Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Mittwoch den 26. Juli
JL882.
r Schulstraße B. 18.
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politische Uebersicht.
Gießen, 25. Juli.
In der inneren preußischen Politik gewinnt die kirchenpolitische Frage durch verschiedene Vorfälle der jüngsten Zeit, wie durch den Zwist zwischen Centrum und Welfen, die Ablehnung der Bittschrift rheinischer Katholiken um Zurückberufung des Erzbischofs Melchers von Köln und die Reise des preußischen Gesandten beim Vatikan, Herrn v.Schlözer, von Rom nach Berlin resy. Varzin, wieder an Bedeutung. Wenn die ersterwähnte Angelegenheit vielleicht auch nicht die Bedeutung hat, welche ihr von mancher Seite beigemessen wird, so ist der häusliche Conflict zwischen der Centrumspartei und deren welfischen Freunden doch nicht ohne Interesse und dürfte wahrscheinlich zu größeren Spaltungen im ultramontanen Lager führen. Von Wichtigkeit aber ist der ablehnende Bescheid, den das Gesuch um Rückberufung des Herrn Melchers an Allerhöchster Stelle gefunden hat, denn die preußische Negierung erklärt hierdurch, daß jetzt die Grenze ihrer Zugeständnisse an den Vatikan und die Kurie erreicht sei und daß man auf letzterer Seite nichts mehr zu erwarten habe, wenn man noch länger zögere, die preußischen Gegenforderungen zu erfüllen. Daß die Rückkehr des Herrn v. Schlözer aus Nom mit der neuesten Wendung der preußischen Kirchenpolitik zusammenhängt, ist unzweifelhaft, wenn aber manche Blätter annehmen, daß Herr v. Schlözer gar nicht mehr auf seinen Posten beim Vatikan zurückkehren werde, so scheint uns diese Annahme über das Ziel hinauszuschießen. Der genannte Diplomat wird sich jedenfalls nur neue Instructionen beim Fürsten Bismarck holen und dann vermuthlich nach Rom zurückreisen.
Der bayerische Ministerpräsident und Cultusminister v. Lutz hat plötzlich eine befremdliche Schwenkung nach der ultramontanen Seite hin gemacht. Dieselbe tritt in verschiedenen Maßregeln gegen die drei bayerischen Landes-Universitäten hervor. Den altkatholischen Professor Friedrichen der Universität München versetzte Herr v. Lutz aus der theologischen in oie philosophische Fakultät, trotz des Protestes des Senates der Universität. Die Universität Würzburg hatte für eine an ihr erledigte Professorstelle einen freisinnigen Philosophen in Vorschlag gebracht, Herr v. Lutz aber will die Stelle mit einer ultramontan angehauchten Persönlichkeit besetzen und ein ähnlicher Fall spielt bezüglich der Universität Erlangen. Glaubt vielleicht Herr v. Lutz, sich durch ein derartiges Verfahren seine Gegner in der Münchener Abgeordnetenkammer geneigt zu machen?
England hat in der vergangenen Woche die Vorbereitungen zur Absendung des nach Egypten bestimmten Expeditions-Corps zum Abschluß gebracht. Zum Oberstcommandirenden desselben wurde von der Königin General Wolseley, der Sieger im Zulukriege, und zu seinem Generalstabs-Chef General- lieutenant Ady ernannt. Die Stärke der Expeditionstruppen wird sich einstweilen auf etwa 14,000 Mann belaufen, von denen ein Theil bereits am Sonnabend, den 22. ds., eingeschifft worden sein soll. Ueber die Thellnahme Frankreichs an der Expedition verlautet noch nichts Näheres, dagegen tauchen ziemlich bestimmte Gerüchte über die eventuelle Theilnahme Italiens auf. Man glaubt, England werde sich der Einladung an eine dritte Macht (Italien) zur Betheiligung an dem Unternehmen bereitwillig anschließen. Von Indien, und zwar von Bombay aus, sind bereits am vergangenen Freitag zwei große Transportdampfer mit indischen Truppen nach Egypten abgegangen. Die Engländer werden sich demnach binnen kürzester Zeit in den Stand gesetzt sehen, gegen Arabi Pascha, der in den letzten Tagen bedeutende Verstärkungen an sich gezogen haben soll, die Offensive zu ergreifen. Die Position des egyptischen Dictators soll indessen eine äußerst starke sein, so daß die Engländer wahrscheinlich einem harten Strauße entgegengehen. — Das englische Unterhaus hat am vorigen Freitag die irische Pachtrückstands-Bill mit 285 gegen 177 St. in dritter Lesung angenommen, was man in Irland wohl mit Genugthuung begrüßen wird.
Die russische Regierung ist nun endlich aus der Reserve, welche sie bis jetzt in den egyptischen Angelegenheiten einnahm, herausgetreten. Das officiöse „Journal de St. Pötersbourg" bemerkt bezüglich des neulichen Artikels der ,sTimes" über die ablehnende Haltung der Pforte, wenn die Ablehnung der Einladung zur Intervention offiziell constatirt sei, dann werde die Conferenz andere Mittel üsis Auge zu fassen haben. Die englische Negierung könne annehmen , daß man die englischen Truppen auffordern werde, an der Pacification Egyptens theilzunehmen. Die „Times" scheine aber andeuten zu wollen, daß das englische Cabinet aus eigener Initiative handeln und sich an Stelle der Mächte setzen wolle. Man hat wohl nicht mit Unrecht in dieser Aeußerung des russischen Regierungsblattes eine Mahnung an England zu erkennen, in Egypten nicht allzusehr auf eigene Faust zu handeln.
Die nun endlich vorliegende Antwort der Pforte auf die Einladung der Conferenz zur Intervention in Egyten ist eine wahre Musterleistung orientalischen Diplomaten-Styls. Die Conferenz hatte von der Pforte ein bündiges Ja oder Rein verlangt, statt dessen aber rücken die türkischen Staatsmänner unter allerlei schwülstigen Redewendungen mit der geradezu verblüffenden Erklärung heraus, daß die Türkei jetzt, in der elften Stunde, an der Conferenz thellnehmen wolle! Zugleich wird aus Konstantinopel gemeldet, daß die Pforte den Mächten Gegenvorschläge machen wolle; entweder sollen türkische Commissare das westmächtliche Crpeditions-Corps nach Egypten begleiten oder die Türken sollen Kairo und .xandrien besetzen und die europäischen Truppen den Suezkanal decken. HcyMtlich lassen sich aber die Mächte der Türkei gegenüber auf nichts mehr ein.
Arabi Pascha, der Dictator Egyptens, hat den „Krieg bis auf's Messer" gegen die Engländer proklamirt. Er versandte eine hierauf bezügliche Kundgebung an die Gouverneure der Provinzen und drohte allen denen, welche das Vaterland verriethen, indem sie den Engländern Hilfe leisteten, die strengste Bestrafung an. Alle noch in Ober- und Mittel-Egypten befindlichen Truppen haben Befehl erhalten, unverzüglich nach Kairo abzumarschiren und sich dort zu concentriren. Ueber die Stärke der unter Arabi Pascha im Lager von Kasre - el - Dawar stehenden Truppen lauten die Angaben verschieden, doch hat der Dictator mindestens 10,000 Mann unter sich, welche durch die Ulemas gehörig fanatisirt und entschlossen sind, den Engländern den äußersten Widerstand zu leisten.
Deutschland.
Darmstadt, 24. Juli. Se. Königl. Hoheit der Großherzog haben Allergnädigst geruht:
Am 16. Juli den ordentlichen Professor Dr. Stade zu Gießen zum Rector der Landes-Universität für die Zeit vom 1. October 1882 bis dahin 1883 zu ernennen.
Berlin, 22. Juli. Soeben ist als eine hochbedeutsame Publikation der Bericht über die Ergebnisse der Reichspost- und Telegraphenverwaltung während der Jahre 1879 bis 1881 ausgegeben worden. Wir entnehmen demselben, daß auch in diesem Zeitraum das Post- und Telegraphenwesen des Reiches einen erfreulichen Aufschwung genommen hat. Unter den Segnungen des Friedens haben die Umgestaltungen in der Verwaltung und m dem Betriebe, welche durch eine Verschmelzung der beiden Zweige des Reichsdtenstes, durch die Errichtung des Weltpostvereins und durch den umfassenden Ausbau der Post- und Telegraphenanlagen eingeleitet waren, zum gedeihlichen Abschluß gebracht werden können.
Durch die Wiederbelebung der industriellen und gewerblichen Thätigkeit, sowie durch die Vermehrung und Vervollkommnung der Verkehrsanlagen und Einrichtungen hat der Post- und Telcgraphenverkehr eine erhebliche Steigerung erfahren.
Die Beförderungsleistung der Postverwaltung ist von 1224 Millionen Sendungen im Jahre 1878 auf 1441 Millionen Stück im Jahre 1881 gestiegen. Der Telegrammverkehr weist während desselben Zeitraums eine Zunahme von 3,853,512 Stück, d. h. von annähernd 36 pCt. auf. t t ,
Der reine Ueberschuß der Verwaltung hat innerhalb des letzten dreijährigen Zeitraums 51,944,900 betragen gegen 27,545,105 <M. während der Jahre 1876 bis 1878.
Bei den Bestrebungen der Verwaltung, das Retz der Verkehrsanlagen auf dem platten Lande zu verdichten, ist ein wesentlicher Fortschritt zu verzeichnen. Nicht allein hat seit dem Jahre 1878 die Zahl der Post - Agenturen erheblich vermehrt werden können, sondern es ist namentlich auch thunlich gewesen, durch die im vorigen Jahre erfolgte Einrichtung von Posthülfsstellen, einer neuen Elaste von Postanstalten mit ganz einfachen, dem Postverkehr auf dem platten Lande angepaßten Betriebsverhältnissen den Landbewohnern den Verkehr mit der Poft zu erleichtern. Daneben hat die Verwaltung auch den Verkehrsbedürfnissen der Stadtbewohner in ausgiebiger Weise Rechnung getragen, indem sowohl eine große Zahl von Zahlstellen bereits bestehender Ortspostanftalten, als auch von selbstständigen Stadtpostanstalten eingerichtet worden ist. Beispielsweise hat in Berlin während der abgelaufenen letzten drei Jahre eine Vermehrung der Postanstalten um mehr als das Doppelte stattgefunden. Die Gesammt- zahl der Postanstalten betrug 1878 7068, 1879 7308, 1880 7540, 1881 9143. Die Zahl der täglich zur Postbeförderung benutzten Eisenbahnzüge ist von 3282 im Jahre 1878 auf 3870 im Jahre 1881 gestiegen.
Der feit Vereinigung der Telegraphie mit der Poft erfolgte Plan einer erheblichen Ausdehnung des Telegraphennetzes ist 1879 zu Ende geführt worden, indem die Kahl der Telegraphenanstalten, welche sich bet Beginn der Vereinigung im Jahre 1875 auf 1686 belief, im December 1879 auf 5114, das ist 300 pCt. mehr, gebracht war, Ende 1881 betrug diese Zahl 5896. .
Eine wettere Ausdehnung hat der Telegraphenbetrieb dadurch erfahren, datz es in den letzten Jahren Privatpersonen, Handelsgesellschaften, Fabrikunternehmungen 2c. auf ihren Antrag gestattet worden ist, auf eigene Kosten Nebentelegraphenstellen anlegen und mit einer Reichstelegraphenanstalt durch eine besondere Leitung verbinden zu lassen, um die für sie bestimmten Telegramme unmittelbar empfangen und von ihnen ausgehende Telegramme ebenso absenden zu können. _
Außerdem sind ohne Anschluß an Neichstelegraphenanstalten, ^^er mit (Genehmigung der Reichsverwaltung Prtvat-Telegraphenanlagen eingerichtetzur^eromoung v on getrenntgelegenen Grundstücken desselben Besitzers, insbesondere zwischen Ges Has räumen, Fabriken, Gruben rc. mit den Wohnungen der Eigenthümer.
Berlin, 23. Juli. In Folge der Bundesraths-Beschlüffe über zollamtliche Behandlung der vom Auslande mit der Post eingehenden Waarcnsendungen hat der Staatssecretär des Reichspostamts die dadurch ^ntretenden g den Postanstalten mitgetheilt. Danach muß u. A. eme jede Pa 1 9
Oesterreich-Ungarn und den Zollausschlüssen von 50g und d f einer Deklaration begleitet, auch zur zollamtlichen Vor- bez.chß $ 9 gebracht werden. Auch Briefe vLn 50g und mehr aus pachten Gebretem bei welchen sich die Vermuthung zollamtlichen Inhalts chf 9 / " $
Zollbehörde zu überweisen." Dann heißt es: „Ber kommenden Sak«« Ides Briefgeheimnisses
Uiss>^ondere daher jeder Einsichtnahme von Briefen sich gewrss-nhaft zu beachten sondere daher ^itte-ung etwaiger
F °nth°lten Was die WMgL Gegenstände im Allgemeinen be- m den Briefposien emgefuhrter zollpfnch g j ben Bundesrath
trifft f° nchtet sich das ^ach den mit dem Reichsfinanzamt
be chlossenen Zusatze »m P°str-gm° der Mitwirkung der Zollbeamten getroffenen Berembarunge s ^^„ abhängig gemacht werden und die von dem Vorliegen tt un[i^te® Vermeidung jeder Störung des Postbetriebs Mitwirkung selbst uni tt^ q^ ber ßoCgefäUe Erforderlichen nicht hmaus- gchm Me Postanstalten haben den genannten Beamten eintretenden Falls bei


