Nr. 22»
Amts- lind
Anzcigkblatt für den Kreis Gießen
Bureau: Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des MontagS.
Politische Ueberficht
Mittwoch den 27. September
PreiS vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohm Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Die Ankunft des russischen Kaiserpaares in Moskau hatte allgemein den Glauben geweckt, daß die so oft dementirte Krönung des Kaisers Alexander und seiner Gemahlin in den nächsten Tagen stattfinden würde. Zn- dejsen hat es den Anschein, als ob die Krönungsfeier noch nicht so rasch vor suh gehen würde, wenigstens sind hierzu, wie aus Moskau gemeldet wird, noch keine auffallenden Vorbereitungen getroffen worden. Da überdies Petersburger Briefe melden, daß die Anwesenheit des Kaiserpaares in der Kremlstadt lediglich deck Besuche der Landes-Ausstellung, welche am kommenden 1. October geschloffen wird, gelte, so muß man die weiteren Ereignisse abwarten. Am 21 d Mts. hielt ter Czar auf dem Godin'schen Felde in Moskau über 4G Ba- taulone, 12 Escadrons, 4 Sotnien Kosaken und 21 Batterien eine große Parade ab, welche ohne jeden Unfall verlief.
Die in voriger Woche zusammengetretenen holländischen Kammern werden sich wohl auch mit der wieder aufgetauchten atchinesischen Frage befassen müssen. Nach den Erklärungen, welche Ministerpräsident van Lynden hierüber neulich in der ersten Kammer gab, haben die niederländischen Truppen die aufständischen Atchinesen allerdings aus mehreren Positionen herausgeworsen Andere Nachrichten aus Atchin, die über Indien eingetroffen sind, lauten jedoch weniger günstig und lassen durchblicken, daß es der holländischen Colonial- Negierung schwer werden wird, die sich immer erneuernden Aufstände in Atchin zu unterdrücken.
Die englisch-türkische Militär-Convention ist selig in das Reich der Vergessenheit hinübergeschlummert und mit ihr anscheinend auch die Botschafter-Conferenz, denn letztere giebt nicht das geringste Lebenszeichen von sich. Auch die Hoffnung, die Conferenz durch die türkisch-griechische Grenz-Angelegenheit neu zu beleben, ist eine vergebliche, da die Mächte übereingekommen stnd, die türkisch-griechische Grenzfrage den VerhaMungen zwischen der Pforte und Griechenland allein zu überlassen. Was den augenblicklichen Stand dieser Frage anbelangt, so ist er noch der frühere: Die Pforte will Nezeros nicht herausgeben und Griechenland weigert sich, eine andere Entschädigung dafür anzunehmen.
Der egyptische Aufstand ist, da das Fort Ghemileh capitulirt und auch die Besatzung von Damiette auf Befehl Hakub Pascha's die Waffen niedergelegt har, nunmehr vollständig beendigt und das Strafgericht über die Empörer nimmt seinen Anfang. Die in Ramleh internirt gewesenen egyptischen Officiere, welche noch nicht den Rang eines Obersten bekleiden, sind in Freiheit gesetzt, die übrigen Officiere aber, über 50 an der Zahl, nach Alexandrien escortirt worden, wo ihnen der Proceß gemacht werden wird. Arabi Pascha und die übrigen Rädelsführer sollen in Kairo von englischen Militärgerichten abgeurtheilt werden. Zur Aburtheilung derjenigen, welche in Alexandrien und andern egyptischen Orten geraubt und gemordet haben, ist bekanntlich vom Vicekönig Tewfik Pascha die Niedersetzung besonderer Commissionen angeordnet worden.
1882,
Deutschland.
x S; Darmstadt, 25 September. Nach einer soeben von der Großherzoaltchen Centralstelle für die Landesstatistik veröffentlichten Ueberficht über die Einnahmen an Sollen und gemeinschaftlichen Verbrauchssteuern bei den einzelnen Großh. Hauptsteuer- ämtern wahrend des Etatsiahrs 1881-82 betrug die Gesammtsumme dieser Einnahmen 6,881,635 ^- Hiervon entfallen auf Eingangszoll 3,962,883 X, Salzsteuer 915,695 x, T"b°ksteuer 507,830 X, Branntweinsteuer 507,774 X, Uebergangsabgabe von Branntwein 4988 Brausteuer 697,588 Uebergangsabgaben an Bier 29,736 X. Stempelabgaben von Spielkarten 154,821 X, Reichsstempelabgaben 100,340 X. Auf d:e §??c?tsteueramtsbezirke berechnet, vertheilt sich die Einnahme auf Darmstadt mit oÄ45^' Offeabach 468o2o^L, Gießen 1,156,808^L, Mainz 2,312,579 X, Worms 350,590 X und Bmgen v68,905 X- Dazu kommt ein unmittelbarer Einnahmeposten der Hauptstaatskaste im Betrage von 56,194 X aus Reichsstempelabgaben.
Darmstadt, 25. September. Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnadrgst geruht:
Am 9. September den provisorischen Lehrer an der Vorschule des Gymnasiums zu Darmstadt Gustav Schmitz zum Lehrer an dem Ludwig-Georgs-Gymnasium daselbst zu erneunen-
— Seine Königliche Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 9. September den Reallehrer Wilhelm Kunz zu Groß-Umstadt zum Lehrer an dem Ludwig-Georgs-Gymnasium zu Darmstadt,
am 13. September den Gymnasiallehrer Dr. Heinrich Stöpler zu Darmstadt zum Lehrer an dem Gymnasium zu Büdingen, den Gymnasiallehrer Dr. Heinrich W eyer Häuser zu Büdingen zum Lehrer an dem Ludwig - Georgs - Gymnasium zu Darmstadt, den Lehrer an dem Gymnasium zu Gießen Joseph Hahn zum Lehrer en dem Gymnasium und der Realschule zu Worms, den provisorischen Gymnasial- und Reallehrer Dr. Ludwig Heilmann zu Worms zum Lehrer an dem Gymnasium und der Realschule zu Worms, den provisorischen Gymnasial- und Reallehrer Karl Noack zu Worms zum Lehrer an dem Gymnasium zu G'eßen, den provisorischen Gymnasiallehrer Karl Th y lm a nn zu Darmstadt zum Lehrer an dem Ludwig-Georgs-Gymnasium zu Darmstadt, den provisorischen Gymnasiallehrer Ernst Kutsch zu Gießen zum Lehrer an dem Gymnasium zu Gießen, den Reallehrer Heinrich Veith zu Groß-Umstadt zum Lehrer an der Realschule zu Alsfeld, den provisorischen Reallehrer Wilhelm Storck zu Groß-Umstadt zum Lehrer an der Realschule zu Groß-Umstadt, den provisorischen Reallehrer Christoph Vogel zu Groß-Umstadt zum Lehrer an der Realschule zu Groß- Umstadt, den provisorischen Reallehrer Rudolf Glaser zu Groß Umstadt zum Lehrer an der Realschule zu Groß-Umstadt, den provisorischen Reallehrer Theodor Wiese- Hahn zu Friedberg zum Lehrer an der Realschule zu Friedberg, den provisorischen Reallehrer Heinrich Müller zu Gießen zum Lehrer an der Realschule zu Gießen - zu ernennen.
Berlin, 25. Sept. Der „Reichsanzeiger" schreibt: Der vom Reichseisenbahn- commissar Streckert über das Eisenbahnunglück bei Hugstetten erstattete Bericht sagt, der Unfall dürfte weder durch den Zustand des Bahnkörpers oder des Oberbaues, noch durch den Zustand der Betriebsmittel entstanden fein; die Entstehung müsse, so-
Gießen, 26. September.
Nach mehr als zweiwöchentlicher Abwesenheit ist der Kaiser von den Festlichkeiten und Truppen-Exercitien in Schlesien und Sachsen in voriger Woche wieder nach seiner Sommer-Nesidenz Babelsberg zurückgekehrt. Die glänzenden Ovationen, deren Mittelpunkt der Kaiser in dieser Zeit war und die mannigfachen Zeichen von begeisterter Anhänglichkeit und hingebender Treue, welche ihm sowohl in Schlesien wie in Sachsen von Tausenden und aber Tausenden entgegengebracht wurden, sind sprechende Beweise dafür, wie tiefe Wurzeln die Liebe zum greisen Schirmherrn des deutschen Reiches im Herzen des deutschen Volkes, ohne Unterschied des Stammes, geschlagen hat und der Kaiser selbst hat durch Schrift und Wort zu erkennen gegeben, wie wohlthuend ihn diese Beweise von Treue und Anhänglichkeit berührten. Erfreulicher Weise sind die großen Anstrengungen, welche die Theilnahme an den schlesischen und sächsischen Truppen-Manövern für den Kaiser mit sich brachte, ohne nachtheiligen Einfluß aus deffen Gesundheitszustand geblieben und wird darum der Kaiser auch in diesem Jahre nebst seiner Gemahlin den gewohnten Herbstaufenthalt in Baden-Baden nehmen. Die Kaiserin, welche von ihrem Fußleiden wieder hergestellt ist, Hai bereits am Montag, den 25. d. Mts., die Reise nach Baden- Baden angetreten, wohin ihr der Kaiser am 28. d. Mts. nachzufolgen gedenkt.
In der ländlichen Zurückgezogenheit von Varzin feierte Fürst Bismarck am 23. September den Tag, au welchem er vor zwanzig Jahren an die Spitze der preußischen Staatsgeschäfte trat. Mit bewegten Gefühlen wird der leitende Staatsmann auf die zwei Jahrzehnte blicken, welche zwischen damals und heute liegen, in deren Laufe es ihm gelang, dem deutschen Volke das zu geben, was bisher die innere Zerrissenheit der deutschen Stämme — zum Hohn des Auslandes und zum Schmerz aller wahrhaft deutsch denkenden Männer — vereitelt hatte: die nationale Einheit. Ob aber diese Gefühle in der That nur die des Ekels und der Ermüdung gewesen sind, wie die „Nordd. Mg. Ztg." annimmt, nach deren Meinung Fürst Bismarck während seiner ganzen ministeriellen Thätigkeit lediglich mit Kurzsichtigkeit, Bosheit und Unverstand zu kämpfen gehabt hätte, möchten wir entschieden bezweifeln. Gerade dem Fürsten Bismarck gegenüber hat sich die anfängliche Abneigung des größten Theils des deutschen Volkes in entschiedene Anerkennung und Bewunderung verwandelt und noch heute ist er der populärste Mann in ganz Deutschland, wenn auch die neuen Bahnen, welche der Reichskanzler in seiner inneren Politik eingeschlagen hat, das Mißvergnügen mancher Kreise erregen. Es ist deshalb zu hoffen, daß Fürst Bismarck seinen Ehrentag weniger mit den ihm von der „Nordd. Allg. Ztg." infinuirten Empfindungen, als vielmehr in freudiger Erinnerung an das, was er geschaffen und das ihm die ewige Dankbarkeit der deutschen Nation zusichert, zugebracht hat.
Das politische Tages int eresse an unfern innern Angelegenheiten wird sich in der nächsten Zeit hauptsächlich auf die Wahlcampagne in Preußen beschränken, da andere Fragen von größerer Bedeutung bei uns augenblicklich nicht auf der Tagesordnung stehen. Das Interesse in dieser Angelegenheit con- centrirt sich zunächst auf die Frage nach dem Wahltermin, worüber bis jetzt noch immer nichts Näheres verlautet. Aus einer Verfügung der Landraths- ämter an die ländlichen Wahlvorsteher, in welcher letztere aufgefordert werden die Berichte über etwaige Ausstellungen an den Wählerlisten bis "zum 18 October einzusenden, kann man \ebod) mvt (Sero^elt entnehmen, daß die Landlagswahlen erst gegen Ende October stattfinden werden.
. ^"Oesterreich steht die allgemeine Stimmung noch unter dem Drucke der Bombenaffaire von Ronchi. Es ist in der That deprimirend, ime eine Verfchworerbande fortgesetzt bemüht ist, ihre geheimen Pläne mit allen Mitteln zu fordern und zu diesem Zwecke selbst vor den verbrecherischen An- ichlagen nicht zuruckfchreckt, wie es die Irredentisten behufs der Losreißuna Triests von Oesterreich thun. Mit allseitiger Genugthuun/ist es dah^r begrM '^eri daß es den österreichischen Behörden gelungen ist, in dem zu Ronchi verhafteten Oberdank emen Sendling des irredentistischen Central-Comitäs zu eruirett und werden die Geständnisse Oberdank's hoffentlich ein weiteres Lickt auf das verworrene Netz der irredentistischen Bestrebungen werfen.
nfreid) l)aben, fast gleichzeitig mit Deutschland, große Truppen-Manover, die des 14. und lo. Armee-Corps, stattgefunden welche nunmehr beendigt sind. Dieselben find auch für Deutschlaud von Interesse da sie wohl geeignet erscheinen den hier noch vielfach bezüglich der französischen Arniee herrschenden Vorurthellen entgegenzutreten. Sowohl die zu den Manö- vern bei Orange commandirt gewesenen deutschen Officiere, als auch die Berichte deutscher Zeitungs-Correspondenten sprechen sich iibereinstimmend anerkennend über die Leistunge« der bei diesen Exercitien betheiligt gewesenen Truppen aus Namentlich die Marschirfähigkeit der französischen Fußtruppen Wll auf eine hohe Stufe gebracht worden sein und ebenso versichern tie umeaen gewesenen deutschen Officiere, daß bei den Manövern von Orange die Detailausbildung der Truppen im Gefecht sich ebenso sorgfältig durchqebildet gezeigt habe wie in der deutschen Armee - eine ernste Mahnung für Deutschland,
r- auch fernerhin in der Vervollkon,Innung seiner Armee nicht zu erlahmen — f D.e Gerüchte von einer eventuellen Einberufung der französischen Kammern im •- October werden dement,rt; die Kammern sollen, wenn nicht außerordentliche Er- ; "gmsse emtreten, erst an, 6. November d. Js. zur neuen Session einberufen


