Ausgabe 
23.4.1882 Zweites Blatt
 
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Beilage ni Nr. 94 -es Gießener Anzeigers

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1879

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tDer nervöse Settier.] Die modernste aller Krankheiten hat nun auch das Bettlerthum ergriffen. Wilh. Rojek, ein Bettler von Profession, lieferte btefer ^age vor dem Richter des 9. Wiener Bezirks ein klassisches Beispiel hierfür. Rojek erschien beschuldigt, den nächst der Taufkapelle beim Eingänge in die Stefanskirche ausgestellten Opferstock mit Papier verstopft und die in Folge dessen nicht hineingefallenen Liebes­gaben herausgenommen zu haben. Die Kirchendiener sind der Ansicht, daß Roick diese Manipulation vier Jahre fortgesetzt und sich auf diese Weise 200 fl- ungeeignet habe, weil sich jedoch dies nicht erweisen ließ, stand Rojek vor dem Bezirksgericht blos wegen einer Uebeitretung angeklagt. Richter: Sagen Sie mir, was ist denn eigentlich ihre Beschäftigung? - Angeklagter (mit gefalteten Händen, den Blick nach Oben gerichstet). Ich bin, hohes Gericht, angestellt bet St. Stefan. (Heiterkeit.) Richter: Angestellt sind Sie? Ja, was für eine Beschäftigung haben Sie tonn'? Angeklagter: Ich bin vor der Kirchenihüre angestellt und stehe daselbst von 9 Uhr Morgens bis 1 Uhr Mittags und von 5 bis 6 Uhr Abends, wann der Segen ist, und beschäftige mich damit . . Richter: Zu betteln, nicht wahr? Angeklagter: O, ich spreche kein Wort, wenn ich bettle, aber ich mache den Kirchenbesuchern die Thüre auf und zu. Richter: Der Herr Staatsanwalt verlangt Ihre Bestrafung, haben Sie noch etwas zu bemerken. Angeklagter: Ich bitte, die Strafe nicht zu hoch zu bemessen, denn ich bm sehr nervös- Der angegriffene Mann wurde trotzdem zu einem Monat strengen Arresteo verurthnlt. ber Äart0^e(n j Daß bei zu engem Legen der Kartoffeln sehr

kleine Kartoffeln geerntet werden, ist ebenso richtig wie die Behauptung, daß bet zu weitem Legen der Boden nicht vollständig ausgenutzt wird- Besonders bei Sorten mit nicht starker Belaubung erscheint ein zu weiter Stand stets unrationell. Ich habe nach dieser Richtung auf dem Versuchsfelde der landwirthschaftlichen Lehranstalt in Hohenwedstedt sehr eingehende Versuche angestellt. Bei einem solchen Versuche wurde die bekannte gelbe Eierkoffel in so verschiedener Weise gepflanzt, daß auf dem einen Felde 100 Sträucher standen, gegenüber 34 auf dem zweiten- Die Kartoffeln hatten durchgehends dasselbe Gewicht, pro Stück 40 G.; Düngung, Vorfrucht, Zeit, Be­arbeitung und Boden waren für beide Felder gleich. Dem Anscheine nach war der Ertrag aus dem weitgepflanzten Felde ein höherer, indem nicht nur die Zahl der lan den einzelnen Sträuchern vorhandenen Kartoffeln, sondern auch das Gewicht der einzelnen Knollen bedeutend größer war. Dennoch aber stellte sich das Gesammt- resultat als ein dem weiten Pflanzen sehr günstiges heraus, indem das Gesammt- gewicht auf dem enggepflanzten Felde nahezu um ein Drittel hoher war. Ein zu weiter Stand hat aber außerdem die Nachtheile, daß dabei der Boden durch dre ein­fallenden Sonnenstrahlen zu stark erhitzt und der Humus zu schnell zersetz wird; daß außerdem durch starke Regen der Boden zu sehr zusammengeschlemmt wird und die Entwickelung des Unkrauts eine zu üpp ge ist. - Umgekehrt hat ein zu dichter Stand den Nacktheit, daß überhaupt die volle Entwickelung ausgeschlossen ist. Em fort, gesetzt beschattetes Blatt nämlich erzeugt keine organische Substanz, kann al,o auch nicht zur Knollenausbildung beitragen; außerdem wird durcheine stärkere gegenseitige se- schattung der Stengel und ihrer Blätter ein übermäßiges Langswachsthum herbeigeführt, mit verminderter Verholzung der Gefäße und Holzzellru des Stengels, wodurch einer­seits, in Folge des größeren Consums der organischen Substanz für eine luxuriöse Laub ntwickelung, die Knollenbildung bencichtheiligt wird, andererseits aber der Stengel die Neigung zum Niederlegen bekommt. Tritt das Niederlegen wirklich em, so ist d e Knollenausbildung in erhöhtem Maße geschwächt, denn nun wirkt die Schwere auf die Strömung des organischen Bildungsmaterials, häuft sich tm meberliegmben Stengel selbst an und erzeugt hier eine massige Ausbildung ber Seitenzweige, sEverstandlich auf Kosten der Knollenausbildung. - Darf ich eine allgemeine Regel für die Pflanz­weite der Kartoffeln anstellen, so ist es die, daß dte Kartoffeln so dichtgepflant werden dürfen, daß das Laub sich im ausgewachsenen Zustand berührt, also den Boden allenb halben beschattet, daß der Stand aber nie so dicht fein darf, daß d'e Pflanzen durch gegenseitige Beschattung einander schwächen. Aus dieser allgemeinen Regel ergibt sich aber schon, in weich' hohem Grade die Pflanzenwelt abhängig /-m muß von den Boden- und Culturverhältnissen, sowie von der Sorte, doch scheint mir die Annahme zulässig, daß sich bei einer Reihenentfernung von ca 60 Cm. eine Entfernung der Sträucher von 30, höchstens 40 Cm. in den Reihen, bei gut vorbereitetem Boden unter allen Verhältnissen empfehlen wird und daß nur besondere Botonverhalttusse oder be­sonders stark belaubte Kartoffeln einen größeren Pflanzenraum wünschenswerth er­scheinen lassen. vr- Giersberg-

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Berlin. Seit dem 1. October 1879, an welchem Tage die deutschen Juftiz- gesetze in Kraft getreten sinb, befinbet sich ber ehrliche Stator eines Gegenstandes n einer schlimmen Lage. Durch den S 23 des zur deutschen Civilproceßordnung erlassenen preußischen Ausführungsgesetzes vom 24. März 1879 ist in ber bttn Fmber obltegenben Verpflichtung, den Fund ber Polizeibehörde anzuzeigen, keine Aenberung ttngttreten, dagegen besteht für ben Fiober nicht mehr bie Verpflichtung bie gefundenen Sach m zur gerichtlichen Verwahrung anzubieten, ebenso wenig bie Nothwenbigkeits eines Auf­gebots ber gefundenen Sache ohne Antrag. Meldet nun der Finder ben Fund bei der Polizeibehörde an, so muß er erklären, ob er Anspruch auf die gefundene Sache oder auf Finderlohn erhebt oder nicht. Erhebt er einen solchen Anspruch, so w,rd ihm dre Sache belassen unb ihm eröffnet, daß es ihm überlassen bleiben müsse, nach Ablauf von 14 Tagen, wenn der Verlierer sich nicht meldet, weitere Anträge bei Gericht zu fteUen Da die weitere Aufbewahrung des Fundes Weitläufigkeiten und nicht selten

B bei Thieren bedeutende Kosten verursacht, so wird der Finder es vorziehen, seiner Nerv'slicdtuna die gefundene Sache an ben ihm unbekannten Eigenthümer abzuliefern, durch gerichtliche Hinterlegung Genüge zu leisten. Die hierdurch entstehenden Kosten bte Nickt selten ben Werth bes Gegenstands übersteigen, hat aber der Finder ebenfalls nt trauen Beantragt ber Finber bei bem zuständigen Amtsgericht den Verkauf des Bundes so fetzt sich derselbe nicht selten wiederum der Gefahr aus, mehr Kosten zahlen »u müssen als ber Gegenstand werth ist. Erhebt dagegen ber Finder vor ber Polizei- bebörbe bei der Anmeldung des Fundes nicht ben Anspruch aus die gefundene Sache ober aus Finderlohn, so wird in der Regel die Erklärung von ihm ver angt daß er sich weiterer Ansprüche an die gefundene Sache begebe unb die Polizeibehörde er- mtithtiae »um Besten ber Ortsarmenkasse in seinem Namen den Antrag auf Erlaß des Aufgebots zu stellen. Die alsdann erfolgende Aufbewahrung im Polizeibureau kostet »war nichts aber ber Finder hat neben dem Verlust des Anspruchs auf bie Sache und ^mderlolm 'die Kosten des Aufgebotsverfahrens beim Amtsgericht zu zahlen. Es ist also besser herrenlose Sachen, die nicht viel Werth haben, liegen zu lassen. Jetzt end­lich scheint der Minister des Innern eine andere Behandlung ber Fundsachen in poli- »etlidjer Beziehung m Aussicht genommen zu haben. Derselbe hat nämlich jüngft dies- leiüalicke Berichte von ben Polizeibehörden eingeforbert. Hoffentlich wirb man Bedacht 1 ar auf nehmen den ehrlichen Finder mindestens vor Kosten zu schützen, die den Werth des gefundenen Gegenstandes übersteigen.

Nachdem die Zahl ber deutschen Auswanderer nach Amerika in den elften drei Monaten dieses Jahres auf 64,1290 Personen gegen 56,661 uno zwar

1882 1881 1880 1879

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Summe 64,129 56,661

feftgefteat ist, muß nachdrücklichst darauf aufmerksam gemacht werden, und umsomehr, als die meisten nur zur Auswanderung durch bie unwahren unb lügenhafte Berichte über bie angeblich günstigen Lebens- unb Arbeitsverhaltmsie in Amerika verleitet werden welche diejenigen verbreiten, welche aus solchen Verleitungen ein trauriges Serbe machen, daß die Zustände in Amerika in keiner Weise günstig genannt werden können, sondern vielmehr sogar schlechter sind als bei uns. Die Reichsregierung hat »war bereits durch Bestellung eines Commissars in Hamburg ihr lebhaftes Interesse iür die Verhältnisse ber Auswanderer beurkundet; nichtsbestomir.der bleibt es aber eine h06eW0C.be her T-gesvreffe mit aüer Ihrer M-cht gegen die B-rlockrmgm hab- sichtiger und gewissenloser Auswanberungsagenten aufjutreten unb vor leichtsinniger Auswanberung zu warnen- Dem Briefe eines schlichten Lanbmannes, welcher vor Kurzem nach Amerika ausgewanbcrt ist, entnehmen wir bas Folgenbe.Es ist hier nock sckleckter wie in Deutschlanb. Alles ist sehr theuer; mit 1 Dollar kommt man b,er nickt weiter als mit1 bei Euch. Es kostet z. B- ein Buschel Kartoffel (circa 60 5ßfb 1 Dollar. Fleisch und Brob ist ebenso theuer wie in Deutschland unb Kleider kosten hier sehr viel Geld. Bei dem Bauer, bei welchem ich Knecht war, hatte kch nur 5 Dollars Lohn- Wäre ich zu Hause geblieben, dann könnten wir jetzt Alle nut leben " Es ist überhaupt ein altbekannter unb allgemein anerkannter Erfahrungs­satz baß, wenn bie Auswanberungslustigen hier so arbeiten wollen, wie sie bort arbeiten müssen, Niemanb baran ber.fen würbe, sich unb seinem Vaterlande zum Schaben, Deutschlanb zu verlassen-

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