Ausgabe 
22.10.1882 Zweites Blatt
 
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1882

ießener Anzeiger

Amts­

und

für den Kreis Gießen

Bureaur Schulstraße 7.

Erscheint täglich mit Ausnahme des Morrta-H.

Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.

Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.

Gießen, 21. October.

Die Rückkehr des Kaisers von Baden-Baden nach Berlin steht nach den neuesten Bestimmungen für Anfang nächster Woche, also etwa am 22. oder 23. d. Mts., zu erwarten. Leider war der Kaiser in den letzten Tagen genöthigt, das Zimmer zu hüten, was theils auf Rechnung der einge­tretenen rauheren Witterung zu setzen, theils aus einen Anfall von Nierenkolik, dem alten Leiden des Kaisers, zurückzuführen ist. Doch giebt das Unwohlsein des greisen Monarchen zu keinen ernsteren Besorgnissen Anlaß und ist dessen Allgemeinbefinden den Umständen nach ein zufriedenstellendes.

Der Bundesrath hielt, wie bereits gemeldet, am vergangenen Montag nach einer mehrmonatlichen Pause wieder seine erste Plenarsitzung ab, welcher der Staatssecretär im Reichsamt des Innern, v. Bötticher, präsidirte. Neu eingrtreten in den Bundesrath sind Seitens Preußens der Staatssecretär des Reichsschatzamtes, Burchard, und der Director in demselben Ressort, Aschen­born, sowie Seitens Badens Ministerialrath Seubert, während Staatsminister Bitter, Geh. Referendar Ministerialrath Lepique und der Director der badischen Staatsbahnen, Eisenlohr, ausgeschieden sind. Nach der Wahl der verschiedenen Ausschüsse nahm der Bundesrath die während seiner Vertagung eingegangenen Vorlagen und Eingaben entgegen und genehmigte den Antrag Preußens, am 10. Januar 1883 eine allgemeine Viehzählung im deutschen Reiche vorzunehmen. Außerdem wurde dem Bundesrath noch der Reichshaushalts-Etat für das Rech­nungsjahr 1881/82 vorgelegt, aus welchem zu entnehmen ist, daß der Ueber- schuß der Gesammt-Einnahmen über die Gesammt-Ausgaben sich auf circa 25 Mill. beläuft.

. ,Das wichtigste Ereigniß auf dem Gebiete unserer innern Politik in der zu Ende gegangenen Woche waren die am vergangenen Donners­tag jtattgefundenen Wahlen der Wahlmänner in Preußen, welch' letztere ihrer­seits die Abgeordneten zum preußischen Landtage zu nominiren haben. Es ist kaum nöthig, nochmals auf die Wichtigkeit der diesjährigen preußischen Landtags­wahlen Hinzumeisen, denn dieselben bringen eine überaus folgenschwere Entschei­dung über die fernere Gestaltung unseres gesammten politischen Lebens. Das was diesmal auf dem Spiele steht, ist den Wählern schon Monate lang in Wahlversammlungen, in der Presse, durch Aufrufe und Flugblätter gesagt wor­den und es wäre darum überflüssig, jetzt hierauf abermals hinzuweisen, zumal zur Stunde die Entscheidung bereits erfolgt ist. Begreiflicher Weise sieht man auf allen Seiten den Wahlresultaten mit großer Spannung entgegen, ein Ge- sammt-Ueberblick über die künftige Zusammensetzung des preußischen Abgeordne­tenhauses wird sich jedoch erst nach den Stichwahlen ermöglichen lassen, die vor- aussichtlich m beträchtlicher Zahl stattzufinden haben werden.

Die Ernennung des bisherigen deutschen Botschafters in Konstantmopel, Grafen v. Hatzfeldt - Wildenburg, zum Staatssecretär im Aus­wärtigen Amte, lenkt die Aufmerksamkeit von Neuem aus diesen Diplomaten Graf Hatzfeldt, geboren am 8. October 1831 zu Düsseldorf, gilt als einer der befähigsten und schneidigsten deutschen Diplomaten und namentlich in Konstan­tinopel hat er es verstanden, den deutschen Einfluß gegenüber den englischen französischen und russischen Jntriguen zur Geltung zu bringen. Graf Hatzfeldt erfreut sich schon seit langer Zeit des vollsten Vertrauens des Kaisers und des Fürsten Bismarck und hiervon ist die Berufung Hatzfeldt's an die Svitze der Geschäfte des Auswärtigen Amtes ein neuer Beweis.

Der häusliche Zwist im Schooße der Prager Stadtverordneten- Versammlung ist wieder beseitigt. Die deutschen Abgeordneten des Stadttheils Josefstadt", welche in Folge der chauvinistischen Antrittsrede des neuen czechi- schen Bürgermeisters von Prag, Dr. Czerny, ihre Mandate niedergeleqt hatten find wieder in das Collegium emgetreten, nachdem Dr. Czerny erklärt hat daß er nicht im Geringsten beabsichtigt habe, die deutsche Bevölkerung zu provociren Die gemeinsame Negierung beabsichtigt, den Delegationen weder ein bosni­sches Rothbuch, noch eine Denkschrift über die Verhältnisse in den occupirten Ländern vorzulegen, wohl aber denselben detaillirte Mittheilungen über das bosnische Landesbudget zu machen.

In Frankreich wurde in dieser Woche die Aufmerksamkeit zu­meist durch die Vorgänge in dem Bergwerksdistricte von Montceau-les-Mines in Anspruch genommen, welche sich als eine gefährliche anarchistische Bewegung charakterisiren. Die letzten Nachrichten aus Montceau-les-Mines lauten noch keineswegs besser, denn trotz der Verhaftung mehrerer Führer der Bewegung und trotz der Anwesenheit starker Truppenmassen dauern die Unruhen fort und die Angriffe der Bergarbeiter auf das Leben und Eigenthum der ihnen miß- Uebrgen Personen nehmen ihren Fortgang. Augenscheinlich ist es den Behörden uoch nicht gelungen, der Hauptagitatoren und Rädelsführer habhaft zu werden und eher wird wohl die Ruhe nicht wieder hergestellt werden.

Auch diese Woche brachte noch keinen positiven Aufschluß über die Absichten der englischen Regierung bezüglich der künftigen Verwaltung Egyp­tens. In England selbst i)t man über die Verzögerung dieser Angelegenheit wenig erbaut uud die conservattve wie die liberale Presse giebt ihrem Unmuth über das Stillschweigen der Regierung lauten Ausdruck Der der Regierung nahestehendeObserver" tritt dieser Ungeduld entgegen, indem er darauf hinweist, daß die Ereignisse wert schneller marschirten, als deren Ursachen zu sehen seien und da außerdem die Frage der Reorganisation Egyptens von großen innern Schwierigkeiten beherrscht werde, so sei es nicht wahrscheinlich, daß die Regie­

Zweites Blatt. Sonntag den 22. Oktober

rung so .bald in der Lage sein werde, ihr hierauf bezügliches Programm bekannt zu geben.. Auch der Secretär im Local-Regierungsamte, Hibbert, äußerte jüngst in einer zu Oldham gehaltenen Rede, es könne nicht erwartet werden daß die Regierung ihre Absichten betreffs Egyptens so rasch bekannt geben könne, wie allgemein erwartet werde. In erster Reihe habe England die europäischen Mächte zu Rathe zu ziehen, in nächster die Türkei und in dritter Reihe den Herrscher Egyptens. England habe jetzt seine Rolle als ein Land, welches in der guten Regierung Egyptens viel auf dem Spiele stehen habe, gespielt; was zu thun übng bleibe, fei, den Egyptern die Principien der Selbstreqierunq und des Selbstschutzeseinzutrichtern."

Die Türkei sucht sich so gut als möglich mit den Thatsachen in Egypten abzufinden. Da sie die Engländer aus Egypten nicht vertreiben kann so -ucht sie sich nun mit denselben auf möglichst guten Fuß zu stellen und daher ist die Rote, welche die Pforte Lord Dufferm als Antwort auf dessen Note vom 8. o- Mts betr die Frage der Räumung Egyptens, hat zugehen lassen, in freundschaftlichem Tone gehalten. In der Antwort der Pforte wird darauf hingewiesen, daß die Pforte stets bereit gewesen sei, wegen der definitiven Rege­lung der egyptischen Angelegenheiten mit England zu verhandeln und die ver­trauensvolle Hoffnung aus die Freundschaft Englands ausgedrückt, welches die Hauptgrundlagen des Status quo nicht ändern werde. Der wegen Ungehor- sams gegen die Befehle der Pforte seines Postens entsetzte Gouverneur von Brussa (Klein-Asien), Achmed Vefik Pascha, soll dem Staatsrathe zur Abur- thellung überwiesen werden.

Die Frage nach dem Ausgange des Processes gegen Arabi Paicha verdrängt momentan jedes andere Interesse an den egyptischen Ange­legenheiten. Die egyptische Regierung hat sich entschieden gegen die Zulassung von englischen und überhaupt fremden Vertheidigern erklärt, da sie hierin einen schweren Nachtheil für die egyptische Justiz erblickt; ja, das egyptische Ministe­rium hat sogar mit seiner Demission gedroht, falls England darauf besteht daß Arabi einen englischen Vertheidiger (Mark Napier) erhalte. Die englische Regie­rung ist indessen sest entschlossen, keinerlei Ungerechtigkeiten gegen den Ex-Dictator 3U dulden und will denselben sogar in britischen Gewahrsam nehmen, um ihn gegen den Fanatismus seiner eigenen Landsleute zu schützen. Der Tod Arabi's mirch Pulver und Blei oder gar durch den Strick würde allerdings eine unnütze Grausamkeit sein und hoffentlich bietet das englische Cabinet seinen mächtigen Einfluß auf, um den Helden der egyptischen Nationalbewegung vor einem solchen schmählichen Ende zu bewahren.

Neber die großen Ueberschwemmungen und deren Ursachen

enthält dieMagd. Ztg." den folgenden beachtenswerten Artikel:

.Seit einigen Jahrzehnten h .den die verderbenbringenden Ueberschwemmungen der Flntzthaler und ganzer Ebenen in auffallender Weise zugenommen. Es braucht hier nur an die wiederholten furchtbaren Ueberschwemmungen der Flußthäler Nordamerikas an die entsetzlichen Katastrophen von Murcia und Szegedin vor einigen Jahren und an die schrecklichen Verheerungen ermnert zu werden, welche das Hochwasser jüngst m Südtirol und der lombardischen Ebene angerichtet hat. Daß diese Ueberschwemmungen die Folge waren von quantitativ größer gewordenen Niederschlägen, ift in keiner Werse aniun.^n. da die Beobachtungen keinen Anhalt dafür erbracht haben, daß die ab-

e der atmosphärischen Niederschläge in den letzttn Jahrzehnten zugenommen hatte. Dagegen liegt zwar dann etwas Wahres, daß die immer weiter fortschreitenden Flußreguliiungen, welche regelmäßig mit einer Verengerung des Jnundationsgebietes verbunden smd vielfach den Ueberschwemmungen einen gefahrdrohenden Character ge- Seben haben: allein die Hauptursache der letzteren ist unzweifelhaft in der zunehmenden Entwaldung zu suchen. Darüber ist man letzt allgemein einig und es bedarf eines besonderen Beweists nicht, denn es leuchtet von selbst ein, daß das Regen- und Schnee- wasfer von bewaldeten Bergen viel langsamer abläuft und mehr in den humusreichen Boden ein dringt, als dies bet kahlen Bergwänden der Fall ist- Außerdem haben die Walder die unbestrittene Eigenschaft, Regulatoren der atmosphärischen Feuchtigkeit zu sem- Cm schlagender Beweis hierfür dürfte die Thatsache sein, daß gerade in den Landern, in welchen die Waldverwüstung am meisten vorgeschritten ist, die Ueber­schwemmungen am schlimmsten aufgetreten sind. Während in Deutschland, in Skan- dtnavien, Rußland, Polen und Nordfrankreich, deren Areal wenigstens noch zum vierten Thelle mit Wald bedeckt ist, die Hochwasser immer noch verhältnißmäßtg günstig ver- kCnur selten Menschenleben bedrohen, sehen wir in Spanien, Südfrankreich k roo Berge fast gänzlich entwaldet sind, ferner auch in Ungarn und

den südlichen Provlnzen Oesterre chs, sowie in Nordamerika, wo die Waldverwüstungen in den letzten Jahrzehnten einen kaum glaublichen Umfang erreicht haben, Kataftropht n hereinbrechen, wie man sie früher nicht kannte. Nicht nur, daß die Ernten zum Theil vernichtet, Brücken und Gebäude, ja, ganze Ortschaften zerstört, fruchtbare Ländereien in öde Schutthalden verwandelt werden und dadurch ein nach vielen Millionen zu be- rcchnender Schaden entsteht, es kommen auch dabei Menschenleben nach Hunderten, ja, Tausenden um.

Der Verfasser hat die sämmtlichen südeuropäischen Länder bereift und sein Augen­merk ganz besonders auch auf die Waldverhältnisse und die Bewaldung der Berge ge­richtet. Da hat er den Eindruck gewonnen, daß allerdings Katastrophen wie diejenigen in Murcia und Verona nur zu leicht möglich sind und sich wahrscheinlich noch öfter wiederholen werden. Fast sämmtliche Gebirge m Spanien, von denen der Verfasser die Pyrenäen, die Sierra Nevada, die Sierra Morena, die Sierra Guaderama und die Sierra Credos aus persönlicher Anschauung kennt, sind so gut wie gänzlich unbe­waldet vom Fuße bis zur Spitze. Die Humusschichten sind zum größten Theile weg- gewaschen, so daß der Regen nicht in den Erdboden eindnngen kann. Die seit einiger Zeit betätigten, wenn auch nur schwachen Versuche zur Wiederbewaldung stoßen, wie mir ein spanischer Forstbeamter mittheilte, auf ungeheure Schwierigkeiten und ver­schlingen sehr bedeutende Geldsummen, ohne bisher nennenswerthe Resultate zu erzielen. In Südfrankreich ist es nicht weit besser, doch zeigen sich hier bessere Ergebnisse der Wiederbewaldung, da die französische Regierung in dieser Richtung mit größerer Energie vorgeht. Auffallend ist der Unterschied in der Bewaldung des nördlichen und südlichen Abhanges der Alpen- Während der erstere theils in Folge der aus alter Zeü stammenden Rechts- und Besitzoerhältnisse, theils durch neuere Gesetze vor übermäßige^