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Wsßener Anzeiger

Amts- und Anzeigebtatt für den Kreis Gießen.

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Politische Ueberficht.

Gießen, 26. October.

Die Frage nach dem Ausgange der Urwahlen in Preußen beherrscht augenblicklich ausschließlich unsere innere Politik. Acht Tage sind nun seit den Wahlen vom 19. October vergangen, aber die vorliegenden Nach­richten weisen noch solche Lücken auf, daß sich aus jenen bis zur Stunde noch kein, Gesammtbild der künftigen Physiognomie des preußischen Abgeordneten­hauses construiren läßt und werden dies erst die Abgeordnetenwahlen vom heutigen Tage ermöglichen. Das Eine läßt sich aber jetzt schon nut Bestimmt­heit erkennen, daß die Wahlen für den fortgeschrittenen Liberalismus nicht so günstig ausgefallen sind, wie auf dieser Seite erwartet wurde, ja, wenn sich die vorliegenden Meldungen bestätigen, so hat die Fortschrittspartei namentlich in Ostpreußen durch die Conservativen eine empfindliche Einbuße erlitten, wenn sich dieser Verlust vielleicht auch durch Eroberungen in andern Provinzen annähernd wieder ausgleichen mag. Wie es scheint, werden die gemäßigten Parteien einige Sitze gewinnen, die Ultramontanen ein paar verlieren, so daß man annehmen kann, daß in den Parteiverhältnissen des preußischen Abgeordnetenhauses keine wesentliche Verschiebung eintreten wird. Dasselbe würde also wiederum keine homogene Majorität, sondern nur eine solche vonFall zu Fall" aufzuweisen haben und den politischen Schachergeschäften wäre demnach hiermit abermals Thür und Thor geöffnet, was für die nächste Gestaltung unserer inneren poli­tischen Verhältnisse gerade keine erfreuliche Perspective bildet.

Der Bundesrath hielt am Dienstag eine Plenarsitzung ab. Auf der Tagesordnung stand u. A. der Antrag Preußens auf erneute Anordnungen auf Grund des § 28 des Gesetzes gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie. Er beschloß, den kleinen Belagerungszustand in Hamburg auf ein Jahr zu verlängern.

Der preußische Finanzminister Scholz weilte in diesen Tagen beim Reichskanzler in Varzin, mit welchem er über den Staatshaushalts-Etat und die Steuer-Reform conferirte. Es handelt sich hierbei insbesondere um die Form, in welcher die geplante Steuer-Reform im Abgeordnetenhause vorge- oracht worden ist, nachdem die Regierung auf das Verwendungsgesetz definitiv verzichtet hat. Ueber das Resultat dieser Conferenzen verlautet natürlich noch nichts Näheres.

Die Bomben-Affaire von Ronchy hat nun ihren gerichtlichen Abschluß gefunden. Wie dieNeue Fr. Presse" aus Triest meldet, hat das am Sonnabend zusammengetretene Kriegsgericht den Attentäter Oberdank zum Tode durch den Strang verurtheilt. Oberdank legte ein umfassendes Geständ- niß ab und nannte die Mitglieder der Liga, welcher er in Rom angehörte und die ihm die Ausführung des Attentates übertrug. Wie es heißt, beabsichtigt die Mutter des Verurtheilten die Gnade des Kaisers anzurufen und erscheint die Umwandlung der Strafe Oberdank's in Anbetracht der von ihm gemachten Geständnisse nicht unmöglich. Was die letzteren anbetrifft, so entziehen sich deren Einzelheiten noch der öffentlichen Kenntrnß, aber schon das, was von den Aussagen Oberdank's bekannt ist, bestätigt die Existenz einer geheimen Gesell­schaft, die bestrebt ist, mit allen Mitteln Triest dem italienischen Einheitsstaate zu gewinnen. Hoffentlich leistet die italienische Regierung der österreichischen jeden Vorschub zur Habhaftwerdung der irredentistischen Verbrecher. Der böhmische Landtag ist am 23. October vom Oberstlandmarschall im Auftrage des Kaisers unter stürmischen Hoch- und Slavarufen geschloffen worden. Vor­her theilte noch der Statthalter mit, daß die Regierung es sich angelegen sein lassen werde, bie Mängel der Landtagsordnung zu beseitigen und namentlich eine Uebereinstimmung derselben mit der Reichsrathswahlordnung auf dem ver- saffungsmäßigen Wege durchzuführen.

Die französische Regierung geht jetzt gegen die Urheber der socia- listischen Unruhen in Montceau-les-Mines mit allem Nachdruck vor. Eine Reihe von Verhaftungen sind gleichzeitig in Paris, Narbonne, Lyon, St. Etienne, Charolles und Montceau vorgenommen worden, welche meistens berüchtigte Agitatoren und Mitarbeiter der revolutionären Presse betreffen. Die Zahl der Verhafteten soll sich auf ca. 40 belaufen. Die in Paris unter dem Verdacht der Mitschuld an den Vorgängen in Montceau-les-Mines verhafteten Personen sind jedoch vorläufig wieder in Freiheit gesetzt worden. Auch hinsichtlich einiger anderen, aus gleicher Ursache Verhafteten scheint sich die Negierung von deren Unschuld überzeugt zu haben, denn es ist die telegraphische Weisung nach Lyon ergangen, den Agitator Gautier und die Redacteure derBataille" ebenfalls freizulassen. Im Restaurant des Theaters Bellecour in Lyon explodirten in der Nacht vom Sonntag zum Montag drei Bomben, durch welche drei Personen schwer und mehrere andere leicht verwundet wurden. Nach den Schuldigen wird recherchirt. Die Mittheilungen derTimes" über einen zwischen Frank­reich und dem Bey von Tunis abgeschlossenen Vertrag werden von der osficiösen Agence Havas" als ungenau bezeichnet; das französische Parlament werde sich schon seiner Zeit mit den zwischen Frankreich und Tunis nothwendig werdenden Arrangements befassen.

Die Feststellung der Grundlagen, auf denen die Reorganisation Egyptens ausgeführt werden soll, macht, wie dieTimes" schreibt, befriedigende Fortschritte, aber über die Einzelheiten dieser Reorganisation dringt noch immer herzlich wenig in die Oeffentlichkeit. Unter den verschiedenen Fragen, welche hierbei in Betracht kommen, spielt diejenige der englischen Kriegsentschädigung nicht die unbedeutendste Rolle. Der egytische Feldzug kostet England eine große Summe und es fragt stch nun, ob England die Kosten der Expedition selbst

tragen oder aber sich von Egypten entschädigen lassen will. Nach der Rede zu urtheilen, welche Marineminister Lord Northbrook vor einiger Zeit in der Pro­vinz hielt, wäre England gesonnen, die egyptischen Bondsholders zur Kriegs­kosten-Entschädigung heranzuziehen. Hiergegen hat sich nun aber Herbert Glad­stone, der Sohn des englischen Premiers, in einer vergangene Woche zu Leeds stattgefundenen Versammlung ausgesprochen. Mr. Herbert Gladstone meinte, man könne Egypten nicht zumuthen, die Kriegskosten allein zu tragen, er halte es vielmehr für die beste und weiseste Politik, daß England den größten Theil der Knegskosten bezahle. Ob dies auch die Meinung von Gladstone sen. ist, weiß man noch nicht, jedenfalls wäre es nicht mehr als bMg, wenn das reiche England, welches den egyptischen Krieg auf eigene Faust begonnen hat, wenigstens einen Theil der Kriegskosten selbst trägt.

In Rußland scheint aus dem Nihilismus eine neue Bewegung entstan­den zu sein, welche ihre Spitze gegen die deutschen Grundbesitzer in den Ostsee­provinzen richtet. In Curland und Lievland sind in der letzten Zeit gegen deutsche Gutsherren wiederholt Mordanfälle begangen worden, denen sich jetzt ein neues Attentat anschließt. Wie dieZeitung für Stadt und Land" aus Wolmar (bei Riga) meldet, wurde auf den Baron Meyendorf - Kamkau ein Mordversuch gemacht, wobei der Baron durch einen Schuß am Arm verwundet wurde. Der Thäter konnte bis jetzt nicht ermittelt werden, aber es ist kaum zu bezweifeln, daß er unter der efthnischen Bevölkerung gesucht werden muß, welche von panslavistischen Agitatoren fortgesetzt gegen die Deutschen in den Ostsee- provmzen aufgehetzt wird.

König Milan von Serbien, kaum erst von seiner westeuropäischen Reise nach Belgrad zurückgekehrt, ist dort einem Attentate glücklich entgangen. Als sich der König am Sonntag in die Kathedrale begab, wurde in derselben auf ihn von einer Frau geschossen, doch ging der Schuß fehl. Der Monarch blieb bis zum Schluß des Segens in der Kirche. Die Attentäterin ist die Wittwe des anläßlich der Topolzer Affaire vom Kriegsgericht zum Tode verur- thellten und Hingerichteten Obersten Mackovich. Ueber die Beweggründe, welche die Frau zu diesem unseligen Schritte veranlaßt haben, sind erst noch nähere Mittheilungen abzuwarten; vielleicht glaubte sie, Ansprüche an die Staatskasse zu haben, die nicht befriedigt wurden, so daß sie ihrem Unmuthe darüber in dem Attentate auf den Herrscher Luft machte.

Der Proceß gegen Arabi Pascha hat noch keine neuen bemer- kenswerthen Momente gezeitigt. Das Zeugenverhör wird, da die Vernehmung der Zeugen in Abwesenheit der Angeschuldigten stattgefunden hat, nochmals wie­derholt werden und nimmt voraussichtlich nächsten Sonnabend seinen Anfang. Wilson hat beantragt, daß die 8 Hauptschuldigen zusammen abgeurtheilt werden'

Deutschland.

Berlin, 25. October. Der Cultusminister hat an den Vorsitzenden der Schulvereine Rheinlands und Westfalens folgendes Schreiben gerichtet:

Berlin, den 16. October 1882.

Ew. Hochwohlgeboren spreche ich meinen ergebenen Dank aus für die mit dem gefl. Schreiben vom 26. Juli d. Js. erfolgte Zusendung der von den libe­ralen Schulvereinen Rheinlands und Westfalens veröffentlichten, die Schul- Ueberbürdungsfrage betreffenden Denkschriften. Die Einhaltung des richtigen Maßes in der Beschäftigung unserer Jugend durch die Ansprüche der Schulen ist ein Gegenstand meiner unausgesetzten Aufmerksamkeit. Demgemäß unterlasse ich mcht, die Beiträge zur Erörterung dieser Frage, welche das allgemeine In­teresse der gebildeten Kreise an denselben hervorruft, in eingehende Erwägung zu nehmen.

Die Commandanten der Kriegsschiffe sind beauftragt worden, die Überwachung der über die Führung der Bundesflagge bestehenden Vorschriften durch die Kauffahrteischiffe zu übernehmen. Auf Grund dessen sind sie daher berechtigt, die Kauffahrteischiffe, welche den Vorschriften zuwider die Flagge zu zeigen unterlassen, zum Setzen derselben anzuhalten, eventuell sogar zu nöthigen, sowie den Kauffahrteischiffen, welche als National-Flaggen solche führen, die den Vorschriften nicht entsprechen, oder welche Wimpel führen, die dem Wimpel der Kriegsmarine ähnlich sind, diese Flaggen oder Wimpel wegzunehmen. Ferner sind die erwähnten Commandanten berechtigt, die unberechtigte Führung der Bundesflagge zu verhindern.

Krankreich.

Paris, 21. Oktober. Es wird mit jedem Tage ungemüthltcher in der französischen Republik; überall Gährung, überall Sehnsucht oder Furcht vor Krisen in Staat und Gesellschaft und dann ein allgemeiner Krach in der Fmanzwelt und im Staatsbudget. Erzbischöfe erlassen Aufrufe zum Aufstande, drohen Regierung und Kammern mit der nahen Strafe der Gottlosen"; andere ziehen mit Bewaffneten in ihrem Sprengel um­her, wie der fanatische Freppel. Dynamitbanden lassen geheime Verbindungen außer Zweifel, selbst mit den russischen Nihilisten in Genf; und zu dem allen die legitimi- styche Propaganda im Westen und die socialiftische im Osten und in Paris, wo, wie dieCorr. Havas" heute veranschlagt, mehr als 20,000 Möbelarbeiter des Faubourg St. Antoine am Montag die Arveit einstellen werden. Und die Regierung? Sie führt die Zügel mit unsicherer Hand; aber seit einigen Tagen hat die Polizei zu Haus­suchungen und Verhaftungen Erlaubniß erhalten. Sehr belehrend über die Stimmung im Lande ist die Wahlbewegung in Perpignan, wo der Seinepräfekt Floquet, diese Creatur Gambetta's, als Candidat aufgetreten und den Wählern persönlich sich vor­gestellt hat. Floquet ist gestern wieder in Paris eingetroffrn. Clemenceau aber hat es für zeitgemäß erachtet, den Mitbewerber Floquets, Magnan, durch eine Depesche zu empfehlen. Auch Rochefort hat eine Depesche an den Eclaireur von Perpignan gerichtet, worin er Floquet als Ueberläufer zu den Opportunisten bezeichnet, der für