Nr. 2M5.
Freitag den 20. Oktober
1882,
Amts- und Anzeigeblatt für den Kreis Gießen.
W;
Bureaur Schulstraße 7.
Erscheint täglich mit Ausnahme des Montags.
Preis vierteljährlich 2 Mark 20 Pf. mit Bringerlohn.
Durch die Post bezogen vierteljährlich 2 Mark 50 Pf.
Amtlicher Theit.
Betreffend: Maßregeln zur Unterdrückung des Milzbrandes in der Wetterau. Gießen, am 17. Oktober 1882.
Das Großherzogliche Kreisamt Gießen
an die Großherroalichen Bürgermeistereien Allendorf a. d. Lahn, Bellersheim, Bettenhausen, Birklar, Dorf-Gill, Eberstadt mit Arnsburg, Grost-Linden, Grüningen, Holzheim, Hungen, Inheiden, Klein-Linden, Langd, Lang-Gons, Lanasdorf, Leihaestern, Lich mit Kolnhaufen, Muschenheiw mit Hof-Gill, Obbornhofen, Ober-Horgern, Rabertshausen, Roddcim, Steinheim, Trais-Horloff und Utphe.
In Anbetracht der Bestimmungen des Lokalpolizeireglements, Maßregeln zur Unterdrückung des Milzbrandes in der Wetterau betreffend (siehe Anzeiger von 1880 Nr. 201), wonach alle krepirten beziehungsweise getödteten Thiere als milzbrandkrank zu betrachten sind, wenn nicht der Eigenthümer nachweist, das; das fragliche Thier frei von Milzbrand war, erweist sich das in dem 8 12 und ff. des Reichsseuchengesetzes vorgeschriebene Verfahren zur Ermittelung oon Seuchenausbrüchen, insofern es sich um Mllzbrand oder Milzbrandverdacht handelt, für den betreffenden Bezirk als ein überflüssiges. Großherzogliches Mmlstermm des Innern und der Justiz hat daher durch Verfügung vom 13. Oktober I. I. zu Nr. M. d. I. 22874 auf Grund der §§ 11 und 15 des Reichsseuchen- aesetzes bestimmt, daß es künftighin in Ihren Gemeinden bei einzelnen Fällen von Mllzbrand der Berufung eines beamteten Thierarztes durch die Polizeibehörde — alfo von Amtswegen und auf Kosten der Criminal- und Polizeikasse — behufs Ermittelung des Seuchenausbruchs u. s. w. gemäß §§ 12—14 des Reichsgesetzes nicht bedarf, sowie daß die gemäß be§§ 1 des Ministerial-Ausschreibens vom 18. März 1881 (siehe die Ihnen zugesandte Landausgabe des genannten Reichsgesetzes) von den Ortspolizeibehörden an das Kreisamt zu erstattenden Anzeigen in allen Fällen, in denen es sich um ein vereinzeltes Vorkommen des Mllzbrandes handelt, unterbleiben können. Die Bestimmungen des oben angeführten Lokalpolizeireglements haben dagegen in ihrein ganzen Umfange zur Anwendung zu kommen.
Dr. Boekmann.
Politische Ueberficht.
Gießen, 19. October.
Mit der nunmehr erfolgten Ernennung des deutschen Botschafters bei der Pforte, Grafen Hatzfeldt, zum Staatssecretär des Auswärtigen und Mitglied des preußischen Staatsministeriums sind die schon längst erwarteten Veränderungen und Beförderungen in unserem diplomatischen Corps eingetreten. Der Umfang dieser tief einschneidenden Bewegung auf dem diplomatischen Gebiete ist selbst in unterrichteten Kreisen noch nicht gänzlich bekannt, doch schon die bis jetzt hierüber vorliegenden Nachrichten lasten erkennen, wie zahlreich und wichtig die Veränderungen sind, welche sich an die Ernennung des Grafen Hatzfeldt zum Chef des Auswärtigen Amtes knüpfen. Zum Nachfolger desselben auf dem Konstantinopeler Botschafterposten ist Herr v. Radowitz, bisher deutscher Gesandter in Athen, ernannt worden, Herrn v. Nadowitz wird der bisherige preußische Gesandte in Weimar, Frhr. v. d. Brinken, ersetzen. Der lange verwaist gewesene deutsche Gesandtschastsposten im Haag wird durch Herrn d. Alvensleben, bisher preußischer Gesandter m Darmstadt neu besetzt werden. Herr v. Bülow, der Vertreter Preußens am Stuttgarter Hofe, ist zum Gesandten in Bern und sein erster Secretär, Graf Dönhoff, zum Gesandten bei der Regierung des Mikado von Japan designirt. Auffällig erscheint es, daß der Name des deutschen Geschäftsträgers in Konstantinopel, Baron v. Hirsch- feldt, bei diesen Veränderungen nicht mit genannt worden ist, während die Fähigkeiten und Leistungen des Barons v. Hirschfeldt an leitender Stelle in Berlin doch hinreichend bemerkt worden sind. Indessen ist gerade Baron u. Hirschfeld durch seine gründliche Kenntniß des Orients der geeignete Mann, um die Stelle eines provisorischen Geschäftsträgers Deutschlands bei der Pforte richtig auszufüllen und aus diesem Grunde dürfte der genannte Diplomat einstweilen noch auf seinem wichtigen Posten bleiben.
Nach einer Mittheilung der Berliner „Post" sind die Verhandlungen zwischen der preußischen und großherzogüch hessischen Regierung nunmehr dahin gelangt, daß die seit langen Jahren projectirte Herstellung des Mainkanalä bis Frankfurt demnächst in Angriff genommen werden dürfte. Ebenso ist in den letzten Wochen zwischen den beiden Regierungen ein Einver- ständniß über die gemeinschaftlich vorzunehmenden Rhein-Correctionen erzielt worden.
Der Groß Herzog von Baden hat, da er nunmehr gänzlich von seinem Leiden hergestellt ist, die Regierung wieder übernommen und durch ein Handschreiben dem Erbgroßherzog seinen Dank für dessen Stellvertretung ausgesprochen; in einem zweiten Schreiben dankt der Großherzog dem Staats- ininisterium für den dem Erbgroßherzog geleisteten Beistand.
Der Zwischenfall, der im Prager Stadtverordneten-Collegium durch die Mandats-Mederlegung der deutschen Mitglieder entstanden war, ist wieder beigelegt worden. Die deutschen Stadtverordneten der Josefstadt, Dr. Ben- oiener, Dr. Popper und Zappert, haben eine Erklärung erlassen, daß sie sich durch die jüngste versöhnliche Rede des Bürgermeisters Dr. Czerny beruhigt fühlen und daß jedes Mißverständniß beseitigt sei. Ein Communique des Prager Bürgermeisteramtes constatirt ferner, daß eine an der Spitze der jüdischen Bevölkerung stehende Persönlichkeit dem Bürgermeister die vollständige Anerkennung und Sympathie derselben ausgedrückt habe, wobei der Bürgermeister aufs Neue hervorhob, daß die Zukunft feine objective Denkungsweise stets klarlegen werde.
Die einen social-revolutionären Charakter tragende Arbeiterbewegung in Montceau-les-Mines (Ost-Frankreich) ist wiederum zum Ausbruch gekommen, nachdem sie im August d. Js. mit militärischer Hülfe unterdrückt worden war. Es scheint, daß die damals von der Regierung getroffenen Maßregeln völlig ungenügende gewesen find, sonst könnte die Bewegung nicht einen so gefährlichen Umfang erreicht haben. Trotz aller Maßregeln der Behörden und trotz der Requisition neuer Truppen dauert die Agitation der Arbeiter- Apostel in Montceau-les-Mines fort und hierdurch steigert sich dre Aufregung in den Arbeiterkreisen natürlich immer mehr. Attentate aller Art, Brandstif
tungen , Raub und Diebstahl sind in Montceau-les-MineS an der Tagesordnung und da in der Nähe dieser Stadt geheime Depots mit Dynamit entdeckt wurden, so ist der Schrecken in den dortigen wohlhabenderen Bevölkerungsklassen kein geringer. Die Verhängung des Belagerungszustandes über den ganzen Bezirk von Montceau-les-Mines wird deshalb als unmittelbar bevorstehend betrachtet.
In Italien nähert man sich dem Gipfel der Wahlbewegung, wofür die sich mehrenden Wahlreden der politischen Größen sprechen. Nachdem unlängst der Ministerpräsident de Pretis vor seinen Wählern in Stradella sein Programm entwickelte, hat am vorigen Sonntag der Amtsvorgänger de Pretis' und ehemalige Chef der Opposition, Minghetti, in Cologna (Provinz Verona) eine Wahlrede gehalten. Viel Bemerkenswerthes bot dieselbe indessen nicht dar; hervorzuheben ist nur der Wunsch des ehemaligen Oppositionsmannes, daß sich zur Unterstützung einer ernsten, starken und gerechten Regierung eine homogene Majorität in der neuen Kammer bilden möge. Bezüglich der auswärtigen Politik war die Rede Minghetti's ebenfalls' farblos; sehr begreiflich erscheint dessen Aeußerung, er hätte die italienische Flagge neben der englischen in Egypten zu sehen gewünscht; doch ist dies eben jetzt, wo die Engländer die Herren am Nil sind, nur noch ein frommer Wunsch.
Von Rumänien ist die sog. Donaufrage durch eine vor kurzer Zeit erlassene Circularnote über das eigenmächtige Vorgehen Rußlands in der Kilia-Mündung, dem nördlichsten Arm des Donau-DeltaS, wieder aufs Tapet gebracht worden. Indessen deutet noch nichts darauf hin, daß sich die Großmächte auf eine DiScussion über dieses Thema einlassen werden, zumal da die weit wichtigere egyptische Frage noch ihrer Erledigung harrt. Die Beschwerden der rumänischen Regierung beziehen sich in erster Linie darauf, daß Rußland durch feine Ingenieure in der Kilia-Mündung hat Sondirungs-Arbeiten vornehmen lassen, ohne hiervon, wie es der Donauvertrag verlangt, Rumänien Mittheilung gemacht zu haben. Rußland seinerfeits behauptet, daß es in der Kilia-Mündung thun könne, was ihm beliebe und da durch den Berliner Vertrag das linke Ufer der Kilia thatfächlich zu Rußland gehört, so stehen die Mächte vor einer heikeln Frage. Wie jedoch schon hervorgehoben wurde, herrscht bei den Mächten augenblicklich keine Geneigtheit, den rumänischen Schmerzensschrei zu berücksichtigen und Rumänien wird daher wohl oder übel seinen guten russischen Freund gewähren lassen müssen.
Der türkische Premierminister, Said Pascha, hat jemem kaiserlichen Herrn ein neues Regierungsprogramm vorgelegt, welches der erichlafften Türkei neues Leben in die Adern gießen soll. _ Die Hauptpunkte des Programms sind: Herstellung gleicher Beziehungen der Pforte zu allen Mächten, Munster - verantwortlichkeit, Verminderung der Ausgaben für das Militär, aber wertere Entwickelung der Gensd'armerie und Ausführung der geplanten Rewrmen rn Armenien. Letzteres ist schon seit Jahr und Tag von Lord Dufferrn gefordert worden, aber nach bekannter türkischer Manier wurde dre^e Angelegenheit auf die lange Bank geschoben. Der Sultan hat sich üoer den Programm-Entwurf noch nicht geäußert.
Der Pro ceß gegen Ara bi Pascha ist plötzlich vertagt worden da, wie aus Kairo gemeldet wird, die egyptische Regierung wegen der Zmayung auswärtiger Advocaten Schwierigkeiten macht und, ehe ste dres zulaßt, den Ex- Dictator und seine Genossen lieber den englstchen Militärgerichten zur Aburther- lung überliefern will. Es ist nicht recht ersichtlich, welche ^nconvemenzen wie die egyptische Regierung erklärt, aus der Zulaliung fremder Advocaten zu dem Proceß gegen Arabi hervorgehen sollten; sicher ist aber, daß eme Auslieferung Arabi's und seiner Unglücksgefährten an Die englstche Justiz die Lage derselben nicht verschlimmern, sondern eher verbessern wurde. Die öffentliche Meinung Englands spricht sich immer entliehener jur eine möglichst Milde Bestrafung des gefangenen Paschas aus und da die Meldung von der Miffchuld deffelben an den Ausschreitungen, welche gegen die Christen in Kairo begangen wurden, noch durch nichts bestätigt worden ist, so stehen die Metten für Arabi ziemlich güusttg.


