.

Durch Die Post bezogen viertel jährlich 2 Mart üo V-

Amtlicher HHeiü

Gefundene Gegenstände:

1 Aermel von einem Kleid, 1 Taschenmesser, 1 Hundemaulkorb, 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 Hose, 1 Milchkanne und mehrere Schlüssel. Gießen, am 27. Mai 1882. Großherzogliches Polizeiamt Gießen.

Fresenius.

Pfingsten.

Pfingsten, das wonnigste und lieblichste aller Feste, ist wieder in das Land ge­zogen! Begünstigt durch eine herrliche Jahreszeit, in welcher des Wtnlers Stürme verschwunden und in der Regel ein blauer, heiterer Himmel mit warmen Sonnen­strahlen dauernd Herrscher geworden sind, ist Pfingsten das eigentliche Frühlingsfest, die Krönungsieier des Lenzes. Wälder und Fluren prangen nun IN ihrem schönsten Schmucke und Mutter Erde zeigt ihr grünes und buntes Festgewand 'N voller Schöne. Das Erwachen und Auserstehen der Natur um die Osterzeit ist zu Pfingsten zur voll­endeten Wahrheit geworden und selbst die Wiederkehr einiger rauhen Tage konnte die Segenspende nicht verhindern.

Doch wenn wir am Pfingstseste uns des alljährlich wiederkehrenden Frühlings­segens freuen, so dürfen wir aber auch nicht vergessen, daß Pfingsten auch ein Fest ist von einer tiefen innersten Bedeutung für das menschliche Herz und die ganze Mensch­heit überhaupt. An dem ersten christlichen Pfingstseste war es, wo die kleine treue Schaar des gekreuzigten Jesus von seiner heiligen Begeisterung ergriffen wurde, die sie alsbald befähigte, die Heilbotschaft ihres großen Meisters in alle Länder zu tragen und wenn wir heute das Wachsihum und die Giöße der Christenheit bewundern, so müssen wir uns wobl auch eine erhabene, edle Vorstellung von der Begeisterung wachen, deren die Apostel Jesu am ersten Pfingsttage thcckhastig wurden.

Das Wunder und die Segensihat, die damals für die ganze Menschheit geschah, kann aber auch noch heute für jeden einzelnen Menschen zur Wahrheit werden und besonders ist das Pfingstsest dazu angethan, eine erhabene Weihe und Begeisterung in das menschliche Herz zu tragen, wenn die Stimme des Herzens und der Sinn für das Erbabene nur nicht in Aeußerlichkeiten und materiellen Genüssen erstickt worden sind. Und selbst wo das Letztere zur betrübenden Thatsache gewoiden ist, so ist doch Gottes heirliche Natur oder ein wciheoolles Wort aus begeistertem Munde noch oft im Stande gewesen, verirrte Herzen anderen Sinnes zu machen. Mag daher auch das diesjährige Pfingstfest neben seiner Lust und Freude für Alt und Jung ein wahrer Segenspender für die menschlichen Herzen sein, mag jedes Her, einen Hauch von jener heiligen Begeisterung spüren, die uns släikt zu allen guten Werken und uns begreiflich macht, daß alles Vergängliche nur ein GIeichn>ß ist.

Darmstadt, 26. Mai. Se. Königs. Hoheit der Großherzoq haben Mergnädigst geruht:

Am 24. Mai den Ober-Amtsrichter August Klingelhöffer zum Land­gerichtsrath bei dem Landgerichte der Provinz Starkenburg und den Amtsrichter August Bergsträßer zum Landrichter bei dem Landgerichte der Provinz Starkenburg zu ernennen;

an deins. Tage den Kreisassessor bei dem Kreisamte Friedberg Wilhelm Küchler auf sein Nachsuchen aus dem Dienste zu entlassen.

Telegraphische Depeschen.

Wolff's telegr. Correfpondcnt-Bureau.

Berlin, 26. Mai. Heute Vormittag sand vor dem Kaiser aus dem Tempelhofer Felde die Frühjahrsparave der Berliner und Spandauer Garnison statt, welcher die Mitglieder des kaiserlichen Hauses, der Fürst von Bulgarien und andere Fürstlichkeiten beiwohnten. Der Kaiser wurde auf der Hin- und Rückfahrt von der zahlreichen Volksinenge enthusiastisch begrüßt. Der Fürst von Bulgarien^vird voraussichtlich morgen nach Darmstadt abreisen.

Der Fürstbischof von Breslau und der Bischof von Osnabrück dinirten gestern bei dem Cultusminister und werden heute an dem Parade-Drner im Schlosse theilnehrnen.

Die Strafkammer des Landgerichts I verurtheilte den Justizrath Heil­bronn wegen Unterschlagung von Mündelgeldern und Depositen zu sechs Jahren Gefängniß und fünf Jahren Ehrverlust.

DerReichs-Anz." veröffentlicht das Gesetz, betr. die Erweiterung und Ergänzung des Staats-Eisenbahnnetzes.

Kiel, 26. Mai. Das aus den SchiffenFriedrich Karl",Friedrich der Große",Kronprinz",Preußen" undGrille" bestehende Uebungsgeschwa- der ist heute ^Nachmittag 2 Uhr in den hiesigen Hafen eingelaufen.

Meißen, 26. Mai. Nach dem nunmehr vorliegenden definitiven Er- gebniß der Reichstags-Ersatzwahl im hiesigen Wahlkreise erhielten von 11,864 im Ganzen abgegebenen Stimmen Schicken (Eons.) 4944 Stimmen, Kämpffer (Fortschr.) 4321 Stimmen, Geyer (Soc.) 2551 Stimmen. Zwischen den beiden ersten ist eine Stichwahl ersorderlich.

Wien, 26. Mai. Die amtlicheWiener Ztg." veröffentlchl ein Hand­schreiben des Kaisers an den Grafen Beust, durch welches dessen Bitte um Ent­hebung von dem Botschafterposten in Paris und Versetzung in den Ruhestand genehmigt wird. Gleichzeitig wird dem Grafen in den schmeichelhaftesten Aus­drücken für die hervorragenden Dienste, welche er dem Kaiser, dem kaiserlichen Hause und dem Staate geleistet, die vollste Anerkennung und der Dank des Kaisers ausgesprochen.

Paris^ 26. Mai. Conseil - Präsident Freycinet empfing gestern den Besuch Leon Say's; die Unterhaltung war eine sehr herzliche. Nachrichten aus Wien zufolge steht eine neue englisch-französische Eröffnung bezüglich Egyp­tens an die europäischen Mächte bevor. J,n Falle die friedliche Lösung, auf welche noch hingearbeitet wird, nicht gelingen sollte, würden England und Frank­

reich, wie es heißt, dem europäischen Coneert neue Maßregeln unterbreiten, welche bestimmt seien, den Widerstand des egyptischen Cabinets zu besiegen. Wie aus Konstantinopel gemeldet wird, wäre es unrichtig, daß der französische und der englische Botschafter den Auftrag erhalten hätten, die Note der Pforte voin 17. Mai durch eine identische Mitthellung zu beantworten. Marquis de Noailles und Lord Dufferin hätten einfach vor'jener Note wie nachher, der Pforte freundschaftliche Aufschlüsse über den Charakter der englisch-französischen Intervention gegeben, welche lediglich den Zweck verfolge, den Status quo in Egypten aufrechtzuerhalten.

Kairo, 26. Mai. (Meldung derAgenee Havas"). Dem Vernehinen nach weigert sich das Ministerium, auf die 'von den Consuln Englands und Frankreichs gestellten Bedingungen einzugehen.

Riga, 26. Mai. Gestern brach hier in der Moskauer Vorstadt in der Parquetfabrik von Schiers Feuer aus, durch welches über 40 Häuser einge­äschert wurden. Der Schaden wird auf '/3 Mill. Rubel geschätzt. An der Versicherung sind die meisten russischen Asseeuranzen betheiligt.

London, 26. Mai. Unterbaus Anläßlich des von dem Premier Gladstone gestellten Antrages auf Vertagung des Hauses dis zum Donnerstag verlangt Lawson, die Regierung solle sich verpflichten, in Egypten keine Gewaltmaßregcln ohne vor- berige Einwilligung des Parlamentes anzuwenoen. Gladstone erwidert, es sei für die Regierung unmöglich, eine solch- Verpflichtung einzugehen, obschon keine sichtbare Wabrschemlichkeit einer Anwendung der Gewalt vo.Hunden sei. Die Souveränctät des Sultans müsse resvectir! wenden und jeder Versuch, dieselbe in solchen Fällen, wie in dem gegenwärtigen, zu stören, würde weder weise, noch auch mit den Ansichten der anderen Hfichte verträglich sein. Die jetzige Debatte könne nur nachhaltig wirken. Die englische und französische Regierung befänden sich in vollständiger Uebereinstimmung binsichtlich der Politik in Egypten, die Beziehungen zu Frankreich seien während des Krimkrieges nicht enger gewesen, als jetzt in Bezug aus Egypten Gladstone erklärt schließlich, er halte ohne Vorbehalt an den hoffnungsvollen, ja. selbst erfreulichen An­sichten fest, welche Dllke und Lord Granville hinsichtlich der wahrscheinlich eintretenden Ereignisse in Egypten ausgesprochen hätten. Northcote bemerkt, die Erklärung Glad- ston-'s seien nicht gerade beruhigend, aber es sei selbstverständlich, daß eine verfrühte Diskussion unerwünscht sein müsse.

Konstantinopel, 26. Mai. In der der Pforte gestern mitgetheilten französisch- englischen Verbalnote wird zunächst ausgesührt, daß der rapide Verlauf der Ereignisse in Egypten die sosoitige Entsendung des Geschwaders nothwendig gemacht habe, um die den französischen und englischen Staatsangehörigen drohenden Gefahren zu be­seitigen. Die Note besagt sodann im Wesentlichen, nach den Regierungs-Erklärungen in den französischen und englischen Parlamenten habe sich Niemand über Character und Ziel diefer Demonstrationen täuschen können, Frankreich und England seien nicht nach Egypt-n gegangen zu Zwecken einer egoistischen Politik, sondern ausschließlich zur Wabrnng der Interessen der g-sammten Mächte ohne Unterschied der Nationasttät und zur Aufrechterhaltung der Autorität des Khedive gemäß dem von den Mächten an­erkannten Firman. Niemals hätten Frankreich und England beabsichtigt, Truppen in Egypten an's Land zu setzen oder Egypten militärisch zu besehen. Sobald die Ordnung wieder hergestellt und die Zukunft des Landes gesichert sei, würden dieselben das Ge­schwader wieder abberufen und Egypten sich selbst überlassen. Wenn jedoch gegen die Erwartung der englischen und sranzösischen Regierung eine friedliche Lösung nicht zu erreichen fein sollte, würden die beiden Reg'erungen sich mit den Mächten und der Türkei betreffs der Maßregeln, welche ihnen am besten erschienen, tn's Ein­vernehmen setzen. Eine Abfchrist der Note wurde dem Minister des Aeußeren übergeaen.

Die Botschafter Marquis de Noailles und Lord Dufferin ließen der Pforte als Antwort aus deren Rundschreiben vom 17. ds. eine identische Mittheilung zugehen, in welcher es heißt, England und Frankreich hätten nicht die Absicht gehabt, die Rechte des Sultans durch eine militärische Expedition nach Egypten zu mißachten. Wenn es nöthig werden sollte, an die souveräne Autorität zu rekurriren, so werde man sich an die Pforte wenden. Bisher seien jedoch die Rechte des Sultans nicht in Frage gestellt und demnach auch eine Interventen der Pforte nicht nöthig gewesen. Vorkommenden Falles werde die Pforte zur Mitwirkung aufgefordert werden. England und Frank­reich hofft damit das in dem Rundschreiben vom 17. ds. angedeutete Mißverständnis zu beseitigen. Die Pforte hat dem Barrere'schen Anträge zugestimmt unter der B>- dingung, daß die Vollmachten der Donau Commission verlängert werden und der Delegirte Bulgariens durch Vermittelung der Pforte ernannt wird. Die ans Egypten verbannten zwenindvierzig tscherkessischen Osficiere sind hier eingetroffen. Dieselben werden in den Kasernen internirt, wo sie ihrem Range gemäß behandelt werden.

Lokale».

Gießen, 27. Mat. (Rechenschaftsbericht über die Thätigkeit des Volksbildungs-Vereins im Winter 1881/82.) Der hiesige Volksbildungs- Verein hat auch im verflossenen Winter eine segensreiche Thätigkeit entfaltet. Am 5. November v. I. begannen bje Leseabende, in denen viele junge Leute während der Winterzeit wöchentlich zweimal eine nützliche Beschäftigung, Anregung und Belehrung fanden. Durch diese nun schon seit einer Reihe von Jahren bestehende Einrichtung, welche seitens der Stadt Gießen durch die unentgeltliche lliberlassung der erforderlichen Lokale mit Heizung und Beleuchtung dankenswert!) gefordert wurde, bietet der Verein besonders den hiesigen Lehrlingen Gelegenheit, rbre Kenntnisse durch Selbst- thät'gkeit zu erweitern und die ihnen noch srei bleibenden Winterabende nützlich zu verbringen. ,

Einem dringenden Bedürfniß ist der Verein entgegengekommen durch Einrichtung einer Volksbi bli ot h e k, die besonders im letzten Winter seitens des hiesigen Arbeiter­und Handwerkerstandes in ausgedehnter Weise benutzt wurde. Der Zudrang war in der legtin Zeit so bedeutend, daß der Verein, will er allen Anforderungen, welche in dieser Hinsicht an ihn gestellt werden, entsprechen, zu ganz bedeutenden Neu-