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9tr 11». Mittwoch den 24 Mai 188L.

Gießener Anzeiger

Amts- «nd Airzeigtblatt für den Kreis Gießen.

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Suren« : Schulstraße B. 18.

Erscheint täfllid) mit Ausnahme des Montags.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlclm. Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 P>.

Amtlicher Hheit.

Betreffend: Die Anschaffung nützlicher Bücher. Gießen, am 20. Mai 1882.

Das Großherzogliche Kreisamt Gießen

an die Großherzoglichen Bürgermeistereien des Kreisel.

Sie erhalten demnächst eine Schrift des Ober-Medicinal-Raches Dr. Lorenz über das Vieh-Versicherungswesen, welche auf Kosten des landwirthschaft- lichen Bezirksvereins in Folge Beschlusses der Generalversainmlung vom 3. l. Mts. angeschafft worden ist, zu geeigneter Verwendung.

Dr. Boekmann.

Politische Ueberficbt.

Gießen, 23. Mai.

Der Kaiser begab sich in Begleitung des deutschen Kronprinzen und des Prinzen Wilhelm von Preußen am vergangenen.Freitag nach Stettin, um das dort zusammengezogene Landwehr-Uebungs-Vataillon zu besichtigen; am Freitag Nachmittag trafen der Kaiser und seine Begleitung wieder in Berlin ein. Am Sonnabend inspicirte der Kaiser das Kaiser-Franz-Garde-Grenadier- Reginient Nr. 2 und das 3.. Garde-Regiment z. F. auf dem Tempelhofer Felde.

In unserer inneren Politik ist die Stimmung gegenwärtig, wo sich der Reichstag vertagt hat, auf allen Seiten eine wesentlich ruhigere geivor- den, wie mit Genugthuung constatirt werden kann. Der Beweis hierauf liegt in der sachlichen Art und Weise, in welcher die dem Reichstage zugegangenen Vorlagen während der ersten Lesungen derselben allgemein behandelt wurden.

Die Tabakmonopol-Commission des Reichstages hat am Freitag, wie erwartet wurde, ihre Berathungen zu Ende geführt. Die Com­mission lehnte die Regierungs-Vorlage ab und nahm, unter Ablehnung aller anberen Anträge, den folgenden, von dem Centrumsmitglied Lingens gestellten Antrag mit 21 gegen 3 Stimmen an: Der Reichstag beschließt zu erklären, daß nächst der erst durch das Gesetz voin 16. Juli 1879 erfolgten Erhöhung der Tabaksteuer eine weitere Belastung und Beunruhigung der Tabakindustrie um so mehr unstatthaft erscheint, als durch die vorhandenen, in der Zunahme begriffenen Einnahmen sowohl im Reiche, wie in den Einzelstaaten die öffent­lichen Bedürfnisse zu befriedigen und die bestehenden Mängel in der Zoll- und Steuergesetzgebung auszugleichen seien.

Am vergangenen Dienstag fand in Magdeburg der Parteitag der liberalen Vereinigung aus der Provinz Sachsen und den Herzogthümem Braun­schweig und Anhalt statt. Abg. Dr. Lasker stellte am Schluffe der vertraulichen Besprechung als letztes Ziel der secessionistischen Partei die Aufgabe hin, Frie­den und Verständigung unter den liberalen Fraktionen herzustellen, in welchem Sinne sich im Allgemeinen auch die übrigen Redner äußerten.

In Oesterreich-Ungarn bildet die Regelung der bosnisch,herzegomi- mschen Verhältnisse die nächste Hauptaufgabe für die Staatsmänner des Kaiser- siaates. Die in den letzten Tagen in der ungarischen Hauptstadt stattgefundenen gemeinsamen Conferenzen der österreichischen und der nngarischen Minister bezo­gen sich zum größten Theil auf diesen Gegenstand. Es ist noch nicht näher tonnt, zu welchem Ergebniß diese Verhandlungen geführt haben, doch wird in Kiener politischen Kreisen behauptet, daß zwischen beiden Regierungen über die Grundsätze der künftigen Verwaltung der occupirten Provinzen eine Einigung krzielt worden sei. Ueber den Nachfolger Herrn v. Szlavy's im Reichs-Finanz­ministerium verlautet noch immer nichts Bestimmtes und sind daher alle Mit- cheilungen nach dieser Richtung hin mit Reserve aufzunehmen.

Herr Gladstone, der englische Preniier, hat am vergangenen Freitag im englischen Unterhauie einen nicht unbedeutenden Erfolg davonqe- ttagen. obwohl durch denselben die Niederlage, welche Gladstone in voriger Woche in der Debatte über denVertrag von Kilmainham" erlitten hat, noch I'lange nicht wettgemacht worden ist. Das Unterhaus hat an genanntem'Tage die von Gladstone in Folge des Dubliner Doppelmordes vorgeschlagene neue irische Zwangsbill mit 383 gegen 45 Stimmen in zweiter Lesung angenommen Die Minorität setzte sich aus den Anhängern Parnell's und einigen wenigen radikalen Liberalen zusammen. Die imposante IJiajorität, mit welcher das neue Zwangsgesetz angenommen wurde, beweist, daß das Unterhaus die von der Negierung wieder eingeschlagene Politik der scharfen Maßregeln gegen Irland billigt; wie dieselbe jedoch von der irischen Bevölkerung ausgenommen werden wird, muß abgewartet werden.

Aus Rom wird vom 19. d. Mts. gemeldet, daß der Marine- Mnister, der Handelsminister und Deputationen der beiden Häuser des italieni­schen Parlaments am Freitag von Rom abgereist sind, um der Eröffnuna der Cotthardt-Bahn beizuwohnen. Auch der deutsche Botschafter von Rom Baron 1. Keudell, hat Rom zu demselben Zwecke verlassen.

I Die schon fast zur Mythe gewordene Krönung des russischen Kaiser- pmres wird nun doch noch stattfinden. Dein Pernehmen nach hat der Minister bis kaiserlichen Hauses den Hofchargen mittelst Circulars mitgetheilt daß die Krönung am 6. September d. Js. in Moskau vor sich gehen wird und daß die Festlichkeiten zwei Wochen dauern werden. Was indessen die Gerückte anbe- lagt, daß verschiedene fremde Fürstlichkeiten den Krönungs-Ceremonien in der ilten Hauptstadt des Czarenreiches beiwohnen würden, so versickert man in Petersburger Hofkreisen, daß eine derartige Betheiligung zur Zeit noch sehr

Die' egyptischen Angelegenheiten beherrschen gegenwärtig aus­

schließlich die allgemeine politische Lage. Nachdem der erste Abschnitt der Krisis am Nil mit der, wenn auch vielleicht nur auf sehr schwachen Füßen stehenden, Aussöhnung zwischen dein Vicekönig Tewfik Pascha und der arabischen Partei geendigt hat, ist diese Krisis in eine neue Phase getreten. Dieselbe kennzeichnet sich durch den zwischen den Westmachten und der Pforte allrnälig bezüglich Egyptens auftretenden Gegensatz. Die Pforte hat nämlich ein Rundschreiben erlassen, in welchem sie gegen die englisch-französifche Flotten-Demonstration vor Alexandrien, welche einem Eingriffe in die souveränen Rechte des Sultans über Egypten gleichkomme, protestirt und die Znruckbernfung Der Panzerschiffe ver­langt. Essad Pascha, der türkische Botschafter in Paris, hat das bett. Cir­cular der französischen Regierung überreicht, dasselbe wird aber weder in Paris, noch in London irgendwelchen Eindruck machen, denn papierene Proteste haben in unserer eisernen Zeit keinen praktischen Werth mehr. Mittlerweile ist bereits das englische KanonenbootBittern" als Vorläufer der englisch-französischen Escadre in Alexandrien eingetroffen und letztere selbst dürste am Sonnabend oder Sonntag dort angekommen sein

Seuljchluud.

Berlin, 20. 2)iai. In Elsaß-Lothringen hat man aus der französischen Verwaltung her die Führung von Registern beibehalten, in denen über die Strafen der irn Reichslande zum ersten Male, sowie für die dort im Rücksalle Zur Abnrtheilnng gelangenden Perionen Buch geführt wird. Diese Einrichtung, welche sich im Reichslande als eine sehr gute erwiesen hat, soll einem Vorschläge des Ausschusses für Justizwesen des Bundesraths zufolge im ganzen Reichsgebiet eingeführt werden. Demzufolge sollen wechselseitige Mittheilungen in allen Fällen erfolgen, wo Reichsangehörige wegen Vergehen ober wegen Uebertretung des § 361 des Strafgesetzbuches verurtheilt worden sind. Die Absätze 3 bis 5 und 7 bis 9 des eben citirten Paragraphen wenden sich hauptsächlich gegen Land­streicher und Bettler; die in Aussicht genommene Anlegung von Strafregistern wird wie man hofft dazu beitragen, die täglich mehr überhand nehmende Landplage vom Bettel sich ernährender Landstreicher und Vagabonden ein Ende zu machen.

Tabakmonopol ober nicht", zu biefer Frage nimmt jetzt auch die ministerielleProv.-Corresp." in ihrer neuesten Nummer roteber einmal Stellung. Sie fragt in einem Artikel, ob die gegen das Monopol erhobenen Bedenken nicht alle zurücktreten können und müssen gegenüber der Erwägung, daß die endliche Durchführung der Finanzreform im Interesse des Reichs, der Einzel­staaten und Gemeinden nothwendig ist, und daß keine andere Besteuerungsform die Mittel hierzu in so leichter Weise und in solchem Umfange aufzubringen im Staude ist, wie das Tabakmonopol. Daran knüpft sie folgende Forderung: Wir glauben, daß gerade die Gegner des Monopols, welche im Uebrigen keine Gegner einer Finanzreform sind, die Verpflichtung haben, mit positiven Vor­schlägen hervorzutreten und zu beweisen, daß dieselben besser als das Monopol sind. Wenn der Reichstag weder das Monopol annimmt, noch andere positive Vorschläge macht, bann würde er allein die Verantwortung für die Fortdauer der Reich, Staat und Gemeinden bedrückenden Uebelstände zu tragen haben." Sehr wahr gesagt, aber wie wär's, wenn man einmal ernstlich die schon hun­dert- und tausendfach angeregte Erhöhung der Branntweinsteuer, verbunden mit etlichen verschärften Luxussteueru, in Erwägung zöge? Bisher scheint aber Diese Angelegenheit einNoli ine tangere zu sein 1

Schweiz.

Luzern, 21. Mai. Um 7'/2 Uhr langte der erste italienische Festzug aus Malland an, welcher aus zwei mit Guirlanden geschmückten Locomotiven und 20 Wagen bestand. In demselben befanden sich der Präsident des Senats, Tecchio, der Vicepräsibent der Kammer, Varö, die Minister Baccarini und Acton und eine große Zahl von Deputirten und Geladenen. Bei der Ankunft des Zuges wurden Kanonenschüsse gelöst, die städtische Kapelle spielte den Garibaldi- marsch, das Publikum empfing die italienischen Gäste mit sympathischen Kund­gebungen. Ein unbedeutender Zwischenfall ereignete sich in Brunnen, indem eine Wagenkoppel zersprang. Das Wetter ist schwankend. Am nächsten Dienstag wird bei schönem Wetter Der officielle Empfang durch den Bundesrath voraus­sichtlich erst nach Eröffnung des Bankets stattfinden, dagegen eine Fahrt auf dem See und nach dem Rigi veranstaltet werden. Das Programm für die Festlichkeiten in Mailand ist folgendermaßen festgestellt: Am Dienstag Abend gesellige Zusammenknnft, veranstaltet durch die Behörden der Stadt, am Mitt­woch Besichtigung der Stadt, Nachmittags Vereinigung im Grand jardin und Abends Banket, Beleuchtung des Dorns, Concert im Scala-Theater.