Einzelbild herunterladen

den 25. Marz 1882.

Anzeiger

Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.

Burean: Schulstraße B. 18. Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags. Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

________ Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Nr. 72. Samstag

Meßmer

AuS dem Großherzogthum Hessen, 23. März. Die der kleri­kalen Partei angehörigen Abgg. Franck, Betz, Geier, Pennrich und Racke haben bekanntlich bei der zweiten Kammer den Antrag eingebracht, die Regierung um eine Gesetzesvarlage zu ersuchen, durch welche die obligatorische Fortbildungs­schule beseitigt werde, lieber diesen Antrag hat der Abg. Dittmar Namens des vierten Ausschusses jetzt Bericht erstattet. Wie wir demselben entnehmen, so beantragt der Ausschuß einstimmig, dem Anträge keine Folge zu geben, indem er auf die Entstehungs-Geschichte der einschlägigen Artikel des Volksschulgesetzes und die gewichtigen Gründe eingeht, welche seiner Zeit zur Einführung der obligatorischen Fortbildungsschule geführt haben, ganz besonders in zweiter Kammer zum Ausdruck gekommen sind und auch jetzt unverändert fortbestehen. Auch die Regierung hat sich sehr bestimmt gegen die Tendenz des Antrages Franck und Genossen ausgesprochen.

Berlin, 22. März. In einer jüngst im Reichstags-Wahlkreise Silben» Bunzlau abgehaltenen zahlreich besuchten Versammlung hat der Candidat der dortigen liberalen Partei, der jetzt von seinem Amt zurückgetretene seitherige Direetor des statistischen Bureaus, Geh. Rath Dr. Engel, demNiederschl. Anzeiger" zu Folge sich über die schwebenden Fragen, wie folgt, geäußert:

Die Geschichte weise nach, daß alle Versuche, den Staatssocialismus zur praktischen Ausführung zu bringen, gescheitert seien. Der Einzelne müsse seine Kraft einsetzen, um für sich und die Seinen eine gesicherte Existenz zu erringen. Wenn er als Beamter gegen das Programm des Fürsten Bismarck spreche, so stütze er sich auf eine Aeußerung derNordd. Allg. Ztg.", nach weicher dem Reichskanzler es gleichgültig sei, ob die Gesetze angenommen werden oder nicht. Er habe damit Jedermann zugestanden, über seine wirthschaftlichen Vorlagen nach eigenem Ermessen zu urtheilen. Die Vorlagen, ivelche den Reichstag in nächster Session besonders beschäftigen werden, seien das Tabakmonopol, das Unfallversicherungsgesetz und die Verstaatlichung des Versicherungswesens. Es sei nicht zu verkennen, daß Fürst Bismarck mit dem Tabakmonopol die besten Absichten verbinde. Er woüe durch dasselbe das Reich von den Matrikularbei- trägen unabhängig machen und es' auf eigene Füße stellen. Angeregt sei das Tabaknionopol durch Professor A. Wagner, der es zur Gründung und Erhal­tung einer Reichs-Jnvalidenkasse eingeführt wissen ioollte. Doch davon sei feine Rede mehr. Der Reinertrag des Tabakmonopols sei zu 165 Mill. Jl. veran­schlagt. Die Kritik habe aber uachgewiesen, daß diese Annahme viel zu hoch gegriffen sei. Ein einfaches Exempel weise das nach. Deutschland zähle 45 Mill. Einwohner, die Hälfte davon sei männlichen Geschlechts. Von diesen 22'/- Mill, kommen auf Erwachsene 15 Mill., und von diesen mürben vielleicht 10 Mill. Raucher sein. Diese müßten die 165 Mill. M. Reinertrag aufbringen, also der Einzelne 16'/, Jt, was sicher nicht der Fall sein könnte. Es sei aber aud) mögt außer Acht zu lassen, daß der Tabakconsum abnehmen würde, daß eine blühende Industrie gestört und ein großer Theil von den Personen, die von der ^abakindustrie lebten, unbeschäftigt bliebe, ein anderer Theil zu unfreien Arbeitern würde. Er könne sich also nur gegen das Tabakmonopol erklären.

Arbeiter-llnfaÜgesetz sei aus der Erkenntniß hervorgegangen, daß das Haft- pflichtgesetz die gehoffte Wirkung versagte, weil nach demselben die Arbeiter den Beweis ihrer Nichtschuld an dem Unfall führen müßten. Die Versicherung gegen k m7*e .au'We Arbeiter ausgedehnt werden, weil jeder Arbeiter: auch der kleine Handwerker, den berechtigten Wunsch habe, gegen Unfälle versichert zu fein. Seine Ansicht gehe dahin, daß die Unfallversicherung nicht durch direcle, sondern durch mbirecte Prämien bewerkstelligt werden müsse, indem die Prämien

k are?. ^schlagen werden, und er weise an Beispielen nach, wie wenig druckend das für die Conslimenten erscheinen würde. Der Centner Steinkohle wurde sich demnach auf 1,05 H theurer stellen. Ferner hob er noch hervor, r» To llnfallverstcherungsgesetz erst bei einer Arbeitsunfähigkeit, die länger als 13 Wochen anhält, Unterstützung gewährt werde. Alle Fälle, die unter Z^traum liegen, sollen die Krankenkassen tragen. Das seien aber 96 pCt.

Er werde also auch gegen dieses Gesetz stünmen. ,'r? ?Un ble Verstaatlichung des Versicherungswesens anbetrifft, so sei dieselbe ohl für einzelne Branchen ausführbar, aber für andere ganz unmöglich. Das Versicherungswesen habe eine so blühende Entfaltung erreicht' und so viel Jn- m entwickelt, daß die Verstaatlichung das nicht ersetzen könne. Es würde LhmaSe^r]ein'raeiJ< ,ber ®taat au4 das Versicherungswesen in die Hand Do bliebe zuletzt der freie Bürger? Und doch sei es für das Scblnmn.^^ Staates überaus wichtig, daß der Einzelne nicht in trägen sondern » ^m?^"5^danken eingewiegt werde, daß der Staat für ihn sorge, seine Stätte l($ unb be Semen selbst sorgen und schaffen und dadurch «r4Vml?n^llle. Ä.et"",r b-ka-mlich ein Beamter ist, der in seiner viel- Gebieten der Staats ^°"?eher des statistischen Amtes Erfahrungen auf allen gemein anerkannt' ^Verwaltung zu sainmeln in der Sage war und diese, wie all- lung kommendm L'°uch besitzt, so dürfte seine Ansicht Über die zur Verhand- Beachtung verdiene bei ben Berathungen, sowie auch in weiteren Kreisen Nachrfckeiben "üfte^Ä^1! ber Regiemng Fühlung habendenBerl. Polit. wirthscha tsratb Die^nun8 bed Tabakmonopols im preußischen Volks- BroäB des Tabaknionopol-Entwurfs durch den

licher Weise Stimme Majorität, ein Resultat, das in ähn-

ir bereits nachgewiesen haben in unterrichteten und

die Verhältnisse objectiv beurthellenden Kreisen vorausgesehen wurde, ist ebenso­wenig geeignet, die Ansichten über die Vorzüge des Monopolsystems an sich, wie über die Nothwendigkeit desselben für die wirthschaftliche Entwickelung des Reiches zu beeinflussen, wie eine geringe Majorität, die sich für dasselbe ausge­sprochen hätte, als_ ein ausreichender Beweis zu Gunsten desselben hätte aner­kannt werden müssen. Gerade im vorliegenden Falle darf aus dereinen Stimme" Majorität um so weniger irgend ein Schluß gegen das Monopol gezogen werden, als der Volkswirthschaftsrath in demselben Momente, wo sich jene Abstiinmung vollzog, eine Resolution faßte, der zu Folge mit 48 gegen 14 St. die Nothwendigkeit anerkannt worden ist, den Tabak einer ausgiebigeren Besteuerung zum Zwecke der Finanzresorm zu unterwerfen. Da sich unter ben 48 St., welche in diesem Sinne resolvirten, 31 befunden haben, bie für das Monopol ein» traten, so ergiebt sich, daß der Volkswirthschaftsrath mit einer die Gegner erdrückenden Majorität die Regierungs-Anschauung der stärkeren Heranziehung des Tabaks zu den Staatslasten theilt und nur über den Modus der geeignet­sten Besteuerungsform noch nicht vollständig einig ist. Demgemäß wird das Votum des Volkswirthschaftsraths auch .auf die bisherigen Entschließungen der Regierung keinen Einfluß ausüben. Dem demnächst zusammentretenden Reichs­tage wird ein Tabakmonopol-Gesetz vorgelegt werden, nachdem vorher die gut» achtlichen Aeußerungen der verbündeten Regierungen eingetragen und darauf die Conferenz der Finanzminister im Bundesrathe sich mit dieser Angelegenheit beschäftigt haben wird.

Mas will derDeutsche Schulverein"?

Um der Ehre willen müssen wir aUentl)alben emtreten für unser Volksthum; ehrlos vermag der Deutsche mcht zu leben " Und den deutschen Namen Hochzuhallcn, nicht allein zu Hause, sondern auch in der Fremde, für seine Reinheit und Eihadenheil und für feinen Bestand in ernstester Theilnahme und bewußter Thätigkeit mit sorgen zu helfen auch da, wo des Deulschtlmms Femde den deutschen Namen an den Pranger geschlagen haben das ist d>s Deutschen Pflicht. Wiederum tönt herüber der Seutzer einesverlorenen Biudeistamrms". Daß doch die Klage der Vergewatiigten dringe zu Ohr UndHerz oller guten deutschen Männer, daß sie ihre Stimmen erhebenl Mochte auch die deutsche Presse immer wieder erinnern an das gebrochene Recht der Deutsch!n auf dem siebenbürgi scheu Sachseubod-N, des Volkes, das wegen seiner Beständigkeit in der echten Treu von den ungarischen Kömgen so ost und oft gepriesen wurde Immer kühner, immer rücksichtsloser geht jetzt die ungarische Regierung toon einem ve,wilderten Geschlechte berathen) gegen diesen deutschen Bruderstamm vor, und wenn Nicht Hülse von den Brüdern im Reiche kommt daß sie eintreten für das deutsche Leben und die deulschen Richte der fiebenbürger Sachsen, so wird der deutsche Boden unterg h-n in der trüben Ftuth. Die siebendürgischen Deutschen, umgeben von begehr­lichen, Billigkeit und Richt verhöhnenden Nachbar», werden ihrem Martyrium erliegen müssen. Sagt doch selbst Graf Szechenyi,Ber größte Magyar", ihm fei fein Magyar bekannt, d-r sich Nicht gleich einem Verrückten allen Regeln der Billigkeit, sogar der Gerechtigkeit entzöge, wo seine Nationalität und seine Sprache mit in Frage komme. Und daß die Magyaren ihren Mit-Nationcn, zumal den Deutschen gegenüber niemals gerecht geworden sind und werden wollen, das zeigt der Jubel, mit dem sie die gewalt­samsten Maßregiln, die empörendsten Ungerechtigkeiten, welche sich die Regierung den Sachsen gegenüber zu Schulden kommen läßt begrüßen. Wahrlich, die Dinge liegen in Siebenbürgen nicht so, daß man sie nur mit glatten Handschuhen anfaffen büite; hier muß gehandelt werden, geholfen, vorg,beugt werden. Und wenn auch nicht gemeinsam Blut und Sprache uns den Sachsen Siebenbüigen's verbände, so wäre schon die zähe, kcastoolle Entschloffenheit, mit der sie durch sieben Jahrhunderte ihr deuisches Volksthum geschirmt, aus zahllosen Heimsuchungen gerettet haben, so wäre schon ihr hoher deutscher Bürgeisinrr ihre Glaubenskraft und Glaubensfreiheit des höchsten Jnteiksses, der höchsten Bewunderung Werth. Das Unterliegen des fiebern bürgifchcn Deutfchlhums wäre für jedes gute deutsche Herz tragisch; Helsen wir es verhüten! Auf zum Kampfe, zum Kampfe mit des Geistes Waffen! Stärket in Schule und Kirche das Deutschthum, so wird die Familie auch deutsch bleiben. Das will berDeutsche Schulverein", davon trägt er seinen Namen: feine Forderung geht an jeden guten Deulschen, an seinem Theil Mitzuwltken als Glied im Ganzen zur Förderung und Erhaltung deutscher Ehre, deutschen Volksthums daheim und draußen.

BermffdMtS.

Darmstadt, 22. März. Heute kam aus Berlin die Nachricht, daß ber dies­jährige deutsche Lehrertag wahrscheinlich nicht in Darmstadt abgehaldn wird, da sich die Majorität der dis jetzt abgegebenen Stimmen für Kassel entschieden hat.

Erbach, 21. März. Mit Legung des Schienengeleises durch den Krähberg­tunnel ist gestern begonnen worden. Die Fertigstellung soll möglichst beschleunigt uno zu dem Zw cke Tag und Nacht daran gearbeitet werden.

Frankfurt, 20. März. Für die Familie des Handelsmannes Hirsch Flörs­heim aus Heddernheim, der sich in voriger Woche den Tod gab, ist an demselben Tage, als der Fall bekannt wurde, an der Börse eine Sammlung veranstaltet worden, die mehrere hundert M. ergab. Außerdem ist durch feine Glaub,nsg.»offen dafür gesorgt worden, daß die Hinterlassenen allwöchentlich eine angemessene Unterstützung erhalten.

Franksurt, 20. März. Heute wurde mit dem Abbruch des Hauptgebäudes der Patent-Ausstellung begonnen. Was noch von Inventar vorhanden war, wurde Ende voriger Woche versteigert und von denjenigen erstanden, welche die Hauptforderung an das Ausstellungs-Comitä hatten. Damit ist nun wohl das Project, mit dem man hoffte, den Gläubigern zu mindestens 75pCt. verhelfen zu können, zu Wasser geworden.

Gestern Nachmittag ist ein'zweiter männlicher Löwe im zoologischen Garten elngeti offen. Das Thier ist etwa dreijährig, von schönem, ebenmäßigem Bau und verspricht Mahmud, der bereits eine stattliche Mähne hat, eine Zierde der Thiersammlung zu werden.

Schwanheim, 20. März. Gestern wurde die unglückliche Frau des Metall- drehers Röhrig nebst den beiden Kindern zur ewigen Ruhe gebettet. Mutter und Kinder nahm ein gemeinsames Grab auf. Eine ungeheure Menschenmenge nahm an dieser Trauerfeier den cegsteir Antheil. Die sterblichen Ueberreftc der Frau barg der neugebaute Leichenwagen, während die Kinder nach alter Sitte zur letzten Ruhe ge­tragen wurden.

Wiesbaden, 20. März. Die neue Verordnung, wonach Damen auf Sperr­sitz- und Orchesterplätzen die Hüte abzunehmen haben, veranlaßte gestern Abend während der Vorstellung der OperZampa" oberdie Marmorbraut" etnen Scandal, wie er unwürdiger kaum gedacht weiden kann. Mit dem Abdruck der Verordnung