Ausgabe 
25.5.1882 Erstes Blatt
 
Einzelbild herunterladen

120. Elftes Blatt.

Donnerstag den 25. Mai

1882.

Gießener Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Dumm: Schulstraße L. 18.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Montag».

Prei» vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Amtlicher HHei 1*. Bekanntmachung.

In Gemäßheit des § 9 des Gesetzes vom 13. Februar 1875 über die Naturalleistung für die bewaffnete Macht im Frieden werden hiermit nachstehende Durchschnittsmarktpreise vom Monat April 1882 veröffentlicht:

Hafer Jl. 18, Heu M. 8,80, Stroh 8,25 per 100 Kilogramm.

Gießen, den 24. Mai 1882. Großherzogliches Kreisamt Gießen.

Pr. Boekmann.

Betreffend: Die Blldung eines Vereins zur Züchtung und Veredlung der Vogelsberger Rindviehrasse.

Bekanntmachung.

In Gemäßheit der in der Versammlung des landwirthschaftlichen Bezirksvereins vom 3. l. Mts. gefaßten Beschlüsse soll kommenden Freitag den 26. Mai, Nachmittag» l'/2 Uhr in Grünberg (im GasthausZum Hirsch") wegen Bildung eines Verein» zur Züchtung und Veredlung der Vogelsberger Rindviehraffe verhandelt werden.

Indem ich noch bemerke, daß der Herr Landeskultur-Jnspector Dr. Klaas in der Versammlung erscheinen und die gewünschten Auffchlüsse erthellen wird, lade ich Diejenigen, welche sich für diese Sache interessiren, zu recht zahlreichem Besuche dieser Versaminlung ein.

Gießen, am 20. Mai 1882. Der Director des landwirthschaftlichen Bezirksvereins Gießen.

Pr. Boekmann.

Zur Eröffnung der Gotthardtbahn.

Ein Werk von erstaunlichster Kühnheit und Großartigkeit steht mit der Durchbrechung der Schweizer Centralalpen und der Herstellung einer unmittel- daren Schienenverbindung zwischen Deutschland und Italien fertig da und ist jetzt dem öffentlichen Verkehr übergeben worden. Niemals hat die Technik ein gewaltigeres Werk geschaffen, als mit dem Bau dieses Schienenweges durch den kolossalsten europäischen Gebirgsstock; der Arbeit von mehr als einem Jahr­zehnt bedurfte es, diesen Ungeheuern Kunstbau auszusühren und der unendlichen Schwierigkeiten dieser spröden Bergnatur Herr zu werden. Zu einem Privat- kapital von gewaltigstent Umfang mußten große staatliche llnterstützungen dreier Gemeinwesen hinzukommen, um die Vollendung der Arbeiten zu sichern, und mehr als einmal mochten in der langen Zeit des Baues Ziveisel aufsteigen, ob es wirklich gelingen werde, dies Werk zu vollführen, das jetzt als stolzes Denk­mal dessen, was Menschengeist und Menschenkraft vermag, vor uns steht. Wir leben in einer Zeit, wo man mehr von feindlichen als friedlichen Berührungen der Völker, mehr von Entfremdung und Abschließung als von freundschaftlicher Annäherung der Nationen wahrnimmt. Mit um so freudigerer Genugthuung wird man in solcher Zeit auf ein Werk blicken dürfen, das eine völkerverbin­dende, den friedlichen Wettbewerb, den Austausch geistiger und materieller Güter fördernde Absicht und Wirkung hat. In unserer Zeit der Absperrung der Grenzen, der gegenseitigen Eifersucht und des Mißtrauens der Nationen könnte man den neuen Schienenweg, der die Wand zwischen zwei großen Reichen nie« derreißt, gewissermaßen einen Anachronismus nennen, und wenn der Grund nicht in Zeiten freierer und weitherzigerer Begriffe über den Welt- und Völker- «rkehr gelegt worden wäre, wer iveiß, ob das Werk heutzutage noch solche Förderung von allen betheiligten Seilen gefunden hätte. Um so mehr dürfen mir uns dieses Friedenswerkes freuen, das nicht nur dem geistigen Verkehr zwi- schm zwei altbefreundeten Nationen neue Anregung geben, sondern auch von einer wirthschaftlichen Bedeutung werden wird, über deren Umfang man sich jnilich ein sicheres Urtheil heute noch nicht bilden kann, sich aber großen und wohlberechtigteil Hoffnungen hingeben darf. Aus dem italienischen Markt hat die deutsche Production bisher lange nicht den Absatz gefunden, den sie unter giinstigeren Verhältnissen hätte finden können, und einen großen Theü der Schuld an dieser Thatsache wird man der den Bedürfnissen des modernen Handels nicht mehr genügenden Verkehrsverbindung zwischen den beiden Ländern zuschreiben diirfen. Wir erinnern nur an die Bedeutung, welche die deutsche Kohle in Italien gewinnen könnte. Seitdem Oesterreich mit der Brennerbahn Frankreich mit Durchbrechung des Mont Cenis ihre directen Verbindungen mit Italien hergestellt haben, war es für Deutschland geradezu eine Nothwendiqkeit aewor- dlii, sich seinerseits einen Weg durch die Alpen nach Süden zu bahnen Eine für beide Theile vortheilhafte Belebung des Verkehrs und Austausches wird man mit Fug und Recht von der Gotthardtbahn erwarten dürfen Maa auch die Reute des neuen Unternehmens, hinsichtlich bereit man sich bekanntlich keines- negs überspannten Hoffnungen hingiebt, Anfangs eine sehr bescheidene jein die Lahn wird Vortheile der mannigfachsten Art im Gefolge haben die in' der Nhe der Dividenden vielleicht nicht zur Erscheinung kommen, dämm aber doch wohl zu erkennen sein werden, und die beseitigten Staaten haben wohl qetban » sie die vielen Millionen Subvention unter Bedingungen maeftanhpr, Afächlich der Gewährung ä fonds perdu gleichkommen. Den Segen eines solchen Werkes darf man nicht einfach »ach der Rente berechnen da er in der letzteren nur. sehr unvollständig zum Ausdruck kommt. Indessen' kann das Un- tmehmen wohl auch nach dieser Seite einer großen und sicheren siuknnit ent- Umgehen. So möge denn die neue Alpenstraße, die unter feieriidier Tlieil- $mt bep Behörden und Volksvertretungen der betheiligten Länder dem Verkehr vergeben worden, die m sic gesetzten Hoffnungen rechtfertigen- möge sie sich bewahren als em wirksames Mittel, freundschaftliche Bande um die ker m 'singen und den friedlichen Austausch der Erzeugnisse des Geistes und Fleißes Ordern. (H. M.)

Deutschland.

Darmstadt, 22. Mai. Das Großherzogliche Regienmgsblatt (Bei­lage Nr. 11) enthält:

1. Bekanntmachung Großh. Civildiener-Wittwenkasse-Cominission, die Er­gebnisse der Verwaltung der Civildiener - Wittwenkasse von den Etatsjahren 1879/80 und 1880/81.

2. Uebersicht bet für bas Jahr 1882/83 von Großh. Ministerium des Innern und der Justiz genehmigten Umlagen zur Bestreitung von Communal- Bedürfnissen in den Geineinden des Kreises Büdingen.

3. Ordensverleihungen.

4. Concurrenzeröffnungen:

Erledigt sind: Die erledigte Pfarrstelle zu Dittelsheim; dotationsmäßiger Gehalt 2537 M. Eine Lehrerstelle an der eoang. Schule zu Nierstein mit einem nach dem Dienstalter des bett. Lehrers sich bemessenden Gehalt von 1000 bis 1150 Jt.

Berlin, 22. Mai. DieBerl. Polit. Nacht." schreiben: Wenn liberale Blätter davon sprechen, daß die Reichsregierung geneigt sei, die Vorschläge, welche der couservative Abg. v. Göhler zum Ersatz des Tabakmonopols bei der ersten Lesung dieser Vorlage gemacht hat, in Erwägung zu nehmen, so mag die Richtigkeit der Mittheilung dahingestellt bleiben. Ohne Zweifel wird die Finanz­verwaltung, wenn sie auch planmäßig alle andern Projecte bis zur Entscheidung über das Tabakmonopol zurückgestellt hat, doch ihrerseits die erforderlichen Vor­bereitungen getroffen haben, um mit anberroeiten Vorschlägen zur Füllung ber Lücke alsbald vortreten zu können. Daß dabei auch die Besteuerung des Brannt­weins nicht außer Betracht geblieben sein wird, darf als sicher angenommen werden. Will man aus demselben aber einen die jetzige Maischstener erheblich übersteigenden Betrag ziehen, so wird man ohne die schwerwiegendste Schädigung der Landwirthschast nicht daran denken können, die Steuer an die Fabrikation zu knüpfen, vielmehr dazu übergehen müssen, wie in Frankreich und Amerika, den Spiritus beim Uebergang in die Confumtion zu erfassen, lieber die Durch­führbarkeit einer solchen Getränkesteuer von Reichswegen, welche zu Communal- zwecken vielfach in den neuen Provinzen, in Städten wie auf dem platten Lande bereits besteht und welche nach den dort gesammelten Erfahrungen erhebliche und dauernde Erträge verspricht, werden allerdings im Voraus sorgfältige Er­hebungen veranstaltet werden müssen und wahrscheinlich schon veranstaltet.

Am letzten Freitag belief sich der Londoner Fonds für russisch-jüdische Auswanderung auf 72,000 Listrl. (ca. 1,500,000 Im Durchschnitt wur­den bisher 500 bis 600 Personen in ber Woche nach ben Vereinigten Staaten und Kanada expedirt, in der letztverflossenen Woche aber 740 Personen. Der Fonds dürste bald erschöpft sein, beim viele Tausende harren noch ber Weiter­beförderung.

Ein drastisches Mittel zur Eintreibung von Steuern macht gegen­wärtig in Sachsen wieder viel von sich reden. In dem nahe bei Leipzig bele- genen Leutzsch wurden die Wirthe aufgeforbert, an Steuerrückstänbige nichts zu verabfolgen unb sie kamen der Aufforderung pünktlich nach. Die Folge war, daß die Rückständigen ihre Steuern alsbald zahlten I

Die Hpgierne - Ausstellung kann in diesem Jahre schwerlich eröffnet werden. Im Frühjahr nächsten Jahres hofft man aber eine Ausstellung eröff­nen zu können, die ber abgebrannten nicht nachsteht, sondern sie noch überflügelt. In einer geheimen Ausschußsitzung wurde beschlossen, daß die Ausstellung auf dem bisherigen Platze wieder errichtet werden soll, unb zwar entmeber mit bem verfügbar werdenden Lehrter Bahnhof als Hauptgebäude, ober aber im Falle einer zu erhoffenden sehr regen Betheiligung mit Benutzung des genannten Bahn­hofes unter Neuerrichtung eines nicht feuergefährlichen, aus Glas ober Eisen zu conftruirenben Ausstellungs-Gebäudes, das auf bem Platze des abgebrannten errichtet werden soll. Die Stabt Berlin stellt einen Zuschuß zur neuen Aus­stellung von 200,000 «M. in Aussicht.