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Nr. 197. Freitag den 25. August 1882
Gießener Anzeiger
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
Bureau r Schulstiaße B. 18. Erscheint «»glich mit Busn-Hm- des Mautag«. "^"^«hrlich 2 Warf 20 «f. n»t Brinzrrlch».
DurA bte Post bezogen vrertellährlich 2 Mark 50 Ps.
Amtlicher Hheit.
Betreffend: Die Einrichtung der Fortbildungsschulen. Gießen, am 23. August 1882.
Die Großherzogliche Kreis-Schul-Commission Gießen
an die Schulvorstände des Kreises.
Wir sehen der Einsendung der Listen über die Fortbildungsjchüler unfehlbar bis zum 15. September l. I. entgegen.
___I. V-: vr. Hoffmann, Negierungsrath._________________________________________
Bekanntmachung.
Während der Beurlaubung des Unterzeichneten wird Herr Finanz-Accessist Nispel denselben im Dienste vertreten.
Süffert, Steuer-Commiffär.
Politische Ueberfkcht.
Gießen, 24. August.
Der Kaiser wohnte mit den zur Zeit in Berlin anwesenden Prinzen des preußischen Königshauses am Sonntage dem Festgottesdienste anläßlich des 150jährigen Bestehens der Potsdamer Garnisonkirche bei. Mannschaften sämmt- licher in Potsdam garnisonirenden Truppen waren im Parade-Anzug zur Feier beordert.
Obwohl man in maßgebenden Kreisen mit den Leistungen unserer Marine zufrieden ist und die Ueberzeugung gewonnen hat, daß sie ausreichende Mittel besitzt, um den überseeischen Handel Deutschlands zu schützen, so verhehlt man sich doch nicht, daß noch Manches geschehen müsse, um die deutsche Marine auf die gleiche Höhe mit den übrigen seefahrenden Nationen zu bringen. Im Marine-Ministerium studirt man gegenwärtig die Erfahrungen, welche bei den Expeditionen der Panzerschiffe gemacht worden sind, und von dem Ergebniß dieser Studien soll es abhängen, ob der alte Flotten-Gründungs- plan vollständig durchgeführt oder ihm eine andere Richtung gegeben werden wird. Außerdem arbeitet man im preußischen Kriegs-Ministerium an einer Denkschrift, welche anläßlich der zu stellenden Creditforderungen dem Reichstage zugehen und in der die Rothwendigkeit einer allmäligen Verstärkung unserer Kriegsflotte betont wird.
Ueber die bisherigen Resultate der Reise des österreichischen Reichs-^inanzministers v. Kallay nach den occupirten Provinzen werden jetzt emige Mittheilungen laut, welche ein eigenthümliches Licht auf den Beamten- korper m „Neu-Oesterreich" werfen. Herr v. Kallay soll in Bosnien eine Beamtenwirthschaft, die an die schlimmsten russischen Zustände erinnert, ausge- deckt haben. Der Polizei - Director von Serajewo, der Landeshauptstadt, soll nicht nur stark verschuldet sein, sondern sich auch bedeutende Summen aus dem bosilffchen Dispositions-Fonds widerrechtlich angeeignet haben. Auch verschiedene andere höhere Beamte, wie der Bezirksvorstand von Mostar, welcher 14 000 fl Staatsgelder verspielt hat, und der Obersteuer-Einnehmer von Tervend,' erschei- iien stark compromittirt, namentlich soll in diesen Kreisen dem Hazardspiele libermätzig gefrohnt worden sein. Eine Purification des bosnischen Beamten- lörpers von allen unlautern Elementen erscheint demnach dringend geboten.
, eiter-Unruh en, welche jüngst in dem französischen Kohlen-
bau-Diftnct Monceau les Mmes stattgefunden haben, sind rasch wieder beigelegt worden. Die Bedeutung der ganzen Bewegung war überhaupt sehr überschätzt worden denn daß sich die Unruhstifter, etwa 200 Mann an Zahl, nachdem zre verschiedene Kapellen geplündert, in die Monceau les Minis umgebenden Walder Zurückgezogen, erscheint doch sehr natürlich, da hier die Plünderer am * HAn durften, Schutz vor dem nachrückenden Mllttär zu finden. Etwa Ruhe ist seitdem in Monceau les
Die englischen Blätter beschäftigen sich gegenwärtig mit den Resul- tat™ d°r ZU Ende gegangenen parlamentarischen Session und die Nachrufe, toelche sie derselben widmen, sind gerade nicht allzufreundlich gehalten. Selbst die Regierungsblätter gestehen, daß keine einzig. Bill durchgebracht worden ist, d'° lur England Bedeutung habe und sie geben ferner zu, daß trotz der Zwangs Bill die Ordnung m Jrlano noch nicht im Entferntesten wiederherqestellt worden ist. Das Letztere ist allerdings nur zu richtig und der fünffache Mord von Mullaghadruma beweist, daß die anarchischen Zustände auf der arünen ^nsel" nachgerade ihren Gipfelpunkt erreicht haben. Leider sind die Mörder denen eme ganze friedliche Familie zum Opfer fiel, noch nicht ermittelt und dürfte dies, wie man aus früheren Vorgängen ähnlicher Art schließen kann auch IchwerUch genügen. '
Die Schweizer Socialisten bereiten eine neue, wenn auch verkleinerte, Auflage des Wydener socialistischen Welt-Congresses vom 27 Aua 1880 vor. In Zürich soll nämlich am kommenden 27. August für die schweizerischen am^msfta1en- ^gehalten werden, zu welchem dem Vernehmen
nach auch die socialdemokratischen Mitglieder des deutschen Reichstages einae- laden worden sind. Eine besondere „Festrede" über das vielversprechende Tbema: „Die alten und neuen Raubritter" ist bereits angekündigt 9
Aus Konstantinopel wird gemeldet, daß die türkische Regierung Soldatenwerbungen für Egypten untersagt und die Werber und Angeworbenen mit Verhaftung bedroht habe. — In Smyrna ließ dagegen die türkische Regierung 700 von den Engländern angekaufte Maulthiere anhalten da die Pferde- und Maulthier-Ausfuhr aus dem Vllajet Smyrna verboten ist — Die
englisch-türkische Militär-Convention soll endlich, abgesehen von einigen redactio- nellen Abänderungen, ihrem Abschlüsse nahe sein.
Aus Egypten liegen zwei Nachrichten vor, deren Zusammenklang eine neue Phase in der egyptischen Angelegenheit bedeutet, nämlich die fast ohne Kampf erfolgte Besetzung sämmtlicher Stationen des Suezkanals durch die englischen Truppen und die im Vollzug begriffene Bildung eines MinisteriuinS Schern Pascha. Die Meldungen über die bevorstehende Beschießung Abukirs waren nur bestimmt, die Egypter zu täuschen, denn die Flotte, mit der englischen Hauptstreitmacht an Bord, ist überraschender Weise in den Suezkanal eingelaufen,, den die gelandeten englischen Truppen nunmehr in seiner ganzen Ausdehnung besetzt halten. Offenbar will General Wolseley vom Suezkanal aus nach Kairo vororingen und so Arabi Pascha in dessen Stellung bei Kasre- Dowar den Rückzug abschneiden; Arabi scheint indessen eine derartige Absicht zu ahnen, denn es heißt, seine Truppen würden in bereitstehenden Eisenbahnzügen von Kafre-Dowar nach Kairo transportirt. — Ueber das am 21. August bei Suez stattgefundene Gefecht wird englischerseits berichtet, daß die Verluste der egyptischen Truppen bei diesem Zusammenstöße 168 Todte und 62 Gefangene, von letzteren 27 verwundet, betragen hätten; über die englischen Verluste ist noch nichts bekannt, da aber die Egypter weder bei Suez noch bei Jsmailia lange Stand hielten, so dürften die Engländer wenig Leute verloren haben.
In Korea, einem chinesischen Schutzstaate, ist ein allgemeiner Aufstand ausgebrochen. Der König und die Königin wurden getödtet und auf die japa- nesische Gesandtschaft fand ein Angriff statt. Die Ursachen des Ausstandes liegen in der in Korea immer mehr die Oberhand gewinnenden Abneigung gegen alles Fremdländische und da der König die Fremden begünstigte, so fiel er dem Aufstande zuerst zum Opfer. Japan hat Kriegsschiffe nach Korea gesandt und es ist leicht" möglich, daß Japan hier mit China feindlich zusammenstößt, da Letzteres geneigt ist, seine Hoheitsrechte auf Korea geltend zu machen.
Deutschland.
Darmstadt, 23. August. Se. Königl. Hoheit der Großherzog nahmen heute militärische Meldungen entgegen und empfingen den Oberstlieutenant Hofmann, Commandant von Köln, den Major Schöneberg vom Feld-Artillerie- Regiment Nr. 19, den Kirchenrath a. D. Ritsert, den Kirchenrath Ewald, die Stadtpfarrer Dingeldey und Ritsert, den Landstallmeister v. Millich, den Herrn Schultze-Delitzsch; zum Vortrag den Staatsminister Frhrn. v. Starck.
Darmstadt, 23. August. Se. Königl. Hoheit der Großherzog und die Großh. Familie haben Sich heute Mittag für die Dauer der Kavallerie-Manöver nach Friedberg begeben. Der Besuch Sr. Königl. Hoheit des Prinzen Friedrich Karl von Preußen in Friedberg steht am 27. d. Mts. in Aussicht.
— Se. Königl. Hoheit der Großherzog werden Sich am Freitag, den 25. d. Mts., zur Verleihung der Fahne an das Füsilier-Bataillon des zweiten Großh. Infanterie-Regiments (Großherzog) Nr. 116 von Friedberg hierher begeben. Nach der Parade findet im Großh. Neuen Palais für das Officier- Corps der Großh. 49. Infanterie-Brigade Militärtafel statt.
Berlin, 22. August. Der äußerliche Grund, mit welchem politische und kirchliche Neactionäre bisher immer ihren Ansturm gegen das verhaßte Civil- standsgesetz motivirten, war die „Entchristlichung" der Massen, welche aus ihm resultiren sollte. In Preußen besteht das Gesetz nun schon seit 8 Jahren, und man hat während dieser Zeit seine Wirkungen in völlig ausreichender Weise beobachten können. Was die kirchliche Einsegnung der Ehe betrifft, so ist auch bereits ziffermäßig festgestellt, daß die Zahl derjenigen Ehepaare, welche sich nicht kirchlich trauen lassen, von Jahr zu Jahr zurückgeht und keinen nennenswerthen Verhältnißsatz zu der Gesammtziffer der geschlossenen Ehen mehr ausmacht. Jetzt liegen nun auch die Ziffern über die versäumten Kindertaufen vor, und diese beweisen erst recht, daß das von orthodoxen Stimmen erhobene Geschrer über die vielen Tausende von Kindern christlicher Eltern, die jetzt als „Heiden" aufwachsen sollten, geradezu frivol war.
Frankfurt, 21. August. In der Frage der Postwerthzeichen haben sich nun etwa 50 Handelskammern, in den letzten Tagen noch diejenigen von Mülheim a. Rh., Bielefeld und Siegen, dem bekannten Frankfurter Antrag angeschlossen, der' seither nur von den bayerischen Handelskammern angefochten wurde. Von letzteren hat die Handels- und Gewerbekammer zu München folgendes Schreiben an die Handelskammer zu Frankfurt a. M. gerichtet:
„Ihre geschätzte Zuschrift vom 25. Juni d. Js., enthaltend Abschrijt Ihres Gesuches vom 17. desselben Monats an den Bundesrath des deutschen


