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223 Zweites Blatt. Sonntag den 24 September 4S82.
Kießener Anzeiger
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Wochenschau
Gießen, 23. September.
Die Kaisertage in Sachsen sind nun zu Ende und ist der Kaiser im besten Wohlsein am vergangenen Mittwoch Nachmittag wieder in Schloß Babelsberg eingetroffen, wo er voraussichtlich bis Ende dieses Monats residiren wird. Die Tage des 14. bis 20. September werden der sächsischen Armee, wie auch der Bevölkerung Sachsens, speciell aber der Einwohnerschaft der sächsischen Hauptstadt unvergeßliche sein, denn sie haben ein neues Band zwischen unserem greisen Kaiser und weiter dem ganzen Hohenzollernhause und Sachsens Fürstenhaus, seiner Bevölkerung, seiner Armee gewoben und anderseits dürfte auch der kaiserliche Schirmherr des deutschen Reiches von seinem Besuch in Sachsen nur wohlthuende Eindrücke mit hinweggenommen haben. Der Kaiser hat denn auch bereits in einem Handschreiben an König Albert seiner außerordentlichen Zufriedenheit mit den Leistungen der sächsischen Truppen während der Manövertage wärmsten Ausdruck verliehen und daneben auch seinen herzlichsten Dank für die ihm sowohl im sächsischen Königshause, als auch vom ganzen Lande zu Theil gewordene Aufnahme ausgesprochen. Auch an den Ober-Bürgermeister von Dresden hat der Kaiser ein für die Einwohnerschaft Dresdens sehr schmeichelhaftes Dankschreiben über den ihm in Sachsens Hauptstadt zu Theil gewordenen herzlichen Empfang gerichtet.
Ein für Preußen und das übrige Deutschland hochbedeutungsvoller Tag ist mit dem 23. September herangenaht. An diesem Tage sind es zwanzig Jahre, daß Fürst Bismarck vom König Wilhelm, unserem jetzigen Kaiser, zum interimistischen Vorsitzenden des preußischen Staatsministeriums ernannt wurde, worauf am 8. October 1862 die definitive Ernennung des Herrn v. Bismarck zum Präsidenten des Staatsministeriums und Minister der auswärtigen Angelegenheiten folgte. Es ist hier wohl nicht nöthig, auf die lange Reihe glänzender Erfolge zurückzublicken, welche Fürst Bismarck, zuerst an der Spitze Preußens, dann an derjenigen des ganzen neugeeinten Deutschlands stehend, während dieser beiden Jahrzehnte errungen hat, denn diese Erfolge leben noch frisch in den Herzen aller Zeitgenossen fort. Wohl aber soll uns das zwanzigjährige Minister-Jubiläum unseres leitenden Staatsmannes eine ernste Mahnung sein, stets an dem Werke festzuhalten, das der „eiserne Kanzler" mit beispielloser Energie uns errungen hat, an der nationalen Einheit; möge uns daher der 23. September daran erinnern, über all' den Kämpfen und Parteiungen des Tages den nationalen Gedanken stets hoch zu halten.
Von sonstigen politischen Begebenheiten dieser Woche ist, was Preußen anbelangt, die Veröffentlichung der Wahlaufrufe der beiden conserva- tiven Fraktionen hervorzuheben. Weder die Kundgebung der Deutschconservativen, noch diejenige der Freiconservativen enthält neue Schlagworte, nur ist an dem deutschconservativen Manifeste der schroffe Ton auffällig, mit welchem sich dasselbe gegen die Liberalen und deren Bestrebungen wendet. Es wäre bedauerlich, wenn hierdurch die Wahlbewegung zu den preußischen Landtagswahlen eine Verschärfung erlitte, denn dieselbe hat sich bisher, eimelne Ausnahmen abgerechnet , in den Grenzen des Parteianstandes und der Objectivität gehalten.
Der Weiterbestand der Münchener Simultan schulen ist trotz der ultramontanen Gegenagitation gesichert, da bis jetzt 5200 Kinder für die Simultanschulen iuscribirt worden sind. _
Für Oesterreich waren in dieser Woche die Triester Kaisertage das bemerkenswertheste Ereigniß. Kaiser Franz Josef hat in dem österreichischen Handels-Emporium an der Adria eine glänzende und dabei sehr herzliche Aufnahme gefunden, auch der italienische Theil der Triester Bevölkerung bethei- ligte sich lebhaft an den dem Monarchen dargebrachten Ovationen. Nur warfen die Entdeckung der Bomben in Nonchi und die gewaltigen Ueberschwemmungen in Tyrol und Kärnthen einen Schatten auf das glänzende Bild der Triester Kaisertage; was den ersteren Vorfall anbelangt, so ist jetzt erwiesen, daß das in Ronchi verhaftete Individuum, in dessen Besitz die Bomben gefunden wurden, Oberdank heißt, ein desertirter österreichischer Soldat ist und in Rom Jahre
r lang von dem Central-Comitä der Irredentisten unterstützt wurde. Letztere Umstand beweist zur Genüge, daß die Irredentisten jenen verbrecherischen Anschlägen, denen die Stadt fortgesetzt zum Object zu dienen schemt, mcht fernstehen. . .
In Frankreich haben die Erfolge der Engländer im egypü- schen Feldzuge einen tiefen Eindruck gemacht, wovon die Artikel zeugen, welche die französischen Blätter fortgesetzt der egyptischen Frage widmen Möglicher Weise wird letztere auch den Anlaß zu einer früheren Einberufung der frcmzösi- schen Kammern, als ursprünglich beabsichtigt, bilden, denn in Pariser Regierungskreisen nimmt man an, daß die egyptischen Angelegenheiten den Ausgangspunkt einer Reihe von Erörterungen und Besprechungen zwischen den Mächten bilden werden, welche das Cabinet Duclerc nöthigen würden, sich an die Kammern zu wenden. Die eventuelle Einberusung der Kaminern soll im October erfolgen und werden sich dieselben dann wohl oder übel erklären müssen, welche Politik Herr Duclerc bezüglich Egyptens befolgen soll.
Meldungen aus Rom versichern, daß die Neuwahlen zur italienychen Deputirtenkammer auf Grund des neuen Wahlgesetzes aus den 29. October und o. November anberaumt seien. — In Ober-Italien haben in ^olge heftiger Regengüsse in den Alpen große Ueberschwemmungen stattgefunden und bereut der Arbeitsminister gegenwärtig die Ortschaften, welche am meisten gelitten haben.
Aus Rußland wird uns in dieser Woche die wichtige Kunde, daß das Czarenpaar in Begleitung der Großfürsten Alexis, Sergei und Paul von Peterhof nach Moskau abgereist ist, wo die hohen Gäste am Mittwoch wohlbehalten eingetroffen sind. Heber den Empfang des Kafferpaares wird gemeldet, 'daß dasselbe von den dichtgedrängten Volksmassen nut stürmischen Hochrufen begrüßt wurde und auch auf dem Wege zur Kathedrale wurden dem kaiserlichen Paare enthusiastische Ovationen zu Theil. Mit dem kaiserlichen Zuge kam auch der Fürst von Montenegro in Moskau an, welcher die Majestäten überall hin begleitete. Am 21. und 22. d. Mts. besuchten der Kaiser, die Kaiserin, Fürst Nikita und die Großfürsten die Ausstellung, welche aus diesem Anlaß während der genannten Tage dem Publikum verschlossen blieb.
Der König von Rumänien empfing in dieser Woche auf Schloß Sinai bei Bukarest den Besuch des Fürsten Alexander von Bulgarien. DfticieUe Persönlichkeiten waren hierbei nicht anwesend, woraus man schließt, dan die Begegnung keine politische Bedeutung habe, sondern lediglich als ein Akt der Eour- toifie zu betrachten sei.
Die englisch-türkische Militär-Convention ist nunmehr ms Wasser gefallen' Lord Dufferin hat den türkischen Ministern mit dürren Worten erklärt, daß England die ganze Convention jetzt als unnütz betraute. 3 9 will England an seinen freundlichen Beziehungen zur Pforte mch s 9 wissen, da zwischen beiden Ländern die gleiche ^f^uungM existire; deutet dies vielleicht auf den geheimen eng isch-turkiichen Vertrag bezüglich Egyptens hin, dessen Existenz bis jetzt noch vielfach b^we elt wird
M Norden Eavvtens droht dein egyptischen Feldzugs noch em blutiges Nachspiel zu folgen. Die Besatzung Forts Ghamllch bei Damrette weigert sich, zu capituliren und es sind deshalb die »Agmcourt
und „Northumberland" dorthin abgesandt worden, um, falls,der Commandant von Ghamleh die letzte Aufforderung zur Uebergabe rumckw°ff das Bombardement zu eröffnen. Außerdem ist auch em Truppenchell ans dew> Landwege nach Ghamileh beordert worden. Ferner wurden m Benha, Borete) abat uni) Tantha die Häuser und Wirthschaftru der Europäer geplundertz- Vom Vice- könia ist die Einfekuna einer Special-Commisston decretirt worden zur Unter - uchuna der in der steit vom 11. bis 16. Juni in Alexandrien begangenen DiebstähleZMorde und Brandstiftungen; die CommrslronjoB aus»4 unb 3 Einaeborenen unter dem Präsidmm Abdurrahman Ruschm Pafcha j be steh" Me Vertreter der Consnlate können den Sitzungen beiwohnen, habe.i aber bei den Beschlüssen keine Stimme.


